Suse geht es blendend, glaubt man den Stimmen auf der Susecon, der diesjährigen Partnerkonferenz. Nur Gutes berichten die Verantwortlichen dort: Die Strategie, den US-Markt aufzurollen, gehe auf, und auch technisch gibt es Neues zu verkünden.
Sonniges Florida. Der Swing State im Südosten der USA schwankt zwischen konservativem US-Süden in seinen nördlichen Provinzen und tropisch-lateinamerikanischem Laisser-faire im Süden des Staates. Schon der “erste Tourist” Juan Ponce de León [1], seines Zeichens spanischer Konquistador, hatte das Besondere an dem blühenden Land (spanisch “Florida”: die Blühende) erkannt und 1513 im Namen der spanischen Krone Besitz ergriffen. Harte Kämpfe, bisweilen gar Massaker zwischen den Europäern folgten. Noch heute zeugen Denkmäler wie die bei St. Augustine, US-Amerikas ältester Stadt, davon.
Eroberung der neuen Welt
Heute machen sich wieder Truppen europäischer Recken auf dem Weg, die neue Welt im Sturm zu erobern. Das ist zumindest der Eindruck, der sich beim Besucher der Susecon einstellt, dem alljährlichen Treffen der Enterprise-Community des Linux-Distributors mit deutschen Wurzeln, der seit 2011 den Amerikanern von Attachmate gehört.
Den Plan hatten die Verantwortlichen auf dem Partner-Event 2012 [2] ausgerufen, das zum 20. Geburtstag der Firma erstmals in den USA stattfand. Das Ziel sei, sich auf dem amerikanischen Markt durchzusetzen und die Marke Suse zu etablieren, hieß es damals. Es scheint, als habe die grüne Truppe das geschafft. Jetzt traf man sich in Orlando, diesmal in Downtown Disney, im Disney’s Coronado Springs Resort (Abbildung 1).
Suse hat Spaß
Traditionell eröffnet Marketing-Chef Michael Miller die Susecon [3], und das bereitete ihm dieses Jahr offensichtlich besonders viel Spaß. Mehr und länger solle sie sein, das war der Hauptwunsch aus der Feedback-Umfrage der Susecon 2012, dem trage man Rechnung. Die Besucher honorieren es: Mit 550 Teilnehmern kamen deutlich mehr als im Vorjahr. 163 Companies aus 31 Ländern schickten Mitarbeiter zu den 260 Stunden Programm in 95 Breakout Sessions und Keynotes. Da passte dann auch das Motto des Begrüßungsvideos, das mit Daft Punks “Get Lucky” den Ton vorgab.
Auch die Keynote von Nils Brauckmann, Suses President und General Manager, war angefüllt von Erfolgsberichten (Abbildung 2). Dass Suse global wird, hatte der CEO bereits am Vorabend im Linux-Magazin-Online-Interview [4] berichtet: 22 Prozent mehr bei den Enterpriseprodukten, 26 bei SLES, 140 beim Suse Manager, 47 Prozent Wachstum in den USA, der jetzt stärksten Suse-Region.
In seinem Vortrag zählte Brauckmann eine ganze Reihe von Branchen auf, in denen Suse unangefochtener Marktführer sei: Vier von fünf IBM-Mainframes mit Linux laufen auf Suse, 70 Prozent aller SAP-Linux-Installationen sowie die Hälfte aller Linux-Supercluster. Mittlerweile hat die Firma mehr als 11 000 Hardware- und 13 000 Software-Zertifizierungen vergeben, Tendenz steigend.
Going global
Generell profitiere Suse weltweit von der internationalen Aufstellung der Firma: Als ursprünglich deutsches Unternehmen, das jetzt in amerikanischem Besitz ist, aber deutlich europäisch geprägt bleibe, könne man überall auf der Welt mit dem richtigen Hintergrund antreten, meint Brauckmann. Auch Miller (Abbildung 3) nickt, wenn man ihn fragt, ob er der Spin Doctor sei, der entscheide, ob man Kunden als deutsches, europäisches oder amerikanisches Unternehmen kontaktiere. Dabei lassen sich deutsche Qualitäten (die oft gelobte Ingenieurskunst) einsetzen, gleichzeitig kann die Company vermeintlichen Schwächen (“Oft wird Deutschen ein Mangel an Kreativität nachgesagt.”) ausweichen. Und wo die USA derzeit nicht beliebt seien, helfe stets der deutsch-europäische Hintergrund.
Suses Motto lautet: “Innovate where it matters to our Enterprise customers”, sinngemäß: “Dort verbessern, wo die zahlende Kundschaft es erwartet.” Wohl auch deshalb ist der Libre-Office-Support für Windows aus dem Portfolio herausgefallen – zu wenig Nachfrage, zu wenig Umsatz. Den übernimmt seit Kurzem Collabora (Abbildung 4). Suse wird aber alle bestehenden Verträge mit Kunden erfüllen und weiterhin Level-1- und -2-Support bieten.
Brauckmann zieht als Resümee: “Was wir uns letztes Jahr vorgenommen haben, haben wir erfolgreich umgesetzt: Der Suse-Brand ist auch in den USA erfolgreich etabliert. 19 000 aktive Kunden, das sind 27 Prozent mehr als letztes Jahr, das spricht für uns.” Nach dem Motto “Adapt and Deliver” liege der Fokus auf dem Management heterogener Netze und Clouds. Da passt das jüngste Announcement ins Bild, in dem Suse ein Microsoft-System-Center-Plugin für den Suse Manager releast. Damit können Kunden auch Windows-Systeme zentral und automatisiert mit den Suse-Tools verwalten.
Wichtigste Bausteine des Erfolges seien dabei Suse Linux Enterprise, die Suse Cloud, aber auch besagter Suse Manager, erläutert der Suse-Chef und vergisst nicht die Open-Source-Community von Open Suse zu loben, die auf der Susecon bereits eine Sneak Preview auf Open Suse 13.1 verteilte.
SAP und IBM
Auf der Konferenz hat Suse prominente Sponsoren versammelt, die im Gegenzug Keynote-Slots erhalten. Dieses Jahr berichten Chris Hallenbeck (Abbildung 5), bei SAP zuständig für Amerika, Data Warehouse Solutions und die Hana-Plattform, und Jim Wasko (Abbildung 6) von IBM, warum ihnen Suse ein so wichtiger Partner ist. SAP sei einfach überall drin, meint Hallenbeck: “Egal ob Schokolade, Bier, Autos oder Hundefutter – ohne uns gäbe es das derzeit nicht.” Realtime, schnelle Datenverarbeitung mit In-Memory-Computing und die sichere, stabile Plattform von Suse Linux seien für SAP eine logische Kombination.
Die Meinung teilt IBMs Direktor des Linux Technology Center, Jim Wasko. In seiner Keynote reißt er zunächst die Geschichte von Linux bei IBM ab: “Just als die Geschäftsführung mal wieder darüber nachdachte, wie toll ein einziges Betriebssystem wäre, das auf allen IBM-Plattformen funktioniert, standen die Linux-Entwickler da und meinten: Äh – wir haben da was vorbereitet.” Das war 1999, und IBM gab die erste Milliarde Dollar für Linux aus – ein Ritterschlag für das Pinguin-OS.
Jetzt, 2013, kommt die zweite Milliarde. Doch die geht voll auf Linux on Power, wobei die weitere Gewichtung noch nicht geklärt ist – das gibt es wohl auch nur bei IBM. Als sicher gilt nur, dass das Geld nicht nur an Entwickler, sondern auch in Sales und Marketing gehen soll. Technisch sollen vor allem Managementprodukte für Cloud, ISVs und Middleware auf der Power-Architektur laufen, die bisher nicht oder nur eingeschränkt funktionieren, etwa Websphere oder DB2blue (DB2 on Power). Dazu betont Big Blue die Vorteile der Architektur: mehr Threads pro Core oder das bessere Speichermanagement.
Technik, Tracks und Disney
Den Keynotes und der nicht ganz ernsthaften (Video-)Frage, welchen Laut denn ein Gecko mache (Abbildungen 7 und 8, [5]) folgen die technischen Tracks mit Lightning Talks, Vorführungen und Trainings. Abends steigt die Sponsorenparty unter dem Motto “Piraten”, während der Veranstalter die Teilnehmer am Mittwoch in Disneys Parks einlädt – ins Magic Kingdom oder nach Epcot. Donnerstagabend folgen BoFs mit spontaner Agenda.
Das Programm durchziehen Neuigkeiten und Ankündigungen, etwa der verlängerte Lebenszyklus für SLES: 13 Jahre statt zehn dauert ab sofort der Kunden-Support für Suse Linux Enterprise Server, zumindest für SLES 11 und den nächstes Jahr im Herbst kommenden SLES 12. Auf vielfachen Wunsch der Kunden habe man den Long-Term-Support für die SLES-Produktreihe ausgeweitet.
Vor allem aus dem Bereich der nahezu Embedded-Systeme im Point-of-Sales-Bereich, also etwa Kassen-Computer in Supermärkten, sei die Nachfrage immer öfter gekommen, berichtet Ronald de Jong, Vice President of EMEA Sales bei Suse. Doch auch in der Health-Care-Branche, so Michael Miller reiche der gängige Support einfach nicht mehr aus – ein Thema, das übrigens schon der Schwerpunkt des Linux-Magazins 03/13 aufgeworfen hatte.
Support-Verlängerung für SLES: 13 statt 10 Jahre
Der Wunsch, auch für IT-Systeme länger als die bisher sieben Jahre Standard- plus drei Jahre Expanded-Support zu betreiben, sei groß. Deshalb gibt es jetzt für SLES 11 und den 2014 kommenden SLES 12 zehn Jahre Standard- und danach drei Jahre optionalen Extended-Support. Eine Nachricht, die nicht nur bei den vielen anwesenden Analysten und Pressevertretern positiv ankam (Abbildung 9). SLES 12 wird übrigens auf Open Suse 13.1 basieren (die erschien am 19.11. und bootet von der DELUG-DVD dieses Magazins).
Distributed-Storage-Produkt mit Ceph
Am Rande der Veranstaltung gab Suse bekannt, innerhalb des nächsten Jahres eine eigene Storage-Lösung auf den Markt zu bringen. Die Software werde auf Ceph basieren und in die Suse Cloud integriert sein, berichtet Suse-Chef Nils Brauckmann. “Ceph ist einfach viel näher am Kernel als etwa Gluster-FS”, meint der Suse-President, “und dank Ceph-Rados und Open Stack die perfekte Integration in unsere Suse Cloud.”
Das Ganze will der Linux-Distributor 2014 zu einem Bundle schnüren und so erstmals Ceph-Rados als Storage-Software-Produkt auf Enterprise-Level mit Support auf den Markt bringen (Hintergründe zu Ceph, Rados, Open Stack und Gluster liefert der Titelschwerpunkt der Linux-Magazin-Ausgabe 02/13).
Solid Driver Program
Die dritte wichtige News der Susecon ist das vom Distributor überarbeitete Treiberportal Drivers.suse.com [6], ein wichtiger Teil des neuen Suse Solid Driver Program. Der Relaunch soll die Kooperation mit Hardwareherstellern vereinfachen, aber auch Kunden schneller zu Treibern verhelfen.
Fortan soll es “für den Kunden keinen Unterschied mehr machen, ob er Standard-SLES oder SLES zusammen mit einem oder mehreren anderen, Hersteller-spezifischen Treibern verwendet”, erklärt Gerald Pfeifer, Direktor des Produkt-Managements bei Suse und für SLES verantwortlich, am Rande der Susecon13. “Wir haben festgestellt, dass unsere Kunden Servicepacks sehr schätzen, aber zu oft sollen die nicht kommen. Lieber installiere man den Treiber für die neue Hardware alleine.” Kernelmodule und andere Treiber fanden Kunden schon in der Vergangenheit auf Webseiten wie der von Suse Partner Linux Process und Suse Partner Linux Program, wo Hardwarehersteller gemeinsam mit Suse Treiber hochladen und bereitstellten.
Über das neue Portal habe man den Service noch ausgebaut, berichtet Pfeifer: “Die Treiber dort sind gemeinsam mit Herstellern entwickelt, maßgeschneidert für die Hardware und von Suse und dem Hersteller voll supportet. Später kommen die alle auch ins nächste Service Pack.” Sie seien von Suse getestet und auditiert – etwa ob sie sich mit Kernel-APIs vertragen. Zertifiziert allerdings sind sie nicht, denn Suse zertifiziert generell nur Systeme und Software, keine einzelnen Komponenten, so Pfeifer.
Open-Stack-“Revolution”
In seiner Abschlusskeynote am Freitag brach Cisco-Vizepräsident Lew Tucker erneut eine Lanze für Open-Source-Clouds mit Open Stack (Abbildung 11). Das sei schlicht der neue Softwarestack fürs Rechenzentrum und mit der Suse Cloud 2.0 so einfach wie nie zuvor. Ciscos Chief Technology Officer of Cloud Computing sparte auch nicht mit Superlativen. Eine “Revolution”, der “perfekte Sturm”, “unausweichbar” – all das sei Open Stack, das Betriebssystem der Zukunft für alle freien Clouds.
Ob es sich um die App-Orchestration mit Open Stack Heat, Komponenten wie Neutron oder aber die neuen Open-Stack-Versionen Havana, Icehouse oder das Triple-O-Projekt (Open Stack on Open Stack) handle, Cisco biete selbstverständlich die beste Hardware und Suse die beste Integration.
Nach Tuckers Keynote kamen mit Suses Doug Jarvis und Ciscos Mike Andren zwei Techniker auf die Bühne, die – unterstützt von Michael Miller – in einer Live-Demo beweisen wollten, wie simpel das Setup der Suse Cloud mit Cisco gelingt. Länger als fürs eigentliche Setup brauchten die beiden allerdings, um das Passwort des Bildschirmschoners des Demo-Laptops herauszufinden (Abbildung 12). Erst ein herbeigerufener Techniker konnte da helfen.
Vor den Augen des amüsierten Publikums brachte Suses Marketing-Chef Michael Miller das Problem auf den Punkt: “Ein sicheres Passwort hat viele Vor-, bei Live-Demos aber auch Nachteile.”
Die Demo startete mit Verzögerung, ehe Miller die Susecon erfolgreich abschließen konnte, doch nicht ohne erneut ein Video zu zeigen, das seine Kollegen aus Utah zusammen mit den Teilnehmern der Susecon während der vergangenen Tage aufgenommen hatten. Im Lip-Sync-Verfahren suchen die Darsteller immer noch nach dem Laut, den ein Chamäleon macht.
Open Suse Summit 2013
Am Freitagnachmittag begann dann direkt anschließend der Open Suse Summit 2013 [7], das Community-Treffen der freien Suse-Entwickler, ganz im Zeichen der neuen Suse-Version (Abbildung 13) und wie gewohnt mit Town Hall Meeting und vielen Vorträgen rund um Crowbar, Open Suse Mate, Xen und Li-f-e [8].
Infos
- Juan Ponce de León: http://en.wikipedia.org/wiki/Juan_Ponce_de_Le%C3%B3n
- Susecon 2012: https://www.linux-magazin.de/NEWS/20-Jahre-Suse-Susecon-2012-in-Orlando-Florida
- Susecon 2013: http://www.susecon.org
- Online-News und Links: https://www.linux-magazin.de/plus/2014/01/
- What’s the chameleon say?: http://www.youtube.com/watch?v=Rg6ksPA7SAc
- Suse Solid Drivers Program: http://drivers.suse.com
- Open Suse Summit 2013: http://summit.opensuse.org
- Open Suse Summit Agenda: http://summit.opensuse.org/#program



















