Mark Shuttleworth, Ubuntu-Gründer und CEO von Canonical, feierte auf dem Ubuntu Summit 2024 in Den Haag das 20-jährige Jubiläum von Ubuntu. Projekte und Partner demonstrierten die Bandbreite des Ubuntu-Universums.
Auf dem Ubuntu Summit 2024 [1] im World Forum von Den Haag bedankte sich Mark Shuttleworth (Abbildung 1) in einer emotionalen Rede bei der Community und den Wegbegleitern der vergangenen 20 Jahre: Ubuntu als Begriff für eine afrikanische Tradition und Lebensphilosophie habe genau das beinhaltet, was Open Source für ihn bedeutet, erinnerte sich der “Wohlwollende Diktator auf Lebenszeit”. Für die nächsten 20 Jahre erwartet er große Veränderungen, mit und wegen Open Source.

Abbildung 1: Mark Shuttleworth rekapitulierte auf dem Ubuntu Summit 2024 die Ubuntu-Geschichte der letzten 20 Jahre. Quelle: Canonical
Auf und Ab
Im Gespräch mit Linux-Magazin erinnerte sich Mark Shuttleworth daran, dass er beim Start von Ubuntu 30 Jahre alt war und Zeit keine Dimension für ihn darstellte. Die letzten 20 Jahre seien schon eine andere Nummer.
Als Höhepunkt beschrieb er das Gefühl, “dass wir etwas Aufregendes und Wichtiges in der Open-Source-Welt bewegt und Open Source einem viel breiteren Publikum zugänglich gemacht haben”. Als Tiefpunkt bezeichnet er Momente, in denen er herausfand, dass Ideen nicht funktionieren, von denen er dachte, sie führen zu etwas Nachhaltigem. Jetzt aber habe man gemeinsam etwas Belastbares geschaffen, das auf eigenen Beinen stehe.
Zu der Verbindung mit Debian, das die Basis für Ubuntu liefert, sagte Shuttleworth: “Ich liebe Debian mehr als Debian mich.” Er betrachtet Debian als ein außergewöhnliches Beispiel für eine soziale und technische Institution mit sehr tiefen Werten. “Ich bin überzeugt davon, dass das [Projekt] eine der wichtigsten Institutionen im Bereich der Open Source ist”, erklärte Shuttleworth.
In jüngeren Jahren habe er sich gewünscht, Debian könne alle Probleme lösen. Er sei damals davon überzeugt gewesen, Debian könne einen ebenso erfolgreichen Weg gehen wie Suse und Red Hat, wenn er das Projekt dazu ermutigen könne. Entsprechend frustrierend sei die Absage Debians an solche Pläne gewesen.
Inzwischen habe er erkannt, dass Debians Widerstand gegen seine damaligen Ideen das Projekt vor schlechten Einflüssen durch Dritte bewahrt habe. “Auf Debian kann man sich verlassen”, fasste Shuttleworth zusammen: “Betrachtet man Ubuntu als die andere Seite der Debian-Medaille, kann das Duo die Debian-Philosophie viel weiter bringen. Der Erfolg von Ubuntu hilft Debian und umgekehrt.”
Offen für Partner
In seiner Ansprache an das Auditorium in Den Haag erinnerte der Canonical-Chef aber auch daran, dass es Partnerschaften mit anderen Innovatoren brauche. Explizit nannte er Chipdesigner, die Hersteller von PCs, Servern, IoT-Geräten sowie die Anbieter von Public Clouds. Kontakt und Partnerschaften in verschiedenen Bereichen seien zwingend notwendig.
Nicht zuletzt warb Shuttleworth für eine Beteiligung an Ubuntu Pro [2] und setzte nach, dass auch rein gar nichts was gegen ein Kubuntu Pro spreche. Das Subskriptionsmodell Ubuntu Pro basiert auf den Ubuntu-LTS-Versionen und verspricht 10 Jahre Sicherheit und Konformität für über 25 000 Pakete. Ubuntu Pro sei ein sensitives Thema, betonte Shuttleworth, und man habe abwägen müssen, was dadurch zu gewinnen respektive zu verlieren sei. Es sei große Vorsicht nötig, um dabei keinen der Grundsätze von Ubuntu zu kompromittieren. Es gebe aber andererseits keinen Grund, der das Community-Projekt daran hindere, dazu beizutragen.
Zur von ihm geforderten Offenheit gegenüber anderen Anbietern und Herstellern führte der Canonical-CEO gegenüber Linux-Magazin aus, es sei sinnlos, mit den Leuten zu konkurrieren, die innovative Anwendungen anbieten: “Ich möchte keinen besseren Firefox als Mozilla offerieren.” Ubuntu müsse selbst innovativ bleiben, um neue Technologien anbinden zu können. Verglichen mit Red Hat sei Canonical zwar ein kleines Unternehmen, dem es aber dennoch gelungen sei, eine solide IoT-Strategie zu verwirklichen, freute sich Shuttleworth. Daran glaube er ebenso wie an den Erfolg des Unternehmens in der Cloud, auch wenn der Weg dahin steinig gewesen sei.
Den Triumphzug der KI verglich Shuttleworth mit dem Aufstieg des Internets, “nur wird es sehr viel schneller gehen”. Anders als beim Internet, dessen Ausbau schon wegen der nötigen Verlegung von Leitungen langsamer voranging, profitiere KI von der bereits vorhandenen Infrastruktur. Das habe ChatGPT ermöglicht, quasi instantan von null auf Hunderte Millionen Nutzer zu explodieren. Der Boom werde zwar viel schneller abebben, weil den Menschen zunehmend klar werde, dass KI nicht alle Probleme löse. Dennoch kann sich Shuttleworth nicht vorstellen, dass es je wieder eine Welt ohne KI gibt.
Technologie zum Anfassen
Im Ausstellungsbereich der Veranstaltung tummelten sich freie Projekte aus dem Ubuntu-Universum, aber auch kommerzielle Anbieter und Hardware-Hersteller.
Yuning Liang (Abbildung 2), Gründer und CEO von DeepComputing [3], bezeichnet sein Unternehmen als “RISC-V Premium Product Pioneer”. Der Fokus des Unternehmens liegt auf Geräten für Consumer und auf modernen PCs. In seinem Vortrag beschrieb er die Schwierigkeiten, die es bis zur funktionierenden Hardware mit RISC-V-Unterbau noch zu bewältigen gilt. Das beginnt seiner Ansicht nach schon bei unterschiedlichen Ziele, Prioritäten und Zeitplänen der involvierten Partner. Als Ziel seines Unternehmens für 2025 gab er aus, den dann neuesten Kernel auf allen DeepComputing-Produkten bauen und ausführen zu können.

Abbildung 2: Yuning Liang warb für RISC-V-Geräte von DeepComputing und Framework. Quelle: Uli Bantle / Computec Media GmbH
Zum Ubuntu Summit brachte Yuning DC-ROMA-Laptops auf RISC-V-Basis aus seinem Unternehmen mit. Daneben zeigte er ein Mainboard, das in einer Kooperation mit dem Unternehmen Framework [4] einen modularen RISC-V-Laptop [5] antreibt, bei dem sich die Komponenten tauschen lassen. Im Ausstellungsbereich waren die beiden Unternehmen direkt nebeneinander platziert. Der zum RISC-V-Mainboard kompatible Framework Laptop 13 soll das erste Produkt der Kooperation sein, den Verkaufsstart peilen die Partner für Anfang 2025 an. Zu den existierenden Laptops soll im dritten Quartal 2025 ein Quad-Core-Modell hinzukommen.
Risiko Supply Chain
Die Experten Georg Link und Luis Cañas-Díaz von Bitergia [6] warnten in ihrem Vortrag beim Ubuntu Summit vor zunehmenden Attacken auf die Software Supply Chain. Es gelte, die immanenten Gefahren zu verstehen, und mit GrimoireLab [7] gebe es nun ein Open-Source-Tool, das dabei hilft. Die Attacken auf die Software Supply Chain haben sich seit 2021 verdreifacht. Laut dem US-Marktforscher Gartner wurden 2025 rund 45 Prozent aller Unternehmen Opfer einer entsprechenden Attacke.
Software altert wie Milch, nicht wie Wein, lautet eine Erkenntnis der beiden Bitergia-Experten: Statt mit den Jahren zu reifen, unterliege Code einem Verfallsprozess. Entsprechend seien ein Verfallsdatum und Quellenangaben wichtige Bestandteile der Softwareentwicklung. Das Risiko für Programme liege in der Zukunft, in der es problematisch werden könnte, überhaupt noch Entwickler mit Skills für die Software zu finden.
Wenn Code nicht entsprechend gepflegt werde, stelle er ein Risiko dar, betonte Link: Unmanaged FOSS sei gleichbedeutend mit unbekannten Risiken. Der Anteil von Software, in der Open Source stecke, liegt seinen Einschätzungen nach zwischen 70 und 90 Prozent. Link ist Mitbegründer und Maintainer des Linux-Foundation-Projekts CHAOSS (Community Health Analytics in Open Source Software [8]).
Fazit
Beim Ubuntu Summit 2024 traf sich in Den Haag eine gesunde Mischung aus Ubuntu-Entwicklern, Projekten und Unternehmen. Aus dem Vortragsspektrum ließ sich neben technologischen Aspekten auch die beachtliche Bandbreite des Ubuntu-Universums ablesen. Mark Shuttleworth zeigte sich beim Event zugänglich für jedermann und war während der Veranstaltung ständig im Ausstellungsbereich oder bei Vorträgen anzutreffen. Den Kontakt zur Community bezeichnete er im Gespräch mit Linux-Magazin als seine Motivation zum Weitermachen.
Infos
- Ubuntu Summit 2024: https://events.canonical.com/event/51/
- Ubuntu Pro: https://ubuntu.com/pro
- DeepComputing: https://deepcomputing.io
- Framework: https://frame.work
- Framework Laptop (Teil 1): Martin Mohr, “Modulbauweise”, LU 08/2024, S. 78, https://www.linux-community.de/50579
- Bitergia: https://bitergia.com
- GrimoireLab: https://chaoss.github.io/grimoirelab/
- CHAOSS: https://chaoss.community






