Gedanken zum Jahresende

Liebe Leserin, Lieber Leser,

ich gebe zu – schmerzlich vernachlässigt habe ich es in diesem Jahr, mein Blog. Doch das lag, seien Sie versichert, nicht etwa an mangelndem Interesse, sondern schlichtweg an fehlender Zeit. Und so möchte ich die Tage vor Weihnachten dazu nutzen, mich wieder einmal mit etwas mehr als nur Veranstaltungshinweisen bei Ihnen zu melden.

Das Jahr 2011 war für mich ein sehr spannendes, in jeglicher Hinsicht. Wie schon 2010 angekündigt, bin ich dieses Jahr vor allem was Messen anbelangt ein wenig kürzer getreten, um mehr Zeit für mich und meine eigene Zukunftsplanung zu haben. FOSDEM, CeBIT, LinuxTag – all den Veranstaltungen, die sonst zum festen Jahresprogramm gehörten, bin ich dieses Jahr ferngeblieben. Mit einem lachenden Auge, weil jedes Event viel Zeit und auch Geld kostet, aber auch mit einem weinenden Auge, weils einfach doch zum Leben eines jeden Open Source’lers gehört, und weil ich dadurch viele Weggefährten, Kollegen und gute Freunde nicht so häufig sehen konnte.

Nicht nehmen lassen habe ich mir die lokalen Veranstaltungen vor Ort, wie den Augsburger Linux-Infotag, meine geliebten, im mittlerweile dritten Jahr angekommenen Open-Source-Treffen oder den LinuxDay Dornbirn – die allesamt, quasi vor der Haustüre stattfindend, einfach dazugehören. Neu hinzugekommen ist in diesem Jahr auch der IT-Brunch, auf dem ich im Juli als Referent mitwirken durfte, und den ich seitdem regelmäßig besuche. Mit Stolz erfüllt hat mich auch die Zusammenarbeit mit der Free Software Foundation Europe beim diesjährigen Document Freedom Day in München.

Drei Mal in diesem Jahr fand auch das Open-Source-Kochen statt – einmal im Essener Unperfekthaus, zwei Mal im Münchener Café Netzwerk. Jedes Mal mit 25-30 Teilnehmern, hat sich die Veranstaltung mittlerweile als feste Größe etabliert, und wir haben noch viel vor. Die jüngste Idee hört sich zugegebenermaßen und diplomatisch ausgedrückt ziemlich kreativ an, aber um den Ruf des öffentlichen Nahverkehrs etwas aufzupolieren, hatten wir neuerdings die Idee, mal eine Veranstaltung in einem fahrenden Zug durchzuführen – Geeks auf der Schiene sozusagen. Auch eine Open-Source-Sauna oder ein Event mit dem Projektnamen “Hacken auf der Hütte” stehen schon im Raum. Ganz zu schweigen von unserer Open-Source-Kochen Europa-Tournee, bei der wir in den Hauptstädten der Nachbarländer kochen möchten. Etwas weniger verrückt, aber nicht minder interessant, sind da schon der geplante Creative Commons Filmabend und die Workshops für 2012.

Aber ich schweife schon wieder in Richtung einer Veranstaltungsliste ab – also zurück zum Thema. “Wann sagt er endlich etwas zu LibreOffice?”, wird sich manch einer fragen. Das will ich gerne tun. Kurzum: Ich bin stolz. Stolz, auf unsere Community, stolz auf all die Menschen, die sich für LibreOffice und die Document Foundation engagieren, stolz auf das, was wir gemeinsam erreicht haben. Kaum zu glauben ist, dass es uns schon 15 Monate gibt. Auf der einen Seite fühlt es sich an, als ob es erst gestern gewesen sei, auf der anderen Seite, als ob es nie anders war, denn die Arbeit ist wieder motivierend, es geht voran, die Community ist vital und aktiv. Genauso wie viele andere, investiere ich unglaublich viel Freizeit in das Projekt, aber jede Minute ist es wert, denn es macht einfach Spaß. Und die Zukunft wird spannend: Wie in Paris angekündigt, sind die Portierungen auf Android, iOS und eine browserbasierte Version in vollem Gange. Um all die Veränderungen in der Welt der freien Office-Suites widerzuspiegeln, benannte sich der deutsche Verein übrigens Mitte April mit deutlicher Mitgliederunterstützung in den Freies Office Deutschland e.V. um.

Die Community ist wie eine große Familie, viele vertraute Gesichter und wirkliche Freunde weltweit, mit denen man nicht nur die Faszination für freie Software teilt, sondern auch viel Persönliches. Veranstaltungen wie das Hackfest – das im nächsten Jahr übrigens in Hamburg und München wiederholt werden soll -, das QA-Wochenende im Essener Linuxhotel, das Projektwochenende in Hof und natürlich als krönender Abschluss die LibreOffice Conference in Paris sind echte Highlights im Jahr und zeigen einmal mehr die Zusammengehörigkeit und den Zusammenhalt dieses so großen Teils der Community, der die Document Foundation gegründet hat. A propos LibreOffice Conference – sprachlos gemacht hat mich das Interesse an der Präsentation zur Infrastruktur der Document Foundation, die binnen 48 Stunden über 10.000 Mal aufgerufen wurde.

Überhaupt sind die aktuellen Zahlen überwältigend: 40 Core-Entwickler, davon 20 ehrenamtlich, insgesamt 16.000 Mailinglisten-Abonnements, 136 TDF-Mitglieder, 275 aktive Entwickler (davon 230 völlig neue), 280 Lokalisierer, ein ausgewogenes und gut aufgestelltes Advisory Board und eine Software, die von 25 Millionen Anwendern in 109 Sprachen weltweit benutzt wird – das ist das schönste Lob, das man sich vorstellen kann. Für mich ganz persönlich das schönste Geschenk in diesem Jahr, und eine wirklich große Ehre, ist die Wahl in das Board of Directors der künftigen Document Foundation, und insbesondere die Wahl zu dessen Chairman – eine Rolle, auf die ich mich sehr freue, und die ich zusammen mit meinem Kollegen Thorsten Behrens ausüben werde.

Doch nicht alles war glänzend in diesem Jahr, und viele Ärgernisse, die in den vergangenen Jahren präsent waren, verfolgten die Internetgemeinde auch im Jahr 2011. Angefangen von Leuten, die es aufs Geld unbedarfter Mitbürger abgesehen haben und dabei teilweise bis zum Äußersten gehen, bis hin zu Medienlobbyisten mit wahnwitzigen Vorstellungen. Wer schon einmal versucht hat, “einfach nur” digital zu fernsehen, der weiß, wovon ich spreche. Kopierschutz hier, Authentifizierung da, und vor allem eine permanente Gängelung des Verbrauchers. Wer da nicht ein abgeschlossenens Hochschulstudium vorzuweisen hat, blickt schon gar nicht mehr durch. Einfach mal was aufnehmen und später ansehen? Fehlanzeige. Die Rundfunkanstalten haben wohl Angst, dass jemand die aktuelle Folge der fünfzehnten Castingshow oder das Staffelfinale irgendwelcher Scripted-Reality-Dokusoaps online stellt. Ganz ehrlich: Wen juckt das eigentlich? Aber so ist mittlerweile die Zeit angebrochen, in der wir mit Empfangsmodulen, Smartcards, Programmpaketen sowie Dutzenden Verschlüsselungsverfahren und Restriktionen hantieren, nur um ein paar bunte Bilder auf den Fernsehbildschirm zu bekommen. Und da wundert sich wirklich jemand, dass Inhalte aus dem Netz kopiert werden? Ich bleibe bei meinem Standpunkt: Die Medienindustrie hat es schlichtweg verpennt, pragmatische und brauchbare Lösungen zu liefern, und stellt jetzt lieber Anwälte ein, anstatt verantwortungsbewusste Planer, die gemeinsam mit dem Kunden arbeiten. Auf diese Weise verspielt man effektiv Vertrauen. Hoffentlich ist 2012 für so manchen Entscheider endlich ein Jahr des Umdenkens. Nicht falsch verstehen – Urheberrechte sind wichtig, und niemand fordert einen Freibrief fürs Kopieren nach Gusto. Nur in den letzten Jahren hat man immer mehr das Gefühl, dass eine Angst vor dem Verbraucher grassiert und dem, was er mit den digitalen Inhalten alles machen könnte – was schlussendlich durch immer mehr Restriktionen bekämpft werden soll. Man muss kein Wahrsager sein um zu wissen, dass das auf Dauer nicht funktionieren wird, denn Angst war noch nie ein guter Ideengeber. Und mal ganz ehrlich: Wenn ich mir ein Auto kaufe, schreibt mir doch auch niemand vor, welche Straßen ich damit befahren darf, oder?

Nach wie vor ist Deutschland eines der Länder, in denen schon das bloße Vorhalten eines Internetzuganges unzählige Haftungsrisiken mit sich bringt. Den eigenen Kindern oder Dritten einen Internetzugang einzuräumen ist quasi ein Freibrief für diejenigen, die gerne das Leben ihrer Mitmenschen durch juristische Angriffe zur Hölle machen. Richtig mutig ist der, der es gar wagt, Artikel in Onlineauktionen anzubieten oder eine eigene Homepage ins Netz zu stellen, denn zahlreiche Rechtsvorschriften lassen grüßen. Eine Firmenseite in einem sozialen Netzwerk und nicht schnell genug reagiert? Blöd, denn die braucht jetzt auf einmal ein Impressum, ganz egal ob eigentlich der Betreiber des Netzwerks als Anbieter gilt. Bei der Online-Auktion einen Hinweis vergessen? Pech gehabt, es gibt Mitmenschen, die das schneller merken als man selbst, und die lassen sich diese Dienstleistung natürlich fürstlich entlohnen. Ein Forum betreiben? Um Gottes Willen, das ist hierzulande ja in etwa so riskant wie das Lagern von Sprengstoff, glaubt man diversen Abmahnschreiben. Juristisch mögen all diese Dinge ja korrekt sein – menschlich, und das sage ich in aller Deutlichkeit, finde ich das unterste Schublade. Wer massiv Geld aus der Unerfahrenheit seiner Mitmenschen schlägt und dabei vor allem den kleinen Mann im Visier hat (oder, wie aktuelle Entscheidungen zeigen, auch Leute, die gar keinen PC mehr besitzen), der sollte die Feiertage dazu nutzen, über sein Tun nachzudenken und vielleicht den ein oder anderen guten Vorsatz fürs kommende Jahr zu fassen. Denn wenn nicht bald ein Umdenken stattfindet, dann sehe ich schwarz. Bis die Entscheider an entsprechenden Stellen merken, was sie da eigentlich für einen Mist in die Welt setzen, wird Deutschland mit seinen immer verbraucherfeindlicheren, verwerterfreundlichen Regelungen irgendwann das Schlusslicht darstellen. Doch das kann in niemandes Interesse sein, denn ohne den Verbraucher haben auch die Verwerter keine Existenzgrundlage mehr. Und ohne Verwerter auch keine Anwälte mehr. Macht’s jetzt endlich Klick?

Während ich diese Zeilen schreibe, die vergangenen 12 Monate gedanklich Revue passieren lasse und das Erlebte zu Papier bringe, da merke ich erst, wie schnell dieses Jahr auf der einen Seite vorübergegangen, und wie viel auf der anderen Seite in dieser Zeit doch passiert ist – und ich bin mir sicher, viele Leserinnen und Leser werden für ihr ganz persönliches Jahr das gleiche Gefühl haben. Grund genug, die kommenden Tage zu nutzen, um einfach mal abzuschalten, fernab von Technik und Internet und all der Fallstricke und Tücken die da lauern. Auch für mich gilt es Kraft zu tanken für die Aufgaben und Herausforderungen in 2012, denn auch das neue Jahr wird mit Überraschungen, Veränderungen und viel Aktivität nicht geizen.

Genauso wie dieses Jahr, wird auch 2012 für mich ganz persönlich ein Jahr sein, in dem ich mein Engagement weiter drosseln muss, steht doch auch privat durch den immer näher rückenden Wechsel ins Berufsleben eine Reihe von Veränderungen an, die zumindest ihren zeitlichen Tribut fordern werden.

Dennoch hoffe ich, all die Freunde, Kollegen und Weggefährten, die mich die letzten Jahre begleitet haben, auch im kommenden Jahr wieder an meiner Seite zu haben und sie auf hoffentlich zahlreichen Events wiederzusehen. Ihnen gilt mein ganz besonderer Dank, sind es bei all der Technik doch letzten Endes die Menschen, die uns prägen und die unser Online- wie Offline-Dasein erst mit Leben erfüllen.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben daher von ganzem Herzen ein ruhiges, friedvolles und besinnliches Weihnachtsfest, ein paar entspannte und glückliche Tage im Kreis derer, die Ihnen am nächsten stehen, und einen guten Rutsch in ein gesundes, glückliches und erfülltes neues Jahr 2012!

Danke für Ihre Treue, und auf gute Zusammenarbeit, anregende Gespräche und eine spannende Zeit im neuen Jahr.

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