Aus Linux-Magazin 12/2024

Zwei Bücher über Künstliche Intelligenz und deren Folgen

Das erste Buch will vor allem untersuchen, was ChatGPT für die Wissensarbeit bedeutet, das zweite ist eine außerordentlich gut gelungene KI-Einführung.

KI-Smalltalk

KI ist momentan ein Hype-Thema, und so verwundert es wenig, dass auch entsprechende Bücher Konjunktur haben. Deren Ausrichtung fällt dabei ganz verschieden aus, es finden sich Einführungen für Leser ohne Vorbildung genauso wie Titel für Spezialisten. Das vorliegende Buch “Droht das Ende der Experten?” von Stefan Holtel gehört zu denen, die kein Spezialwissen voraussetzen. Seinen provozierenden Titel mag man auf den ersten Blick für rein rhetorisch halten: Schließlich ist alles, was Chatbots – um die geht es im Buch vornehmlich – “wissen”, von und durch Experten vermittelt. Weder hätten sie ohne Experten etwas zu erzählen, noch sind sie in der Lage, aus eigenem Antrieb nach neuem Wissen zu streben. Und schließlich können Computer ihr Tun auch nicht verantworten. Ohne Experten wird es also nicht gehen, ließe sich schnell schlussfolgern. Damit wären aber 200 Seiten noch nicht gefüllt.

Daher beleuchtet das Buch Aspekte insbesondere der großen Sprachmodelle. Es untersucht deren Anwendung im Journalismus, in der Schule, im Gesundheitswesen oder im künstlerischen Metier, versucht sich an einem Abriss der KI-Geschichte und reflektiert über die Rolle von ChatGPT in der Wissensarbeit. Auch die Funktionsweise eines Sprachmodells wird recht anschaulich erklärt. Ungeachtet dieser Vielfalt gibt es aber auch Gesichtspunkte, die gar nicht zur Sprache kommen. Dazu zählen unter anderem die ungeklärten Ansprüche der Urheber von Trainingsdaten. Ebenfalls außen vor bleiben die enormen Kosten für Rechenzeit und Energie sowie die damit verbundenen Folgen für die Umwelt, bei denen fraglich bleibt, ob ihnen tragfähige Geschäftsmodelle gegenüberstehen. Die Sicherheit von ChatGPT spielt ebenso wenig eine Rolle wie viele ethische Fragen. Die bunte Mixtur aus Einzelbeobachtungen fügt sich nicht wirklich zu einem konsistenten Bild. Es entsteht eher der Eindruck, als würde der Autor über KI parlieren, manch schillernden Gedanken einwerfen, mit dem einen oder anderen Fakt kokettieren, aber nicht zwingend einem roten Faden folgen.

Alles in allem erscheint der Titel als ein relativ kurzweiliges Buch über KI, das zwar viele Themen touchiert und einige interessante Gedanken enthält. Der Inhalt wirkt aber eher so, als wolle er Stoff für Smalltalk liefern, denn Stringenz vermitteln.

Infos

Stefan Holtel

Droht das Ende der Experten?

Verlag Franz Vahlen, 2024

200 Seiten, 25 Euro

ISBN: 978-3-8006-7239-4

Grundlegend und verständlich

Was dem oben vorgestellten Buch fehlt, bringt das zweite reichlich mit: Systematik, Zielgerichtetheit, Vollständigkeit und bei alldem eine uneitle, lebendige Sprache, die bewirkt, dass man auch scheinbar trockene Erklärungen mit Genuss liest. Einen historischen Abriss gibt es auch hier. Er umfasst sogar eher die Geschichte des Computers als nur die der künstlichen Intelligenz, beschränkt sich aber auf klug ausgewählte Meilensteine. Auf diese Weise entsteht ein plastisches Bild der wesentlichen Entwicklungen vom Schachtürken bis zum modernen Schachcomputer, der in KI-Laboren bis heute als modellhaftes Versuchsobjekt dient.

Die Autorin Inga Strümke, eine in Deutschland geborene, aber seit ihrer Kindheit in Norwegen lebende Physikprofessorin und KI-Spezialistin, weiß, wovon sie redet. Aber das wäre nur die halbe Miete, käme nicht ihre beeindruckende Fähigkeit hinzu, komplizierte Begriffe wie etwa “Gradientenabstiegsverfahren” oder die Funktionsweise eines bildgenerierenden Diffusionsmodells verständlich und anschaulich zu erklären. So vermeidet sie Oberflächlichkeit ebenso wie die Überforderung des Lesers. Selbst anspruchsvolle Probleme, an denen sie selbst forscht, werden damit nachvollziehbar. Wiewohl für ihr Fachgebiet eingenommen, verliert sie dennoch nie die Gefahren und Grenzen der KI aus dem Blick und diskutiert ausführlich die gesellschaftlichen und ethischen Implikationen künstlicher Intelligenz. Nicht auf alle damit verbundenen Fragen gibt es heute fertige Antworten, wichtig ist dennoch ein Bewusstsein für die Probleme. So entsteht ein realistisches, ausgewogenes, faktenbasiertes und ziemlich komplettes Bild von dem, was KI für uns heute und in absehbarer Zukunft leisten kann und was nicht.

Das Buch, das im vergangenen Jahr 17 aufeinanderfolgende Wochen die norwegische Sachbuch-Bestsellerliste anführte, ist auch für den deutschen Buchmarkt eine große Bereicherung. Das Werk hebt sich deutlich positiv von der Fülle von KI-Titeln ab.

Infos

Inga Strümke

Künstliche Intelligenz

Rheinwerk, 2024

265 Seiten, 25 Euro

ISBN: 978-3-367-10289-1

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