Ich hätte es nicht geglaubt. Aber mein Urgroßvater hat es selber noch erlebt. Das muss so vor 2020 gewesen sein, als die Leute tatsächlich nichts dabei fanden, sich vor ein paar großen Unternehmen nackig zu machen. Mein Urgroßvater erinnert sich nicht mehr an alle Namen, aber eins soll damals Google geheißen haben, ein anderes Amazon, ein drittes Facebook oder so. Diese Unternehmen wussten nicht nur, wie man hieß, wo man wohnte, wann man Geburtstag und welche Schuhgröße jemand hatte, sondern auch, ob er verheiratet war, Kinder hatte, was er gerne aß, welchen Hobbies er nachging, ob er gut bei Kasse war, ob er eher Rotwein oder Weißwein trank, ob er jemals Tennissocken gekauft hatte, welche Bücher er las, ob er Gartenarbeit mochte – kurz: Nahezu alles. Was machten die allwissenden Unternehmen mit diesen Informationen? Sie verkauften sie weiter, an Dritte, die damit ihre Online-Werbung personifizieren konnten. Es gab damals sogar ein eigenes Wort für diesen Irrsin: “Werbefinanzierung”.
Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, warum die Leute sich das damals gefallen ließen. Mein Urgroßvater sagt: Weil sie glaubten, so sei alles kostenlos. Das, was die Internet-Dienstleister, die Suchmaschinen oder Online-Kaufhäuser, die Communities im Internet ausgeben mussten, um ihre Infrastruktur auszubauen und den Betrieb aufrecht zu erhalten, das holten sie sich nicht über eine Abgabe von jedem Nutzer zurück, so wie das heute ist, sondern über Werbeeinnahmen. Und weil die Leute an niemanden direkt eine bestimmte Summe zu zahlen hatten, wollten sie glauben, die Dienste würden ihnen geschenkt. Und sie hielten an diesem Selbstbetrug fest, obwohl er auch damals der alltäglichen Erfahrung widersprach: Kaum jemand hatte etwas zu verschenken, am wenigsten ein Unternehmen.
Man kann das heute nicht mehr verstehen, sagt mein Urgroßvater, aber damals hing das Überleben der Gesellschaft davon ab, dass sie immer mehr konsumierte. Und diesen Konsum befeuerte die Werbung. Sie bewirkte, dass die Leute statt der besseren oder preiswerteren Produkte die beworbenen kauften. Dass sie überhaupt kauften. Dass sie Marken treu blieben. Dass sie Moden hinterherliefen. Dass sie das Bedürfnis entwickelten, ihren Status durch die Produktauswahl zur Schau zu stellen. So bescherten sie den Produzenten einen riesigen Profit. Und die zweigten davon etwas ab, das sie den Plattformen als Entgelt für das Datensammeln ausbezahlten. So wurden auch ein paar große Plattformen reich und konnten nebenbei ihr weiteres Wachstum finanzieren.
Hat denn keiner gesagt: Lass uns doch lieber direkt einen kleinen Betrag bezahlen und dafür unsere Privatsphäre behalten? Das gab es auch, sagt mein Urgroßvater. Doch denen, die das vorschlugen, hat man dann zum Beispiel unterstellt, wer das scheinbar Kostenlose abschaffe, wolle ein Internet nur für die Reichen etablieren. Ein Scheinargument, dass man auch damals schon durchschauen konnte, denn es gab ja auch zu dieser Zeit bereits andere öffentliche Dienstleistungen, die direkt zu bezahlen waren, beispielsweise den Nahverkehr oder das Telefon – und das nutzten ja auch nicht nur die Millionäre.
Doch das wollte man genauso wenig sehen, wie die vielen negativen Seiteneffekte. Etwa die Sensationshascherei auf der Jagd nach hohen Klickraten. Oder den Umstand, dass gerade viele kleinere Anbieter trotz allem niemals genug Klicks abbekommen konnten und es andererseits schwer hatten, ein Geschäftsmodell mit direkter Bezahlung zu etablieren, nachdem das Publikum einmal an die scheinbare Kostenfreiheit gewöhnt war. Oder die Flut sinnloser, redundanter, zeitraubender und nervtötender Postings, die es nur gab, weil sie keinen Preis zu haben schienen. Oder den Spam. Oder die Phishing-Mails, die sich auch lohnten, wenn nur einer unter Zigtausenden auf sie hereinfiel, weil sie praktisch keine Herstellungskosten hatten. Oder das Entstehen von Internet-Monopolen aus den wenigen Anbietern, für die sich die Werbefinanzierung wirklich rechnete. Oder die unzähligen Datenskandale die es damals gab und den schwunghaften Handel mit gestohlenen personenbezogenen Daten.
Heute gibt es das alles nicht mehr. Gottseidank, sagt mein Urgroßvater.

Sehr schön! Vielleicht bringt dieser durchaus gelungene weil überzeugend argumentierte Perspektivwechsel auch “heute schon” jemandem zum Umdenken…
Es wäre schön, wir wären schon soweit. Sehr guter Artikel! Es sollten mal CEOs, CFOs, C..s., IT-Manager etc. drüber nachdenken bzw. umdenken.
Grüße an den Urgroßvater