Die Quittung

Windows 1.0 ist eben erschienen und die ersten PCs mit Intels brandneuem 386er-Chip kommen auf den Markt. ANSI definiert den SQL-Standard und Apple etabliert sich mit der Killerapplikation Aldus Pagemaker im Kreativsektor. Es gibt eine erste Version des Softwareklassikers Norton Commander. Bei den Heimcomputern, die damals noch von professionellen PCs unterschieden wurden, liefern sich Atari ST, Commodore Amiga, C64 und der ZX Spectrum ein Rennen um die Käufergunst. MS-DOS 3.2 unterstützt nun auch 3,5-Zoll-Floppies mit 720 KByte. Eine WordPerfect-Lizenz kostet 500 Dollar. Es gibt noch kein Web und kein HTML, keine Open-Source-Software und kein Linux, keine CD und keine DVD, Ethernet läuft über Koaxkabel mit Abschlusswiderstand.

In diese Zeit, Mitte der 80er Jahre, wird die CeBIT hineingeboren, das “Centrum für Büroautomation, Informationstechnologie und Telekommunikation”, später für eine Weile die größte IT-Messe der Welt.

Cloud Computing ist auf dem Gipfelpunkt seines Hypes. Große Konzerne geben ihre Rechenzentren auf und migrieren alle Applikationen in eine Public Cloud. Container-Cluster, die Mikroservice-Architekturen ermöglichen, sind State-of-the-Art und wollen unbegrenzte Skalierbarkeit und Ausfallsicheheit garantieren. Die Blockchain gilt als eines der erfolgversprechendsten Konzepte der Informatik. Smartphones und andere Mobilgeräte wie Tablets sind allgegenwärtig. Künstliche Intelligenz erlebt einen zweiten oder dritten Frühling. Datensicherheit ist eines der wichtigsten Themen der Computerwelt.

In dieser Zeit, Ende der 2010er Jahre, hat uns die CeBIT für immer verlassen.

Es muss einen Punkt gegeben haben, da hat die rasante Entwicklung seit ihrer Jugendzeit die Messe überholt. Sie fiel aus der Zeit und als sie das bemerkte – ein steter Besucher- und Ausstellerrückgang war ja nicht zu übersehen – reagierte sie panisch und ohne überzeugendes Konzept.

Beispiel: Open Source gab es zur ersten CeBIT noch nicht und natürlich auch kein Linux. Heute hat sich die freie Software gerade im High-End-Sektor etabliert. Über 90 Prozent aller Smartphones haben ein Linux-Betriebssystem, alle Supercomputer laufen unter Linux, Kubernetes, das derzeit bedeutendste Tool für Automation und Orchestrierung ist Open Source, der teuerste Zukauf in der gesamten IBM-Firmengeschichte ist eine Open-Source-Company …

Und was macht die CeBIT? Sie schafft den Open-Source-Park ab und stellt ein Riesenrad auf. Die Quittung hat sie nun erhalten.

E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Nach oben