Gefangennahme

Google hat es bereits angekündigt: Bald öffnet es das Tor in eine gespentische Zukunft. Doch die Nutzer sollen es nicht merken: Deshalb nennt Google die Gefangennahme Entdeckungsreise. Es hofft, die Nutzer werden dann den Wärter umarmen, der sie in eine Einzelzelle sperrt.

Der Wärter ist kein Wesen aus Fleisch und Blut, es ist ein Algorithmus. Der Algorithmus wird wissen, wonach uns der Sinn steht, was uns interessiert. Und genau das wird er auf der Google-Startseite servieren. Ähnliches kannte man ja schon als Google Feed, nun wird es Google Discover heißen und soll noch viel besser werden, indem es noch viel mehr über jeden seiner Nutzer in Erfahrung bringt. Es wird wissen, welche Webseiten er besucht hat und wie lange er dort verweilte, was er als interessant markierte oder wovon er einen Bookmark speicherte, was für Suchbegriffe er verwendet hat, aber auch, worüber er mit wem Google-Mails ausgetauscht hat, was er im Web kaufte, was für Musik er mag, welche Kochrezepte er sich angesehen hat und noch viel, viel mehr. Und Discover wird ständig dazulernen. O-Ton Google: “Discover ist besonders, weil es immer einen Schritt voraus ist: Es hilft euch, Dinge zu finden, nach denen ihr noch nicht einmal gesucht habt.”

Was soll schlecht daran sein? Zunächst einmal: Entgegen allen Beteuerungen will Google seinen Nutzern nicht in erster Linie das Leben verschönern. Es will stattdessen mehr von ihrer Aufmerksamkeit, damit es mehr Werbung einblenden kann, damit es mehr verdient. Dafür drängen all die Facebooks, Amazons und Googles in das Blickfeld des Nutzers und buhlen mit harten Bandagen um Beachtung. Denn daraus schlagen sie ihr Kapital. Letztlich ist es also die unsichtbare Hand des Marktes, die dem Google-Nutzer seine favorisierten Inhalte arrangiert.

Auf den ersten Blick scheint es dennoch fair, scheint es so, als hätte der Internet-Gigant eine Dienstleistung zu verschenken. Doch in Wirklichkeit geht es um das genaue Gegenteil von discover, also von entdecken. Denn die großzügige Gabe raubt dem Beschenkten etwas Wesentliches: Das Unerwartete, das Überraschungsmoment, den Zufallsfund. Man kann es auch mit einem komplizierten Fremdwort sagen: die Serendipität.

Wer ein Magazin wie zum Beispiel das Linux-Magazin zur Hand nimmt und darin stöbert (oder browst), wird Sachen finden, die ihn sofort interessieren und andere, die er sofort überblättert. Hin und wieder wird der eine oder andere aber bei einem Text hängenbleiben, den er nicht sofort einordnen kann. Der Titel wird ihn aufhorchen lassen oder der Vorspann zum Weiterlesen reizen. Er wird sich in den Text vertiefen und dann zuweilen nicht mehr aufhören können zu lesen. Und manche Leser werden am Ende froh sein, dass sie sich verführen ließen. Dort aber, wo es nur noch Inhalte gibt, die der Algorithmus nach Maßgabe größtmöglicher Gefälligkeit vorsortiert hat, ist das nicht mehr möglich. Dort stößt der Nutzer nur noch auf Variationen von Bekanntem und eine KI im Hintergrund lernt daraus, dass es das ist, was ihn fasziniert. Und also wird sie ganau das auch in Zukunft bevorzugt darbieten.

Selbst wenn die KI lernen könnte, wie viel Überraschendes ihr Nutzer goutiert, selbst wenn sie in die Christina-Aguilera-Playlist das Rondo einer Bach-Sonate schmuggeln würde, es bliebe eine fremdbestimmte, künstliche, berechnete Überraschung, eine mechanische Provokation und kein Treffer, wie ihn nur echte Neugier beschert. Der Zufall wäre aus dem Spiel. Alles folgte weiter einem Plan, der nicht der Plan des Nutzers ist. Stattdessen hinge er weiter am Gängelband eines übermächtigen Konzerns, der, während er sich vorgeblich für seine Anwender engagiert, seine eigenen Interessen verfolgt. Der Nutzer würde weiter intime Dinge preisgeben und zum Lohn dafür in eine Echokammer gesperrt. Statt, wie er glauben soll, zu Entdeckungsreisen aufzubrechen, drehte er sich um sich selbst.

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Tun Bastian
7 Jahre her

Gute Analyse! Auf die (un)sozialen Netze verzichte ich schon immer gerne, aber Google brauche ich ständig für Recherchen. Wie ihm entkommen?

Scroogle
7 Jahre her
Reply to  Tun Bastian

Die Google Searchengine lässt sich zumindest mittels der Nutzung durch startpage.com etwas anonymer nutzen.

Nicolas
7 Jahre her
Reply to  Tun Bastian

startpage.com oder duckduckgo.com
Richtig ist, dass Google oft bessere Ergebnisse zu komplizierten Sachverhalten liefert. Aber mal ganz ehrlich, kompliziert ist nicht immer!
Ich nehme die obigen Suchmaschinen standardmäßig und nur wenn ich was dort nicht finde, greife ich auf Google zurück…

Florian Buchbinder
7 Jahre her

Genau das ist es, was ich Freunden und Bekannten, die es toll finden Dinge automatisch vorgeschlagen zu bekommen, seit Jahren predige!
ICH will entscheiden, finden, entdecken!
Ich will NICHT aufgrund meiner letzten Einkäufe oder meiner Surfhistorie suggeriert bekommen, dass ich noch Gegenstand B benötige.
Genauso wenig will ich per Google Street View meinen Urlaubsort bereits im Voraus komplett gesehen haben.
JA, das alles ist teilweise sehr nützlich, angenehm, bequem und einfach, aber man darf NIEMALS vergessen, dass Entdeckungen, Überraschungen, Spontanität und Unerwartetes das Leben so schön, erlebnisreich, abwechselnd und eben lebenswert machen!

Franz Widholm
7 Jahre her

Ich verstehe diese ganze Disskussion nicht, ehrlich! Zuersteinmal muss man sich darüber im klaren sein dass keine Firma der Welt etwas zu verschenken hat, dazu gehört auch Google. Google bietet mir gewisse Produkte zur Nutzung an und ich bezahle mit meinen Daten. Als weitere Bedingung für die Nutzung der Dienste von Google muss ich nun Discover nutzen. Das ist das geschäftliche. Ich werde nicht gezwungen Produkte von Google zu nutzen, ich mache es freiwillig, weil es eben sehr gute, ich möchte sogar behaupten die besten Dienste sind, die ich aktuell für meine Daten bekomme. Wer weniger bezahlen will, also weniger… Mehr »

Franz Widholm
7 Jahre her

Hallo Herr Brendel, über dieses Thema könnte man bestimmt wochenlang Diskutieren und hätte dann noch kein eindeutiges Ergebnis, das macht es ja so spannend. Deswegen nur kurz noch meine Antwort: Ich möchte, was ja eigentlich unhöflich ist, mit einer Gegenfrage argumentieren! Warum wird das Geschäftsgebaren unterschiedlich bewertet? Ich meine damit, warum behandeln wir Geschäfte mit den “Datensammlern” unterschiedlich zu den “realen” Geschäften? Ist es denn nicht so, dass ich bei keinem Geschäftspartner weiß was er mit meiner Leistung macht? Ein abstraktes Beispiel: Ich kaufe ein Auto und gebe Geld. Weiß ich ob der Gegenwert “fair” ist, weiß ich was der… Mehr »

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