Soll man die GPL juristisch durchsetzen? Klar, ist man versucht zu sagen, wozu hat man sie denn sonst? Auf keinen Fall, meint ausgerechnet Linus Torvalds, und findet beachtenswerte Argumente.
Die ganze Diskussion auf einer Mailingliste zur Vorbereitung des nächsten Kernel Summit entzündete sich an einem Vorschlag von Karen M. Sandler, Executive Director der Software Freedom Conservancy [1]. Ermuntert von einigen Kernelentwicklern, wie sie schrieb, schlage sie eine Diskussion über die Durchsetzung der GPL auf der Veranstaltung vor.
Zunächst geht es danach um eher organisatorische Dinge: Ist der Kernel Summit das richtige Forum oder sollten da nur technische Themen verhandelt werden? Auch von unerwünschter Politisierung der Veranstaltung ist die Rede, aber wie etliche Wortmeldungen zeigen, interessiert das Thema die Entwickler sehr wohl.
Heiliges Spaghettimonster!
Im Folgenden dreht es sich dann um die Gefahren einer solchen Diskussion in der Öffentlichkeit: Private Meinungen könnten mit denen des Arbeitgebers verwechselt werden, die Justiz könnte Diskutanten in ganz anderen Verfahren als Zeugen vorladen und deren Antworten dann in einer Weise verwenden, an die sie nie gedacht hätten. Besonders Kernelmaintainer Greg Kroah-Hartman gibt hier den Warner. Auf einem der letzten Summits gab es bereits einen Vortrag zu einem aktuellen Rechtsfall, der offenbar großen Anklang fand. Er kenne etliche der damaligen Teilnehmer, die deswegen in Schwierigkeiten gekommen seien. Luis R. Rodriguez stichelt: “Huh, wegen der Diskussion auf dem letzten Kernel Summit? Heiliges Spaghettimonster!”
Auch Karen Sandler meldet sich noch mal zu Wort: Sie rede über inoffizielle Diskussionen, zu denen Rechtsanwälte und Führungskräfte eingeladen würden, aber eben keine Entwickler. “Ich weiß, dass du, Greg, mit ein paar anderen in beiden Welten zu Hause bist. Aber die meisten Linux-Entwickler, mit denen ich gesprochen habe, sind es nicht. Und für sie wäre es eine Gelegenheit zu hören, was im letzten Jahr passiert ist.”
Nach diesem Vorgeplänkel geht es dann ans Eingemachte. Schnell stehen sich zwei Lager diametral gegenüber – für und wider die Durchsetzung der GPL mit juristischen Mitteln.
Pro und Contra
Klagen gegen GPL-Verletzer lehnt zuerst Kroah-Hartman entschieden ab. Bradley M. Kuhn, der President der Software Freedom Conservancy, hatte ihm vorgehalten: “Es gibt viele Unternehmen, darunter einige große, die Jahr für Jahr mit der Verletzung der GPL davonkommen. An einer Einhaltung der Lizenz sind sie nicht interessiert, und sie lehnen jeden Versuch von welcher Seite auch immer (LF, Conservancy, etc.) ab, sie davon zu überzeugen, sich an das geltende Recht zu halten. Manche dieser Lizenzverletzer prahlen geradezu mit ihrer Tat, indem sie Produkte bewerben, die etwas können sollen, was Mitbewerber nicht können – und zwar wegen proprietärer Linux-Module, deren Sourcecode nicht verfügbar ist.”
Kroah-Hartman darauf: “Ich weiß das, so wie jeder andere auch. Und wir alle versuchen damit in verschiedener Weise umzugehen. Aber man darf nicht glauben, dass sie sich freudig unserer Community anschließen und mit uns daran arbeiten, Linux besser zu machen, wenn wir rechtlich gegen sie vorgehen. Das hat auch bei dem Gerichtsverfahren in Sachen Busybox nicht funktioniert, stimmt’s? Tatsächlich ist das Gegenteil eingetreten: Es gibt nun ein Replacement für Busybox, das unter keiner Copyleft-Lizenz steht und das an vielen Stellen verwendet wird, wo eigentlich Busybox laufen sollte. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was jedes Projekt sich wünscht.”
An anderer Stelle fügt Kroah-Hartman hinzu: “Ich habe die letzten zehn Jahre meines Lebens damit zugebracht, unsere Community zu unterstützen, zu verbessern und wachsen zu lassen. Und Unternehmen sind ein wichtiger Bestandteil dieser Community. Offen gesagt sind sie der Grund, weshalb wir da stehen, wo wir stehen. Wir müssen daran arbeiten mehr Entwickler und mehr Firmen in unsere Gruppe aufzunehmen und dürfen sie uns niemals zu Feinden machen. Wenn man einer Firma mit rechtlichen Konsequenzen droht, geschieht einfach das Folgende:
- Sie hören sofort auf mit externen Entwicklern zu reden, mit denen sie vielleicht dabei waren, die Community- und Lizenzgeschichte zu klären. Das beraubt uns unseres Rückkanals, der sich langsam auszuzahlen begann.
- Sie ziehen weitere Rechtsanwälte hinzu und verhalten sich defensiv, um die Firma zu schützen.
- Jedem in der Firma, der Linux pushen wollte, wird nun unterstellt, dass er daneben liegt, und man ist sauer auf ihn. Externe verlieren ihre Chance auf eine Festanstellung.
- Jeder, der sich bisher Linux verweigert hat, fühlt sich bestätigt in seiner Meinung über diese Hippie-Programmierer, die Linux entwickeln.
- Die Anwälte wissen nun, dass du auch eine Niederlage vor Gericht akzeptieren müsstest und werden alles daran setzen, dass dies passiert.
Und selbst wenn du nach Jahren den Code erhalten solltest – was ist das Ergebnis? Du hast die Leute, die Linux in die Firma brachten, zu deinen Feinden fürs Leben gemacht und diejenigen, die Linux nicht mochten, fühlen sich im Recht, obgleich du sie ,besiegt’ hast. Beide Gruppen arbeiten nun zusammen daran, dass Linux niemals wieder eingesetzt wird, denn noch einmal wollen sie nicht durch diese Hölle gehen.”
Linus Torvalds schlägt in dieselbe Kerbe: “Lasst uns das ganz klar sehen: Gerichtsverfahren zerstören. Sie schützen nichts. Sie zerstören die Community, sie zerstören Vertrauen. Sie werden all den guten Willen zerstören, den wir über die Jahre aufgebaut haben, indem wir freundlich waren. […]”
Linus sieht Risiken
Torvalds legt nach: “Ganz abgesehen von der Gefahr, vor Gericht zu verlieren, gibt es ein reales Risiko, dass etwas eintritt, egal ob man gewinnt oder verliert: der Verlust der Community. Du verlierst deine Freunde. Weil gerichtliche Auseinandersetzungen – und schon die Drohung damit – bewirken, dass du in den Augen der betroffenen Firmen kein Guter mehr bist. Sobald man jemandem droht, wird das ganze Umfeld nervös.”
Nicht jeder nimmt diese Sicht der Dinge einfach hin. Ein Wortführer der Gegenseite ist der Programmierer Matthew Garrett, ausgezeichnet mit dem Free Software Award der Free Software Foundation für seine Arbeit an Secure Boot, UEFI und dem Linux-Kernel.
Er hält Torvalds entgegen: “Ich meine, klar, wenn alles, worum du dich kümmerst, die Unterstützung durch Firmen ist, dann machen wir alles richtig. Aber wenn du dich um die Leute kümmerst, die extra versuchen, Linux-basierte Geräte zu bekommen, damit sie in der Lage sind, sich den Code anzusehen und zu verstehen wie er funktioniert – dann ist das ein Scheiß-Desaster. Klar, wenn man heute einen WLAN-Router kauft, hat der eine GPL-Notiz. Aber nur, weil jeder einigermaßen bekannte Routerhersteller mit einer Klage bedroht war oder einen solchen Prozess verloren hat. Dasselbe bei Fernsehern. Wer aber auf Produkte schaut, zu denen es bislang keine Gerichtsverfahren gegeben hat, der findet dort überall Linux und überall fehlt der Sourcecode. Wenn du das mit ,Es läuft gut’ meinst, dann gibt es ja kein Problem. Aber viele Leute, die bei uns mitmachen, haben andere Standards. Deshalb solltest du nicht vorgeben, ,wir’ würde alle meinen, die zu Linux beitragen.”
Garrett weist an anderer Stelle auch darauf hin, dass es wegen der Verletzung der GPL viele Leute gibt, die die Hersteller mit Geräten sitzengelassen haben, auf denen ein veraltetes Linux läuft, dass aber der Anwender nicht updaten kann. Diese Geräte bleiben dann auch für längst bereinigte Sicherheitslücken anfällig. Auch um diese Leute sollte sich die Linux-Community seiner Meinung nach kümmern.
Neben anderen unterstreicht auch Bradley Kuhn die Bedeutung von Gerichtsverfahren: “Es ist eine Tatsache, dass die WRT54G-Erzwingungsaktion 2003 gegen Linksys und Cisco die Community erst ins Leben gerufen hat. Die erste in das SVN-Repository eingecheckte Open-WRT-Version war das direkte Ergebnis der Aktion zur Durchsetzung der GPL. Genau das Gleiche hat sich bei Samsung-Fernsehern abgespielt.” Torvalds entgegnet daraufhin, er kümmere sich vor allem um mehr Beteiligung am Code. Das sei der Punkt bei der GPLv2, nicht das Juristenlatein. Es ginge um die Vergrößerung der Codebasis durch mehr Beteiligung an dem Projekt.
Darauf Garrett: “Darum kümmerst du dich also. Das ist aber nicht das, worum sich deine Anwender kümmern. Denen geht es um die Verfügbarkeit des Code, nicht um die Beteiligung daran. Ob ihr Hersteller im Upstream partizipiert, ist ihnen egal. Ihnen geht es darum, ihr defektes Gerät reparieren zu können, wenn der Hersteller keine Updates mehr liefert. […] Höre bitte auf zu behaupten, dass das nichts bringt. Das ist ganz offensichtlich unwahr. Wenn du behaupten willst, die Einbeziehung von Unternehmen sei wertvoller als der Vorteil, den die Community aus Gerichtsverfahren beziehen kann, dann mach das. Ich widerspreche dem, aber das ist eine konsistente Position. Nur, im Moment stehst du bei der Frage nach Wahrheit oder Lüge auf der Seite von Fox News und das sieht wirklich nicht gut aus.”
Darauf reagiert Torvalds äußerst dünnhäutig: “Plonk. Jetzt geiferst du nur noch. Ich glaube nicht, dass das produktiv ist. Und es sieht nicht so aus, als würdest du auf dem Kernel Summit zugegen sein, denn du hast öffentlich kundgetan, dass du kein Entwickler mehr sein willst. Geh und mach dein GPLv3-Projekt und setze es mit aller Macht durch und sieh, was Du davon hast.” Kurioserweise schreibt dies derselbe Torvalds, der als leuchtendes Beispiel korrekter Diskussionskultur ein paar Postings zuvor kundgetan hatte: “Because Bradley Kuhn is so incredibly full of shit that this *needs* to be stated openly.”
Burgfrieden
Am Ende zeichnet sich doch noch eine Art Kompromiss ab. Zunächst rudert Torvalds ein wenig zurück: Ganz so schwarz und weiß dürfe man das nicht sehen, als allerletztes Mittel kann er sich nun doch auch Gerichtsverfahren vorstellen. Das sei jedoch die “Nuklear-Option”. Daraufhin fällt es auch Bradley Kuhn nicht schwer zuzustimmen: “Gerichtsverfahren sind immer das allerletzte Mittel, nachdem nichts anderes funktioniert hat.”
Es bleibt aber der Eindruck, dass die Wellen lediglich an der Oberfläche geglättet sind. Die entscheidenden Punkte wurden nicht ausdiskutiert: Kann man wirklich nichts gewinnen, weil am Ende höchstens veralteter Code freigegeben wird, wogegen sich die Entwicklung längst zu proprietären Alternativen verlagert hat? Kann es sich die Linux-Community wirklich nicht leisten, auf die Mitarbeit von GPL-Verletzern zu verzichten? Ist Zurückhaltung Verrat an den Anwendern? Untergräbt das Stillhalten womöglich sogar die Zukunft der Community, weil es nachfolgende Entwicklergenerationen demotiviert?
Infos
- Karen Sandlers Vorschlag: https://lists.linuxfoundation.org/pipermail/ksummit-discuss/2016-August/003542.html







