Aus Linux-Magazin 06/2025

Report: KubeCon + CloudNativeCon Europe 2025

© CNCF

Zur diesjährigen europäischen Ausgabe der KubeCon + CloudNativeCon strömten rund 14 000 Besucher in das Excel-Kongresszentrum nach London – ein neuer Europarekord. Zu den Themen zählte der Umgang mit KI.

Das an der Themse gelegene Kongresszentrum Excel zeigte sich auf dem Hauptgang zuweilen derart voll von Besuchern, dass man sich im Eingangsbereich eines Popkonzerts wähnte. Auch wenn in den Kongresshallen noch weitere Veranstaltungen stattfanden, die KubeCon + CloudNativeCon sorgte für reichlich Zulauf. Chris Aniszczyk, CTO des Veranstalters CNCF, musste bei den Keynotes die Besucherzahlen jeden Tag nach oben korrigieren und landete schließlich hocherfreut bei über 14 000 (Abbildung 1).

Abbildung 1: Chris Aniszczyk, CTO bei der CNCF, eröffnete die KubeCon + CloudNativeCon. Quelle: CNCF

Abbildung 1: Chris Aniszczyk, CTO bei der CNCF, eröffnete die KubeCon + CloudNativeCon. Quelle: CNCF

Dass bei den Keynotes Greg Kroah-Hartman von der Linux Foundation für seine Übersicht zum Einsatz von Rust im Linux-Kernel großen Applaus bekam, lag nicht allein an der nonchalanten Art des hünenhaften Kernel-Maintainers. Das Publikum der Konferenz liebt Beiträge von aktiven Entwicklern, die sich zudem keine strenge Compliance auferlegen.

Weltherrschaft wahren

Linux regiert die Welt, ließ Kroah-Hartman das Keynote-Publikum wissen. Von Android über Server, TV-Geräte, Autos, der Raumfahrt bis hin zur Melkmaschine: Linux steckt in irgendeiner Form in nahezu allen aktuellen Technologien, unterstrich er in seinem Vortrag, und die Linux-Developer-Community liefert ununterbrochen Beiträge zum Kernel. Mit 8,7 Änderungen pro Stunde und 40 Änderungen am Tag liegt nach seiner Aussage der Linux-Betriebssystemkern bei den Open-Source-Projekten vorn und funktioniert über die vergangenen 15 Jahre hinweg wie ein Uhrwerk.

Damit das so bleibt, und um Maintainern das Leben zu erleichtern, sprach sich Kroah-Hartman für den Einsatz von Rust aus. Er sei sich sehr wohl bewusst, dass es eine schwierige Aufgabe sei, die Meinung von Entwicklern zu ändern, sagte er. Damit spielte er auf die Vorherrschaft von C im Kernel an und besonders auf die eisernen C-Verfechter unter den Kernel-Entwicklern. Aktuell sind laut Greg KH 34 Millionen Zeilen Code des Kernels in C geschrieben und 25 000 in Rust. Der Zahlenvergleich sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass prominente Bestandteile wie der GPU-Treiber in Rust entwickelt werden, gab er zu bedenken.

Abbildung 2: Greg Kroah-Hartman brach eine Lanze für Rust. Quelle: Computec Media GmbH

Abbildung 2: Greg Kroah-Hartman brach eine Lanze für Rust. Quelle: Computec Media GmbH

Er betonte die Tatsache, dass Rust eine große Zahl von Sicherheitsproblemen bereits beim Build verhindern kann und nicht erst beim Code Review. Das mache das Coden einfacher, die Kontrolle leichter und sorge für weniger Fehler. Nach Kroah-Hartmans Meinung findet idealerweise der Compiler Bugs, bevor der Maintainer damit zu tun bekommt: “People first, compiler second.” Rust bedeutet laut Kroah-Hartman mehr Spaß für Maintainer und ein sichereres Linux für Anwender. Er räumte ein, dass Rust genauso übel crashen kann wie C. Doch die moderne Sprache vereinfache den Code-Review-Prozess und sei damit ein wichtiger Bestandteil der “Weltherrschaft von Linux”.

Einblicke

Die CNCF hat es sich zur Gewohnheit gemacht, in einer Studie regelmäßig die Akzeptanz von Cloud Native, die Cloud- und Containernutzung sowie die Reichweite von Kubernetes und das Projektwachstum abzufragen. Dazu trugen im Herbst 2024 rund 750 Mitglieder der Gemeinschaft mit ihren Erfahrungen bei [1]. Nach Auswertung der erhobenen Daten konnte die Foundation einen neuen Höchststand in der Akzeptanz vermelden: 89 Prozent der befragten Community-Mitglieder setzen Cloud-Native-Techniken ein. Kubernetes darf ebenfalls auf wachsende Beliebtheit im produktiven Einsatz zählen. Von 66 Prozent im Jahr 2023 stieg der Anteil der Befragten, die Kubernetes im Unternehmen produktiv einsetzen, auf aktuell 80 Prozent.

Auf die Frage, welche Herausforderungen beim Einsatz von CNCF-Projekten in der Produktion aufgetreten oder zu erwarten seien, drückten 46 Prozent die Befürchtungen aus, dass Open-Source-Projekte inaktiv werden könnten (2023: 37 Prozent). Die Komplexität stellt ein weiteres Problemfeld dar. 46 Prozent sagten, die Projekte seien zu kompliziert, um sie zu verstehen oder auszuführen. Auch in dieser Hinsicht sind die Bedenken gewachsen, im Vorjahr waren lediglich 33 Prozent der Anwender dieser Meinung. Nicht zuletzt nannten 45 Prozent der Befragten den Mangel an unterstützender Dokumentation eine Herausforderung.

Dagegen sinken offenbar die Sicherheitsbedenken. Fürchteten 2023 noch 36 Prozent Sicherheitslücken in den CNCF-Projekten, galt das 2024 nur noch für 29 Prozent. Fehler im Code sehen ebenfalls weniger Befragte als kritisch an: Die Quote sank von 32 Prozent im Jahr 2023 auf nur noch 26 Prozent in der aktuellen Umfrage. Erfreulich ist für die CNCF auch, dass sich in den Führungsspitzen der Unternehmen ein Wandel in der Akzeptanz von FOSS-Projekten abzeichnet. Dass das Management keinen Wert in Open Source sieht, gaben diesmal lediglich 16 Prozent der Befragten an, 2023 waren es noch 21 Prozent.

KI im Anmarsch

Das allgegenwärtige Thema künstliche Intelligenz hat vor der CloudNativeCon nicht haltgemacht, KI war in London allgegenwärtig. Dennoch ließ sich eine gewisse Zurückhaltung gegenüber der Euphorie in anderen Branchen ausmachen.

So sieht zum Beispiel Vijay Samuel, Principal MTS bei Ebay und unter anderem für Observability und Site Operations zuständig, in KI ein Hilfsmittel, aber kein Allheilmittel. Mit Machine Learning sei der erste Schritt in die automatisierte Fehlersuche und Observability gelungen. Mit LLMs zünde die nächste Stufe, die unter anderem die Vorteile von natürlicher Sprache in die Datenwelt einbringe und menschenlesbare Ausgaben erzeugen könne.

Auf der anderen Seite warnte Samuel explizit davor, deswegen Entwickler einzusparen. KI stehe eben auch für garantierte Zufälligkeit und endliche Kontextfenster. Dass bei Ebay die schiere Datenmenge ein Problem für eine wirkungsvolle Überwachung der Prozesse darstellt, leuchtet ein. Mehr Daten, so Vijay Samuel, geben den LLMs mehr Raum zum Halluzinieren. Der Ebay-Manager empfiehlt deshalb einen Mittelweg beim KI-Einsatz. LLMs sollte man für das verwenden, was sie können: Zusammenfassungen erstellen und den kritischen Pfad erklären.

Mit dem Tool Kagent hat Solo.io bei der KubeCon ein Framework vorgestellt [2], mit dem sich KI-Agenten erstellen und ausführen lassen. Das Tool liegt jetzt bei der CNCF im Sandboxing-Prozess und wartet auf die Anerkennung der Foundation. Kagent basiert auf drei Schlüsselschichten: Tools, Agenten und einem deklarativen Framework. Zum Start unterstützt Solo.io die CNCF-Projekte Argo, Helm, Istio, Kubernetes und Prometheus mit KI-Tools.

Als CNCF-Projekt könnte sich Kagent einen breiten Katalog an Agenten erarbeiten. Lin Sun, Senior Director Open Source bei Solo.io, sagte dem Linux-Magazin, dass KI für mehr Effektivität sorge. Bei Problemen könne man natürliche Sprache nutzen, um die LLMs zu bedienen.

Blick in die Zukunft

Beim Roundtable zur Entwicklung von Cloud Native gaben die Experten aus der Branche Einblicke in ihre Wünsche an künftige Entwicklungen. Dass KI Veränderungen mitbringt, war unbestritten. Auch die Politik war Gegenstand der Diskussion.

Randy Bias, Vice President of Open Source Strategy and Technology bei Mirantis [3], sieht die Versprechen aus der Vergangenheit noch nicht eingelöst. Cloud Native und Kubernetes hätten versprochen, die Mauern zwischen Operators und Developern einzureißen, sagte Bias, aber es gebe diese Trennung immer noch: Entwickler wollen nichts von Infrastruktur wissen. Kubernetes sei zwar weit gekommen, aber noch nicht angekommen, sagte er.

Dem widersprach Jago Macleod, Director of Engineering bei Google Cloud. Aus seiner Sicht gibt es viele positive Entwicklungen, beispielsweise im Bereich der Self-Services. Das ließ Bias zwar gelten, beharrte aber darauf, Kubernetes sei lediglich auf einem guten Weg, aber eben nicht am Ziel.

Kendall Roden, Technical Product Lead bei Diagrid [4], wünschte sich, dass die Zuständigkeiten und Ownerships sich künftig einfacher klären lassen. Da gebe es viele Missverständnisse und damit Engpässe, sagte sie. Entwickler bekämen eine Menge neue Verantwortung aufgebürdet, was sie weniger produktiv mache. In dieser Hinsicht sah Roden dringenden Handlungsbedarf.

Trumpocalypse now?

Auf die politische Lage und insbesondere den rigiden nationalistischen Führungsstil von US-Präsident Trump angesprochen, reagierten die Teilnehmer ganz unterschiedlich.

Liz Rice, Chief Open Source Officer bei Isovalent [5] at Cisco, überlegte laut, ob die Linux Foundation nicht besser neutralen Boden suchen sollte, vielleicht sogar in der Schweiz. Neutralität sei schwer aufrechtzuerhalten, sagte Randy Bias, und die Linux Foundation sitze primär in den USA. Er erinnerte daran, dass beispielsweise derzeit russische Entwickler von der Kernel-Entwicklung ausgeschlossen seien. Jeder lebe aber in seiner Realität, und überall gebe es Druck.

Einig war sich das Gremium lediglich darin, dass es traurig ist, solche Fragen überhaupt diskutieren zu müssen. (uba/jlu)

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