Beim Thema E-Book scheiden sich die Geister. Die einen ziehen gedruckte Werke den digitalen Pendants vor – vor allem wegen der Haptik, des Geruchs und des Wunsches, in einem “echten” Buch zu schmökern. Andere schwören auf die Vorteile des elektronischen Papiers: Die Anzeige ist mittlerweile nahezu perfekt und digitale Lesezeichen und Vorlesefunktionen bieten zusätzlichen Komfort. Außerdem trägt der Bücherfreund nur noch ein Gerät mit sich herum, statt mehrere Kilo Lektüre mit in den Urlaub schleppen zu müssen.
Im Netz steht inzwischen ein großes Angebot digitaler Bücher bereit und erschwingliche Lesegeräte für unterwegs gibt’s zuhauf. Mit der richtigen Software lesen Anwender ihre elektronischen Werke auch am heimischen PC. Zum Schmökern auf dem Linux-Desktop empfehlen sich in dieser Bitparade die freien Programme Calibre und Lucidor sowie die beiden Firefox-Addons Lucifox und Epub Reader.
Calibre
Calibre [1] steht unter der GPLv3 und bietet neben der Linux-Version auch Ausgaben für Windows und Mac OS X sowie eine portable Windows-Version für den USB-Stick. Das Programm liest und präsentiert über zwanzig Formate und ist damit der vielseitigste Testkandidat. Neben dem eigentlichen Anzeigeprogramm gehen mit Calibre auch gleich eine Bibliothek, ein Konverter sowie Tools zur Synchronisation und sogar ein Webserver mit an Bord.
Beim ersten Start meldet sich ein deutschsprachiger Assistent, der auch die Anbindung an ein mobiles Lesegerät einrichtet. Ein paar wenige nicht übersetzte Funktionen trüben den guten ersten Eindruck, auch die Onlinedokumentation und das Videotutorial sind nur auf Englisch verfügbar. Die Oberfläche präsentiert sich aufgeräumt und übersichtlich (Abbildung 1). Neue Bücher fügt der Anwender ohne großen Aufwand hinzu, wobei auch Unterverzeichnisse und verschiedene Formate kein Problem sind.

Abbildung 1: Calibre präsentiert sich vielseitig und aufgeräumt. Die wesentlichen Funktionen fasst der Reader in einer Symbolleiste am oberen Rand zusammen.
Eine nette Idee sind die angebundenen Onlinedatenbanken – nach Eingabe einer ISBN-Nummer lädt Calibre die Metadaten und das jeweilige Cover herunter, was sowohl für neue als auch für bestehende Einträge funktioniert. Im Test klappte es nicht immer zuverlässig; vielleicht waren die Bücher zu neu und noch nicht in der Datenbank verzeichnet.
Dafür punktet der Reader für den Linux-Desktop mit seiner automatischen Erkennung von Duplikaten und der Funktion zum Bearbeiten der Metadaten. Diese verändert der Nutzer nicht nur für einzelne Werke, sondern gleich für ganze Büchergruppen, um beispielsweise mehrere Publikationen demselben Verlag zuzuweisen. Liegt ein und dasselbe Buch in mehreren Teilen vor, bietet Calibre außerdem an, diese zusammenzuführen.
Ein großes Kaliber
Zusätzlich erlaubt es der Reader, die Schmöker zu bewerten, zu sortieren und zu filtern. Die integrierte Suchfunktion versteht reguläre Ausdrücke und speichert Benutzeranfragen für eine wiederholte Recherche. Mit Hilfe der erwähnten Metatags empfiehlt Calibre zudem ähnliche Bücher. Wer in seiner Bibliothek mehrere Formate untergebracht hat, der kann mit Calibre überflüssige Varianten entfernen und alles ins gleiche Zielformat konvertieren.
Der Reader wandelt vorhandenes Lesematerial in ein gutes Dutzend Ausgabeformate um – lediglich der PDF-Export stürzte im Test reproduzierbar ab. Die konvertierten Texte nimmt das Programm zudem automatisch in die Bibliothek auf. Bei Bedarf exportieren Nutzer die gesamte Bibliothek, um sie beispielsweise per CSV-Import in eine Tabellenkalkulation oder Ähnliches zu übernehmen.
Der integrierte E-Book-Viewer macht einen guten Eindruck. Er verfügt über eine Suchfunktion, greift auf externe Wörterbücher zurück, unterstützt Inhaltsverzeichnisse, mehrere Lesezeichen, eingebettete Hyperlinks, Fußnoten und Bilder. Schriftarten und -größen passen Anwender an die eigenen Augen und Vorlieben an, und im Vollbildmodus blendet Calibre zusätzlich Symbolleisten und Fensterdekorationen aus.
Was fehlt, sind eine Notizfunktion und eine Text-to-Speech-Anbindung. Da Calibre viele seiner Features als Plugins implementiert und somit leicht erweiterbar ist, sollte es aber eigentlich kein Problem sein, in diesem Punkt nachzurüsten. Andere Programmierer haben bereits Plugins entwickelt, die E-Books von Mobipocket, Amazon Kindle, Adobe Digital Editions und Barnes & Noble (Nook) in Calibre öffnen, lesen und konvertieren. Eine Internetrecherche fördert die entsprechenden Plugins zutage, die verschiedene DRM-Kopierschutzmechanismen aushebeln – ein Verfahren, das in Deutschland und vielen anderen Ländern aber nicht legal ist.
Lucifox und Lucidor
Bei dem zweiten Testkandidaten handelt es sich streng genommen um zwei Programme: Lucidor [2] ist eine eigenständige Applikation und Lucifox [3] die darauf basierende Firefox-Erweiterung (siehe Abbildung 2). Beide Anwendungen bauen auf Mozillas Rendering Engine Gecko auf, stehen unter der GPLv3 und sind jeweils für Linux, Windows und Mac OS X erhältlich. Als dritte Komponente hat das Projekt zusätzlich ein Katalogsystem für E-Books namens Lucicat im Angebot.

Abbildung 2: Sowohl Lucidor als auch Lucifox bauen auf Mozillas Rendering Engine Gecko auf. Das Standalone-Programm Lucidor bietet weitgehend die gleichen Features wie das Browser-Addon, das vor allem bei der Darstellung von Online-Inhalten eine gute Figur macht.
Die Oberfläche präsentiert sich im modernen Look und weitgehend in deutscher Sprache. Lediglich das Handbuch liegt nur in Englisch vor. Am oberen Fensterrand reihen sich Tabs, über die der Nutzer schnell die Funktionen von Lucidor ansteuert. Eine übersichtliche Startseite bietet schnellen Zugriff auf häufig benötigte Features (»Buch öffnen« , »Buch in neuem Tab öffnen« ) und auf zuletzt gelesene Bücher.
Spätestens der Reiter »Web Browser« lässt keinen Zweifel mehr daran, dass Lucidor auf Gecko im Hintergrund setzt, und so verwundert es nicht, dass der Reader mit Firefox-Themes sein Aussehen verändern kann. Die Projekthomepage empfiehlt einige Themes, die auf den jeweiligen Plattformen besonders gut mit Lucidor zusammenspielen, und warnt vor anderen, die Probleme verursachen.
Lucidor liest ausschließlich das Epub-Format. Eine Suchfunktion und eine Anbindung an Onlinewörterbücher sind vorhanden. Außerdem zeigt der Reader Bilder, Inhaltsverzeichnisse, Fußnoten und Links an und stellt einen Vollbildmodus bereit. Mit dabei ist auch eine kleine Bibliothek, deren Features allerdings nicht an die von Calibre heranreichen. Sie versteht sich als Browser für das lokale Dateisystem oder ein paar vordefinierter Onlinekataloge und durchsucht diese nach Titel oder Autor. Optional speichert Lucidor solche Suchanfragen.
Die Tester freuten sich über die Möglichkeit, Webfeeds mittels einer integrierten Konvertierungsfunktion ins Epub-Format umzuwandeln – in andere Formate zu überführen offeriert das Programm jedoch nicht. Notizen und eine Text-to-Speech-Funktion fehlen ebenso wie bei Calibre, und auch Lesezeichen sind nicht vorgesehen.
Angebaut
Das korrespondierende Firefox-Addon unterscheidet sich kaum von der Standalone-Variante. Lediglich die Schriftarten sind nicht konfigurierbar, aber das lässt sich verschmerzen. Lucifox ist weitgehend selbsterklärend und punktet mit einer intuitiven Oberfläche. Sobald ein Nutzer eine Epub-Datei von der lokalen Festplatte oder im Netz öffnet, schaltet sich das Plugin ein und nutzt den Browser zur Anzeige. Auch Lucifox unterstützt Bilder, Inhaltsverzeichnisse, Fußnoten und Links und ist direkt mit Wörterbüchern im Internet verbunden.
Für die Suche und den Vollbildmodus greift das Tool direkt auf die Firefox-Funktionen zu – schade, dass dies nicht auch für die Lesezeichen gilt. Für das Fehlen des Bookmark-Feature gibt’s Abzüge in der B-Note. Gut gelöst ist hingegen die Navigation, welche die Entwickler in die linke Sidebar ausgelagert haben. Über diese wandert der Bücherfreund problemlos durch den elektronischen Schmöker.
Epub Reader
Auch dieses Tool ist kein eigenständiges Programm, sondern ein Firefox-Addon. Epub Reader [4] erweitert den Mozilla-Browser um einen Reader für elektronische Bücher im Epub-Format. Nach der Installation der Erweiterung erscheint eine kurze deutschsprachige Einführung im Programmfenster. Das Bedienen erwies sich als kinderleicht: Sobald der Anwender auf einer Webseite eine Epub-Datei anklickt oder eine solche von der lokalen Platte öffnet, klinkt sich das Addon ein und zeigt das Buch im Firefox genau wie eine Webseite an (Abbildung 3). Auf der Projekthomepage stehen eine bebilderte deutschsprachige Anleitung und sogar Videos bereit.

Abbildung 3: Ab in den Browser: Mit Epub Reader surfen Anwender durch ihre elektronischen Schmöker genauso wie durch Webseiten.
Das Erscheinungsbild passen Nutzer an eigene Bedürfnisse genau an. Der Einrichtungsdialog erlaubt die Auswahl der Hintergrundfarbe, der Schriftarten, -größen und -farben sowie die Konfiguration von Textfluss, Rand und Spaltenzahl. Im Test patzte der Epub Reader auf einem der Testrechner und weigerte sich, den Einstellungsdialog zu schließen – ein lästiger Bug, der de facto dafür sorgt, dass der Anwender mit der voreingestellten Konfiguration leben muss.
Gut gefallen hat dafür die kleine, integrierte Bibliothek, die auch Im- und Export- sowie Synchronisations-Funktionen enthält. Ein Zugriff auf allerlei Online-Angebote und -Kataloge ist implementiert, die Calibre-Bibliothek bleibt in der Disziplin jedoch Champion, der Epub Reader kann ihr nicht das Wasser reichen. Das liegt vor allem daran, dass die Sortier- und Filterfunktionen nur sehr rudimentär vorhanden sind.
Ebenfalls unschön ist, dass der Epub Reader pro Buch nur ein Lesezeichen setzt und dass er dieses jeweils beim Öffnen anspringt. Das Andocken an Wörterbücher oder Text-to-Speech-Systeme scheinen nicht vorgesehen zu sein und auch eine Notizfunktion fehlt. Dafür stellt das Addon Bilder, Inhaltsverzeichnisse, Fußnoten und eingebettete Links problemlos dar. Um in einem E-Book eine Textstelle zu finden, greift der Reader auf die Firefox-Suchfunktion zurück. Gleiches gilt für den Vollbildmodus.
Die Leviten lesen
Wer nach einer zentralen E-Book-Verwaltung mit Funktionen zur Kategorisierung und Sortierung sucht und seine digitalen Werke direkt mit einem Hardware-Reader abgleichen möchte, der ist mit Calibre gut beraten. Das Programm punktet zudem dadurch, dass es viele Formate versteht und konvertiert. Etwas schlanker, aber durchaus zuverlässig präsentiert sich Lucidor. Dieses Tool liest zwar wie die übrigen beiden Testkandidaten nur das Epub-Format, bietet aber dafür an, Webfeeds in dieses umzuwandeln und in der eigenen Bibliothek darzustellen.
Wer keine eigenständige Anwendung braucht, sondern mit einem Browser-Addon zufrieden ist, sollte besser zu Lucifox als zum Epub Reader greifen. Ersteres zeigte sich nicht nur Feature-reicher, sondern auch stabiler im Test, wenn auch die fehlenden Lesezeichen ärgern. Im Epub Reader fehlen nicht nur wichtige Funktionen, im Test tauchten auch öfter Probleme mit der Darstellung der Programmoberfläche auf, die teils mehrfach übereinander erschien.
Ein Problem haben alle Kandidaten: Die immer öfter anzutreffenden kopiergeschützten beziehungsweise per DRM gesicherten E-Books können sie nicht öffnen. Im Fall von Calibre hebeln einige Plugins diesen Schutz zwar auf Wunsch aus, um eine echte Unterstützung handelt es sich jedoch nicht. Als Workaround empfiehlt das Netz meist zwei Lösungen: Entweder nutzen sie entsprechende Windows-Versionen der Reader zusammen mit Wine oder direkt in einer virtuellen Maschine oder sie entfernen den Kopierschutz, was jedoch juristische Konsequenzen haben kann.
Wer angesichts dieser Probleme resigniert den Kopf schüttelt oder in Rage gerät, greift zur Entspannung am besten zu einem guten Buch – wenn nicht in digitaler Form, dann eben zum Paper zwischen Buchdeckeln.
E-Book-Reader
Auf der Delug-DVD dieses Magazins befinden sich die in diesem Artikel beschriebenen Programme Calibre und Lucidor sowie die Firefox-Erweiterungen Lucifox und Epub Reader.
Infos
- Calibre: http://calibre-ebook.com
- Lucidor: http://lucidor.org/lucidor/download.html
- Lucifox: https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/lucifox/
- Epub Reader: http://www.epubread.com/de/







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