Aus Linux-Magazin 02/2001

Erfahrungsbericht: LPI-Zertifizierung

Das Linux Professional Institute hält Prüfungen zum Thema Linux ab, die den Teilnehmer online zu einer Zertifizierung führen. Der Autor berichtet über Aufbau und Struktur sowie persönliche Erfahrungen beim Test.

Das Linux Professional Institute (LPI) ist eine Non-Profit-Organisation, deren Entwickler-Team im Sinne der Open-Source-Bewegung rund um den Globus verteilt ist. Außerdem beteiligen sich IBM, SuSE, Turbolinux, SGI und Caldera an der Entwicklung. Da SuSE für sich die LPI-Zertifizierung adaptiert, wird sie wohl in Deutschland künftig eine bedeutende Rolle spielen. Geplant sind drei Zertifizierungsstufen (siehe Kasten). Gegenwärtig ist nur Stufe 1 bis zum Examen vollständig absolvierbar, Stufe 2 befindet sich noch in der Vorbereitung.

Stufe 1 ist mit 200 US-Dollar für zwei Prüfungen günstig. Zum Vergleich: die RHCE-Zertifizierung kostet dreimal so viel. Das ist für das Gros der Bildungsträger sicherlich ein Argument, denn vor allem die staatlich geförderten Umschulungen unterliegen dem Gebot der Sparsamkeit.

Das LPI ist von keinem Hersteller abhängig

Die LPI-Zertifizierung ist im Gegensatz zu Abschlüssen bei Red Hat, Caldera und SuSE auf keine Distribution festgelegt. Die Tests befassen sich daher vorrangig mit den gemeinsamen Eigenschaften der verschiedenen Linux-Distributionen. Der Teilnehmer kann sicher sein, dass er herstellerunabhängiges Basiswissen für die Administration eines Linux-Systems erwirbt. Von diesem Prinzip weicht nur die Behandlung von Fragen der Paketverwaltung ab, also des RPM-Paketmanagers und der Debian-Paketverwaltungssuite mit Dpkg, Dselect und Apt.

Man sollte vorbereitet sein

Ich arbeite seit einem Jahr intensiv im Bereich Linux-Training, halte RHCE-Kurse und nehme auch die RHCE-Zertifizierung ab. Obgleich ich mich mit Linux gut auskenne, bereitete ich mich im Vorfeld auf die Prüfung gut vor: Zu Beginn arbeitete ich die “Objectives by Exam” (Lernziele) aus dem Netz (www. lpi.org/p-index.html) Punkt für Punkt durch.

Wenn ich mich an einer Stelle unsicher fühlte, waren mir die Manpages und das Experimentieren mit den zugehörigen Befehlen eine Hilfe. Der Blick in die wichtigen Konfigurationsdateien erinnerte mich nochmals an deren Syntax und Lage im Dateisystem. Um mich mit dem Debian-Paketmanager Dpkg vertraut zu machen, studierte ich nur das Debian-FAQ aus dem Internet, in dem die wichtigsten Befehle beschrieben sind.

Die Prüfung findet unter Aufsicht statt

Im April fuhr ich dann zu einem Testzentrum der Virtual University Enterprises (VUE), von denen es in Deutschland etliche gibt. Dort bekommt man einen Prüfer zugeordnet, der das Procedere überwacht. Das Examen selbst läuft an einem PC, der pikanterweise unter Windows arbeitet.

Es ist wohl dem Betastadium des Examens zuzuschreiben, dass weder Prüfer noch ich mein Examen einer VUE-internen Prüfungsnummer zuordnen konnten. Prompt erwischte ich den zweiten Teil 102, auf den ich mich noch nicht vorbereitet hatte. Das Examen habe ich trotzdem angetreten.

LPI-Zertifizierungsstufen

Stufe 1: Junior Level System-Administrator (unterteilt in die beiden Prüfungen 101 und 102)

Stufe 2: Fortgeschrittener Linux-Administrator (auch für größere Netze und komplexe Internet-Dienste )

Stufe 3: Linux-Consultant, Linux-Projektmanager

Englisch ist Pflicht, Zeit bleibt genügend

Der Prüfungsblock ist in englischer Sprache abgefasst. Die Übersetzung ins Deutsche ist geplant. Nach Meinung des LPI-Präsidenten Dan York soll das LPI aber “erst einmal gehen lernen, bevor es anfängt zu laufen” – deutschsprachige Prüfungen sind also kurzfristig nicht zu erwarten.

Die Beantwortung der Prüfungsfragen läuft mehrheitlich nach zwei Verfahren ab:

  • Multiple Choice: Der Kandidat muss eine oder mehrere nach seiner Ansicht richtige Antworten ankreuzen.
  • Fill in the blank: Als Antwort auf die gestellte Frage wird ein Begriff oder Dateiname erwartet.

In der Praxis stellte sich im LPI-Examen ein Effekt ein, der bei Prüfungen nicht selten ist: Fragen sind so unklar formuliert, dass der Prüfling deren Inhalt nicht zweifelsfrei deuten kann. Die Anzahl solcher Fragen hielt sich beim LPI aber in erträglichen Grenzen. Die Prüfungszeit ist mit 90 Minuten großzügig bemessen. Mir blieb am Ende noch eine halbe Stunde, um nochmals alle Antworten zu kontrollieren.

Inhaltlich geht die Prüfung durchaus auch in die Feinheiten. Einen gewissen Schwierigkeitsgrad macht der Umstand aus, dass vom Prüfling erwartet wird, eine stattliche Anzahl Tools und deren Optionen zu kennen. Ich selbst habe mich im Zweifel auf meine Intuition verlassen und Tools oder Optionen geraten.

Schon jetzt kann man Vorbereitungsbücher mit einschlägigen LPI-Prüfungsfragen kaufen. Insofern ist auch dieser Abschluss von der Entwertung durch Fleißtäter bedroht: die vielen Auswendiglern-MCSEs lassen grüßen. Das LPI streckt bei diesem Problem schon im Vorfeld die Waffen und betont, dass die Zertifizierung “kein Ersatz für Erfahrung ist, noch sein soll”. Sie sei lediglich einen Anhaltspunkt für das Administratorenwissen eines Bewerbers.

Dann kam der Moment, als ich auf den Abschlussknopf drückte und der Drucker die vermeintliche Bewertung auswarf. Tatsächlich handelte es sich nur um die Bestätigung, dass meine Antworten gespeichert wurden und die Ergebnisse in sechs bis zwölf Wochen vorlägen. Einen Monat nach dem ersten machte ich das fehlende Examen 101.

Probleme bei der Report-Versendung

Da mich monatelang kein schriftlicher Report erreichte, wollte ich auf der VUE-Site mein Prüfungsergebnis in Erfahrung bringen. Zu meiner Bestürzung wies mich die Seite als “durchgefallen” aus. Ein Anruf bei LPI brachte zu meiner Erleichterung die Erklärung, dass die VUE-Web-Übersicht für das LPI noch nicht richtig funktioniere. Eine Woche später bekam ich den Brief vom LPI aus Little Rock (USA) mit dem Ergebnis: Ich hatte bestanden!

Es ist zu hoffen, dass sich die aufgetretenen Verzögerungen beim Zusenden der Reports (ein bis fünf Monate) mit dem Ende der Betatest-Phase erledigen. Auf die Post mit dem Zertifikat warte ich aber noch heute. Immerhin erreichte mich mit einem Umweg über den Zoll ein Präsent für die Teilnahme am Beta-Examen.

Ein Red-Hat-Abschluss ist aufwändiger

Das LPI muss es sich natürlich gefallen lassen, mit dem Red-Hat-Abschluss verglichen zu werden: Eine RHCE-Prüfung besitzt gegenüber dem LPI-Test einen etwas leichteren Multiple-Choice-Teil. Dafür ist der RHCE-Abschluss stärker gegen Auswendiglerner resistent: Denn die Prüfung umfasst zusätzlich 2,5 Stunden Fehlerbehebung am Rechner und 2,5 Stunden Server-Setup, die es in sich haben. Die dabei absolvierten Szenarien sind sehr praxisnah. Dafür ist das RHCE-Zertifikat aber von der Red-Hat-Distribution abhängig und teurer.

Fazit

Die LPI-Zertifizierung ist eine distributionsunabhängige Zertifizierung. Da sich namhafte Hersteller beteiligen, steht es um die Entwicklung der Tests nicht schlecht. Für Einsteiger und staatliche Bildungsträger ist zudem der günstige Preis ein Kriterium der Wahl. In der Summe ist aber ein Abschluss beim Mitbewerber Red Hat anspruchsvoller. Ambitionierte Linux-Administratoren werden sich wohl beide Zertifikate zulegen. ( jk)

Infos

LPI: http://www.de.lpi.org

VUE: http://www.vue.com

Caldera: http://www.signet.de/caldera

SuSE: http://www.suse.de/de/support/training

Red Hat RHCE: http://www.redhat.de/training

Der Autor

Hans Baier machte 1999 sein Hobby zum Beruf und wurde freier Dozent und Consultant für Linux-Netzwerklösungen. Außerdem ist verfasst er die Linux-Skriptenreihe “Soluzione”. Seine Schriften werden bei Schulungen eingesetzt und sollen auch als Buch erscheinen. Hans Baier ist RHCE- und RHCX-zertifiziert – und nun auch vom LPI.

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