Aus Linux-Magazin 02/2013

Vorschau auf das neue X2go

© Robert Wilson, 123RF.com

Die freie Terminalserver-Lösung X2go erscheint bald in Version 4.0. Die Entwickler haben fleißig neue Features implementiert. Der Artikel analysiert den aktuellen Snapshot und zeigt, was sich in den letzten zwölf Monaten im Projekt getan hat.

Beim Zugriff auf entfernte Server macht X11-Forwarding über SSH keine gute Figur. Darum haben sich spezielle Terminalprotokolle durchgesetzt, X2go [1] beispielsweise als schnelle und Ressourcen-schonende Remotedesktop-Lösung. Die Entwicklergemeinde rund um Heinz-Markus Gräsing, Oleksandr Shneyder und Mike Gabriel steht kurz vor der Veröffentlichung von Version 4.0 des freien Terminalservers und verspricht viele neue Features.

Die X2go-Macher stellen neugierigen und experimentierfreudigen Benutzern den Entwicklungszweig vorab als fertige Debian- und Ubuntu-Paketquelle zur Verfügung [2]. Alternativ gibt’s die X2go-Quellen in einem Git-Repository [3]. Möglicherweise ist beim Erscheinen dieses Artikels bereits die stabile Version veröffentlicht; die Tester haben einen Snapshot vom 20. November 2012 unter die Lupe genommen.

Fox on the run

Brandneu ist das Firefox-Plugin [4] für Linux zwar nicht, doch wollen es die Entwickler in der neuen Version zum ersten Mal als stabil kennzeichnen. Die Browser-Erweiterung stellt Sitzungen nahtlos in einem Firefox-Fenster dar, sodass Anwender auf den eigenständigen Client verzichten können (siehe Abbildung 1). Aufgrund der Binary-Form ist es derzeit nicht im offiziellen Mozilla-Repository enthalten, dafür aber als Paket »x2goplug-in« verfügbar.

Abbildung 1: Das Firefox-Plugin erhält mit der neuen X2go-Version erstmals den Status "Stabil". Anwender greifen mit der Browser-Erweiterung auf X2go-Sitzungen zu, ohne einen Client starten zu müssen.

Abbildung 1: Das Firefox-Plugin erhält mit der neuen X2go-Version erstmals den Status “Stabil”. Anwender greifen mit der Browser-Erweiterung auf X2go-Sitzungen zu, ohne einen Client starten zu müssen.

Eine Vorlage für den Betrieb auf Webservern liefert das Paket »x2goplugin-provider« . Die Datei »/usr/share/x2go/plugin/x2goplugin.html« passen Anwender an eigene Bedürfnisse an; das Wiki [5] bietet Hilfestellung für alle, die den Code in Webseiten einbinden möchten. Der über die Paketabhängigkeiten installierte Web-Applikationsserver Tntnet quittierte im Test den Versuch, »http://localhost/x2goplugin.html« zu öffnen, jedoch mit einem 404-Fehler.

Auch das Plugin selbst lief im Snapshot noch nicht ganz rund und der Tastaturfokus-Wechsel zwischen Browserfenster und Sitzung klappte nicht immer. Die Entwickler vermuten einen Bug in Firefox und versprechen, sich um das Problem zu kümmern. Die zum Redaktionsschluss fehlenden Plugin-Pakete für Windows wollen sie ebenfalls nachliefern.

Schlechte Nachrichten gibt es indes für Mac-Anwender. Für diese Plattform ist aktuell keine Firefox-Erweiterung geplant. Als Gründe geben die X2go-Macher an, das Qt-Browserplugin sei nicht geeignet. Firefox lädt im Hintergrund den regulären X2go-Client, und dieser baut auf Qt auf. Doch ausgerechnet die Drittkomponente, die für die Anzeige im Browser zuständig ist, gilt laut X2go-Entwickler Oleksandr Shneyder noch als instabil. Zwar gibt es andere Ansätze, die unter OS X zum Ziel führen könnten, doch mangelt es derzeit an Ressourcen, um ein Mac-Plugin kurzfristig zu implementieren.

Verlockende Früchte

Der native X2go-Client für Macs [6] galt lange Zeit als Sorgenkind. Inzwischen sind die meisten Probleme behoben, auch wenn die Installation auf neueren OS-X-Versionen umständlich ist. Da Apple ab OS X 10.8 keine X11-Implementierung mehr mitliefert, müssen Anwender Xquartz nachrüsten [7]. Außerdem tragen sie in den X2go-Clienteinstellungen von Hand den Pfad zum Xquartz-Programm (»/Applications/Utilities/XQuartz.app« ) ein und booten den Mac neu. Danach läuft alles wie am Schnürchen (siehe Abbildung 2). Meldungen über das fehlende Paket »openssh-server« dürfen OS-X-Nutzer getrost ignorieren – möglicherweise ist dieser Schönheitsfehler in der finalen Version behoben.

Abbildung 2: Der X2go-Client für OS X läuft inzwischen rund. Hier präsentiert sich das Ubuntu Software-Center eines Linux-Servers in der Ferne auf dem lokalen OS-X-Desktop.

Abbildung 2: Der X2go-Client für OS X läuft inzwischen rund. Hier präsentiert sich das Ubuntu Software-Center eines Linux-Servers in der Ferne auf dem lokalen OS-X-Desktop.

Spieglein, Spieglein

Alle Plattformen profitieren von den neuen so genannten veröffentlichten Anwendungen. Das Feature erlaubt es, ein Menü mit einer Liste von Programmen einzublenden, die sich nach dem Start auf einem entfernten Rechner wie eine lokale Anwendung verhalten (siehe Abbildung 3). Zwar war es in früheren X2go-Versionen ebenfalls möglich, einzelne Applikationen ohne Umweg über die Desktopumgebung zu starten, dies mussten die Benutzer jedoch auf jedem Client extra so einrichten. Die neue Funktion arbeitet hingegen Server-seitig und ermöglicht somit eine zentrale Konfiguration – sowohl systemweit als auch für einzelne Accounts.

Abbildung 3: Die veröffentlichten Anwendungen verhalten sich auf Remotedesktops wie lokale Programme. Die Programmliste gruppiert nach Einsatzzweck und bietet eine Suchfunktion.

Abbildung 3: Die veröffentlichten Anwendungen verhalten sich auf Remotedesktops wie lokale Programme. Die Programmliste gruppiert nach Einsatzzweck und bietet eine Suchfunktion.

X2go findet die Programmliste im Verzeichnis »/etc/x2go/applications« (in der Voreinstellung ein symbolischer Link auf »/usr/share/applications« ). Wer die veröffentlichten Anwendungen lieber für jeden Benutzer gesondert einrichtet, legt die entsprechenden ».desktop« -Dateien im Homeverzeichnis unter »~/.x2go/applications« ab. Besonders gut gefiel den Testern, dass sich die Anwendungen unter Linux an das Design der Desktopumgebung anpassen.

Das Paket »x2godesktopsharing« erweitert X2go um eine Sharingfunktion für den Desktop [8]. Um den eigenen Bildschirm für Dritte freizugeben, rufen Benutzer das Programm X2go Desktop Sharing auf und aktivieren das Feature über das neue Icon in der Symbolleiste. Auf dem Client zeigt »Zugriff auf lokalen Desktop« eine Übersicht aller so freigegebenen Sitzungen (siehe Abbildung 4).

Abbildung 4: X2go teilt nun den eigenen Bildschirm mit anderen Nutzern. Die finden auf ihrem Client eine Liste mit den freigegebenen Sitzungen.

Abbildung 4: X2go teilt nun den eigenen Bildschirm mit anderen Nutzern. Die finden auf ihrem Client eine Liste mit den freigegebenen Sitzungen.

Im Test klappte die Freigabe allerdings nur mit gleichen Benutzernamen problemlos; die stabile Version soll aber auch das Screensharing mit anderen Logins erlauben. Die Anwender definieren dann ganz genau, welche Accounts wie zugreifen dürfen.

Eine weitere Neuerung ist der so genannte Broker. Er ermöglicht es, Clients zentral zu konfigurieren, was insbesondere in Umgebungen mit vielen Nutzern sehr praktisch ist. Anstatt auf jedem Arbeitsplatz händisch alle verfügbaren Sitzungen einzutragen, erhalten Nutzer Informationen dazu automatisch vom Broker, und zwar wahlweise über HTTP, HTTPS oder SSH.

So realisieren Admins etwa Failover-Szenarien und Load-Balancing-Lösungen oder konfigurieren für verschiedene Uplinks automatisch den netztopologisch besten Server. Eine individuelle Anpassung für jeden Benutzer ist ebenfalls möglich. Zum Redaktionsschluss enthielt das Wiki noch keine Dokumentation für den Broker, die Entwickler wollen sie jedoch bald nachreichen.

Tunnelblick

X2go 4.0 unterstützt die neuen Gnome- und Unity-Desktops. Zusätzlich erlaubt die neue Version auch Logout-Skripte auf dem Server (Datei »~/.x2go_logout« ). Auf Thin Clients, die sich in einem sicheren Netzwerk befinden, nutzt der Terminalserver jetzt optional eine direkte RDP-Verbindung via Rdesktop oder Xfree RDP, statt den Umweg über den Server zu gehen. Letzteres ist allerdings nach wie vor der bevorzugte Weg bei unsicheren Verbindungen, die dann von der X2go-Verschlüsselung profitieren.

Bezüglich RDP hat die neue Release eine weitere Verbesserung in petto: Die früher umständlich zu realisierende Audio-Übertragung ist mittlerweile direkt auf Knopfdruck im Client verfügbar. Das Gleiche gilt für Dateifreigaben, die künftig ebenfalls ohne separaten Wrapper auskommen.

Auch das X2go-Projekt profitiert von der Förderung des Serverherstellers Thomas Krenn [9]. Laut eigenen Angaben arbeiten die Entwickler an einer Appliance, über die mittels X2go Remote-Unterstützung im ganzen Netzwerk möglich wird. An entsprechender Stelle platziert soll der Low Energy Server als Gateway fungieren und bei Bedarf eingehende Verbindungsanfragen automatisch an den entsprechenden Rechner durchreichen. Dabei hilft die neu im Client hinzugekommene Funktion, sich per SSH- oder HTTP-Proxy mit hinter Gateways befindlichen Systemen zu verbinden. Im Test fehlte das Feature allerdings noch auf dem OS-X-Client.

Die neue Multi-Head-Funktion [10] bietet zwei Betriebsmodi. Einerseits legen Benutzer X2go-Sitzungen auf einen separaten lokalen Bildschirm, um den entfernten Desktop in voller Auflösung und ohne störende Fensterdekoration zu betrachten. Andererseits bilden sie damit ein Multi-Head-Setup auf Server-Seite ab, indem die Remotesitzung auf einem großen virtuellen Bildschirm erscheint. Xinerama verhindert, dass sich ein Fenster über mehr als einen Monitor erstreckt.

Aufpoliert

X2go wartet darüber hinaus auch mit etlichen Verbesserungen im Detail auf. So spricht der Client nun auch Spanisch, Norwegisch und Dänisch. Die Projektmitarbeiter behoben außerdem einige kompliziertere Bugs, vor allem in den X-Libraries und in der Cairo-Bibliothek. Das löst unter anderem Probleme bei der Grafik- und Schriftdarstellung nach dem Aufwachen aus dem Sleepmode.

Wegen der freien Lizenzen kommen all diese Verbesserungen natürlich auch anderen Programmen wie beispielsweise No Machine und Free NX zugute.

Da X2go inzwischen auch bei mehreren großen Unternehmen im Einsatz ist, wächst die Nachfrage nach professionellem Support für die Software. Um diesen Bedarf zu decken, hat X2go-Entwickler Oleksandr Shneyder die Phoca GmbH gegründet [11]. Die Firma bietet Beratung, Installationshilfe, Supportverträge und kundenspezifische Anpassungen, zum Beispiel individuelle Broker. Alle Verbesserungen und Erweiterungen stehen aber auch künftig unter einer freien Lizenz; eine Bezahlversion wird es nicht geben, wie das Projekt betont.

Insgesamt gefällt die neue X2go-Version, auch wenn noch einige kleine Ungereimtheiten im Test auftraten. Beheben die Entwickler diese und ergänzen die Dokumentation um Erklärungen zu den relevanten Neuerungen, dürfte die finale 4.0 ein großer Schritt in die richtige Richtung sein. X2go bietet als Gesamtpaket viele Funktionen und Features, die sonst nur teure und proprietäre Lösungen bereitstellen.

Der Autor

Florian Effenberger engagiert sich seit zehn Jahren für freie Software. Er ist einer der Gründer und zugleich Vorstandsvorsitzender der Document Foundation. Er schreibt regelmäßig für zahlreiche deutsche und internationale Fachpublikationen und beschäftigt sich dabei auch mit Rechtsfragen.

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