CeBIT 2016: Die großen Player im Linux-Lager, etwa die Distributoren Red Hat und Suse, sind praktisch nicht mehr präsent. Beide haben als klägliches Alibi jeweils einen Mitarbeiter an ein Unteraussteller-Stehpult delegiert. Die mittelgroßen Systemhäuser und Softwareproduzenten – etwa die Bremer Univention oder die Nürnberger Netways GmbH – bleiben Hannover ebenfalls fern. Teils veranstalten sie inzwischen eigene Roadshows oder Konferenzen. Für die kleineren freien Projekte fehlen die Sponsorengelder, die ihnen früher einen Messeauftritt ermöglichten – auch sie sind weg. Die Messegesellschaft ist an solventen Mietern interessiert – mittellose Open-Source-Projekte waren nur so lange interessant, wie sich damit noch die Hoffnung auf ein Anschlussgeschäft verband. Die Folge: Den Open-Source-Park erfasst die Schwindsucht. Die große Idee des freien Betriebssystems findet inzwischen auf der gleichen Anzahl Quadratmeter statt, die bei einem namhaften Aussteller die Cafeteria belegt.
Vor 20 Jahren war Linux revolutionär, ja subversiv: Die Entwicklung in einem offenen, internationalen Team, vermittelt über das noch junge Internet, der frei zugängliche Quellcode, den jeder nach Gutdünken anpassen und verbessern durfte, die häufigen Releases – das alles war neu, unerhört, aufregend und erstaunlich. Es ging um viel mehr als einfach um ein neues Paradigma der Softwareentwicklung, es ging um eine neue Philosophie, der sich bald glühende Bekenner zugesellten – Eric. S. Raymond (“The Cathedral and the Bazaar”), Richard Stallman (Gründer des GNU-Projekts), Jon “Maddog” Hall (Gründer der Open-Source-Initiative) zum Beispiel. Als vor 13 Jahren die Linux New Media AG, damals auch Verlegerin des Linux-Magazins, zusammen mit der CeBIT den Linuxpark ins Leben rief, war dort sogar IBM vertreten, die Distributoren sowieso, auch das Debian-Projekt, dazu Open Office, KDE und Gnome, das LPI… Von denen ist niemand mehr dabei.
Heute hat sich die Entwicklungsmethode freier Software etabliert, so entstandene Produkte sind selbstverständlicher Teil der IT-Landschaft. Aus Vorkämpfern wurden Veteranen, Enthusiasmus verkehrte sich in Pragmatismus, mit der Gewöhnung schwand der Reiz. Und selbst die alten Feinde haben ihre Taktik geändert und versuchen es heute mit Erdrücken durch Umarmung. Das ist der Lauf der Welt. Neues wird alltäglich. Darum ist es nicht schade.
Zudem hat Linux selber nicht an Bedeutung verloren. IBM zeigt es – nun am eigenen Stand – immer noch als Komponente diverser Lösungen. Genauso steckt es in zahllosen anderen Exponaten: Etwa in den neuen NAS-Speichern von QNAP oder in den Rechnern der groß angekündigten Telekom-Cloud, in den verschiedensten Servern aller großen Hersteller von Huawei bis HP, in Industriesteuerungen oder Navigationsgeräten, in Smartphones, in Netzwerktechnik oder Terminals oder IoT-Sensoren. Linux ist omnipräsent, auch wenn es immer öfter im Hintergrund agiert.
Mit dem Wandel vom Exoten zum Normalo hat Linux jedoch leider auch etwas vom Elan der Jugend eingebüßt. Vor zehn oder fünfzehn Jahren gab es zum Beispiel einen Linux-Tag, der in seinen besten Zeiten fast 20 000 Besucher anzog (2003), damals startete der Linuxpark auf der CeBIT (2003), München beschloss die Linux-Migration von 15 000 Arbeitsplätzen der Kommune (2003), das erste einer Reihe jährlicher Open-Source-Jahrbücher erschien (2004), sowohl das Fedora-Projekt (Ende 2002) wie auch Ubuntu (2004) stammen aus dieser Zeit und schon 1999 gründet SAP ein Linux-Lab und kündigt seine Businesssoftware für diese Plattform an. Die Beispiele ließen sich fortsetzen.
Möglicherweise musste die Linux-Welt damals einfach mehr in das Bekanntwerden investieren als heute. Vielleicht hatten auch Universalmessen noch einen anderen Stellenwert. Der Effekt war jedenfalls, dass ein Wir-Gefühl zum Selbstverständnis der Linux-Anwender gehörte. Man sah sich als Teil eines Gemeinschaftswerks, vielleicht sogar als Teil einer Avantgarde. Der Effekt war, dass man sich auch jenseits des Kommerz solidarisierte, dass sich die Linux-Diaspora gerne unter dem Linux-Banner scharte, selbst wenn sich dieses Engagement nicht unmittelbar in Leads, PIs oder Umsatz umrechnen ließ. Das scheint heute nicht mehr so zu sein. Und darum ist es ein bisschen schade.
