Aus Linux-Magazin 01/2023

Konferenz Bits & Bäume in Berlin

© jager / 123RF.com

Dem planetaren Klima geht es nicht so gut, und die IT ist Teil des Problems. Das möchten Öko- und IT-Aktivisten gern ändern. Auf der Konferenz Bits & Bäume in Berlin diskutierten sie unter anderem, wie die IT zum Teil der Lösung werden kann.

Die letzte Ausgabe der Konferenz Bits & Bäume [1] scheint eine Ewigkeit her zu sein: Sie fand im Jahr 2018 noch vor dem Corona-Ausbruch statt. Am ersten Oktober-Wochenende 2022 folgte nun die Neuauflage [2], wieder in der Technischen Universität von Berlin, unter tatkräftiger Mithilfe zahlreicher Freiwilliger. Die kümmerten sich um das Essen, zeichneten Pläne zur Orientierung und übernahmen die Moderation zahlreicher Vorträge.

Doch worum geht es auf der Bits & Bäume? Vereinfacht formuliert treffen sich hier digital interessierte Menschen mit solchen, die sich in Umweltprojekten engagieren. Dabei besteht im IT-Bereich eine größere Schnittmenge mit der Open-Source-Community und der Hackerszene rund um den Chaos Computer Club. Eine Hoffnung der Konferenz ist, dass sich aus dem Zusammentreffen hilfreiche Synergieeffekte zwischen IT und Umweltinitiativen ergeben.

Aha-Effekt

Oft genügt es bereits, miteinander zu reden. So suchte etwa ein Forstwissenschaftler aus Brandenburg Antworten auf die Frage, wie sich die gesammelten Daten zum Zustand eines Walds am besten als Open-Source-Projekt für die Öffentlichkeit aufbereiten lassen. Genügt es, die Rohdaten zu den Bäumen online zu stellen, oder soll man besser die grundlegenden Informationen veröffentlichen, die sich aus den Rohdaten ergeben? Anwesende schlugen vor: Stellt doch einfach die Rohdaten auf Github, der Rest ergibt sich schon von selbst. So einfach sei das nicht, erklärte der Vortragende. Datenanalysten müssten die Rohdaten richtig interpretieren, um sie in Informationen zu verwandeln.

Hier zeigte sich, dass ein etwas hemdsärmliger Open-Source-Aktivismus und streng hierarchisch organisierte Behörden nicht unbedingt natürliche Verbündete sind. Während Open-Source-Entwickler dazu tendieren, einfach mit den Daten zu spielen, herrschen in den Ämtern sehr konkrete Vorstellungen, wie das Ganze nach Möglichkeit auszusehen hat. Es gibt behördeninterne Stakeholder, diverse rechtliche Spielregeln und vor allem auch eine spürbare Angst, Kontrolle abzugeben. Das zeigt aber auch: Es entstehen bereits Erkenntnisse, wenn zwei Ökosysteme nur miteinander kommunizieren.

Projektgarten

Das Projekt Open Source Gardens [3] dagegen hat sich die Open-Source-Bewegung zum Vorbild genommen und bietet nun Gemüsesorten an, die keiner kommerziellen Lizenz unterstehen – freies Gemüse sozusagen. Der Hintergrund: Wie in der Softwarelandschaft der 80er- und 90er-Jahre dominieren auch auf den Feldern der Welt ein paar große Player, die etliche Gemüsesorten patentiert haben. Dank des Projekts Open Source Gardens, das sich ebenfalls auf der Bits & Bäume präsentierte, wächst die Menge an freiem Saatgut permanent. Ein Open-Source-Salat ließe sich aus einer Online-Liste [4] mit Sorten sicherlich locker kompilieren.

Ein weiterer Trend: Projekte aus der ökologisch interessierten Zivilgesellschaft nutzen gefühlt immer häufiger OpenStreetMap [5]. Die einen kartieren zum Beispiel Orte in der Umgebung, an denen es Brunnen und Trinkwasserquellen gibt [6]. Die anderen machen – unterstützt vom Bezirksamt und mithilfe von freiem Kartenmaterial – Parkplätze in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg sichtbar und wollen damit zur Verkehrswende beitragen [7]. Ein Projekt verwaltet über LoRaWAN (Long Range WAN) eigene Sensoren zur Umweltanalyse in Städten und auf dem Land. Das Protokoll kann Sensordaten über große Distanzen (2 bis 40 Kilometer) auf einer lizenzfreien Frequenz (868 MHz) übertragen und dabei extrem energiesparend arbeiten. Teilweise halten die Batterien Jahre [8].

Energiefresser RZ

Zugleich reflektierte die IT-Fraktion vor Ort aber auch über ihre eigene Branche – und da liegt in Sachen Umweltverträglichkeit noch einiges im Argen. Ein bekanntes Übel ist der hohe Energiebedarf von Rechenzentren. Das erkennt auch die Politik und will Vorbild sein, zumindest auf dem Papier. Ab 2027 will der Bund neue Rechenzentren klimaneutral machen. Schon ab 2025 soll die Abwärme von mehr Rechenzentren als bisher nutzbar sein, umwelt- sowie klimafreundliche Kühlsysteme sollen zum Einsatz kommen. Wie die Lage derzeit aussieht, hat die digitalpolitische Sprecherin der Linken, Anke Domscheit-Berg, konkret erfragt – mit ernüchterndem Ergebnis: Nur 55 der rund 190 Rechenzentren des Bundes nutzen aktuell erneuerbare Energien, nur 12 klimafreundliche Kältemittel und nur 14 die anfallende Abwärme. Es gibt also noch viel zu tun.

Zumindest am letzten Punkt arbeitet auch ein anderes Projekt. Bytes2heat [9] will die Abwärme aus Rechenzentren wirtschaftlich nutzen. Der Vortrag zeigte unter anderem, wo dabei noch die Probleme liegen. Technisch ist die Abwärme zum Beispiel nicht heiß genug zum Heizen. Auch stellt sich die Frage: Wohin mit der Wärme im Sommer? Das Projekt, nicht das einzige dieser Art, sucht Antworten auf diese Fragen. Unter anderem eruiert es die Möglichkeiten, direkt in der Nachbarschaft potenzielle Abnehmer für die Wärme zu finden.

Saubere Seiten

Eine andere potenzielle Energiesparbaustelle in der IT betrifft den Strombedarf von Webseiten. Cleaner Web [10] will beim energetischen Sanieren von Webseiten helfen. Das spart nicht nur Energie, sondern macht Seiten auch schneller und barriereärmer. Abhängig davon, für welche Bild- und Videoformate sowie Stylesheets sich Webseiten entscheiden, benötigen sie auch weniger Energie beim Laden. Wer will – und das ist offenbar das Geschäftsmodell dahinter –, der kann seine Webseite auditieren lassen (30 Euro) oder mit einem kostenpflichtigen Zertifikat aufwerten (50 Euro pro Jahr). Wie sinnvoll und skalierbar das ist, bleibt offen: Ob die Amazons, Microsofts und Googles dieser Welt solche Änderungen in Betracht ziehen, erscheint mehr als fraglich. Immerhin kann das Projekt aber als eine erste Anlaufstelle für energiebewusste Seitenbetreiber dienen.

Software als Problem

Auch auf den Stromverbrauch von Software konzentrieren sich inzwischen mehrere Initiativen. Während die Hardware mit jeder neuen Generation effizienter wird, frisst die Software – verkürzt gesagt – diese Effizienzgewinne wieder auf. Diesem sogenannten Rebound-Effekt können Softwarehersteller theoretisch mit verschiedenen Maßnahmen entgegenwirken. Einige davon stehen im Kriterienkatalog [11] für das Umweltzertifikat Blauer Engel, das neuerdings auch Software – konkret: Desktop-Anwendungen – abdeckt. Der quelloffene Dokumentenbetrachter Okular [12] hat als erste lokale Anwendung diese Kriterien erfüllt und den Blauen Engel erhalten.

KDE-Veteran Cornelius Schumacher erklärte auf der Konferenz (Abbildung 1), was das KDE-Projekt daraus gelernt hat. Laut Schumacher wird die Nachhaltigkeit von Software bislang vernachlässigt, obwohl der Sektor einen großen Einfluss auf die Umwelt hat. Unter dem Dach der KDE-Eco-Initiative gibt es deshalb mittlerweile zwei Projekte, die sich für energiesparende Software einsetzen. Blauer Engel for FOSS (BE4FOSS [13]) möchte den Zertifizierungsprozess auf weitere Software ausdehnen. Das FOSS Energy Efficiency Project (FEEP [14]) arbeitet an Werkzeugen, um den Energieverbrauch von Software überhaupt vergleichbar zu messen. Mitmachen können Interessierte über eine Mailing-Liste [15].

Abbildung 1: Cornelius Schumacher stellte KDEs Ökoinitiativen vor.

Abbildung 1: Cornelius Schumacher stellte KDEs Ökoinitiativen vor.

KDE Eco geht diese Aufgabe nicht allein an, auch das machte die Konferenz deutlich. Partnerprojekte wie Green Coding [16] verfolgen ähnliche Ziele. Während sich der Blaue Engel aktuell vorrangig auf Desktop-Software fokussiert, will Green Coding den Energieverbrauch nicht nur von Desktop- und Konsolenprogrammen, sondern auch von Client-Server-Anwendungen und Machine-Learning-Modellen messen. Dazu setzt das Open-Source-Projekt auf einen Container-basierten Ansatz. Der Quellcode findet sich auf Github [17].

Zusammenfassung

Insgesamt waren auf der Bits & Bäume zwar auch Themen präsent, die nicht unmittelbar um das Kernthema kreisten; hier würde man sich einen schärferen Fokus wünschen. Dennoch bleibt die Konferenz nicht nur extrem interessant, sondern ist auch wichtiger denn je. (uba)

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