Aus Linux-Magazin 07/2005

Pocket-Computer Nokia 770 Internet Tablet und die Maemo Development Platform

Abbildung 3: Durch die Verzahnung der GTK-Widgets mit grundlegenden Systemfunktionen erreicht Nokia, dass zum Beispiel die virtuelle Tastatur keinesfalls die Eingabezeile verdeckt.

Nokia überraschte auf der Linux World Conference in New York mit einem Pocket-Computer mit Linux und Gnome-Oberfläche. Die Community hat über zwei Jahre bei der Entwicklung mitgeholfen, ohne von dem Gerät zu wissen oder auch nur den Namen des Herstellers zu kennen.

Abbildung 1: Das Nokia 770 Internet Tablet, hier das erste Bild des Prototyps, verfügt über ein hochauflösendes Display mit 800x480 Pixeln. Die Größe entspricht etwa der herkömmlicher PDAs wie des Ipaq von Compaq.

Abbildung 1: Das Nokia 770 Internet Tablet, hier das erste Bild des Prototyps, verfügt über ein hochauflösendes Display mit 800×480 Pixeln. Die Größe entspricht etwa der herkömmlicher PDAs wie des Ipaq von Compaq.

Größer hätte die Überraschung kaum sein können: Der Handy-Hersteller, Symbian-Lizenznehmer und Softwarepatent-Befürworter Nokia präsentierte am 25. Mai in New York einen Taschencomputer, der komplett unter Linux läuft.

Das Nokia 770 Internet Tablet (Abbildung 1) hat die übliche PDA-Größe. Anders als andere Linux-PDAs wie Compaq Ipaq, Sharp Zaurus 5000 oder Yopy ist das Nokia-Gerät für die Bedienung im Querformat ausgelegt. Damit die rechte Hand für den Stift des Touchscreen frei bleibt, hat der Hersteller die drei Funktionstasten sowie das Cursor-Kreuz auf der linken Geräteseite (Abbildung 2) untergebracht. Die Tasten am linken oberen Gehäuserand arbeiten als Einschalter, Wippe für diverse Scroll- und Einstellfunktionen und Umschalter in den Vollbild-Modus.

Abbildung 2: Das Nokia 770 ist für die Benutzung im Querformat ausgelegt. Die Funktionstasten hat der Hersteller für Rechtshänder günstig an der linken Geräteseite untergebracht. So bleibt die rechte Hand für den Stift frei.

Abbildung 2: Das Nokia 770 ist für die Benutzung im Querformat ausgelegt. Die Funktionstasten hat der Hersteller für Rechtshänder günstig an der linken Geräteseite untergebracht. So bleibt die rechte Hand für den Stift frei.

Hochauflösendes Display

Das TFT-Display mit Touchscreen arbeitet mit einem 16-Bit-Farbraum, erreicht 800 mal 480 Pixel bei sagenhaften 225 DPI und ist sehr kontrastreich. Unter der Haube arbeitet ein ARM-Prozessor OMAP 1710 von Texas Instruments, der einen digitalen Signalprozessor (DSP) enthält. Die Speicherausstattung ist mit 64 MByte RAM und 128 MByte Flash ordentlich. Obwohl das Tablet von einem der größten Handyhersteller der Welt gebaut wird, gibt es kein GSM-, GPRS- oder UMTS-Modem, die Kommunikation übernehmen Bluetooth und WLAN.

Über den Mini-MMC-Slot auf der Unterseite lässt sich das Nokia 770 mit zusätzlichem Flashspeicher bestücken, für den Kopfhörer gibt es eine 3,5-mm-Klinkenbuchse. Die Stromversorgung übernimmt ein handelsüblicher Lithium-Ionen-Akku eines Nokia-Handys, die Ersatzbeschaffung ist also kein Problem.

Für den Transport liefert Nokia ein Hardcover, das sich im Betrieb einfach auf die Rückseite umstecken lässt. Zusammen mit Akku, Ladegerät und Bedienstift für den Touchscreen soll das Gerät ab Herbst für weniger als 500 Euro in den Handel kommen.

Freie Software aufgebohrt

Das Nokia 770 ist momentan mehr als Entwicklungsplattform denn als fertiges Produkt für Endkunden zu verstehen, auch wenn die vorinstallierten Programme bereits gut funktionieren. Für eigene Entwicklungen gibt es die freie Maemo Development Platform [1] von Nokia.

Das Tablet arbeitet mit einem Kernel 2.6 sowie dem X11-Server K-Drive, wobei das Maemo-System von der konkreten Kernelversion unabhängig ist. Die grafische Oberfläche Hildon hat Nokia mit Hilfe vieler externer Entwickler (siehe unten) entworfen und implementiert. Dabei kamen bekannte Technologien wie X11, GTK+ (Version 2), D-Bus, G-Streamer, SDL und der Matchbox Window Manager zum Einsatz. Die Entwickler achteten darauf, so weit wie möglich zu Gnome kompatibel zu bleiben, um die spätere Entwicklung der Anwendungsprogramme zu vereinfachen.

Dennoch haben sie mit Rücksicht auf die speziellen Einschränkungen und Anforderungen des Nokia 770 erhebliche Teile komplett neu oder in angepasster Form implementiert. Das Maemo/Hildon-System verzahnt dabei die Applikationen deutlich stärker mit der Oberfläche und den Systemkomponenten, als dies etwa bei GPE [2] der Fall ist. Dazu erweiterten die Nokia-Entwickler einige GUI-Objekte und Systembibliotheken erheblich.

Auch bei den Widgets gibt es Neuerungen, um die grafische Oberfläche besser per Touchscreen bedienen zu können. Bekommt zum Beispiel ein Input-Widget für die Texteingabe den Fokus, blendet die Oberfläche automatisch die entsprechende Input-Methode ein – also wahlweise die virtuelle Tastatur oder die Handschrifterkennung (siehe Abbildung 3).

Abbildung 3: Durch die Verzahnung der GTK-Widgets mit grundlegenden Systemfunktionen erreicht Nokia, dass zum Beispiel die virtuelle Tastatur keinesfalls die Eingabezeile verdeckt.

Abbildung 3: Durch die Verzahnung der GTK-Widgets mit grundlegenden Systemfunktionen erreicht Nokia, dass zum Beispiel die virtuelle Tastatur keinesfalls die Eingabezeile verdeckt.

Mehr Bedienkomfort schafft die Verknüpfung diverser Systemdienste. So erscheint automatisch der Connection-Manager, falls eine Applikation auf das Internet zugreift und noch keine Verbindung besteht. Der Connection-Manager bietet dann je nach Konfiguration eine WLAN-, eine Bluetooth-PAN- (Private Area Network) oder eine Bluetooth-DUN-Verbindung (Dial-up Network) an.

Hausmannskost mit Maemo

Die Maemo Development Platform erleichtert freien Entwicklern die Arbeit, eigene Programme auf das Nokia 770 zu übertragen und anzupassen. Zentrales Element dieses Development-Systems ist Scratchbox [3], ein ebenfalls von Nokia initiiertes und gefördertes Projekt. Scratchbox arbeitet auf dem Entwicklungs-PC mit so genannten Root-Straps. Das sind aus Sicht des Betriebssystems des Entwicklungsrechners herkömmliche PCs, ganz gewöhnliche Verzeichnisse. Innerhalb der Scratchbox wird ein Root-Strap aber als virtuelles Root-Verzeichnis eingebunden, sodass die enthaltenen Cross-Compiler und -Tools ihre spezielle Entwicklungsumgebung vorfinden.

Die Besonderheit der Scratchbox ist die CPU-Transparenz: So lassen sich zum Beispiel ARM-Binärprogramme direkt ausführen. In der Scratchbox-Konfiguration kann der Benutzer zwischen Qemu als ARM-Emulator und einem Remote-Zugriff auf das Nokia 770 wählen. Letzteres führt den Code über ein SSH-ähnliches Protokoll direkt auf dem Prozessor des Nokia 770 aus, ohne dass auf dem Tablet eine komplette Entwicklungsumgebung installiert ist.

Die Transparenz hat jedoch ihre Grenzen, sehr Hardware-nahe Dienste, die den integrierten DSP des ARM verwenden, lassen sich in der Scratchbox-Umgebung nicht testen. Für die Ansteuerung des Signalprozessors ist das DSP-Gateway von [4] zuständig; der DSP ist insbesondere für künftige Multimedia-Applikationen in Verbindung mit dem G-Streamer-Projekt sehr interessant, um den ARM-Prozessor zu entlasten.

Offenes Versteckspiel

Die Einbindung der Open-Source-Gemeinde in die Entwicklung des Nokia 770 Internet Tablet und die Maemo-Platform ist beispielhaft. So hat sich Nokia nicht einfach bei der Community bedient oder gar mit seinem Namen Druck auf bestimmte Entwicklungen oder Objekte ausgeübt, sondern eigene Erweiterungen und Verbesserungen umgehend wieder zurückgegeben. Dabei wussten die meisten beteiligten Projekte nicht einmal, woher der Wind wehte – Geheimhaltung war in der mehrjährigen Entwicklungsphase die oberste Direktive.

Vor diesem Hintergrund erscheinen viele Erweiterungen bestehender Projekte in ganz neuem Licht, etwa Gnome-VFS über D-Bus, das Webbrowser-Projekt GTK Web Core oder die rasante Entwicklung von Matchbox und dem Mini-Mozilla Minimo. Das positive Verhältnis gipfelt in Nokias Einladung an die Community, sich über [4] direkt an der Entwicklung der Maemo-Plattform, Hildon und darauf aufbauender Produkte zu beteiligen.

Tausche Hardware gegen Software

Das Nokia 770 Internet Tablet ist nicht nur wegen seiner Ausstattung eine interessante Hardwareplattform, mit Hildon und der Maemo Development Platform hat Nokia eine komplette Entwicklungsumgebung geschaffen, auf der Open-Source-Entwickler mit vergleichsweise wenig Aufwand eigene Applikationen anpassen können.

Letztlich stellt das Unternehmen der Community eine von Linux gut unterstützte Hardwareplattform zur Verfügung und fördert diverse Projekte mit Geld. Die Gegenleistung ist qualitativ hochwertige Open-Source-Software, die das Nokia 770 Internet Tablet erst zu einem vollständigen Produkt macht. (mdö)

Infos

[1] Maemo-Projekt: [http://www.maemo.org]

[2] GPE-Homepage: [http://gpe.handhelds.org]

[3] Scratchbox: [http://www.scratchbox.org]

[4] DSP-Gateway: [http://dspgateway.sourceforge.net]

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