Aus Linux-Magazin 09/2018

Interview mit Matthias Kirschner, Präsident der FSFE

© ginasanders, 123RF

Was macht freie Software aus? Verirren sich ihre Anwender in ihrem Lizenzdschungel? Wie sollte man Lizenzverstöße ahnden? Fragen, die das Linux-Magazin anlässlich der anstehenden Open-Source-Jubiläen Matthias Kirschner, Präsident der Free Software Foundation Europe, gestellt hat.

Linux-Magazin: Im alltäglichen Sprachgebrauch werden die Begriffe Freie Software und Open Source oft synonym gebraucht. Sehen sie da gravierende Unterschiede?

Matthias Kirschner: Sowohl freie Software als auch Open Source Software sind zwei wichtige Begriffe, die Software beschreiben, die man frei verwenden, verstehen, verbreiten und verbessern kann.

Historisch gesehen war freie Software der erste Begriff. Er wurde 1986 zusammen mit der Freie-Software-Definition geschaffen. 1997 entwickelte Debian die Debian Free Software Guidelines (DFSG) als Checkliste, um zu prüfen, ob es möglich war, ein Programm in die Distribution aufzunehmen oder nicht.

Ein Jahr später wurde die Open Source Initiative (OSI) als Marketing-Kampagne für freie Software ins Leben gerufen. Sie führte die Open-Source-Definition ein, indem sie die DFSG kopierte und freie Software durch Open Source ersetzte. Laut einem öffentlichen Statement von Bruce Perens, einem der Gründer der OSI und Autor von DFSG und der Open-Source-Definition, sollte Open Source ein Synonym zu freier Software sein.

Heute sind das unterschiedliche Begriffe für die gleiche Art von Software. So wie manche Menschen Auto, Kraftfahrzeug, PKW, Automobil oder Wagen zu dem gleichen Objekt sagen, heben freie Software oder Open-Source-Software unterschiedliche Aspekte hervor.

Der Begriff freie Software betont die Freiheit und Open Source eher die Verfügbarkeit des Quellcodes. Die FSFE bevorzugt den Begriff freie Software, da wir die Freiheit für das wichtigere und bessere Argument halten. In der Praxis wird aber mit beiden Begriffen die gleiche Software bezeichnet.

Die ausführliche Position der FSFE ist auch unter [1] zusammengefasst.

Linux-Magazin: Es gibt jede Menge Open-Source-Lizenzen? Meinen Sie, dass es zu viele sind? Welche werden überleben?

Matthias Kirschner: Es gibt bei Weitem nicht so viele Freie-Software-Lizenzen wie proprietäre Softwarelizenzen. Dennoch sind es derzeit zu viele.

Oft werden aus Unkenntnis oder wegen kleinerer Wünsche leichte Abwandlungen von bestehenden Lizenzen erstellt. Diese erschweren die Kombination mit anderer bestehender freier Software, insbesondere für Unternehmen, und schrecken neue Entwickler ab, da sie die Lizenz noch nicht kennen und ihre Zeit auch nicht für das Lesen und Verstehen neuer Lizenzen verwenden wollen, sondern zum Programmieren.

Die neu erstellten Lizenzen sehen auf den ersten Blick oft gut aus. Bei genauerer Analyse stellt sich allerdings dann in manchen Fällen sogar raus, dass eine Klausel, die gut gemeint ist, die Software nachher proprietär macht, weil sie die Verwendung für jeden Zweck oder die Freiheiten zum Verstehen, Verbreiten oder Verbessern einschränkt.

Eine Handvoll Lizenzen bietet sich jedoch an, um verschiedene Strategien bei der Verbreitung freier Software zu ermöglichen. Beispielsweise kann es sinnvoll sein, den Code für einen Videocodec oder für ein Kommunikationsprotokoll unter eine schwach schützende Lizenz wie Apache 2.0 zu stellen, um die Verbreitung, auch in unfreien Produkten, voranzutreiben. Davon können die Nutzer und Nutzerinnen freier Software profitieren, weil sie so nicht erst von der Nutzung einzelner Plattformen ausgeschlossen werden.

Dann gibt es Unternehmen, die uns sagen, dass sie als Investitionsschutz stark schützende Lizenzen wie die “GNU GPLv3 or any later version” wählen, damit auch zum Beispiel vom Konkurrenten veränderte Versionen wieder unter einer freien Lizenz verfügbar gemacht werden müssen. Oder auch, um bei gemeinschaftlicher Entwicklung mit vielen anderen Unternehmen rechtliche Fragen abzuklären, die sonst ein großes rechtliches und kompliziertes Zusatzwerk benötigen würden. Die GNU GPL deckt hier viele Anwendungsfälle standardmäßig ab.

Wir raten auf jeden Fall davon ab, eigene Lizenzen zu erschaffen, und empfehlen sich eine bestehende und getestete Lizenz [2] auszusuchen. Dabei profitiert man dann auch von guten Hilfestellungen, beispielsweise von unserer Schwesterorganisation FSF [3].

Am Ende werden die Freie-Software-Lizenzen überleben, die für Entwicklerinnen und Entwickler sowie Unternehmen mehr Probleme lösen, als sie generieren. Dabei wird es sicher ein paar Copyleft-Lizenzen sowie Nicht-Copyleft-Lizenzen geben, ein paar mit Regelungen zu Patenten und ein paar, die Patente nicht berücksichtigen. Darüber, welche das sein werden, will ich nicht spekulieren.

Linux-Magazin: Viel diskutiert wird auch über die Bestrafung von Lizenzverletzern. Muss man hier in jedem Fall hart durchgreifen – oder kann man auch kulant sein, besonders, wenn der Verstoß vielleicht unabsichtlich erfolgte?

Matthias Kirschner: Eines der Prinzipien der FSFE war schon immer: Kooperation statt Konfrontation. Das gilt auch bei der Lizenzeinhaltung von Unternehmen. Wir wollen nicht, wenn ein kleiner Fehler gemacht wird, den Entwicklern und Entwicklerinnen auf die Finger hauen. Das führt nur dazu, dass sie in Zukunft sehr viel weniger freie Software einsetzen. Das wiederum bewirkt, dass wir weniger Produkte auf dem Markt haben, deren Quellcode wir bekommen und für die wir Änderungen erstellen können.

In der Regel gehen wir bereits vorsichtig bei Lizenzverletzungen vor, gerade die GNU GPL in Version 3 bietet hier auch automatisch die Möglichkeit, solche Versionsverstöße zu heilen, wenn man sich anschließend wieder korrekt verhält. Unternehmen haben auch solche Regelungen für Version 2 umgesetzt [4].

Aber auch ohne solche Klauseln geht man in der Mehrheit der Fälle behutsam vor, eine Klage ist nur der letzte Ausweg, zu dem es meist nur dann kommt, wenn sich der Lizenzverletzer schlicht weigert, den Verstoß zu beheben.

Die Prinzipien der gemeinschaftsorientierten GNU-GPL-Durchsetzung [5] oder auch Statements der Linux-Entwickler und -Entwicklerinnen [6] oder des Netfilter-Projekts [7] sind hier ein wichtiger Schritt, um klare Regeln für das Durchsetzen von Lizenzen zu schaffen, und auf der anderen Seite helfen Tools wie Reuse [8] dabei, gleich von Anfang an Lizenzverstöße zu vermeiden.

Unser Gesprächspartner

Matthias Kirschner ist Präsident der FSFE. 1999 begann er GNU/Linux zu nutzen und realisierte, dass Software tief in allen Bereichen unseres Lebens verwurzelt ist. Er ist davon überzeugt, dass diese Technik unsere Gesellschaft nicht einschränken, sondern sie befähigen muss. Seit 2004, während seines Studiums der Politik- und Verwaltungswissenschaft, engagiert er sich bei der FSFE.

Er unterstützt Organisationen, Unternehmen und die öffentliche Verwaltung dabei, von freier Software zu profitieren, und er erklärt, wie die grundlegenden Rechte von freier Software – das Recht sie zu verwenden, zu verstehen, zu verbreiten und zu verbessern – die Meinungsfreiheit, Pressefreiheit oder Privatsphäre fördern.

Matthias spielt gerne mit seinen Kindern. In seiner Freizeit hilft er bei Erste-Hilfe-Outdoor-Seminaren, mag Comics wie XKCD und Transmetropolitan; Monty Python und die Ärzte.

Linux-Magazin: Im Zeitalter von Iot ist Linux in vielen Geräten integriert, vom Fernseher bis zum Kühlschrank. Um den Lizenzanforderungen formal gerecht zu werden, verlinken die Hersteller oft aber nur den Vanilla-Kernel. mit dem man jedoch niemals etwa eigene Firmware für das spezielle Gerät bauen könnte. Wie sehen Sie solche Praktiken, die vielleicht den Buchstaben, aber nicht dem Geist offener Lizenzen entsprechen?

Matthias Kirschner: Zumindest bei Software wie dem Kernel, der unter der GNU GPL steht, gehört zu den lizenzrechtlichen Verpflichtungen auch, alle Werkzeuge mitzuliefern, die notwendig sind, um eigene Versionen zu bauen. Wenn Hersteller das nicht tun, muss das korrigiert werden, und viele Hersteller tun dies auch, wenn sie darauf hingewiesen werden. Oftmals ergeben sich dann auch interessante Projekte, die, wie bei Open WRT und dessen Ablegern, auch wieder für den Hersteller bei neuen Produktentwicklungen interessant sind.

Nach unserer Erfahrung gibt es heute immer mehr Unternehmen, die bei der Auftragsvergabe eher darauf drängen, dass die Änderungen, die für sie erstellt werden, wieder in die Hauptentwicklung einfließen sollen. Das spart auf lange Frist hohe Kosten für die individuelle Wartung.

Linux-Magazin: Wird es in Zukunft noch Open-Source-Aktivisten geben? Wer rekrutiert heute den Nachwuchs? Was muss man jungen Leuten bieten, damit sie sich für diese Sache erwärmen?

Matthias Kirschner: Wir sind fest davon überzeugt, dass es in Zukunft mehr Freie-Software-Aktivisten geben wird als heute. Erst kürzlich habe ich wieder mit Teilnehmern und Ehrenamtlichen von “Jugend hackt” gesprochen. Dabei habe ich eine große Begeisterung für Technik generell und für freie Software erlebt. Hier wird Jugendlichen ein Umfeld geschaffen, in dem sie Spaß haben können und welches nicht durch schwer verständliche Regeln ihre Kreativität einschränkt. Davon brauchen wir mehr!

Aber wir müssen die Frage weiter fassen. Software ist in immer mehr Bereichen unseres Lebens präsent. Ob Autos, Flugzeuge, Wasch- oder Spülmaschinen bis hin zu Herzschrittmachern und Hörgeräten. Gleichzeitig bestimmt Software immer mehr Entscheidungen, die unseren Leben beeinflussen. Das kann die Entscheidung über den Studienplatz oder den Arbeitsplatz, die Kreditvergabe oder die Bewertung über die Rückfallwahrscheinlichkeit von Straftätern sein. An allen diesen und vielen weiteren Stellen beeinflusst Software Menschen in der Gesellschaft.

In Zukunft arbeiten also nicht nur klassische Freie-Software-Aktvisten und -Aktivistinnen, wie wir sie heute kennen, für Freiheit in unserer Gesellschaft. Schon hat in Frankreich eine Schülerorganisation die Herausgabe der Software zur Studienplatzvergabe erwirkt. Strafverteidiger mahnen die Intransparenz der Software bei DNA-Analysen oder der Beurteilung der Rückfallwahrscheinlichkeit an. Umweltorganisationen verstehen, dass sie ohne Zugriff auf Quellcode nur schwer die Einhaltung von Gesetzen überprüfen können, und Gewerkschaften werden in Zukunft mit proprietärer Software konfrontiert sein, die Bewerber bei der Arbeitssuche aus unbekannten Gründen benachteiligt. In all diesen Bereichen fördern Menschen künftig neben anderen Freiheiten auch Softwarefreiheit.

Als FSFE arbeiten wir auch daran, die Schlagkraft von Aktivisten für freie Software zu erhöhen. Wir bieten zum Beispiel mit unseren lokalen Gruppen [9] in verschiedenen Städten Menschen einen Anlaufpunkt, um sich mit Gleichgesinnten austauschen oder gemeinsam Aktivitäten zu organisieren.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Leser und Leserinnen uns dort besuchen kommen und mit uns darüber sprechen würden, wie wir freie Software demokratisieren können und wie Softwarefreiheit andere Freiheitsrechte wie Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, und so weiter in unserer Demokratie unterstützen kann.

Infos

  1. FSFE zur Begriffsbestimmung: https://fsfe.org/freesoftware/basics/comparison.de.html
  2. Verlässliche Open-Source-Lizenzen: https://www.gnu.org/licenses/license-list.en.html
  3. Lizenzempfehlungen der FSF: https://www.gnu.org/licenses/license-recommendations.html
  4. Lizenzverstöße korrigieren: https://www.redhat.com/en/blog/ability-correct-errors-gplv2-compliance-right-thing-do
  5. Prinzipien der gemeinschaftsorientierten GNU-GPL-Durchsetzung: https://www.fsf.org/licensing/enforcement-principles
  6. Linux Kernel Community Enforcement Statement: http://kroah.com/log/blog/2017/10/16/linux-kernel-community-enforcement-statement
  7. “Licensing information about netfilter/iptables”: http://www.netfilter.org/licensing.html
  8. Reuse: https://reuse.software
  9. FSFE-Gruppen: https://wiki.fsfe.org/LocalGroups
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Michael Kesper
7 Jahre her

In der Online-Version fehlen die Fragen.

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