Aus Linux-Magazin 10/2008

Farbe in Scribus

© sxc.xom

Ansprechendes Design steht und fällt mit der Wahl ausdrucksstarker Farben. Layoutprogramme brauchen daher leistungsfähige Farbverwaltungsfunktionen. Die freie Anwendung Scribus hat dabei im Vergleich mit der kommerziellen Konkurrenz die Nase vorn.

Für Office-Dokumente reicht es in der Regel, die vordefinierten Farben der Textverarbeitung zu benutzen. Voraussetzung für professionelle Printprodukte ist jedoch eine leistungsfähige Farbverwaltung. Farben sind ein primäres Gestaltungsmittel beim Layouten. Zusammen mit den eingesetzten Schriften geben sie dem Layout seinen Charakter. Eine DTP-Software muss daher eine große Anzahl an Farbschattierungen managen.

Neben einer durchdachten Verwaltungsfunktion verfügen professionelle Zeichen- und Layout-Programme daher auch über mehr oder minder ausgeklügelte Mechanismen für das Mischen von Farben und bringen auch vordefinierte Paletten mit, die meist von kommerziellen Farbanbietern lizenziert sind.

Von Zeichenprogrammen unterscheidet sich Layoutsoftware dadurch, dass sie beim Start zunächst nur eine Minimalpalette anzeigt, die meist lediglich Schwarz, Weiß, Cyan, Magenta, Gelb, Rot, Grün, und Blau enthält. Weitere Farben muss der Anwender erst definieren. Dies ist bei Scribus [1] im Prinzip nicht anders, allerdings enthält seine Minimalpalette neben Grundfarben noch spezielle Schwarztönungen, nämlich Cool Black (kaltes Schwarz), Rich Black (Tiefschwarz) und Warm Black (warmes Schwarz).

Dies trägt der Druckpraxis Rechnung, in der schwarze Tinte oft nur ein sehr dunkles Grau erzeugt. Die speziellen Schwarzschattierungen mischen andere Druckfarben hinzu und erlauben so stärkere Kontraste, allerdings auf Kosten der Farbneutralität. Daher gibt es drei Varianten dieser verstärkten Schwarztöne.

Außerdem enthält die Palette die so genannte Registrierungsfarbe, die aus 100 Prozent aller vier Farben des CMYK-Farbraums besteht. Druckmaschinen benötigen eine Markierung außerhalb des druckbaren Bereichs, um die Druckplatten zu justieren. Diese gibt das Layoutprogramm in der Registrierungsfarbe aus, weil sie dann auf der Platte für jede der Druckfarben erscheint.

In Scribus lässt sie sich wie jede andere Farbe ohne Warnung bearbeiten, obwohl dies in der Praxis selten sinnvoll ist und zu Problemen beim Druck führen kann. Indesign und Quark Xpress verhindern dagegen diese Fehlbedienung.

Licht und Schatten

Neue Farben erzeugt Scribus in einem Farbdialog (Abbildung 1), mit dem sowohl Indesign- als auch Quark-Xpress-Anwender ohne Weiteres zurechtkommen. Farben lassen sich als CMYK-, RGB-, Web- und Schmuckfarben definieren. Allerdings passt das dort stets angezeigt HSV-Farbwählfeld (Hue, Saturation, Value – Farbton, Sättigung, Helligkeit) oben im Dialog nicht zu den CMYK- oder RGB-Farbreglern, die Scribus je nach ausgewähltem Farbmodell anzeigt.

Ähnlich wie etablierte DTP-Programme liefert Scribus fertige Farbpaletten mit. Aus Lizenzgründen handelt es sich dabei aber nur um frei verfügbare Zusammenstellungen, nicht um die bekannten Pantone-, HSK- oder Truematch-Paletten. Wie die Profi-Anwendungen zeigt Scribus bei aktiviertem Farbmanagement an, welche Farben sich mit den gewählten Profilen nicht drucken lassen.

Abbildung 1: Layout-tauglich: Wie die Profi-Programme warnt auch Scribus beim Mischen von Farben, wenn diese außerhalb des druckbaren Bereichs liegen.

Abbildung 1: Layout-tauglich: Wie die Profi-Programme warnt auch Scribus beim Mischen von Farben, wenn diese außerhalb des druckbaren Bereichs liegen.

Farbstark

Beim Umgang mit Farben und Farbpaletten zeigt sich Scribus flexibler als die etablierten Programme. So kann der Anwender im Farbenmanager die Standardpalette austauschen, aus Sicherheitsgründen jedoch nur, wenn kein Dokument offen ist (Abbildung 2). Die Software speichert auch vom Benutzer angelegte Farbpaletten. Darüber hinaus lassen sich Farben aus Dateien importieren, und zwar nicht nur aus Scribus-Dokumenten, sondern auch aus EPS-, Postscript- und Illustrator-Dateien sowie Open-Office.org-Farbpaletten (Dateiendung Soc). Dies hilft die Corporate Identity auch im Zusammenspiel mit anderen Programmen beizubehalten.

Abbildung 2: Wer nicht jede einzelne Farbe über den Mischer selbst definieren möchte, wählt in Scribus zwischen mehreren fertigen Farbpaletten.

Abbildung 2: Wer nicht jede einzelne Farbe über den Mischer selbst definieren möchte, wählt in Scribus zwischen mehreren fertigen Farbpaletten.

Eine Besonderheit von Scribus ist der automatische Import von Farbdaten aus Vektordateien. Indesign und Quark Xpress fügen lediglich im Quelldokument enthaltene Schmuckfarben zu ihren Farbpaletten hinzu. Da Scribus jedoch Vektorzeichnungen in native Scribus-Objekte umwandelt, die sich auch mit den eingebauten Vektorwerkzeugen bearbeiten lassen, importiert das Programm alle Farben aus der Datei. Der Name der Farbe zeigt, aus welchem Importdateiformat sie stammt.

Nach dem Löschen eines Vektorobjekts verschwindet die zugehörige Farbe allerdings nicht von selbst aus der Farbpalette, sodass diese im Lauf der Zeit anschwillt. Die Funktion »Unbenutzte entfernen« entsorgt aber alle nicht im Dokument referenzierten Farben.

Stilecht

Eine Farbe ist nichts anderes als eine Stilvorlage für Farbwerte. Ändert man die Farbwerte eines Stils, verändern sich alle Objekte, die sie benutzen. Was nicht unproblematisch ist: Wer die Farbe aller mittelblauen Objekte nach tiefrot ändern möchte, kann zwar die Farbwerte und den Namen des Stils »Mittelblau« anpassen. Dann steht aber das ursprüngliche »Mittelblau« für neue Objekte nicht mehr zur Verfügung. Abhilfe schafft es, die Farbe vor dem Verändern zu duplizieren. Das Duplikat kann allerdings nicht den gleichen Namen erhalten wie die noch nicht bearbeitete Ausgangsfarbe. Die »Farben Ersetzen«-Funktion von Scribus 1.3.5 erleichtert daher das Umfärben.

Versucht der Anwender in Indesign eine Farbe zu löschen, die das offene Dokument benutzt, so warnt die Software bloß. Scribus geht einen Schritt weiter, denn es bietet dem Anwender zunächst eine Ersatzfarbe an. Entscheidet sich der Benutzer für »Keine«, löscht die Software die Farbe aus allen Objekten und der aktiven Farbpalette.

Nicht hundertprozentig

Die gewöhnlichen Farben im Druckprozess, die durch Mischen der Grundfarben entstehen, heißen Prozessfarben. Dabei sind Ungenauigkeiten und der Verlust von Nuancen unvermeidlich [2]. Zudem lassen sich manche Farben weder am Bildschirm noch im Vierfarbendruck darstellen, zum Beispiel Neon- oder Metallicfarben. Hierfür gibt es so genannte Sonder-, Schmuck- oder Volltonfarben.

Firmen wie Pantone [3] oder HKS [4] produzieren Referenzpaletten. Druckereien kaufen diesen Normierungen entsprechende Tinten ein oder mischen sie selbst. Aus technischer Sicht ist entscheidend, dass jede Schmuckfarbe eine Druckplatte erfordert, die die Tinte ungemischt auf das Papier überträgt. Auch wenn die Hersteller RGB- oder CMYK-Alternativwerte für die Palettenfarben angeben, sind diese für den Druckprozess bedeutungslos. Der Drucker identifiziert die Farbe nur über ihren Namen.

Trügerisch

Die großen Palettenhersteller lizenzieren seit Jahren digitale Versionen ihrer Produkte an Softwarehersteller wie Adobe, Corel oder Quark, und zwar unter teilweise sehr restriktiven Bedingungen. Es versteht sich von selbst, dass Open-Source-Programme diese Vorgaben nicht erfüllen können. Daher enthält Scribus auch keine solchen Farbpaletten.

Wer dies als Einschränkung empfindet, sollte aber bedenken, dass ein Designer mit Schmuckfarben ohne einen Farbfächer (Abbildung 3) nicht sinnvoll arbeiten kann. Die lizenzierten Paletten verleiten dazu, sich auf die Bildschirmanzeige zu verlassen, was die Vorteile der Schmuckfarben ad absurdum führt. Jede Palettenfarbe lässt sich in Scribus als Schmuckfarbe klassifizieren. Die auf dem Farbfächer vermerkten Ersatzfarben legt der Designer im RGB- oder im CMYK-Farbraum fest.

Abbildung 3: Aus Lizenzgründen liefert das freie Layoutprogramm Scribus keine standardisierten Paletten mit, deren Farben sich mit einem so genannten Farbfächer viel exakter kontrollieren lassen als auf dem Bildschirm.

Abbildung 3: Aus Lizenzgründen liefert das freie Layoutprogramm Scribus keine standardisierten Paletten mit, deren Farben sich mit einem so genannten Farbfächer viel exakter kontrollieren lassen als auf dem Bildschirm.

Wer dennoch fertige, standardisierte Paletten braucht, dem bietet Scribus seit Version 1.3.5svn einen Workaround. Die meisten Hersteller bieten ihre Paletten zum Download im Illustrator- oder EPS-Format an, manchmal gegen Gebühr, manchmal kostenlos. Kopiert der Anwender diese Dateien nach »/usr/lib/scribus/swatches«, nutzt Scribus sie als Paletten. Schmuckfarben kennzeichnet die Software durch einen roten Punkt.

Möchte der Designer einen zunächst als Schmuckfarbe geplanten Farbton aus Kostengründen doch als Prozessfarbe drucken, braucht er lediglich im Druck- oder Exportdialog die entsprechende Option zu wählen. In Scribus 1.3.5svn ist dies die Voreinstellung, um die teure Herstellung weiterer Druckplatten aus Versehen zu vermeiden.

Harmoniebedürftig

Spätestens seit Goethes Farbenlehre bemühen sich Künstler und Wissenschaftler die Beziehungen der Farben sowie deren Wirkung auf Betrachter in Formeln zu fassen. In den letzten beiden Jahrhunderten ist dies zumindest teilweise gelungen, sodass sich Farbharmonien heutzutage algorithmisch erzeugen lassen. Während Adobe dies mit der Live Colors-Funktion dem Zeichenprogramm Illustrator vorbehält, bietet Scribus mit seinem Farbkreis (Abbildung 4) auch für den DTP-Bereich eine Funktion, die das Erzeugen harmonischer Kombinationen erleichtert. In Indesign und Quark Xpress mischt das Werkzeug dagegen nur einzelne Farben.

Abbildung 4: Harmonie auf Knopfdruck: Scribus erstellt auf der Basis einer Grundfarbe – zum Beispiel der Firmenfarbe – nach numerischen Schemata ästhetisch wirkende Farbreihen.

Abbildung 4: Harmonie auf Knopfdruck: Scribus erstellt auf der Basis einer Grundfarbe – zum Beispiel der Firmenfarbe – nach numerischen Schemata ästhetisch wirkende Farbreihen.

Zunächst wählt der Anwender eine Ausgangsfarbe in den Räumen CMYK, RGB oder HSV. Alternativ kann er auch eine Farbe aus der aktiven Palette benutzen, um zum Beispiel ausgehend von einer Unternehmensfarbe harmonierende Farben zu erzeugen.

Barrieren abbauen

Wer im IT-Bereich von Barrierefreiheit spricht, denkt meist an Screenreader, die Blinden den Zugang ermöglichen. Weitaus mehr Menschen sind jedoch von Farbenblindheit betroffen. Farben, die Normalsichtige problemlos unterscheiden können, verschwimmen für Farbenblinde zu einem Einerlei. Die mit Abstand häufigste Einschränkung beim Farbensehen ist die Rot-Grün-Blindheit. Zirka fünf Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen. Doch auch vollständige Farbenblindheit kommt vor.

Sollen die Dokumente auch für Menschen mit eingeschränkter Farbwahrnehmung ansprechend und lesbar bleiben, so muss der Designer prüfen, wie sich die von ihm gewählten Farbkombinationen auswirken. Während die kommerziellen Layoutprogramme ihre Anwender diesbezüglich im Stich lassen, gibt es in Scribus zwei Möglichkeiten, unterschiedliche Formen eingeschränkter Farbwahrnehmung zu simulieren.

Die erste Simulationsvariante bietet der Farbkreis. Der Layouter kann hier gleich beim automatischen Erstellen einer harmonischen Farbpalette deren Wirkung auf Farbenblinde testen. Die Software simuliert Rot-Grün-, Grün-, Blau- und vollständige Farbenblindheit (Abbildung 5). Der gleiche Mechanismus steht auch über die Vorschaufunktion für das ganze Dokument zur Verfügung. Bei großen Dokumenten dauert die Berechnung allerdings in der aktuellen Version noch recht lange.

Abbildung 5: Was für normalsichtige Betrachter harmonisch wirkt (Abbildung 4) verfließt für Rot-Grün-Blinde zu einem kontrastarmen Einerlei. Scribus simuliert die eingeschränkte Sichtweise.

Abbildung 5: Was für normalsichtige Betrachter harmonisch wirkt (Abbildung 4) verfließt für Rot-Grün-Blinde zu einem kontrastarmen Einerlei. Scribus simuliert die eingeschränkte Sichtweise.

Deutlich bunter

Scribus bietet im Vergleich zu den kommerziellen DTP-Programmen mehr Funktionen für den Umgang mit Farben, es ähnelt in diesem Bereich Zeichenprogrammen. Solange die großen Farbenhersteller ihre Lizenzpolitik nicht ändern, dürfen die Scribus-Entwickler die üblichen Schmuckfarbenpaletten nicht mit der Software ausliefern – der Anwender muss sich darum bemühen oder Paletten sogar nach Maßgabe eines Auftraggebers selbst zusammenstellen. Mit der Simulation von Farbenblindheit bietet Scribus dafür ein nützliches Feature, das es von der Konkurrenz abhebt. (pkr)

Infos

[1] Scribus: [http://www.scribus.net]

[2] Peter Kreußel, “Usability von Scribus im Praxistest”: Linux-Magazin 06/08, S. 68

[3] Pantone: [http://www.pantone.de]

[4] HSK: [http://www.hks-farben.de]

Der Autor

Dr. Christoph Schäfer ist Historiker und Germanist. Er arbeitet für eine kommunale Kulturorganisation und verwendet dabei freie Software. Er gehört dem Scribus-Entwicklerteam an und ist einer der Hauptautoren des Scribus-Handbuchs.

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