Ich bin glücklich. Sehr sogar. Ich habe viele Freunde. Seit einigen Jahren bekomme ich immer wieder Mails aus den USA, in denen eine nette Firma mir mitteilt, wer mich alles kennt und vermisst. Ist das nicht lieb? Ständig neue Freunde … :-)
Auch meine Lebensgefährtin freut sich, wenn sie unerwartete Einladungen bekommt. Einladungen von Bekannten, die davon gar nichts wussten, ja gar nichts dafür tun mussten – die Company erledigt das für sie. Mit Rückfragen, ob das denn gewünscht oder gar erlaubt sei, hält die sich erst gar nicht auf. Wozu auch?
The Company
Wieder mal kommt mir ein Lied in den Sinn, dieses mal aus Großbritannien, von einem durch und durch schottischen Sänger, der sich Fish nennt, und als Leadsänger der Band Marillion in den 80ern mal mit “Kayleigh” einen Welthit hatte. In “The Company” rechnet er mit seiner Plattenfirma ab, doch der Refrain lässt sich (wie meist bei seinen recht doppeldeutig gehaltenen Texten) durchaus auch übertragen:
“The sooner you realise I’m perfectly happy
If I’m left to decide the company I choose
The company I choose is solidly singular
Totally trustworthy, straight and sincere
Polished, experienced, witty and charming
So why don’t you push off, this company’s my own”
Das Interessante an der aufdringlichen Beharrlichkeit der US-Company ist ja, dass weder ich noch meine Freundin in der weltgrößten Social Community Mitglied sind. Klar, als Journalist hatte ich vor vielen Jahren mal nen Account, um mir das anzuschauen, aber wirklich überzeugt oder gar begeistert hat mich das nicht, am Besten trifft meine Meinung die Southpark-Folge über Facebook (“You have 0 friends”, Staffel 14, Folge 4).
Nichtsdestotrotz erhalte ich Einladungen, Freundschaftsbekundungen und Mitteilungen aus Amerika, die ich weder angefragt habe noch wünschenswert finde. Bekannte (ebenfalls ohne Account) berichten von Mails, wo sie sogar in Fotos identifiziert wurden – da hat man Glück, wenn das eine feucht-fröhliche Konferenz war und keine biedere, staubtrockene Party, wo amerikanische oder iranische Tugendwächter die peinlichsten Bilder von vorneherein entfernen.
Phase 2
Aber vor kurzem hat das Social-Web-Mail-Bombardement eine neue Stufe gezündet: Ein mir völlig unbekannter Namensvetter, Inhaber eines stolzen Geschäfts (wie ich dank der Company inzwischen weiß) hat sich wohl bei der Angabe seiner Daten vertippt, als er sich bei der Community anmelden wollte. Ungeschickterweise ist ihm das bei der TLD passiert, und jetzt bekomme ich alle Mails, die die Company an ihn schicken will.
Okay, ich habe nach der ersten Mail versucht, den Link “… wenn sie keine solchen Mails mehr erhalten wollen” zu klicken, aber gebracht hat das nichts. Der Namensvetter konnte ja den Account sicher auch nicht bestätigen, die “Approve”-Mail landete ja bei mir – und ich habe “not approved”. Im Gegenteil, ich habe ihn von dem Malheur in Kenntnis gesetzt, leider ohne Antwort. Jetzt bekomme ich seit Wochen immer wieder mal fremde Post – an eine meiner E-Mailadressen. Darin finden sich sehr interessante Informationen, zum Beispiel wen der nette Unternehmer kennengelernt hat, wer ihn kennt und wer sich freuen würde, ihn auch bei Facebook zu sehen.
Die Spackeria-Leute werden jetzt sagen, das sei gar nicht schlimm, und vielleicht haben sie ja Recht. Auf dem Zukunftskongress “Digitaler Wandel” der Grünen letzte Woche in Augsburg war auch eine Dame vertreten, die “das Ende des Datenschutzes” als wünschenswert bezeichnete. Sie argumentierte, man solle Privatsphäre und Öffentlichkeit nicht mehr trennen. Dumm nur: In ihrem letzten Satz motivierte sie die (durch die Bank skeptischen) Anwesenden dazu, ihre Arbeitgeber bei Datenschutzverstößen zu verklagen. Das passt irgendwie nicht zusammen, oder lieg ich da falsch? Aber ich werd mich hüten, an der Spackeria Kritik zu üben, das haben schon viele mit Shitstorms bezahlt.
Recht egal… wenn man Geld hat…
Jetzt steh ich da und überlege, wie ich aus der Nummer wieder rauskomme. Mit meiner Anwältin rede ich in den nächsten Tagen, da werden wir uns der Frage annehmen, inwieweit die Company-Mails deutsches Recht verletzen, zum Beispiel weil sie unaufgeforderte Werbe-E-Mails darstellen oder personenbezogene Daten von Dritten ohne Einwilligung weitergeben oder gar das Briefgeheimnis verletzen.
Bis dahin habe ich erstmal meinem Mailserver den richtigen Umgang mit solchen Mails beigebracht:
if allof (
header :contains ["From"] ["@facebookmail.com", "@facebook.com"],
header :contains ["To"] "@myemaildomain.tld"
)
{
reject "Message not delivered, you are violating German law.";
stop;
}
Dieser kleine Sieve-Filter weist die Mails von den beiden betroffenen Absenderdomains ab und schickt dem Mailserver eine nette “Reject”-Nachricht. Die liest dort zwar sicher auch keiner, aber das haben wir dann immerhin gemeinsam. Und ich finde, ich bin dem unvorsichtigem Namensvetter einfach schuldig, seine Community-Mails nicht mehr zu lesen, ja sogar abzuweisen. Ich weiß jetzt ohnehin schon genug über ihn. Wahrscheinlich deutlich mehr als ihm lieb ist, ganz sicher aber mehr, als ihm bewusst ist.

