Aus Linux-Magazin 06/2020

So schätzt ein Freelancer-Experte die Perspektiven von IT-Freelancern ein

Bildquelle: Thomas Reimer, 123RF

IT-Freelancer zählen zu den gesuchten Fachkräften. Aktive Akquise ist dennoch nötig, meint ein professioneller Freelancer-Experte.

Linux-Magazin: IT ist ein weites Feld. Kann man sagen, welche Qualifikationen von Freiberuflern im IT-Sektor derzeit besonders nachgefragt werden?

Thomas Maas: Wir stellen fest, dass als Skills bei IT-Freelancern die Programmiersprachen Java, Javascript und Python stark nachgefragt werden. Von Auftraggeberseite her wurden Product Owner, Scrum Master und Data Scientists besonders häufig gesucht. Zunehmend rückt auch IT-Sicherheit in den Vordergrund. Die Corona-Krise war für viele Unternehmen der Auslöser, um digital aufzurüsten; dabei müssen sie aber immer die gesetzlichen Auflagen erfüllen. Viele arbeiten im Moment auch zu Hause, aber häufig erfüllt die heimische IT die erhöhten Anforderungen für IT-Security im beruflichen Kontext nicht. Hier kommen dann freie IT-Sicherheitsspezialisten ins Spiel, die digitale und gesetzeskonforme Lösungen mit umsetzen. In der Zeit nach der Krise könnte das Thema IT-Security sogar noch mehr an Bedeutung gewinnen, denn jede entwickelte digitale Infrastruktur ist potenziell anfällig für Sicherheitslücken.

Linux-Magazin: Ist nach Ihrer Beobachtung die Auftragslage derzeit gut, oder werden Freelancer im IT-Bereich eher weniger gesucht?

Thomas Maas: Schon seit Jahren mangelt es in Deutschland an qualifizierte Fachkräften, und das gilt auch für die IT. Eine Studie des IT-Verbands Bitkom bestätigt, dass 83 Prozent der befragten Unternehmen finden, es gäbe nicht genug IT-Spezialisten. Die Corona-Krise wirkt sich, trotz aller Einbußen, weniger auf IT-Freelancer aus als auf andere Solo-Selbstständige. Das liegt daran, dass es für Freiberufler eher möglich ist, remote zu arbeiten (Abbildung 1), sie oft in Nischen agieren und Experten auf ihrem Gebiet sind. Dennoch wurden laut einer Umfrage, die wir unter unseren Nutzern gemacht haben, zahlreiche Aufträge storniert. Selbstständige müssen jetzt Ruhe bewahren und weiterhin aktiv Akquise betrieben. Zudem ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um sich weiterzubilden oder das eigene Business zu optimieren.

<a href="#artRef-f1">Abbildung 1</a>: Selbstst&auml;ndige waren schon vor der Corona-Krise Heimarbeiter, was ihnen jetzt zum Vorteil gereicht. Quelle: imtmphoto, 123RF

Abbildung 1: Selbstständige waren schon vor der Corona-Krise Heimarbeiter, was ihnen jetzt zum Vorteil gereicht. Quelle: imtmphoto, 123RF

Linux-Magazin: Welche Rolle spielen Zertifikate von Herstellern oder bekannten Weiterbildungsinstitutionen bei der Auftragsvergabe? Sind solche Nachweise für den Freelancer obligatorisch oder fakultativ?

Thomas Maas: Das Know-how von Freelancern machen Recruiter laut dem “Recruiter-Kompass 2019” hauptsächlich an der Skill-Liste der Selbstständigen (68 Prozent) und deren Berufserfahrung (63 Prozent) fest. Auch Ausbildung und Lebenslauf spielen bei der Auftragsvergabe für die Hälfte der Personaler eine Rolle. Welche Zertifikate freie Experten vorweisen können, interessiert hingegen weniger als 10 Prozent der Personalverantwortlichen. Auch beim ersten Eindruck sind Zertifikate für die überwältigende Mehrheit der Recruiter unwichtig.

Linux-Magazin: Woran orientiert ein Neueinsteiger als IT-Freelancer seine Honorarforderungen am besten? Soll er pokern oder lieber erst einmal möglichst bescheiden sein und versuchen Konkurrenten zu unterbieten?

Thomas Maas: Im ersten Schritt sollten sich Neueinsteiger einen Überblick darüber verschaffen, wie viel ihre Konkurrenz verlangt. Hier ist es wichtig, andere Selbstständige mit den gleichen Skills, ähnlicher Erfahrung oder aus derselben Region heranzuziehen, um einen realistischen Einblick zu bekommen. Auch ist es sinnvoll, sich an den Durchschnittsstundensätzen der einzelnen Fachgebiete zu orientieren. Im SAP-Bereich verdienen Freelancer im Schnitt beispielsweise zirka 112 Euro pro Stunde, in der IT-Infrastruktur hingegen knapp 89 Euro, wie der “Freelancer-Kompass” zeigt. Arbeiten Selbstständige in der Entwicklung, so liegt der durchschnittliche Stundensatz bei rund 82 Euro.

Neueinsteiger sollten ihren persönlichen Stundensatz clever und realistisch kalkulieren, indem sie nicht nur ihre Arbeitstage pro Jahr mit einbeziehen, sondern auch Tage für Buchhaltung, Weiterbildung, Urlaub, Krankheit und so weiter. Schließlich müssen sie von dem Einkommen aus den Projekten auch leben, wenn sie andere Aufgaben erledigen oder nicht arbeiten können. Das Wichtigste ist aber: sich nie unter Wert verkaufen! Junge Freelancer müssen also gut argumentieren können, weshalb sie den Stundensatz verdient haben, den sie angeben.

Linux-Magazin: Ist es ratsam, nach lange laufenden Projekten zu suchen? Oder soll man sich nicht so stark binden und lieber agil in kürzeren Projekten arbeiten? Wie weit in die Zukunft soll man planen?

Thomas Maas: Im Schnitt arbeiten IT-Freelancer sieben bis zwölf Monate in einem Projekt. Laut “Freelancer-Kompass” bevorzugt die Mehrheit sogar diese langen Projektlaufzeiten (62 Prozent). Da eine lang Auftragsdauer ein regelmäßiges Einkommen sichert und den Aufwand für die aktive Akquise reduziert, nimmt sie bei vielen IT-Freelancern den Druck heraus. Trotzdem sollten freie Spezialisten bereits während des laufenden Projekts nach neuen Aufträgen Ausschau halten und ihre Netzwerke pflegen, um Leerlaufzeiten zu vermeiden. Bei längeren Projekten ist es sehr wichtig, im Vertrag zwischen Freelancer und Arbeitgeber durch detaillierte Vereinbarungen die Gefahr einer Scheinselbstständigkeit auszuschließen.

Unser Gesprächspartner

Bevor Thomas Maas 2011 als Projektleiter bei Freelancermap einstieg, war er bei Immowelt unter anderem im Produktmanagement tätig. Sein beruflicher Werdegang begann mit einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Seine Vorliebe für das Internet entfaltete sich dann im anschließenden Studium der Wirtschaftsinformatik an der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm. Da er schon immer im technischen Bereich tätig war und selbst als Freelancer für Firmen Webseiten baute, festigte sich bei Maas schnell der Wunsch, webbasiert zu arbeiten.

Heute setzt er sich als CEO von Freelancermap mit großer Leidenschaft dafür ein, dass sich auf der Plattform professionelle Freelancer, Freiberufler, Selbstständige und Unternehmen für die Arbeit an spannenden Projekten zusammenfinden können. Als Pionier der digitalen Auftragsvermittlung bringt Freelancermap seit 2005 Auftraggeber und Freelancer aus der IT- und Engineering-Branche zusammen. Die jährlich erscheinende Studie “Freelancer-Kompass” zeigt Trends und Tendenzen zu aktuellen Entwicklungen auf dem Freelancer-Markt auf.

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