Nur mit Open-Source-KI können Schulen ihrem Bildungsauftrag gerecht werden, sagen zwei Expertinnen. Wer dort auf Konzernprodukte von der Stange setzt, riskiert die Zukunft unserer Gesellschaft. Ein Appell.
“Das größte Problem ist doch, dass man in der Schule nichts oder viel zu wenig über Sprachwissenschaft lernt,” erklärt Aurelie Herbelot. Über viele Jahre war sie als Assistenzprofessorin für KI am CIMeC (Center for Mind/Brain Sciences) der Universität Trento [1] in Italien tätig, heute forscht sie in Sachen künstlicher Intelligenz und Ethik. “Als ich meine Schulzeit beendet habe, hatte ich Kenntnisse über die Relativitätstheorie, genetische Rekombination und chemische Struktur. Aber ich wusste nichts über Sprache, abgesehen von der Grammatik meiner Muttersprache. Unser linguistisches Bildungsangebot ist miserabel, und so ist es kein Wunder, dass Kinder und Erwachsene zwischen ChatGPT und Mensch nicht unterscheiden können.”
“Klar: Jeder will, dass Kinder lernen, wie mit Sprachmodellen umzugehen ist. Gleichzeitig ist das zur Verfügung stehende Bildungsangebot eher oberflächlich.” Doch ohne das Wissen, wie so ein Modell funktioniert und wie stark es sich von einem menschlichen Wesen unterscheidet, könnten Lernende den Output nicht beurteilen.
Deshalb, so Herbelot, müssen wir Kindern Werkzeuge geben, mit denen sie spielerisch etwas über Sprache und Informatik lernen können. “Und damit meine ich NICHT das ‘Google Education’-Angebot, wo es nur darum geht, die eigenen Blackbox-Modelle in Schulen reinzuschmuggeln.” Der Wissenschaftlerin liegt daran, dass Kinder und Lehrer Sprachmodelle und die eigenen Gehirne ein bisschen besser “auspacken können”. Und das geht eben nur mit Open Source.
Small AI und Botchen
Herbelot ist ein Verfechter der “Small-AI”-These. Demnach sollen KI-Systeme kleine Experten sein und explizit nicht umfassend intelligent. Mit dem Botchen-Projekt am Schauspielhaus Hamburg [2] und einer Plattdeutsch-KI für Schulen in Schleswig-Holstein treibt sie Lernprojekte voran, deren Fokus auf dem Verstehen der KI liegt (mehr zur KI op Platt liefert in Kürze ein Bericht des NDR [3]).
Die Schweizer KI-Expertin, Datenschützerin und Open-Source-Evangelistin Henriette Baumann hat in ihrer umfangreichen Karriere unter anderem für die Open Source Business Alliance (OSBA) in den Arbeitsgruppen Education und KI gearbeitet. Heute ist sie beim Schweizer IT-Beratungsunternehmen Integratio [4] angestellt und betont, dass Open-Source-KI-Systeme Erleichterungen bei den Compliance-Aufwänden bringen. Es sei wichtig, dass auch “Schüler befähigt werden, die wesentlichen Mechanismen von KI-Systemen zu verstehen und lernen, wie Ausgaben von KI-Systemen entstehen, wie sie zu bewerten sind und wie man Transparenz einfordern kann.” Es sei die Aufgabe der Bildungseinrichtungen, diese Grundkenntnisse der Digitalisierung und künstlichen Intelligenz zu vermitteln.
Vorteil: Open Source
Dies, so Baumann, kann nur mit Open-Source-KI-Systemen vollumfänglich veranschaulicht und gelehrt werden. Und nur mit diesen lassen sich schulspezifische KI-Modelle fördern, die von den Bildungseinrichtungen selbst, auch unter Mitwirkung der Schüler erstellt und trainiert werden können. “Die Bildungseinrichtungen haben so volle Kontrolle und können aktiv Einfluss nehmen. Die digitale Souveränität, die für Bildungseinrichtungen aus meiner Sicht unerlässlich ist, kann nur mit Open-Source-KI-Systemen vollumfänglich erreicht werden.”
OSS-KI-Systeme seien auch dann Pflicht, wenn es darum geht, Schüler zu sensibilisieren, sei es in Sachen Datenschutz oder ressourcenschonendem Einsatz, aber auch weil der Schulapparat die Pflicht hat, kommerziellen Einfluss und Produktabhängigkeiten von Herstellern zu unterbinden.
Die lustige Werbefigur Ronald McDonald bindet Kinder auf spielerische Weise an die Hamburger der großen Fastfood-Kette. Vor diesem sogenannten Ronald-McDonald-Modell solle man sich hüten. Allzu viele Konzerne wollen Schüler “nur” als Konsumenten heranzüchten. In der Vergangenheit prägte der flächendeckende Einsatz von Microsoft-Produkten in Schulen künftige Mitarbeiter nachhaltig. Dass Apple iPads in Schulen bringt, ist keineswegs pure Wohltätigkeit. Das darf sich bei KI nicht wiederholen. Es wäre fatal, die Schüler als Anwender einer KI heranzuziehen.
Fazit
Nur anhand von offenen Sprachmodellen können Schüler ihren Aufbau verstehen und ihre Antworten nachvollziehen. Das wiederum ist die Voraussetzung, um die Ausgaben anderer KI-Systeme einordnen zu können. Das alles gelingt jedoch nur, wenn Schulen und Lehrer sie aktiv in ihren Lehrplan einbinden. (tsc)
Infos
- CIMeC – Center for Mind/Brain Sciences: https://www.cimec.unitn.it/en
- Botchen: https://www.botchen.org/
- NDR Platt: http://www.ndr.de/platt
- Integratio: https://integratio.com/de/






