„Oracle kauft Sun“ ist derzeit eine der Meldungen, die die IT-Welt dominieren. Auch für mich war es eine Überraschung. Sicher, seitdem die Gerüchteküche über IBMs Kaufabsichten spekuliert hat, war klar, dass Sun über kurz oder lang übernommen wird – aber dass nun Oracle den Zuschlag bekommt, damit hätte wohl kaum jemand gerechnet.
Auch ich weiß derzeit leider nicht mehr als das, was in der Presse steht. Warum haben wir bei OpenOffice.org eigentlich keine weiteren Informationen? Nun, die Frage ist berechtigt. Vereinzelt sind in Blogs schon Vorwürfe laut geworden, Sun müsse das Projekt besser informieren. Das halte ich für ein gewagtes Urteil. Es darf nicht vergessen werden, dass die Übernahme von Sun ein Milliarden-Deal ist, bei dem es nicht nur um OpenOffice.org geht, sondern um das gesamte Portfolio des Konzerns. Eine solche Übernahme ist sicherlich nicht leicht abzuwickeln und juristisch wie logistisch hochkomplex. Je weniger verbindliche Aussagen zu einem so frühen Zeitpunkt getroffen werden, desto einfacher macht das vermutlich das Vorhaben. Wenn überhaupt, dann wissen wohl ohnehin nur einige wenige Leute in der Führungsetage, wie die Zukunft der Sun’schen Open-Source-Projekte aussieht. Zudem darf nicht vergessen werden, dass – auch wenn es nur noch eine Formsache zu sein scheint – die Übernahme noch nicht vollzogen ist.
Aber zurück zur Kernfrage. Was wird nun aus OpenOffice.org? Bekanntermaßen sind wir stark mit Sun verbunden. Sun ist seit Beginn des Projektes vor nahezu zehn Jahren unser Hauptsponsor und beschäftigt einen Großteil der Entwickler. Insofern hat die Übernahme natürlich einen Einfluss auf die Weiterentwicklung von OpenOffice.org. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass wir gleichzeitig auch eines der größten Open-Source-Projekte weltweit sind mit tausenden, die sich tagtäglich ehrenamtlich oder beruflich einbringen. So gibt es neben den Sun-Entwicklern auch einige festangestellte bei Novell, Red Hat oder IBM, um nur einige zu nennen. Andere Bereiche des Projekts, wie Marketing, Lokalisierung, große Teile der Qualitätssicherung, unsere Userforen und einige Wikis sowie die Betreuung der Webseite werden fast ausschließlich von Ehrenamtlichen gestemmt. Schon seit langem gibt es allein in Deutschland zwei Vereine (Wer spenden möchte: www.ooodev.org und www.teamopenoffice.de), die durch Spendengelder und Engagement das Projekt OpenOffice.org stark unterstützen, die Entwicklung vorantreiben, eigene Veranstaltungen organisieren, an Messen teilnehmen und vieles mehr. Alle diese Leute sind von der Sun-Übernahme zunächst nur indirekt betroffen.
Niemand kann OpenOffice.org an sich „kaufen“, niemandem „gehört“ es – denn OpenOffice.org ist freie Software unter der GNU Lesser General Public License. Es darf von jedermann weiterentwickelt werden. Daran ändert auch eine Übernahme nichts. Schon vor Bekanntwerden der Übernahmegerüchte war es unser erklärtes Ziel, dieses Jahr den Anteil der freien Entwickler massiv zu erhöhen. Erste Erfolge haben wir schon erzielt. So fallen mir spontan zwei Beiträge aus dem – übrigens von Sun ausgelobten – Community Innovation Program ein, die direkten Eingang ins Programm gefunden haben und ausschließlich von freien Entwicklern programmiert wurden, obwohl die Aufgabenstellung alles andere als trivial war. In diesem Jahr sind weitere Aktionen geplant, um noch mehr Programmierer für uns zu gewinnen.
Liest man momentan die Meinungen prominenter Open-Source-Vertreter, so ist die Bandbreite gewaltig – während die einen das Ende von Open Source befürchten, sind die anderen voller Optimismus. Ich denke, eine solche Vielfalt der Meinungen ist angesichts des Wirbels, den die Übernahme ausgelöst hat und angesichts der Größe der beiden Firmen durchaus normal. Dennoch ist gerade jetzt ein ruhiger Kopf wichtig. Öffentlich sind bis dato noch keine Details bekannt – weder, was die Zukunft der betroffenen Open-Source-Projekte angeht, noch ob die Marke Sun vom Markt verschwinden soll oder nicht.
Natürlich muss ich als Vertreter von OpenOffice.org Optimismus verbreiten – aber das ist, Hand aufs Herz, auch meine ganz persönliche Meinung. Jede Veränderung bringt etwas Ungewisses mit sich, dennoch sehe ich der Zukunft sehr optimistisch entgegen. Zunächst einmal freue ich mich, dass die Diskussionen und die Unsicherheit um die Zukunft von Sun ein Ende haben, dass die Firma nach der angekündigten Übernahme wieder in ein ruhigeres Fahrwasser kommt. Mein persönlicher Wunsch ist es, dass das Projekt OpenOffice.org den Weg weiter gehen darf, den es bislang so erfolgreich gegangen ist, und dass wir mit den bewährten Ansprechpartnern auch in Zukunft zusammenarbeiten dürfen – denn viele davon sind mittlerweile nicht nur Kollegen, sondern auch Vertraute und gute Freunde geworden. Ich bin mir sicher, dass die Verantwortlichen wissen, wie wichtig OpenOffice.org ist, welchen Stellenwert es hat, was wir die vergangenen Jahre gemeinsam erreichen durften und welches Potential für die Zukunft in uns steckt.
Doch selbst, wenn sich alle diese Erwartungen als falsch herausstellen, so bedeutet das mitnichten das Ende von OpenOffice.org. Wir haben eine starke Community, deren Zusammenhalt und Teamgeist sich gerade in einer solchen Situation zeigt. Viele Möglichkeiten sind denkbar, den Code weiter zu pflegen. Sei es mit einer anderen Firma als Sponsor, sei es über eine unabhängige Foundation bzw. Stiftung oder über andere Wege. Aber das ist für mich momentan Zukunftsmusik, denn bislang läuft das Tagesgeschäft wie gewohnt weiter. Auch die Verzögerung der Version 3.1 hat rein technische Gründe, die nichts mit der bevorstehenden Übernahme zu tun haben.
In diesem Sinne sehe ich der Zukunft gelassen und optimistisch entgegen. Ich wünsche mir eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit und freue mich auf den künftigen gemeinsamen Weg. Allen Nutzern möchte ich nochmals sagen, dass kein Grund zur Panik besteht – OpenOffice.org wird es auch in Zukunft geben.
Übrigens: Jeder, der sich weiter über die aktuellen Entwicklungen bei OpenOffice.org informieren möchte, ist herzlich eingeladen, meinen Feed bei Twitter (http://www.twitter.com/floeff/) oder identi.ca (http://www.identi.ca/floeff/) zu abonnieren. Auch in meinem Blog werde ich natürlich regelmäßig über Neuigkeiten berichten.

