Aus Linux-Magazin 07/2026

25 Jahre Vintage Computer Festival Europa

© Wolfgang Stief, CC0

2026 feiert das Vintage Computer Festival Europa sein 25. Jubiläum. Veranstaltungen in Berlin, München und Zürich präsentieren historische Rechentechnik zum Bestaunen und Anfassen.

Die Generation Z ist mit der Rechentechnik in miniaturisierter Form aufgewachsen und kennt kaum noch etwas anderes. Millennials können sich meist nur schwer vorstellen, welche Dimensionen Geräte früher besaßen und welcher Aufwand – im Vergleich zu heute – notwendig war, um damit größere Datenmengen zu verarbeiten.

Sie provozieren garantiert ein ungläubiges Gesicht, wenn Sie Ihren Kindern und Enkeln erzählen, wie Sie anno dunnemals mit einem Betriebssystem arbeiteten, das auf einer kleinen Plastikscheibe in einer Papphülle mit abgesägter Ecke und Loch gespeichert war, und dass auf eine solche “Diskette” heute nicht mal mehr ein aktuelles Handyfoto passen würde.

Um die Leistung zu begreifen, die hinter der Entwicklung der modernen IT steckt, bleibt nur, sich entsprechende Relikte aus grauer Vorzeit genauer anzusehen und sie nach Möglichkeit sogar in Aktion zu erleben. Das gelingt meist nur in Museen oder auf besonderen Veranstaltungen. Die Tabelle “Ausstellungen zur Geschichte der Rechenmaschinen” stellt eine Auswahl von Museen im deutschsprachigen Raum zusammen, die jeweils einen ausgewählten Aspekt der Entwicklung der Rechentechnik als Schwerpunkt präsentieren.

Name

Ort

Schwerpunkt

Arithmeum [6]

Universität Bonn

historische Rechentechnik

Die Diskette [7]

Schaffhausen

thematisch wechselnde Ausstellungen

Heinz-Nixdorf-Museum [8]

Paderborn

Siemens-Nixdorf

Deutsches Technikmuseum [9]

Berlin

mechanische und elektronische Rechentechnik, Konrad Zuse

Konrad-Zuse-Museum [10]

Hünfeld

Konrad Zuse

Computerspielemuseum Berlin [11]

Berlin

historische Computerspiele, Arcade, Spielkonsolen

Stadtmuseum Tübingen [12]

Tübingen

Schickards Rechenmaschine

Universität Tübingen [13]

Tübingen

Schickards Rechenmaschine, Rechentechnik zwischen 1970 und 1999

Computeum [14]

Vilshofen/Donau

Rechenmaschinen ab 1941

µ-Museum [15]

Rastatt

Rechenmaschinen und ihre elektronische Nachfahren

Geht es um Veranstaltungen, denken Kenner der Szene sofort an das Vintage Computer Festival Europa (VCFe [1]) und die Classic Computing [2]. Während das VCFe bislang in München, Zürich, Berlin und Hünfeld (seit 2025) organisiert wurde, findet die Classic Computing jährlich an unterschiedlichen Orten statt. 2025 war sie im oberfränkischen Hof (Saale), 2026 ist Celle (Niedersachsen) der Veranstaltungsort.

Beide Events haben gemeinsam, dass sie den Schwerpunkt auf die Rechnergeschichte der letzten 60 bis 75 Jahre legen, wobei durchaus auch Exponate aus früheren Jahrzehnten willkommen sind (Abbildung 1). Die Ausstellungsstücke stammen überwiegend aus privaten Sammlungen und von Vereinen und werden von ihren Eigentümern liebevoll gepflegt.

Abbildung 1: Mechanische Rechenmaschinen und Tischrechner auf dem VCFe 2017. Quelle: Wolfgang Stief, CC0

Abbildung 1: Mechanische Rechenmaschinen und Tischrechner auf dem VCFe 2017. Quelle: Wolfgang Stief, CC0

Da das VCFe 2026 sein 25. Jubiläum feiert (Abbildung 2), haben wir im Vorfeld mit Hans Franke (Abbildung 3) gesprochen, einem der Organisatoren. Wir wollten von ihm wissen, was diese Veranstaltung so besonders macht und wie er auf das vergangene Vierteljahrhundert an Veranstaltungsgeschichte zurückblickt.

Abbildung 2: Plakat zum VCFe 2026. Quelle: VCFe

Abbildung 2: Plakat zum VCFe 2026. Quelle: VCFe

Abbildung 3: Unser Interviewpartner Hans Franke, einer der VCFe-Organisatoren. Quelle: Wolfgang Stief, CC0

Abbildung 3: Unser Interviewpartner Hans Franke, einer der VCFe-Organisatoren. Quelle: Wolfgang Stief, CC0

Fragen an die Organisatoren

Linux-Magazin: Warum macht ihr euch die Mühe, diese Veranstaltung jedes Jahr auf die Beine zu stellen? Kann man das nicht alles im Internet nachlesen?

Hans Franke: Klar! Aber über Fußball kann man auch alles online nachlesen. Trotzdem spielen jeden Samstag Tausende Vereine und frequentieren Hunderttausende die Stadien. Es gibt doch Live-Streams, warum das Haus verlassen? Du siehst den Kurzschluss?

LM: Aber klar! Wer sind die Aussteller und Besucher der Veranstaltung?

HF: Das ist bunt gemischt: Professor neben Postbote, IT-ler neben Waldbauer. Grundsätzlich gilt Ähnliches für die Besucher, wobei oft viele Studenten dabei sind. Generell handelt es sich bei einem guten Drittel um Wiederholungstäter, also Besucher, die jedes Jahr kommen. Bei den Ausstellern liegt die entsprechende Quote bei rund 50 Prozent.

LM: Was hebt das VCFe von anderen, ähnlichen Veranstaltungen ab?

HF: Da ist zum einen das Alter und zum anderen die Struktur als Treffen – Ausstellung und Vortragsreihe in einem. Hinzu kommt die Ausrichtung auf Besucher, nicht nur auf die Teilnehmer. All das läuft ein wenig organisierter ab als bei ähnlichen Treffen. Wir haben sogar irgendwie den Ruf einer Hochglanzveranstaltung, was aber absolut nicht zutrifft.

Der Grundgedanke ist: ein Mann, ein Computer und ein Thema – das Gegenteil von Masse. Wir bekommen immer wieder Anfragen von Leuten, die mit Dutzenden Ausstellungsstücken kommen wollen. Aber wofür wäre eine Ausstellung mit 10 Computern gut, die da nur so herumstehen, piepsen und zeigen sollen, wie viel jemand hat? Das ist langweilig.

VCFe-Ausstellungen sind eher Projekte. Man kann als Aussteller zeigen, was man macht, womit man es macht und wie man das macht. Es handelt sich mehr um ein Maker Fair als um ein Retro-Treffen.

LM: Wer interessiert sich denn noch für alte Computer?

HF: Alle. Die Zeiten, in denen das nur was für Nerds war, sind lange vorbei. 2026 haben wir langsam die vierte Generation, die mit dem Computer aufgewachsen ist – also Leute, für die der Computer so selbstverständlich ist wie das Auto, fließendes Wasser und die Zentralheizung. Die letzte Generation, die Computer erst als Erwachsene kennengelernt hat, ist jetzt im Rentenalter. Die Graubärte machen Platz …

LM: Das klingt ja eher nach einer Jugendveranstaltung. Rückblickend betrachtet: Was war bislang das außergewöhnlichste Ausstellungsstück in der Historie der Veranstaltung?

HF: Das ist schwer zu sagen. Wir haben vieles gehabt, von kleinen Singleboardern bis zu IBM/360-Mainframes, vom Röhren- bis zum Transistorcomputer, von Meilensteinen (DISER Lilith, Honeywell CT70, Apple I, Amiga-Prototyp etc.) bis zu Unbekanntem.

LM: Was ist 2026 das Highlight der Veranstaltung?

HF: Alles! Echt, es fällt mir schwer, irgendetwas hervorzuheben, weil halt jedes Teil in seiner Ecke ein Goldstück ist. Am besten siehst du dir mal die Ankündigungen an und suchst das, was dir auffällt.

LM: Das mache ich gern! Warum ist das VCFe für junge Leute interessant? Warum sollten sich Kids alte Rechner ansehen?

HF: Ach, dafür gibt es viele Gründe. Wasser ist eben Wasser, es gefriert bei 0 Grad Celsius und kocht bei 100. Analog gilt das auch für jede Form von Technik. Grundlagen und Lösungen bleiben dieselben, früher wie heute. Ansonsten ist es ja nicht so, dass wir hier beim Dampfradio stehen geblieben wären. Es gibt FPGA-Implementationen, moderne Hardware und jede Menge Software. Und dann ist da noch der Spaßfaktor: Die heutige Begeisterung für Retrospiele wird ja nicht primär von alten Leuten getragen, oder?

LM: Da können wir Ältere den Jungspunden zeigen, was in uns steckt! Wie viel Zeit sollte man denn für den Besuch der Veranstaltung einplanen?

HF: Kommt darauf an, was einen interessiert. Das Vortragsprogramm läuft über alle drei Veranstaltungstage, sprich: Wer alles live hören will, braucht halt drei Tage. Für einen Rundgang durch die Ausstellung genügen zwei, drei Stunden, sofern man nicht irgendwo hängenbleibt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Besucher einzelne Ausstellungsstücke für viele Stunden belegen, darauf spielen oder auch programmieren.

LM: Gibt es ein Computerprogramm, das auf den meisten der Exponate läuft, um diese in Bezug auf ihre Performance miteinander vergleichen zu können?

HF: Ja, da haben wir den Forth-Benchmark. Er wurde vor vielen Jahren – ich weiß es nicht mehr genau, ein Jahrzehnt wird es auf jeden Fall sein – genau für diesen Zweck entwickelt. Es gibt auch eine Webseite dazu [3].

LM: Was ist die Gesamtrechenleistung aller Exponate?

HF: Flapsig gesagt: witzlos. Das Mobiltelefon in meiner Tasche bringt wahrscheinlich mehr Leistung als alle Ausstellungsstücke zusammen. Das heißt aber nicht, dass die einzelnen Ausstellungsstücke langsam sind. Aber die Entwicklung selbst über “nur” 10 Jahre ist unerbittlich, wenn es um Instructions per second geht. Allerdings, wenn man ehrlich ist: Der Pacman auf meinem Smartphone ist weder schneller noch sieht er schöner aus als der auf einer alten Spielkonsole.

LM: Wie hoch liegt der Stromverbrauch für die Veranstaltung?

HF: Nicht so tragisch: Wir laufen auf neun Steckdosen mit insgesamt 16 Ampere. Die alten Maschinen verbraten vielleicht sehr viel mehr Watt pro MIPS, aber es sind so wenig MIPS, dass sich der Stromverbrauch in engen Grenzen hält. Ein Apple II oder Commodore 64 ziehen maximal rund 40 Watt. Selbst mit Ausbau auf das absolute Maximum kommen da keine 100 Watt pro Rechner zusammen.

LM: Das klingt ja überschaubar, wir hätten mit deutlich mehr gerechnet. Wie viele Besucher kommen denn zum Event?

HF: Das hängt stark vom Wetter ab. Wenn es morgens von 5 bis 7 Uhr regnet, dann haben wir Bude voll (Abbildung 4). Wenn nicht, bleibt es überschaubar, dann ist halb München in den Bergen unterwegs.

Abbildung 4: So sah die Ausstellungshalle zum VCFe 2017 aus. Quelle: Wolfgang Stief, CC0

Abbildung 4: So sah die Ausstellungshalle zum VCFe 2017 aus. Quelle: Wolfgang Stief, CC0

LM: Dann hoffen wir mal auf Schnürlregen! Wenn es jemand nicht zum VCFe schaffen sollte: Hast du für denjenigen noch einen Tipp, wo er sich an älterer Hardware berauschen kann?

HF: Aber klar doch! Das nächste VCFe findet am 22. und 23. August 2026 in Hünfeld statt [4], als Teil der Veranstaltungen zum Jubiläum des Titels “Konrad-Zuse-Stadt Hünfeld”. Außer dem VCFe gibt es da noch das Hünfelder Stadtmuseum mit einer absolut sehenswerten Ausstellung zu Zuse und seiner Technik.

LM: Das klingt spannend, dankeschön für die Einblicke ins VCFe! Wir wünschen gutes Gelingen für die Veranstaltung!

Zu ergänzen bleibt noch, dass das Computeum einen Youtube-Kanal bespielt [5], auf dem die Videos der Vorträge der letzten VCFes bereitstehen. Hinzu kommen ein Rundgang zur Ausstellung von 2025 und daraus erstellte Kurzvideos. Für das 2026er-Event steht außerdem eine Mastowall bereit, über die man das Feedback zur Veranstaltung mitverfolgen kann.

Fazit

Historische Rechentechnik hat bis heute nichts von ihrer Faszination verloren. Die Vielfalt der technischen Umsetzungen ist beeindruckend und lässt nur über die Zeit hinweg verstehen, welch hoher Grad an Ingenieurskunst darin steckt – unabhängig davon, ob Taschen- und Tischrechner, Buchungsautomat oder Mehrkerncomputer. (jlu)

Danksagung

Der Autor bedankt sich bei Hans Franke für seine kritischen Anmerkungen zum Artikel und bei Wolfgang Stief für die Bereitstellung der Abbildungen.

Der Autor

Frank Hofmann hat Informatik an der TU Chemnitz studiert. Seit 2004 arbeitet er zumeist von unterwegs aus als Entwickler, Trainer und Autor. Er gehört zu den Autoren des Debian-Paketmanagement-Buchs (https://dpmb.org).

Infos

  1. Vintage Computer Festival Europa (VCFe): https://vcfe.org
  2. Verein zum Erhalt klassischer Computer e. V. (VzEkC): https://www.classic-computing.de
  3. The Ultimate Forth Benchmark: https://theultimatebenchmark.org
  4. Vintage Computer Festival Hünfeld: https://www.huenfeld.de/de/huenfeld-meine-stadt/huenfeld-erleben/vcfe/
  5. Youtube-Kanal des Computeums: https://www.youtube.com/@computeum8835
  6. Arithmeum der Universität Bonn: https://www.arithmeum.uni-bonn.de/arithmeum.html
  7. Die Diskette, Schaffhausen: https://diskette.ch
  8. Siemens-Nixdorf-Museum, Paderborn: https://hnf.de
  9. Deutsches Technikmuseum Berlin: https://technikmuseum.berlin
  10. Konrad-Zuse-Museum, Hünfeld (Rhön): https://www.zuse-museum-huenfeld.de/de/
  11. Computerspielemuseum Berlin: https://computerspielemuseum.de
  12. Stadtmuseum Tübingen: https://www.stadtmuseum-tuebingen.de/veranstaltungen/rechnen-mit-schickards-rechenmaschine/
  13. Universität Tübingen, FB Informatik: https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/mathematisch-naturwissenschaftliche-fakultaet/fachbereiche/informatik/fachbereich/geschichtliches/schickards-rechenmaschine/
  14. Computeum, Vilshofen/Donau: http://computeum.org
  15. µ-Museum: https://museum.computergeschichte.de
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