Aus Linux-Magazin 09/2018

Red Hat: Wirtschaftlich erfolgreich, technisch federführend

© belchonock, 123RF

Aus einer Ein-Mann-Firma in 25 Jahren die international größte, unermüdlich expandierende und zudem ertragsstarke Open-Source-Firma zu machen, ist nicht nur die Realisierung des amerikanischen Traums, sondern liefert auch den schlagenden Beweis, dass freie Software kommerziell sehr einträglich sein kann.

Red Hats einprägsames Firmenlogo leitet sich aus dem Umstand ab, dass der Firmengründer Marc Ewing – nicht zu verwechseln mit dem Linux-Pinguin- und Ximian-Affen-Erschaffer Larry Ewing – als Student in Pittsburgh oft den roten Universitätshut seines Großvaters zu tragen pflegte. Leute, die ihn wegen seiner guten Computerkenntnisse um Rat fragen wollten, sprachen damals stets vom “Man in the red Hat”.

Während viele vergleichbare Nerds ihr hilfsbereites Wesen im Freundeskreis umsonst und als Angestellte für ein mehr oder minder anständiges Gehalt verwendeten, gründete der 24-jährige Ewing am 26. März 1993 das Linux-Unternehmen Red Hat, das 25 Jahre später zweifellos das kommerziell gewichtigste der Open-Souce-Branche ist. Auch persönlich sollte sich sein Einsatz bald lohnen: 1999, sechs Jahre nach der Gründung und zur Dotcom-Hochzeit waren seine gerade an die Börse gebrachten Aktien (Abbildung 1) knapp 1 Milliarde US-Dollar wert. (Anfang 2000 hatte die Firma noch einen 2:1-Aktiensplit und eine Emission 2,75 Millionen neuer Aktien hingelegt.)

Abbildung 1: Kursentwicklung vom Börsengang bis heute, notiert in US-Dollar und mathematisch um den Aktiensplit bereinigt. Dividenden hat Red Hat bislang nie gezahlt. Quelle: Red Hat

Abbildung 1: Kursentwicklung vom Börsengang bis heute, notiert in US-Dollar und mathematisch um den Aktiensplit bereinigt. Dividenden hat Red Hat bislang nie gezahlt. Quelle: Red Hat

Auf der Hut sein

Märchenhaften Reichtum während der Technologie-Euphorie kurz vor der Jahrtausendwende gab es sicherlich nicht nur beim Gründer von Red Hat zu beobachten. Das Unternehmen kann sich aber zu Gute halten, dass es die anschließende Ernüchterung gut überlebt und seither ein stabiles Wachstum an den Tag gelegt hat, während ein Großteil der damaligen Börsenstars der kühle Rasen deckt – man denke an Caldera/SCO, Conectiva, Turbolinux, … Auch die Suse AG schlitterte mehrfach nur knapp an der Pleite vorbei und wird seither von Investor zu Investor weitergereicht. Was also mag das Geheimnis des anhaltenden Erfolgs der Rothüte sein?

Die Antwort ist nicht prägnant mit einer Formel zu definieren, sondern scheint in einem umfangreichen Mix von firmenkulturellen und wirtschaftlich-vertrieblichen Maßnahmen zu bestehen. Primär zu nennen ist die Dualität zwischen dem universellen Anwenden der Freie-Software-Prinzipien einerseits und, seit RHEL im Jahr 2002, dem Vermarkten einer heute sehr umfangreichen Produktpalette nach dem Subskriptionsmodell – es sorgt aktuell für 88 Prozent der Einnahmen.

Für den professionellen Endanwender, der nominell nur für Support und die Maintenance der Server-Software zahlt, ist der Unterschied zur proprietären Software, für die er eine Lizenz- und Supportgebühr berappt, in der Praxis gar nicht so offensichtlich. Allerdings ist seine Investition sicherer, da der Vendor-Lock-in wegen der Verfügbarkeit des Quellcodes weniger schwer wiegt.

Für Privatleute und kleine Firmen, die zumeist keine Subskriptionen abschließen, hält Red Hat zumindest die Basistechniken in benutzbarer Form vor. Hier ist zuerst das Fedora-Projekt zu nennen, das seit 2003 den Entwickler-Tank für die firmeneigenen Betriebssystemkomponenten bildet. Die Quelloffenheit der kommerziell vertriebenen Produkte macht es Dritten aber auch möglich, binärkompatible Software (kostenlos oder billiger) herauszubringen.

Das bekannteste Beispiel ist sicher der RHEL-Klon Centos – auf Webservern weltweit nach Ubuntu und Debian immerhin die dritthäufigste Distribution. Ökonomisch unterlaufen solche Konstruktionen natürlich Red Hats Geschäftsmodell. Anfang 2014 verleibte sich Red Hat Centos ein, führte es aber unter Leitung eines Centos Governing Board fort.

Apropos Zukäufe

Nach der frühen Fusion mit ACC, einem Versandhaus für Linux- und Unix-Zubehör, und dessen Inhaber Bob Young (Abbildung 2), der 1994 den Red-Hat-CEO-Posten übernahm, diente der 1999 vollzogene Kauf der DLD-Firma Delix Computer aus Stuttgart sicher dazu, im wichtigen Linux-Land Deutschland ein Bein in die Tür zu bekommen. Delix-Gründer Dirk Haaga wurde Geschäftsführer Red Hat Deutschland bis zu seinem Unfalltod 2006.

Abbildung 2: Der erste Red-Hat-CEO Bob Young, hier 2004 als Besitzer eines Football-Clubs. Quelle: Steve Lowe, Hamilton Tiger-Cats, CC BY-SA 3.0

Abbildung 2: Der erste Red-Hat-CEO Bob Young, hier 2004 als Besitzer eines Football-Clubs. Quelle: Steve Lowe, Hamilton Tiger-Cats, CC BY-SA 3.0

Die absolute Mehrheit der nach dem Börsengang realisierten beachtlich vielen Zukäufe (Tabelle 1) richteten sich nicht auf Marktexpansion, sondern auf den Erwerb von Technologien – die in vielerlei Hinsicht bedeutsamste dürfte Jboss gewesen sein. Zu den für die Sache der freien Software positiven Dinge gehört, dass Red Hat meist sehr zügig nach der Eingliederung der jeweiligen Technik diese als Open Source freigab, auch wenn sie bislang proprietär lizenziert war.

Tabelle 1

Unternehmenskäufe

Zeitpunkt

Firma

Branche

Wert

Juli 1999

Atomic Vision

Webdesign

k.A.

Juli 1999

Delix Computer GmbH

Computer und Software

k.A.

Januar 2000

Cygnus Solutions Limited

GCC, GDB, Binutils

674 Mio. US-$

Mai 26, 2000

Bluecurve

IT-Management-Software

37 Mio. US-$

August 2000

Wirespeed Communications

Internetsoftware

84 Mio. US-$

August 2000

Hell’s Kitchen Systems

Internetsoftware

86 Mio. US-$

September 2000

C2Net

Internetsoftware

40 Mio. US-$

Februar 2001

Akopia

E-Commerce-Websites

k.A.

Februar 2001

Planning Technologies

Consulting

47 Mio. US-$

Februar 2002

Ars Digita

Assets und Mitarbeiter

k.A.

Oktober 2002

NOC pulse

Software

k.A.

Dezember 2003

Sistina Software

GFS, LVM, DM

31 Mio. US-$

September 2004

The Netscape Security-Certain Asts

Certain assets

k.A.

Juni 2006

Jboss

Middleware

420 Mio. US-$

Juni 2007

Meta Matrix

Informationsmanagement-Software

k.A.

Juni 2007

Mobicents

Telekommunikationssoftware

k.A.

März 2008

Amentra

Consulting

k.A.

Juni 2008

Identyx

Software

k.A.

September 2008

Qumranet

KVM, RHEV, Spice

107 Mio. US-$

November 2010

Makara

Enterprise-Software

k.A.

Oktober 2011

Gluster

Gluster-FS

136 Mio. US-$

Juni 2012

Fuse Source

Enterprise-Integration-Software

k.A.

August 2012

Polymita

Enterprise-Software

k.A.

Dezember 2012

Manage IQ

Orchestration-Software

104 Mio. US-$

Januar 2014

The Centos Project

Centos

k.A.

April 2014

Inktank Storage

Ceph

175 Mio. US-$

Juni 2014

E-Novance

Open-Stack-Integration-Services

95 Mio. US-$

September 2014

Feed Henry

Mobile-Application-Plattform

82 Mio. US-$

Oktober 2015

Ansible

Konfigurationsmanagement, Orchestration-Engine

126 Mio. US-$

Juni 2016

3scale

API-Management

29 Mio. US-$

Mai 2017

Codenvy

Cloudsoftware

34 Mio. US-$

Juli 2017

Permabit

Daten-Deduplikation und -Compression

50 Mio. US-$

Januar 2018

Core OS

Management von containerisierten Applikationen: Container Linux by Core OS

239 Mio. US-$

Ende eines Diktats

Mitgründer Bob Young erklärte das in einem früheren Interview mit dem Linux-Magazin [1] so: “Weite Teile der Weltwirtschaft funktionierten so wie auch Open Source arbeitete: Rechtsanwälte konnten auf der Arbeit von anderen in der Juristerei aufbauen; Kfz-Mechaniker konnten mit den Herstellern der Autos um die Wartungsarbeiten an den Autos konkurrieren. Nur in der proprietären Softwarewelt war der Hersteller in der Lage, dem Kunden zu diktieren, was der Kunde mit der Technologie tun oder nicht tun durfte, für die er Tausende Dollar gezahlt hatte und von der seine ganze Organisation abhing.”

“Dank Open Source konnte Red Hat den Technologie-Nutzern einen Vorteil bieten, den unsere milliardenschweren Konkurrenten nicht anbieten wollten: Sie bekamen Kontrolle über die Technologie, die sie einsetzen. Als Marc und ich 1994 aus seinem Apartment in Durham, North Carolina, heraus anfingen, schien uns das die offensichtliche Geschäftsstrategie, und dies scheint auch heute noch die offensichtlich richtige zu sein.”

Das vermeintlich leichtfertige Herschenken von Unternehmenswerten stellt in Wirklichkeit die Umsetzung der Freie-Software-Prinzipien und die modernste Form der Weiterentwicklung von Programmen dar. Darüber hinaus engagiert sich die Firma bei rund 450 freien Projekten mit Manpower und Geld – beispielsweise bei der Kernelentwicklung – und leistet somit einen wichtigen Beitrag für das Open-Source-Ökosystem.

Bei einem börsennotierten US-Unternehmen geschieht dies sicher nicht aus karitativen Gründen; die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen und frühzeitig an neue technische Informationen zu kommen, spielen hier natürlich eine Rolle.

Dass ein Business mit Open-Source-Fundament wirtschaftlich funktionieren kann, dafür erbringt Red Hat mit seinem rund 3 Milliarden US-Dollar Umsatz jedenfalls den schlagenden Beweis. Das jährliche Umsatzwachstum kann sich nämlich sehen lassen (Abbildung 3).

Abbildung 3: (Nicht um Währungseffekte bereinigte) Umsätze in den Geschäftsjahren 2018, 2017 und 2016 im Vergleich, aufgeschlüsselt nach Regionen.

Abbildung 3: (Nicht um Währungseffekte bereinigte) Umsätze in den Geschäftsjahren 2018, 2017 und 2016 im Vergleich, aufgeschlüsselt nach Regionen.

Mancher Mitarbeiter ist Fan

Vermutlich sind es die ethisch positiv stimmenden Unternehmensziele, die zu einer offenbar hohen Loyalität der Mitarbeiter führen, was sich normalerweise wiederum auf deren Einsatzwillen und Kreativität auswirkt. Das Arbeitgeber-Bewertungsportal Kununu errechnet für Red Hat Deutschland einen Score 4,33 von 5 und eine Weiterempfehlungsquote von 96 Prozent. (Zum Vergleich Microsoft Deutschland, das als Arbeitgeber einen guten Ruf genießt: Score 3,76 und 69 Prozent Weiterempfehlung.) Dem Linux-Magazin ist gar der Fall eines Mitarbeiters bekannt, der sich ein Red-Hat-Tattoo hat stechen lassen. Aber auch abseits solcher Inbrunst spricht die Zahl der Mitarbeiter – derzeit sind es 12200 – für sich.

Im Ganzen betrachtet

Im Endkundenmarkt kaum wahrnehmbar gehört Red Hat im Segment der Server-Infrastruktur-Software und mit Jboss auch bei der Middleware zu den Schwergewichten der Branche. Der anhaltende Erfolg und die Ertragskraft gründen sich auf dem offenbar gut funktionierenden Subskriptionsmodell, das Red Hat ab 2002 als Nachfolger des Geschäfts mit Softwareboxen (und dem Telefonsupport dafür) eingeführt hat. Hinzu kommt eine emsige Akquisitionstätigkeit, die in erster Linie auf den Hinzugewinn von Technologien zielt.

Damit und mit eigenen Entwicklern sowie dem Einfluss auf viele freie Projekte hat die Firma ein sehr umfangreiches Produktportfolio zusammengetragen, das sie zudem in Richtung (kommerziell) aussichtsreicher technischer Trends ausbaut. Berührungsängste, mit (einstigen) Konkurrenten zusammenzuarbeiten, hat Red Hat nicht, sondern betreibt lieber mit Microsoft ein Supportzentrum, das die Wehwehchen von Kunden mit gemischten Umgebungen verarztet.

In Summe hat die Red-Hat-Chefetage, haben die Mitarbeiter und natürlich die Aktionäre Grund genug, den 25. Geburtstag ihres Unternehmens zu bejubeln. Und das Geburstagsgeschenk? Der Gouverneur von North Carolina, Roy Cooper, und die Bürgermeisterin von Raleigh, Nancy McFarlane, erklärten den 26. März 2018 zum Red Hat Day [2]. Hut ab!

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