Besitzt der Client einen aktuellen Browser, steht ihm eine enorme Auswahl an Webanwendungen zur Verfügung. Taugt der Umzug ins Web oder Intranet als Allheilmittel? Dieser Artikel wägt die Vor- und Nachteile von Applikationen im Browserfenster ab.
Vor- und Nachteile
+ Benötigt nur Browser
+ Ortsunabhängig
+ Zentral auf dem Server wartbar
+ Großer Fundus freier Anwendungen
– Usability-Schwächen
– Fehlende Offline-Fähigkeit
– Anwendungen für bestimmte Zwecke fehlen
– Zoo aus Einzellösungen droht
Ursprünglich nur zum Betrachten verlinkter Textseiten gedacht, hat sich der Webbrowser zu einem regelrechten Universalclient entwickelt. Beherrscht der Browser die aktuellen Versionen von HTTP(S), HTML, Javascript und CSS, verwandelt er sich je nach Bedarf in eine Suchmaschine, einen Mailclient, einen Kalender, ein Fotoalbum oder CRM-System. Was im Einzelfall an Hardware oder Betriebssystem darunterliegt, spielt praktisch keine Rolle.
Diese Vielseitigkeit führt dazu, dass viele Anwender heute einen beträchtlichen Teil des Tages Webanwendungen im Browserfenster nutzen, und das privat wie in der Firma. Unternehmensberater wie die Experton Group schreiben dem Browser eine Schlüsselrolle am Arbeitsplatz zu [1]. Google versucht mit Chrome OS sogar die komplette Benutzeroberfläche mit allen Programmen in ein Browserfenster zu verlegen (siehe Artikel in diesem Schwerpunkt).
Der folgende Beitrag gibt einen Überblick über die Stärken und Schwächen von Webanwendungen (Zusammenfassung im Kasten “Vor- und Nachteile”) und wagt einen Ausblick in die Zukunft.
Heiße Mail
Die Superstars der Browser-Anwendungen sind die Webmailer. Sie verfügen über enorme Anwenderzahlen, für die das E-Mail-Lesen im Browser der Normalfall ist. Darin liegt übrigens auch der Grund, warum die Mozilla Corporation ihre Ressourcen auf den Firefox-Browser konzentriert und Thunderbird in eine bescheidene Messaging-Firma ausgelagert hat. “In vielen Ländern verwenden die Leute ausschließlich Webmail, Mailclients sind ihnen fremd”, erläutert die Mozilla-Chefin Mitchell Baker die Prioritäten gegenüber der Redaktion.
Ein Webmail-Account funktioniert überall dort, wo es Internet und einen Browser gibt. Das schätzen amerikanische Teenager auf Europareise genauso wie kleine Unternehmen. Ist die Verbindung SSL-gesichert, kommt der Mitarbeiter auch zu Hause oder im Außendienst an seine E-Mails und ins Web-basierte CRM-System. Eine weitaus aufwändigere Lösung mit VPN und Terminalserver-Dienst ist dafür nicht erforderlich.
Von und für Entwickler
Freie Softwareprojekte sind die Pioniere der “Arbeit 2.0” im Web. Für ihre an verteilten Standorten per Internet arbeitenden Mitglieder schufen sie reichlich Open-Source-Software. Dazu gehört beispielsweise der Bugtracker Bugzilla, den das Mozilla-Projekt ursprünglich für eigene Zwecke entwickelt hat. Wikis und Webfrontends für Versionskontrollsysteme runden das Angebot ab, freie Projekt-Plattformen wie Trac, Gforge oder Redmine integrieren die einzelnen Komponenten. So lassen sich Bugs mit der Revision einer Quelltextdatei und einem Wiki-Eintrag verknüpfen.
Kaum ein Softwareprojekt arbeitet mehr ohne diese Tools, wie Michael Prokop, Leiter der Distribution Grml, in seinem Buch “Open Source Projektmanagement” erläutert [2]. Was in der Community Standard ist, befindet sich zumindest bei Open-Source-nahen Unternehmen auch für Firmenzwecke im Einsatz. Auch Canonicals funktionsreiches Softwareportal Launchpad ist unter AGPLv3 verfügbar, die Installation gestaltet sich für Außenstehende aber ähnlich heikel wie bei früheren Bugzilla-Versionen [3].
Ähnlich wie die Entwicklerplattformen bieten Groupware-Suites Integration: Sie verbinden Kalender, Aufgabenplanung und E-Mail. Neben der Anbindung von Outlook- und Linux-Clients verfügen sie standardmäßig über Weboberflächen. Die sind dank der Ajax-Technologie, die einzelne Elemente der Seite nach Bedarf nachlädt, wesentlich bedienungsfreundlicher als reine HTML-Frontends früherer Tage. Auch Drag&Drop oder das Vergrößern und Verkleinern von Objekten per Maus, wie es die Anwender vom Desktop kennen, gehört mittlerweile zur Grundausstattung (Abbildung 1).

Abbildung 1: Fast wie bei Desktop-Anwendungen: In der Weboberfläche von Open-Xchange lassen sich Kalendereinträge mit der Maus verschieben, auch in die Länge kann sie der Anwender ziehen (hellblaue Fläche).
Ein bestehendes Usability-Problem Web-basierter Software ist allerdings das wenig komfortable Verfassen längerer Texte in Webanwendungen, mit dem sich der Kasten “Schreiben im Web” auseinandersetzt. In diesem Zusammenhang fällt noch eine weitere Schwäche der Webanwendungen auf. Wer kennt nicht die empörten Schreie der Kollegen, die einen fast vollendeten Wiki-Eintrag oder eine Mail durch einen Browserabsturz oder Verbindungsabbruch verloren haben? Was in einem Textfeld im Web steht, ist nicht besonders persistent.
Schreiben im Web
Das Schreiben längerer Texte in den Feldern von Webanwendungen macht keinen Spaß. Immerhin haben die Browserhersteller das leidige Eintippen schon ein wenig verbessert, indem sie ihrer Software eine Rechtschreibprüfung verpasst haben. Für die HTML-Inhalte in Contentmanagement-Systemen haben sich zudem eingebettete Wysiwyg-Editoren wie Ckeditor und Tiny MCE etabliert, die das Einfügen von Bildern, Tabellen und Links spürbar erleichtern.
Programmcode findet sich im Web vielerorts schön formatiert und farbig ausgezeichnet, CSS sei Dank. Doch kann man Quelltext im Web auch mit Syntax Highlighting und Eingabehilfen schreiben? Das Angebot der Mozilla Labs dafür ist Skywriter [8], ehemals Bespin genannt. Per Bookmarklet lässt sich die Software vom Mozilla-Server in jede »textarea« einer beliebigen Webseite laden (Abbildung 3), eine Version zum Einbetten in der Seite gibt es auch. Der Funktionsumfang ist mit Highlighting für die vier Formate HTML, CSS, Javascript und Diff allerdings noch rudimentär. Das Browser-Labor bezeichnet Skywriter daher noch als Alpha-Ausgabe.

Abbildung 3: Kein Vergleich zu nativen Editoren wie Emacs oder Vi: Skywriter, Mozillas Code-Editor für den Webbrowser, verfügt derzeit nur über einen rudimentären Funktionsumfang.
Eine andere Möglichkeit, Textfelder komfortabler zu beschreiben, ist die Firefox-Erweiterung Firemacs [9]. Wie der Name andeutet, richtet sich die Extension an Emacs-Freunde. Sie setzt einige Tastatur-Shortcuts des Unix-Editors in Javascript um. So kann der Anwender etwa wort- und zeilenweise löschen oder zu Anfang und Ende des Texts springen. Ein Addon namens “It’s All Text” [10] geht noch weiter: Es übergibt den Formularinhalt an einen lokalen Editor, den der Benutzer nach eigenen Vorlieben auswählt. So bearbeitet er den Text in gewohnter Umgebung und die Erweiterung fügt das Ergebnis automatisch in das richtige Feld auf der Webseite ein.
An der Nabelschnur
Steht der Webdienst nicht zur Verfügung, sind die Inhalte überhaupt nicht erreichbar. Netzwerkverbindungen sind zwar in den letzten Jahren immer schneller und verlässlicher geworden, doch gleichzeitig steigt der Gebrauch von WLAN und Mobilfunk-Internet, der anfällig für Abbrüche bleibt. Hier haben lokale Desktop-Anwendungen mit Offline-Fähigkeit einen unbestreitbaren Vorteil. Ein IMAP-Client wie Kmail beispielsweise erlaubt es dem Anwender auch abseits aller Netzwerke, die lokal zwischengespeicherten E-Mails zu bearbeiten. Die Antworten verschickt er später, sobald das Notebook wieder ans Netz geht.
Ein Versuch, so etwas fürs Web zu verwirklichen, war die Browser-Erweiterung Google Gears [4], die Online-Anwendungen einen lokalen Zwischenspeicher im Browser anbot. Damit versuchten etwa die Groupware-Entwickler von Tine 2.0, Offline-Funktionalität umzusetzen (Abbildung 2). Das Gears-Projekt wurde jedoch zugunsten einer standardisierten Lösung im Zuge von HTML 5 eingestellt [5]. Derzeit sind sich die Browserhersteller noch über Implementierungsdetails uneins, und so müssen die Benutzer weiter auf brauchbare Offline-Modi für Browseranwendungen warten.

Abbildung 2: Google Gears sollte Anwendungen wie die Groupware Tine 2.0 offline-fähig machen. Das Projekt ist mittlerweile eingestellt, seine Nachfolger aber noch nicht reif.
Die Teamarbeit an Dateien stellt eine weitere Schwäche der Webanwendungen dar. Der gemeinsame Zugriff auf Wiki-Seiten etwa funktioniert in der täglichen Praxis gut, inklusive Versionsverwaltung. Sie eignen sich aber weder für druckreife Dokumente noch für größere Tabellenblätter. Cloud-Suiten wie Google Apps (siehe Artikel in diesem Schwerpunkt) bilden hier die Ausnahme, etwa weil sie das Bearbeiten gemeinsamer Dateien direkt im Browser ermöglichen.
Lokaler Zwischenstopp
In den meisten Webanwendungen sieht der Arbeitszyklus für Officedokumente aber den Download auf den lokalen Rechner vor, wo der Anwender die Dateien mit einem nativen Programm bearbeitet und dann wieder hochlädt. Die Webanwendung kümmert sich in diesem Fall lediglich um das Speichern, Versionieren und weitere Metadaten. Eine Webvorschau von Open-Document-Dateien scheint in vielen Fällen schon das Höchste der Gefühle darzustellen.
Reichhaltiges Angebot
Abgesehen von diesen Schwächen: Online-Anwendungen bieten sich als Lösung für zahlreiche Einsatzzwecke an. Manchmal sind sie nicht nur eine Alternative, sondern stellen sogar den Primus ihrer Softwaregattung, beispielsweise das Monitoringtool Nagios. Weitere Onlinetools für Administratoren sind Frontends für Verzeichnisdienste und Datenbanken, ITSM-Anwendungen, netzwerkfähige Backuplösungen oder Kontrollpanels wie Webmin. Wer Open-Source-Verzeichnisse wie Freshmeat.net durchforstet, findet Web-gestützte Software auch für Projektmanagement, Online-Lernen, Umfragen oder einzelne Bedürfnisse wie das Erzeugen von Barcodes.
Die Qualität der angebotenen freien Software reicht von Anfänger-Basteleien bis zur Enterprise-Klasse. Einige Anwendungsfälle bieten sich allerdings nicht zur Umsetzung als Onlinedienst an. Dabei handelt es sich um professionelle Audio- und Videobearbeitung, bei der hohe Übertragungsraten erforderlich sind, die selbst lokal oft nur mit spezieller Storage-Hardware erreicht werden. Pixel- und Vektorgrafik-Anwendungen gibt es nur rudimentär und Computer-aided Design (CAD) findet nicht im Web statt.
Admins Freud und Leid
Was den Administrator freut: Webanwendungen lassen sich wie beim Server-based Computing zentral warten und aktualisieren. Selbst der Testbetrieb und Migrationen sind durch URL- oder DNS-Änderungen leichter zu meistern. Was weniger schön ist: Um die Installation moderner Browser auf den Clients kommt man dennoch nicht herum.
Sind gar noch Plugins gefordert, und sei es nur, um PDFs anzuzeigen, steigt die Komplexität. Das Flash-Plugin für 64-Bit-Linux beispielsweise stand Mitte 2010 einige Monate lang gar nicht zur Verfügung [6]. Daneben kann es beim Einsatz von Webanwendungen zu einer Situation kommen, die Anwender und Admins gleichermaßen nervt: Es existiert ein CRM, ein Wiki, ein Webkalender und ein Bugtracker – und für alle gibt es eine eigene Benutzerverwaltung mit eigenem Passwort.
Abhilfe schafft hier Single-Sign-on (SSO), wie es beispielsweise die Open-Source-Software Shibboleth [7] umsetzt. Sie kommt unter anderem im Web der Universität von Texas zum Einsatz, die damit ihren Zoo aus Einzelanwendungen bändigt. Dank Shibboleth melden sich die Universitätsangehörigen nur einmal an, die Authentifizierung gegenüber den weiteren Anwendungen übernimmt der zentrale Identity-Provider.
Das Projekt wird vom US-amerikanischen Forschungsministerium gefördert und hat weitere Bildungseinrichtungen in den USA und Großbritannien als Anwender. Zu den Shibboleth-fähigen freien Webanwendungen gehören das CMS Drupal, Mediawiki, Dokuwiki, WordPress, die Lernplattform Moodle und die Mailinglisten-Software Sympa.
Einzelne Webanwendungen lassen sich rasch im Unternehmen einführen, das Angebot ist gerade im Open-Source-Bereich verlockend. Mit zunehmender Zahl verlangen sie aber nach einem übergreifenden Konzept, sonst drohen Wildwuchs, mehrfache Datenhaltung, Synchronisationsprobleme und Passwortflut. Es bleibt zu hoffen, dass sich Single-Sign-on-Lösungen mit freier Software weiter verbreiten. Ebenfalls wünschenswert: Ein freier Standard, über den Webanwendungen auf Dokumente in Cloudspeichern zugreifen können, inklusive Berechtigungssystem.
Ausblick
Anwendungen für den Webbrowser haben in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Die in Effizienz und Performance verbesserten Javascript-Engines ermöglichen Funktionen, die vor Jahren nicht denkbar waren. HTML 5 bringt Audio- und Video-Inhalte ohne Plugins in den Browser, zumindest bei einigen freien Formaten. Außerdem gibt es nun viele Mobilgeräte, die ebenfalls am Web teilnehmen können, wenn auch mit kleinen Displays.
Damit sich Webtechnologien aber weiterhin durchsetzen, müssen sie unbedingt offline-fähig werden. Es ist an Firmen wie Google, Apple und Microsoft sowie an Projekten wie Mozilla, sich über die Implementierungsdetails zu einigen – und das tun sie hoffentlich auch. Ein bestimmender Faktor für den Erfolg des Web 2.0 war nämlich das Ende des “Browserkriegs” der 90er Jahre und die Stärkung freier Standards.
Infos
- Experton Group: http://www.experton-group.de/press/releases/pressrelease/article/die-browser-dekade-steht-bevor.html
- Michael Müller, Mathias Huber, “Tux liest: Bücher zu HTML 5 sowie Projektmanagement”: Linux-Magazin 12/10, S. 94
- Tim Schürmann, “Entwickler-Startrampe”, https://www.linux-magazin.de/content/view/full/43651
- Martin Streicher, “Anwendungen für Online und Offline mit Google Gears”: https://www.linux-magazin.de/content/view/full/34274
- Offline-Anwendungen in HTML 5: http://www.whatwg.org/specs/web-apps/current-work/multipage/offline.html
- Adobe-Flashplayer-Forum: http://forums.adobe.com/community/webplayers/flash_player
- SSO-Software Shibboleth: http://shibboleth.internet2.edu
- Mozilla Skywriter (vormals Bespin): http://mozillalabs.com/skywriter/
- Firemacs: https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/firemacs/
- It’s All Text: https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/its-all-text/





