Aus Linux-Magazin 03/2016

Chaos Communication Congress 2015

© 32C3

12000 Menschen strömten zum Jahreswechsel nach Hamburg zum Hacker-Kongress. Die Mischung ist bunt, denn als Hacker verstehen sich längst nicht mehr nur die klassischen Nerds.

Die Weihnachtsgans rutscht noch durch den Verdauungstrakt, da machen sie sich schon auf den Weg nach Hamburg zum Chaos Communication Congress [1]. Der Abstecher zur Jahreswende gehört zum Pflichtprogramm vieler Hacker, Bastler, Künstler und Aktivisten. Die mehrtägige Weiterbildungsmaßnahme zog 2015 rund 12000 Gäste an – zu voll sei es, klagten die einen, die anderen erfreute die Vielfalt der Community.

Auch Journalisten versuchten sich vor Ort einen Reim auf die Veranstaltung zu machen. Das ging mitunter schief. So warf ein Artikel auf “Spiegel Online” [2] den Hackern vor, ihre Macht nicht nutzen zu wollen, um die wirklich wichtigen Probleme anzugehen.

Der Kongress tanzt

Doch wer sind diese Hacker eigentlich? Es mag in den frühen Tagen anders gewesen sein, heute stoßen auf den C3-Kongressen diverse Milieus aufeinander, die alle in verschiedenen Zusammenhängen mit Technologie experimentieren, Neues ausprobieren und Grenzen austesten. Es geht darum, individuelle Freiheiten auszuleben, zu fordern und mit anderen zusammen “Dinge” auf die Beine zu stellen. Dazu gehört nicht zuletzt der Kongress selbst, der als reines Community-Event ja auch ein Experiment ist.

Der Aufwand, den die Macher für die vier Tage betreiben, ist enorm. Darin ähnelt die Veranstaltung dem Burning Man Festival [3], das ähnlich lange existiert. Zum Gesamtkunstwerk gehören nicht nur die aufwändigen Aufbauten im Erdgeschoss, etwa ein funktionierendes Rohrpostsystem oder eine riesige Baumkulisse, sondern auch einzelne Vorträge wie der von Darsha Hewitt: Sie versuchte in einer sehr unterhaltsamen musikalischen Performance in 20 Minuten mit Hilfe von 20 Oszillatoren Musik zu machen [4]. Denn Hacken bedeutet auch, sich kreativ mit Technologie zu beschäftigen. Das taten nicht nur die zahlreichen im Haus verteilten Kunstwerke, die mit dem Technologiethema spielten, sondern auch die 7000 Quadratmeter große und aufwändig gestaltete Partyhalle. In ihr parkte unter anderem ein Wohnmobil, das an die Scifi-Parodie “Spaceballs” erinnerte.

Security-Theater

Natürlich fehlten auch die klassischen Hacker nicht. Aber wer Sicherheitslücken aufdeckt, ist nicht automatisch ein Freiheitskämpfer, wie es das Klischee will. Viele Hacker verdienen ihre Brötchen als Berater im Security-Business. Wenn sie auf dem Kongress aber demonstrieren, was passieren kann, wenn Unternehmen in der schönen neuen vernetzten Welt die Sicherheit ihrer Produkte vernachlässigen, erweisen sie nicht nur sich selbst, sondern auch der Öffentlichkeit und der IT-Branche einen Dienst.

Dann etwa, wenn sie wie der Ingenieur Mathias Dahlheimer über die Gefahren intelligenter Stromnetze aufklären [4]. Manipuliert ein Hacker die Gateways für Smartmeter, ließen sich auf einen Schlag zahlreiche Verbraucher vom Stromnetz abklemmen. Der Sicherheitsexperte Vincent Haupert erklärte, warum das von der Sparkasse angepriesene Push-TAN-Verfahren nicht so sicher sei, wie die Sparkasse gern behauptet. Die Krux sei, dass die Kunden die TAN auf demselben Gerät generieren, auf dem sie Onlinebanking betreiben [4].

Mitunter geht es den Hackern aber auch schlicht um den Spaß am “Yes, we can”. Das ließ sich etwa bei der Live-Demonstration des Playstation-4-Hack ([5] ab 1:13) beobachten, in dessen Verlauf zur allgemeinen Belustigung der Zuschauer auf Sonys Spielekonsole ein Gentoo-Linux bootete.

Frei und offen

Ohne die Vorarbeit einer anderen Gruppe von Hackern wäre jedoch ein Sony-Hack nur schwer möglich. Anders als die eben genannten wollen die Open-Source- und Free-Software-Hacker meist keine technischen Hürden überwinden, sondern entwickeln lieber freie Software, um echte Bedürfnisse zu stillen. Auch sie besuchen den CCC-Kongress in nennenswerter Zahl.

Tools wie Netstat und Nmap [6] sind nicht nur bei Hackern beliebt, sondern auch bei Netzwerk-Admins. Und egal ob Virtualisierung, Cloud oder das Internet der Dinge: Ohne freie Software sähen die Rechenzentren weltweit anders aus. Zwar tauchen die großen Firmen selbst auf dem CCC-Kongress nicht auf, wohl aber ihre Mitarbeiter, denn bei Facebook, Google & Co. ist Open-Source-Software ja längst Alltag. Auch die zahlreichen, gut besuchten Hackathons in Deutschland zeigen, dass Hacken längst nicht mehr nur aus dem Überwinden von Sicherheitsbarrieren besteht.

Der politische Kongress

Natürlich gibt es auch die politisch engagierten Hacker, die mit ihren meist technischen Mitteln gegen vermutete und echte Missstände in der Gesellschaft vorgehen, geheime Informationen leaken und sich politisch für die Rechte der Zivilgesellschaft engagieren. Das ist oftmals weniger spektakulär, als es populäre Serien und Filme suggerieren, und mit viel Arbeit verbunden.

Als Beispiel könnte Matthew Garrett gelten, der nicht nur als Freie-Software-Entwickler, sondern auch als Repräsentant der Free Software Foundation politisch tätig ist. In seinem Vortrag (Abbildung 1) schilderte er minutiös die Hürden auf dem Weg, aktuelle Hardware vor Kriminellen oder Geheimdiensten zu schützen, und sprach über Intels Management Engine und TPM. Weitere politische Beiträge setzten sich auf dem Kongress mit den verschiedenen Formen staatlicher Überwachung oder Digital-Politik auseinander. So ging es etwa um Mobiltelefon-Überwachung im Iran, die Internetzensur weltweit und die neuen europäischen Regeln zur Netzneutralität [4].

Abbildung 1: Matthew Garrett erklärte auf dem 32C3, welche zahlreichen Hürden dem Bau einer sicheren Hardwareplattform im Wege stehen. Das Trusted Platform Module (TPM) sei Teil der Lösung.

Abbildung 1: Matthew Garrett erklärte auf dem 32C3, welche zahlreichen Hürden dem Bau einer sicheren Hardwareplattform im Wege stehen. Das Trusted Platform Module (TPM) sei Teil der Lösung.

Doch obwohl das politische Engagement der Besucher überdurchschnittlich ist, verbindet sie letztlich nicht die Politik, sondern das Spielen mit der Technologie und der Spaß daran, individuelle Freiheiten auszutesten. Weil sich der Kongress gegenüber neuen Besuchern öffnet, bildet er auch zunehmend einen Durchschnitt der Bevölkerung ab.

Positiv drückt sich das aus, indem es hier einen deutlich höheren Frauenanteil gibt als bei ähnlichen Technologieveranstaltungen und zugleich ein ausgewachsenes Kinderprogramm. Zahm ist der Kongress aber offenbar noch nicht: Apple zensierte für die Apple-TV-App des CCC acht der Kongressvideos.

Doch auch dann, wenn nur ein Teil der Besucher dem gern kolportierten Klischee des digitalen Freiheitskämpfers ähnelt, Sympathie für solche politischen Aktivisten darf man weiten Teilen der Community unterstellen. So meldete der Kongress nach den Snowden-Enthüllungen einen Besucherrekord – mittlerweile platzt er regelrecht aus allen Nähten. Die Karten waren 2015 ziemlich schnell ausverkauft.

Ab 2017 muss die Veranstaltung auch noch eine neue Bleibe suchen, da Bauarbeiten das Congress Centrum Hamburg (CCH) in Beschlag nehmen werden [7]. Veränderungen sind die Technologie-affinen Besucher aber gewohnt. So dürfte ein neuer Ort die kreative Community wieder auf ganz neue Ideen bringen.

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