Zu den wesentlichen Neuerungen der diesjährigen, mittlerweile 17. Fosdem in Brüssel gehörten Livestreams. Von ihnen profitierten auch Besucher, die aufgrund von Überfüllung nicht mehr in einzelne Vorträge kamen. Ansonsten blieb auf dem Community-Treffen alles wie immer – eine gute Nachricht.
Welche Themen ein großes Publikum anziehen und welche eher nicht, weiß trotz langjähriger Erfahrung offenbar nicht einmal das Fosdem-Team genau. Die Folge: Auch Anfang Februar 2017 bildeten sich vor einigen Räumen des größten europäischen FLOSS-Community-Events lange Schlangen.
Diesmal sprang für die Wartenden jedoch das schnelle Campus-LAN in die Bresche. Die Veranstalter übertrugen Livestreams der Vorträge aus sämtlichen Räumen. Dafür bauten sie gar ein eigenes Content-Delivery-Netzwerk, denn Hardware-seitig ist die Fosdem [1] gut aufgestellt. Mittlerweile stehen auch bereits viele der Videos online, eine Auswahl bringt das Linux-Magazin auf der DELUG-DVD der kommenden Ausgabe.
Spektakuläre Neuheiten gab es ansonsten nicht. Gut, die Busse und Bahnen fuhren im Gegensatz zum vorigen Jahr wieder durch. Die Besucher scheinen die Fosdem aber so zu mögen, wie sie ist – inklusive Bier-Event am Vorabend. Die Zahl der Besucher können die Veranstalter nur grob schätzen (etwa 8000), weil sie keine Tickets verkaufen.
Laut Einschätzung von Mitorganisator Gerry Demaret kamen 2017 noch einmal mehr Leute als im Vorjahr. Demaret gehört seit 2005 zum Organisationsteam der Riesenveranstaltung, die auf Werbung verzichtet. Neues einzuführen sei mit den 15 bis 20 Hauptorganisatoren eigentlich kaum zu stemmen, gibt er zu Protokoll, man habe ein “Equilibrium” erreicht. Das Team achte vor allem darauf, aus Pannen der Vorjahre zu lernen. Generell setzen die Fosdem-Macher auf einen evolutionären Ansatz und verzichten auch auf langfristige Pläne.
Redezeit
Während einige Besucher fast durchgängig in einzelnen Dev-Rooms verharrten, kämpfte ein interessiertes Publikum mit der Herausforderung, sämtliche interessanten Talks zu besuchen. Das Programm machte nicht nur Admins und Entwickler glücklich, sondern bot auch dem Rest der Community spannende und teils unterhaltsame Einblicke.
So schilderte Curl-Erfinder und -Betreuer Daniel Stemberg die Nebenwirkungen seines “Ruhms”. Curl [2] laufe nicht nur weltweit auf fast allen nur denkbaren Geräten, auch seine E-Mail-Adresse tauche im Rahmen der Lizenzvereinbarungen überall auf. Hin und wieder erhalte er daher obskure Nachrichten von Personen, die glauben, er sei wahlweise ein Hacker oder der Erfinder des Multimediasystems in ihrem Toyota (Abbildung 1).

Abbildung 1: Unter anderem wollte ein Toyota-Fahrer von Curl-Erfinder Stemberg wissen, wie das GPS-System in seinem Wagen funktioniert.
Bau-Schmerzen
Einen eher ungewöhnlichen Einstieg in seinen Vortrag wählte Richard Brown, indem er als Eröffnungs-Slide eine Windows-95-Architektur präsentierte. Damit wollte der Sysadmin und Suse-Mitarbeiter auf die Probleme mit den neuen Paketformaten App-Image, Snappy, Flatpak & Co. hinweisen, die – jedenfalls seiner Ansicht nach – einige Fehler späterer Windows-Versionen (konkret Windows 2000) wiederholen.
Die neuen Linux-Containerformate würden die Paketierungsarbeit auf die Entwickler abwälzen, kritisierte Brown, und die Probleme von Kompatibilität und Portierbarkeit nur scheinbar lösen. Sein Punkt: Nicht alle Distributionen würden sich an die Linux Standard Base (LSB, [3]) halten, einer containerisierten App könnten daher Abhängigkeiten fehlen. Könnten, wohlgemerkt. Am Ende gab er zu, dass die Macher der Containerformate dies nicht verschweigen, und stellte fest: “Es funktioniert, aber das ist ein riesiger Haufen Arbeit.”
Arbeit, die üblicherweise die Distributoren leisten, deren Perspektive Brown hier übernahm. Mitunter klang das ein wenig, als bange Suse um sein Geschäftsmodell, auch wenn Brown mehrfach versicherte, die neuen Formate würden den Distributoren ja Arbeit abnehmen.
Sicher lassen sich nicht alle Kritikpunkte von Brown von der Hand weisen, dennoch schätzen App-Entwickler die neuen Formate durchaus anders ein, wie Posts von Linus Torvalds und Dirk Hohndel nahelegen [4]. Die beiden Kernelentwickler arbeiten an einer Tauchanwendung und mögen App-Image, weil es eine einfache Verteilung der App an alle Distributionen erlaube. Auf dem klassischen Weg sei dies schwierig bis unmöglich, weil die Anwendung Bibliotheken voraussetze, die (noch) nicht an Bord der Distributionen seien.
Flugtauglich
Während der Fortschritt den einen zu langsam geht, entwickelt sich Linux für die anderen deutlich zu schnell. Gerolf Ziegenhain arbeitet an Software für die Flugverkehrskontrolle, seine Firma setzt auf Linux. Das sei nicht immer einfach, weil die Software eine größere Kontinuität benötige, als sie Linux und sein Ökosystem bieten. Also müsse man die Software mit allerhand Tricks an die eigenen Vorstellungen anpassen.
Aus Perspektive der Flugverkehrskontrolle gleiche die Linux-Community der wild gewordenen gallischen Dorfgemeinschaft rund um Asterix und Obelix. Ziegenhain erklärte, wie die Firma es dennoch schafft, den zahlreichen Anforderung an so eine Software gerecht zu werden. Sein Fazit: Mission-Critical-Systeme bauen mit Linux ist möglich.
No Risc, no fun?
Szenenapplaus erhielt Entwickler Arun Thomas nach seiner Erklärung zu Risc-V: Wer die Befehlssatzarchitektur für CPUs einsetzt, müsse sich um Lizenzgebühren und komplizierte Verträge, die Anwälte über Jahre hinweg verhandeln, keinen Kopf mehr machen.
Die Community des ursprünglich an der UC Berkeley entstandenen Projekts habe “bescheidene Pläne”, scherzte er, sie wolle die “Standard-Architektur für alle Geräte” werden. Sicherlich ist Risc-V von diesem Ziel noch weit entfernt, aber zumindest unterstützen Industrie und Forschung die Risc-V Foundation auf breiter Front. Der Organisation gehören inzwischen mehr als 130 Mitglieder an, darunter Google, HPE, IBM, Microsoft, Oracle, Nvidia und Qualcomm.
Die Modularität erweist sich als ein weiterer Vorteil von Risc-V. Die Architektur lässt sich vom extrem preisgünstigen Mikrocontroller bis hin zur Multicore-CPU im Rechenzentrum vielseitig einsetzen. Dafür bietet sie Wortbreiten von 32, 64 und sogar 128 Bit.
Die Ideen eilen dem praktischen Einsatz zurzeit aber noch voraus, im freien Verkauf sind lediglich Boards mit Mikrocontrollern von Sifive. Die Chancen stehen aber nicht schlecht, dass sich das angesichts der breiten Industrie-Unterstützung bald ändert.
VR befreien
Doch auch abseits der großen Vorträge gab es Bewegung, etwa dank der zahlreichen Treffen kleiner Open-Source-Projekte. Live ließ sich das beim Open-HMD-Projekt [5] verfolgen, dessen Mitarbeiter sich auf der Fosdem zum Teil erstmals im wirklichen Leben trafen. Sie saßen während einer Birds-of-Feather-Session (BoF, Abbildung 2) mit ihren VR-Devices in einem Raum, diskutierten Neuigkeiten und hatten Spaß beim Hacken.

Abbildung 2: Manche Besucher verbringen ihre Fosdem-Zeit in einem einzigen Dev-Room. Projekte wie Open HMD nutzen das Event für Hacking Sessions.
Das Projekt will freie Treiber für die zahlreichen Head-mounted Displays (HMD) entwickeln, um sie auch unter Linux zu nutzen. Als charismatischer Wortführer sorgte der Musiker und Blender-Entwickler Joey Ferwerda für gute Stimmung und verteilte Süßkram an die Entwickler.
Die bisherige Bilanz der oft mühsamen Reverse-Engineering-Versuche kann sich durchaus sehen lassen: Das Projekt unterstützt inzwischen graduell verschiedene Oculus-Rift-Versionen (DK 1 und 2, CV 1), die HTC Vive, Sonys Playstation VR und noch einige exotische Eingabegeräte und HMDs. Intel steuert womöglich seine hauseigene HMD-Lösung bei, ein Nachfolgemodell des Project Alloy. Blender wird ab dem Frühjahr offiziellen Open-HMD-Support anbieten.
Auch wenn es bis zum vollständigen Hardwaresupport wohl noch etwas dauert, steht dem Projekt vermutlich ein interessantes Jahr bevor. So lange die Entwickler ihren Spaß haben, sind Terminpläne aber ohnehin irrelevant.
Infos
- Fosdem: http://fosdem.org
- Curl: https://curl.haxx.se
- Linux Standard Base: https://de.wikipedia.org/wiki/Linux_Standard_Base
- App-Image-Lob von Torvalds: https://plus.google.com/+LinusTorvalds/posts/WyrATKUnmrS
- Open HMD: http://openhmd.net






