Das Schweizer Bundesgericht und die französische Polizei schildern in zwei neuen Fallstudien des europäischen Informationsdienstes OSOR ihre Schritte hin zu Open Source, die im einen Fall Erfolg, im anderen Fall Probleme bescherten.
Wegen ihrer allmählich veraltenden Infrastruktur stellten das Schweizer Bundesgericht und die französische Gendarmerie Nationale ab dem Jahr 2001 ihre IT-Infrastruktur neu auf und orientierten sich in Richtung quelloffener Software. Beide nennen in den Fallstudien offene Standards, Hersteller-Unabhängigkeit, Anpassbarkeit und Modularität als Gründe, außerdem Sicherheit und Transparenz. Beide betonen als Erfolgskriterium, die Führung hinter dem Projekt zu wissen und sowohl Nutzer als auch Verantwortliche nicht zu übergehen.
Die Schweizer starteten mit Solaris und Star Office und fügten in den folgenden Jahren das Content-Management-System Alfresco, Firefox und Thunderbird hinzu. Bis Ende des Jahres 2009 will das Gericht sämtliche Desktops auf die OSS-Version von Solaris, Open Solaris, umstellen. Weil das Bundesgericht mit seiner Entscheidung sehr zufrieden ist, hat es seine Infrastruktur auf das 2007 neu organisierte Bundesverwaltungsgericht übertragen – und sich damit in die Nesseln gesetzt. Erstens entstand das neue Gericht aus vorher 37 Einzelstellen, woran sich die Mitarbeiter erst gewöhnen müssen. Zweitens hatten die Projektverantwortlichen innerhalb des Verwaltungsgerichts keine Entscheidungsbefugnis für ihre neue IT-Infrastruktur und erhielten auch kein eigenes IT-Team.
Laut der Studie führt beides dazu, dass die Menschen im Bundesverwaltungsgericht ihrer neuen Infrastruktur ablehnend gegenüberstanden – vor allem den Open-Source-Elementen.
Die Geschichte der französischen Gendarmerie liest sich glücklicher. Hier sammelt die Methode “weiche Migration” Pluspunkte. Dabei wurde nicht alles auf einmal umgestellt, sondern 2005 die Bürosuiten, 2006 die Browser und Mail-Clients und seit 2008 hat jeder neue Arbeitsplatz ein Linux-Betriebssystem an Bord. Da auf den Servern der landesweit 100.000 Mitarbeiter mit Zenrale in Paris bereits Debian lief, entschied sich die öffentliche Einrichtung auch im neuen Front-Office für Debian, nämlich das “anwenderfreundliche” Ubuntu. Im vergangenen Jahr wuchsen 5.000 neue Rechner mit Ubuntu der Polizeirechner-Familie zu, 2009 sollen weitere 15.000 folgen. Die Gesamtmigration soll bis 2015 abgeschlossen sein. Das IT-Team rechnet mit rund 7.000 Euro Ersparnis pro Jahr.
Eine besondere Rolle nimmt im Fall Frankreich der Ubuntu-Sponsor Canonical ein: Laut der Fallstudie leistet ein Projektmanager von Marc Shuttleworth seit Mitte 2008 eine Art inoffiziellen Gratis-Support für die fünf bis zehn Leute des zuständigen IT-Teams bei der Gendarmerie. Die Größenordnung des neuen Ubuntu-Anwenders sei interessant und lehrreich genug für die Ubuntu-Firma, gibt Canonical an. Außerdem, gibt die Studie an, wird es demnächst auch einen offiziellen Call for Supporters seitens der französischen Polizei geben.
Die Fallstudien zum Schweizer Verwaltungsgericht und zur französischen Bundespolizei sind etwa 10 Seiten lang und stehen im ODF- und PDF-Format englischsprachig auf den OSOR-Seiten zur Verfügung. Der Autor Gregor Bierhals arbeitet als Forscher an der gemeinsamen Forschungseinrichtung der Maastrichter Universität und der United Nations Universität (UNU-MERIT) in Maastricht.
Der europäische Informationsdienst OSOR (Open Source Observatory and Repository) hat zur Aufgabe, die Verbreitung von Open-Source-Software zu fördern. Es ist Teil des europäischen IDABC-Programms, ein Programm der europäischen Kommission, das noch bis Ende 2009 Bürger und Unternehmen über grenzübergreifende öffentliche Dienste im Bereich E-Governance informiert (IDABC, Interoperable Delivery of European eGovernment Services to public Administrations, Business and Citizens).



