Aus Linux-Magazin 04/2019

Free and Open Source Software Developers European Meeting 2019

© Kristian Kißling

In Brüssel fand Anfang Februar einmal mehr Europas größtes Linux- und Open-Source-Community-Event statt – die Fosdem. Unter anderem wurde in den Hörsälen auf dem Campus Solbosch die Dezentralisierung im Web als Gegenstrategie zur zunehmenden Dominanz weniger Großunternehmen diskutiert.

Tausende Nutzer und Unterstützer freier Software stapften Anfang Februar durch Schneematsch auf das Universitätsgelände, um einigen der mehr als 700 Fosdem-Talks zu lauschen. Nicht wenige von ihnen widmeten sich diesmal dem Thema Dezentralisierung, das auf den großen Entwicklerkonferenzen der IT-Unternehmen eher selten zur Sprache kommt. Kein Wunder, verdienen diese ihr Geld doch eher mit einem zentralen Netz.

Daten dezentral

Doch zumindest Teile der Open-Source-Community wünschen sich die Hoheit über ihre Daten zurück. Nicht nur bestehen Bedenken, die eigenen Daten weiterhin im Tausch gegen Online-Ressourcen feilzubieten. Spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden gilt Dezentralisierung auch als probates Mittel gegen Überwachung und Tracking, sei es durch staatliche Akteure oder Unternehmen. Nicht zuletzt nehmen in vielen Ländern die Zensurbemühungen zu. So geriet die EU kürzlich wegen der geplanten Uploadfilter in die Kritik.

Hadern mit dem Web

Mozillas Mitchell Baker stellte in ihrer Keynote fest: “Wir verlieren das Web.” Google könne dank Chrome und seiner Marktmacht inzwischen Standards ohne Rücksicht auf andere Anbieter umsetzen. Die Übermacht einiger weniger Anbieter im Internet erinnere heute wieder an die 90er Jahre, als Microsoft die Geschicke der IT dominierte.

Als ein Schlüsselproblem nannte die Mozilla-Chefin, dass die Daten der Anwender im Internet zum Produkt werden. Mit einer Alternative zum werbefinanzierten System konnte aber auch sie nicht aufwarten. Das überrascht nicht sehr, lebt Mozilla doch ebenfalls von diesem Geschäftsmodell. Immerhin will das Projekt das Tracking von der Werbung entkoppeln und arbeitet an Werbemethoden, die ohne das exzessive Sammeln von Daten auskommen.

Public Money …

Projekte wie Matrix [1] setzen hingegen massiv auf dezentrale Dienste und finden nicht nur bei normalen Anwendern Anklang, wie ein Vortrag von Matthew Hodgson deutlich machte. Er berichtete über ein Matrix-Deployment in französischen Ministerien. Dort seien inzwischen mehr als 30 voneinander unabhängige Matrix-Instanzen installiert. Die Software verbinde verschiedene Instant-Messenger-Netzwerke, die für sich als Silos auftreten. Dabei bündelt sie die verschiedenen Nachrichten unter einer grafischen Oberfläche und führt so mehrere Kommunikationskanäle zusammen.

Einer der Gründe für den Einsatz von Matrix sei, dass die Ministerien unterschiedliche Security-Zonen und -Policies benötigen, was Matrix offenbar abbilden kann. Auch die von Matrix unterstützte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung sei in den Ministerien ein Muss. Diese setzen dabei mit »dinsic-pim« [2] auf einen Fork der Instant-Messenger-Plattform Riot.

Generell scheint es beim Projekt zu laufen: Bis zum Erscheinen dieses Magazins sollte Matrix in der Version 1.0 vorliegen. Rund 12 000 Instanzen seien aktuell öffentlich sichtbar, dazu gehören rund sieben Millionen öffentliche Accounts.

Tor zu Facebook

Ein Veteran in Sachen Dezentralisierung, der Tor-Entwickler Roger Dingledine, berichtete von den neuen Entwicklungen in der Zensurindustrie und mit welchen Mitteln das Tor-Projekt sich dagegen zu wehren versucht. So genannte Snowflake-Proxys lassen sich von Anwendern temporär aufsetzen und laufen im Browser. Zensoren hätten Mühe sie aufzuspüren. Pluggable Transports verstecken den Traffic wiederum in anderem Traffic, der für Betrachter wie Skype Video, Web-RTC oder HTTPS aussieht.

Systemkritiker über ihre Tor-Nutzung aufzuspüren scheint in Ländern wie Iran ohnehin schwieriger als angenommen. Dank einer umfassenden Internetzensur verwenden dort inzwischen viele Durchschnittsanwender Tor, laut dem Talk ungefähr 50 000. Sie würden sich nicht aktiv gegen das System stellen, sondern seien wie der durchschnittliche Facebook-Nutzer eher an Katzenbildern und Babyfotos interessiert.

Apropos Facebook: Das sei ohnehin das größte Darknet, erklärte Dingledine. Denn gerade in Ländern mit Internetzensur nutzen Millionen Menschen über Tor vorwiegend Facebook und deutlich weniger die Darknet-Märkte. Die von letzteren eingesetzten Hidden Services verwenden laut den Statistiken der Tor-Macher gerade einmal rund drei Prozent aller Tor-Nutzer.

Rust, Go und Open HMD

Natürlich blieb Dezentralisierung nicht das einzige Thema auf der Konferenz. So stellte Michele Azzolari die Theo-App [3] vor. Die Software besteht aus einem Server, einem Agent und einem Kommandozeilen-Interface und erlaubt es, SSH-Keys bequem zu verwalten. Meist sei diese Aufgabe recht stupide, aber zugleich wichtig, wenn Mitarbeiter eine Firma verlassen oder neu dort anfangen.

Im Rust-Track präsentierte Entwickler Guillaume Gomez die Neuigkeiten von GTK-rs, das es erlaubt, Gnome-Anwendungen in Rust zu schreiben. Fractal, Podcasts, Gradio und Newsflash seien nur einige der mit Rust programmierten Gnome-Apps. Es gebe zudem ein neues Crate namens »gtk-test«. Das ermöglicht es, grafische Elemente wie Buttons in Tests zu integrieren und so die Testabdeckung zu erhöhen. Mit dem Accessible Toolkit (ATK) sei auch eine neue Bibliothek an Bord, zudem warten API-Verbesserungen und funktionieren Futures nun auch in Async-Funktionen.

Tiny-Go wiederum ist eine abgespeckte Go-Variante. Sie soll sich dank ihrer geringen Größe für Embedded-Systeme eignen und die Programmiersprache attraktiv für die IoT- und Microcontroller-Welt machen. Um das zu erreichen, verwendet Tiny-Go die Compiler-Toolchain LLVM, die nativen Code für Embedded-Geräte erzeugt. Unter anderem läuft Tiny-Go auf dem Arduino Uno.

In der eher traditionellen Programmiersprache C geschrieben sind hingegen die Treiber für die zahlreichen VR-Brillen, die das Open-HMD-Projekt mittlerweile unterstützt. Das kann seit der letzten Fosdem auf einige Erfolge verweisen und supportet inzwischen gängige VR-Brillen wie die HTC Vive, Oculus Rift, Playstation VR und Microsoft Mixed Reality. Zugleich unterstützt Open HMD mit der LG R100 (LG 360 VR) eine sehr günstige VR-Brille, die gebraucht schon für weniger als 18 Euro zu haben ist. Bei dem Projekttreffen in Brüssel spendete ein Besucher zudem spontan eine Augmented-Reality-Brille (Abbildung 1), die erste im Projekt.

Abbildung 1: Open-HMD-Projektleiter Joey Ferwerda probierte die von einem Besucher spontan vorbeigebrachte AR-Brille aus.

Abbildung 1: Open-HMD-Projektleiter Joey Ferwerda probierte die von einem Besucher spontan vorbeigebrachte AR-Brille aus.

Zum Mozilla-Projekt gibt es laut Projektleiter Joey “TheOnlyJoey” Ferwerda aber noch keinen Kontakt, obwohl sich Firefox Reality durchaus auf dem AR-VR-Spielfeld tummelt. Dafür dürfen Spiele-Entwickler neuerdings mit der Open-Source-Engine Godot 3.0 direkt Inhalte für VR-Brillen entwickeln.

Ausblick

Ganz ohne Vorträge aus den Reihen der großen Unternehmen kam auch die Fosdem nicht aus. Kein Wunder: Viele Entwickler und Admins verdienen hier mit Open-Source-Software ihr Geld. So hielten unter anderem Entwickler von Microsoft, Amazon, Facebook und Google Vorträge über Dotnet, Open-Source-Firmware und Quantencomputing.

Dennoch: Dass Jahr für Jahr Tausende Menschen trotz Kälte und Dreckswetter zur Fosdem pilgern, spricht dafür, dass die Veranstaltung eine Lücke füllt. Denn die Fosdem ist zugleich international und eine Community-Veranstaltung, die Talks sind in der Regel keine halben Werbeveranstaltungen. Der Andrang hat auch Nachteile: Einige der kleineren Säle waren regelmäßig nach kurzer Zeit dicht. Lange Gesichter machen mussten die vor der Tür Wartenden allerdings nicht: Die Livestreams funktionierten meist ziemlich reibungslos.

Infos

  1. Matrix: https://matrix.org

  2. Riot für Ministerien: https://github.com/dinsic-pim

  3. Theo-App: https://github.com/theoapp

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