Aus Linux-Magazin 07/2011

Attachmate: Vier Business Units, neues Führungspersonal für Suse und Novell

Abbildung 2: Der Deutsche Nils Brauckmann wird Präsident und General Manager bei Suse.

Attachmate hat nach der Übernahme von Novell und Suse seine Holding in vier Business Units neu geordnet. Vor allem Net IQ, Novell und Suse sind davon betroffen. Der frischgebackene Besitzer teilt die Novell-Produkte auf und setzt personell auf Führungsfiguren mit Attachmate-Stallgeruch.

Nach dem sehr günstigen Erwerb von Novell und Suse, an dem indirekt auch Softwareriese Microsoft durch den Kauf von 800 Patenten beteiligt war [1], macht Attachmate jetzt erstmals Nägel mit Köpfen. Die neue Holding wird aus vier Business Units bestehen: Attachmate, Net IQ, Novell und Suse. In einer dreiteiligen Pressemitteilung benennt das Unternehmen neue Führungsteams für Net IQ, Novell und Suse und organisiert deren Produkte neu.

Net IQ und Novell

Dabei steht vor allem die Konsolidierung ähnlicher Produkte im Vordergrund: Der Systemmanagement-Spezialist Net IQ wird künftig die kompletten Identity-, Security- und Datacenter-Produkte von Novell übernehmen, darunter den Novell Identity Manager, die Novell Access Governance Suite, den Cloud Manager, das Data Center Management, die Platespin-Produkte sowie das Security- und Compliance-Management. Net-IQ-Chef Jay Gardner erhält dabei Unterstützung von sechs Ex-Novell-Mitarbeitern.

Novell selbst darf sich auf wenige, aber erfolgreiche Produkte konzentrieren. Zu diesem Kern zählen nach Meinung Attachmates der Open Enterprise Server, Groupwise, Zenworks, die File Management Suite und Novell Vibe. Bob Flynn, neuer Präsident und General Manager von Novell, freut sich darauf, “die große Diversität an Produkten auch für die Kunden übersichtlicher zu gestalten und den Novell-Brand zu stärken”.

Im Gespräch mit Linux-Magazin Online verspricht er Kontinuität und verteidigt die Aufteilung: “Die Novell-Identity-Management-Produkte passen zum Net-IQ-Brand, wir konsolidieren unsere Produktfamilie so, dass jede Business Unit den größtmöglichen Fokus erhält. Kunden werden davon kaum etwas spüren”, verspricht Flynn.

Jede Business Unit sei eigenverantwortlich für ihr Geschäftsmodell und könne so einen deutlich spezialisierteren Ansatz bieten als dies vorher der Fall war. Die Frage, ob das einem “Back to the Roots” für Novell gleichkomme und ob damit auch zu erwarten sei, dass zum Beispiel die von vielen Kunden als unübersichtlich wahrgenommene Webseite einfacher und klarer strukturiert werden solle, beantwortet Flynn kurz mit “Exactly!”, gibt aber gleich zu bedenken, das dies kein schneller Prozess werde.

Flynn (Abbildung 1) selbst ist seit über 40 Jahren im IT-Geschäft und nennt Verkauf und Vertrieb als seine wichtigste Expertise. Nach 18 Jahren IBM ist er seit 1998 bei Attachmate und soll jetzt die beiden Business Units Attachmate und Novell leiten. “Attachmate und Novell haben viel gemeinsam, vom Legacy-Modell über die Firmengeschichte bis hin zu den typischen Kunden.” Deshalb biete es sich an, die beiden Firmen durch eine gemeinsame Führungsposition zu leiten. Und: “Novell ist jetzt erstmals in Privatbesitz, was in vielen Fällen schnellere Reaktionen und eine agilere Produktpolitik möglich macht”, verspricht Flynn.

Abbildung 1: 40 Jahre IT-Erfahrung: Bob Flynn ist neuer Präsident bei Novell.

Abbildung 1: 40 Jahre IT-Erfahrung: Bob Flynn ist neuer Präsident bei Novell.

Suse

Etwas anders sieht die Sache bei Suse aus. Deren Mitarbeiter hatten nicht selten unverhohlene Freude über die Trennung von Novell gezeigt. Viele Stimmen meinen, die beiden Firmen hätten nie zueinandergepasst. Zu unterschiedlich sei die Philosophie von Novell-Management und Suse-Community gewesen. Jetzt winkt mehr Eigenständigkeit. Im neuen Geschäftsbereich, der “Suse Business Unit”, finden sich nun auch keine Novell-Produkte mehr. Die Nürnberger sollen sich voll auf ihre Linux-Enterprise-Produkte konzentrieren, die für den Großteil ihres Umsatzes sorgen.

Hauptquartier bleibt Nürnberg, auch die Entwicklungsstandorte in Prag und Asien bleiben bestehen. “Development, Vertrieb, Marketing, Standorte und Roadmaps bleiben unverändert”, sagt der neue Suse-Chef Nils Brauckmann (Abbildung 2). Der “President and General Manager” kam über WRQ zu Attachmate, war auch mal drei Jahre bei Novell und hat seinen Schwerpunkt ebenfalls im Bereich Vertrieb und Marketing. Vor allem der “multinationale Kontext”, den er als Erfahrung nennt, dürfte ihn Attachmate für diesen Posten empfohlen haben: Suse soll vor allem auf dem internationalen Markt stärker werden.

Abbildung 2: Der Deutsche Nils Brauckmann wird Präsident und General Manager bei Suse.

Abbildung 2: Der Deutsche Nils Brauckmann wird Präsident und General Manager bei Suse.

Brauckmann sieht Suse als ein deutsches Unternehmen mit starker Verwurzelung in Nürnberg (“Da kommt Suse her, da sitzt ein Großteil der Expertise.”) und freut sich auf die Konzentration aufs Linux-Geschäft. “Viele Menschen, vor allem in der Community, haben Novell als eine Art Makel an Suse empfunden. Wir wollen die Marke Suse stärken und unsere Tätigkeiten vor allem in Amerika und den Emerging Markets Asiens intensivieren”, so Brauckmann.

Auch für die Community gibt es gute Signale vom neuen Chef: Die Open Suse Conference steht [2] und werde von Suse gesponsert. Brauckmann dazu: “Das ist eine sehr gute Gelegenheit, für Innovationen und Austausch zu sorgen und sich gegenseitig zu helfen.” Suse wird weiterhin sehr eigenständig bleiben, sagt er. Es gäbe insgesamt nur etwa fünf Mitarbeiter mit Attachmate-Hintergrund bei Suse, sowohl Team und Development als auch Support und Produkte bleiben “klassisches Suse”. Dazu meint auch Attachmate-Boss Jeff Hawn: “Wir statten Suse gezielt mit Ressourcen aus […], die es braucht, um den stetig wachsenden Linux-Markt zu unterstützen.”

Unrentabel: Mono

Eine Ausnahme – was Suse angeht – sind die Entlassungen rund um Mono, räumt Brauckmann ein. Hier habe man schlicht und einfach Aufwand und Ertrag verglichen und dann die Entscheidung getroffen, Mono nicht weiterzuverfolgen. “Es hat sich nicht in dem Maße rentiert, wie man sich das von dem Konzept erhofft hatte”, so Brauckmann. Der Mono-Support bleibe aber ein Produkt der Suse Business Unit, auch hier wolle man den Kunden Kontinuität signalisieren.

Kommentar: Net IQ, Novell und Suse – wie geht es weiter?

Lange Jahre war Novell der Übernahmekandidat Nummer eins – und nichts ist passiert. Nun hat Attachmate den Softwareriesen aus Massachusetts übernommen und aufgeteilt. Da stellt sich für viele Kunden die Frage, wie es denn nun weitergeht. Während für Suse wohl alles so bleibt, wie es war, sieht es bei den klassischen Produktbereichen von Novell anders aus. Die neue Aufteilung der Produkte macht klar, dass der Hersteller zumindest bisher die bestehenden Synergiepotenziale zwischen dem Service-, System-, Identity- und Sicherheitsmanagement nicht zufriedenstellend zu nutzen wusste.

Für Net IQ dagegen sind die Identity-Management- und Security-Funktionen sicher eine Stärkung. Richtig gemacht, könnte Attachmate Net IQ zu einem potenten Anbieter im Markt formen, der weit über den Markt der Administrationswerkzeuge hinaus wächst. Ob Novell allerdings den zu beobachtenden personellen Aderlass verkraftet, erscheint offen. Panik ist für Novell-Kunden zwar nicht angebracht, durchaus aber das kritische Beobachten, ob Net IQ wieder mehr aus dem macht, was Novell zu bieten hat.

Die Devise kann nur lauten: Abwarten, sich Gedanken über Alternativen machen und dann in ein paar Monaten über die weitere Roadmap entscheiden, wenn wirklich absehbar ist, ob Net IQ und Novell das zweifelsohne bestehende Potenzial nutzen oder nicht. Klar ist aber: Net IQ muss jetzt aktiv und sehr engagiert handeln, um die Novell-Kunden bei der Stange zu halten, denn die Verunsicherung ist groß.

Grundsätzlich wäre es in jedem Fall besser, wenn Attachmate eine Gesamtstrategie für alle Unternehmensbereiche umsetzt und die Chancen der Integration nutzt. Derzeit sieht es so aus, als ob das Ergebnis viele Tools sind. Die aber machen noch keine Lösung. Schon Novell hat die möglichen Synergien nicht genutzt, und Attachmate erscheint derzeit davon weiter entfernt, als Novell je war. (Martin Kuppinger)

Infos

  1. Markus Feilner, “Patente im Körbchen”: Linux-Magazin 05/11, S. 26
  2. Open Suse Conference 2011: https://www.linux-magazin.de/NEWS/Opensuse-Con-ference-2011-Read-Write-Execute
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