Webcams sind omnipräsent – die Videotelefonie via Internet gibt der Kommunikation eine persönliche Note. Aber erst mit Anwendungen wie Cheese und Webcamstudio erschließt sich das kreative Potenzial der Internet-Telefonie.
Das Internet macht manchem Futurologen einen Strich durch die Vorhersage. Noch in den 90er Jahren datierten Science-Fiction-Erzählungen Bildtelefone als Standardausstattung erst von Haushalten späterer Jahrhunderte. Doch schon viel früher, als die Autoren es sich vorstellen konnten, betrat das Breitband-Internet den Massenmarkt, kurz danach folgten preiswerte Webcams. Damit waren die technischen Möglichkeiten von Videokonferenzen gegeben. Von einem Tag auf den anderen gehörten sie für jedermann zum Alltag.
Weit verbreitet
Spätestens seit dem Einzug der Netbooks in den Computermarkt gehören Webcams zur Standardausstattung des digitalen Bürgers (Abbildung 1). Auch Linux-Nutzer bleiben nicht mehr, etwa wegen fehlender Treiber, außen vor (siehe Kasten “Linux und Webcams”). Kreative Geister haben längst mehr Potenzial in den kleinen Kameras entdeckt als nur zweckorientierte Telekommunikation.

Abbildung 1: Magisches Auge: Die eingebaute Webcam macht fast alle Netbooks zur mobilen Skype-Station. Dank des UVC-Standards haben Anwender von Kernel 2.6.26 (oder neuer) gute Chancen, dass sie unter Linux läuft.
Lächeln!
Wenn in der Englisch sprechenden Welt ein Fotograf seinen Kunden wenigstens das Imitat eines Lächelns ins Gesicht zaubern will, fordert er sie auf “Cheese” zu sagen. Der breite Vokal sorgt für die gewünschte Mimik. Daher rührt auch der Name des Projekts Cheese ([5], Abbildung 2).

Abbildung 2: Cheese nimmt Bilder und Videos mit einer angeschlossenen Webcam auf und versieht sie mit Effekten – die unscharfe Sicht im Bild beispielsweise ruft der »Würfel«-Filter hervor.
Die Gnome-Software erinnert stark an die proprietäre Apple-Software Photo Booth. Sie schießt Fotos und nimmt Videos mit Hilfe der Webcam auf. Für besonderen Spaß sorgen die Effekte (Abbildung 3): Zwölf Filter verändern das Bild beispielsweise durch den Austausch einzelner Farbtöne oder durch Verzerrung.

Abbildung 3: Zwölf Effekte stehen zur Auswahl, um aufgenommene Bilder zu verfremden. Das ist zwar nichts für nüchterne Videokonferenzen, doch wer dem Spieltrieb freien Lauf lässt, hat seinen Spaß daran.
Den größten Teil der Programmoberfläche nimmt das von der Kamera aufgenommene Bild ein. Um es zu speichern, genügt ein Klick auf »Aufnahme starten«, nachdem man sich zuvor für »Foto« oder »Video« entschieden hat. Der »Effekte«-Button führt zu den frei kombinierbaren Filtern. Wer beispielsweise eine gefärbte Würfelansicht möchte (Abbildung 2), aktiviert beide Schaltflächen und kehrt mit einem erneuten Klick auf »Effekte« zurück zur Hauptansicht. Dort ist der gewählte Effekt direkt zu sehen.
Einige der Effekte stellen allerdings Anforderungen, die nicht nur Netbooks, sondern auch leistungsfähige Rechner ins Straucheln bringen, insbesondere bei Video-Aufzeichnungen.
Hauptentwickler David Siegel [6] hat die Arbeit an Cheese im Rahmen des Google Summer of Code 2007 begonnen. Danach ließ er das Projekt jedoch nicht ruhen und lädt ausdrücklich dazu ein, eigene Ideen beizusteuern. Am 1. April hat er auf seiner Homepage schon einige Anstöße gegeben.
Das Veröffentlichungsdatum deutet zwar darauf hin, dass sie nicht ganz ernst gemeint sind. Dennoch liegt ihnen eine interessante Idee zu Grunde: Wenn sich ein bestimmtes Gesicht in den Bereich der Webcam bewegt, sollen künftige Cheese-Versionen – der Veröffentlichung vom 1. April zufolge – beispielsweise einen Spielzeugraketenwerfer per USB abfeuern, oder, wenn die Software einen Hund erkennt, automatisch dessen Fressnapf öffnen. Die Komplexität einer automatischen Bilderkennung macht die Umsetzung solcher Ideen schwierig. An ernsthaften Verwendungsmöglichkeiten für die Gesichtserkennung fehlt es aber ebensowenig wie an Anstrengungen, das Problem in den Griff zu bekommen [7].
Ins Studio
Die Verfügbarkeit von Webcams hat auch in der Welt der Hobby-Medienschaffenden neue Möglichkeiten eröffnet. Schreiben ist nicht jedermanns Sache. Wer sich in der Welt der Textblogs nicht zu Hause fühlt, kann der Welt mit einer handelsüblichen Webcam seine Meinung in Form von Videobeiträgen kundtun. Seiten wie Ustream.tv [8], Blog TV [9] oder Stickam [10] bieten ihren Mitgliederen Plattformen, über die sie ihre Beiträge hochladen oder live senden können.
Das Projekt Webcamstudio ([11], Abbildung 4) richtet sich an Nutzer solcher Dienste und bietet dabei mehr als die bloße Reproduktion des von der Webcam aufgenommenen Bildes. Auch Besitzer einer Kamera, die zwar Linux, nicht aber das Flash-Plugin des Browsers unterstützt, können mit Webcamstudio ihren Videoblog befeuern. Dieser Einsatz steht bei Webcamstudio im Vordergrund, die Software exportiert Videos aber auch als AVI- oder Ogg-Dateien oder erzeugt einen eigenen Ogg-Broadcast-Stream.

Abbildung 4: Auch beispielsweise den eigenen Videoblog im Web peppt Webcamstudio mit Effekten sowie zusätzlichen Bildern und Videos auf.
Webcamstudio kombiniert unterschiedliche Medien. Im »Sources«-Menü stehen angeschlossene Kameras über die V4L-Schnittstelle (Video for Linux) oder deren Weiterentwicklung V4L2 zur Auswahl. Darüber hinaus schmückt der angehende Produzent seine Sendung mit Videos oder Bildern von der Festplatte. Er kann den Zuschauern auch einen Live-Blick auf seine Desktop-Oberfläche gewähren.
Text und Bild
Auch Texte bindet Webcamstudio statisch oder über einen RSS-Feed ein. Alternativ übernimmt die Software die Ausgabe eines beliebigen Shellkommandos, sodass sich mittels Live-Stream beispielsweise die Prozessliste eines Rechners überwachen lässt. Weitere Eingabequellen umfassen Animationen im ANM-Format, IRC-Chats sowie über den Firewire-Port angeschlossene Videokameras.
Mit »TCPServer« und »TCPClient« verwertet das Programm Streams von entfernten oder des lokalen Rechners. Die »Microphone«-Quelle zeichnet eine Tonspur auf, die sich mit anderen Audioquellen mischen lässt. Bei der Wiedergabe von Video und Ton setzt Webcamstudio auf Gstreamer und unterstützt damit alle Formate, für die auf dem System die notwendigen Plugins installiert sind.
Die ausgewählten Quellen platziert der Benutzer im »Output«-Fenster, auf Wunsch auch mit transparenter Überlagerung. So blendet er zum Beispiel das eigene Porträt in einen laufenden Film ein. Künstlerisch weniger ergiebig, dafür aber nützlich, ist es zum Beispiel, mit Hilfe der Webcam einen Screencast mit Erklärungen zu hinterlegen. Außerdem hebt das Pinselwerkzeug markante Ausschnitte grafisch hervor.
Brandneu
Webcamstudio-Entwickler Patrick Balleux wartet zudem mit einer in dieser Softwaresparte bisher noch einzigartigen Idee auf: Schaltet man »Face Detection« ein, ortet das Programm in einer Webcam-Aufnahme automatisch die Augen der aufgenommenen Person. Dann lädt der Benutzer eine Face-Datei, die aus Bildern und Koordinaten besteht und den Abstand der enthaltenen Bildelemente zu den Augen beschreibt. Die Software setzt der gefilmten Person eine virtuelle Maske auf, die Kopfbewegungen mitmacht und bei wechselndem Abstand zur Webcam größer und kleiner wird.
Dass dieses Feature nicht perfekt funktioniert, ist beim gegenwärtigen Stand der Technik nicht überraschend. Für witzige Effekte mit den auf der Webcamstudio-Homepage verfügbaren Face-Dateien wie einer Batman-Maske oder dem Gesicht des Serienarztes Dr. House reicht die Qualität aber allemal.
Virtuelle Kamera
Das Kernelmodul »vloopback« erzeugt ein virtuelles Kamera-Device, an dem der Anwender die in Webcamstudio erzeugten Videodaten abgreift. Es gehört nicht bei jeder Distribution zum Standardumfang, deshalb liegt es dem Webcamstudio-Paket bei. Ist es geladen, erzeugt der Kernel ein zusätzliches Videogerät, beispielsweise »/dev/video2«. Die Flash-Anwendungen der Videoblog-Dienste kommunizieren dann mit diesem. Webcamstudio lässt sich dazu nur benutzen, wenn das Kernelmodul »vloopback« geladen ist und der Benutzer über Schreibrechte auf dem Video-Loopback-Gerät verfügt.
Couscous mit Minze
Für Exotik auf dem Esstisch sorgt Couscous mit Minze und Zitronensaft. Gerade wenn draußen die ersten heißen Sonnenstrahlen die Haut wärmen, verbreitet das Gericht aus heißen Weltregionen eine angenehme Kühle auf dem Gaumen. Die Zutaten: 200 Gramm Couscous, eine Zwiebel, ein oder zwei Knoblauchzehen, zwei rote und zwei gelbe Paprikaschoten, vier mittelgroße Tomaten, 500 Gramm Joghurt, ein halbes Bund Minze, Olivenöl, der Saft einer Zitrone, ein halber Teelöffel Paprikapulver.
Das Couscous nach Packungsanweisung zubereiten. Dann Zwiebeln und Knoblauch fein würfeln und beides in einer Pfanne mit Olivenöl bei mittlerer Hitze andünsten. Die Paprikaschoten und Tomaten in Würfel schneiden, die Minze hacken. Zwiebeln, Knoblauch, Paprika, und drei Esslöffel Olivenöl unter das abgekühlte Couscous mischen, salzen und mit Minze bestreuen. Joghurt, Paprikapulver und etwas Salz verrühren und mit dem Couscous servieren. (pkr)
|
Linux und Webcams |
|---|
|
Wenn Linux-Nutzer eine Webcam kaufen, ob eingebaut im Netbook oder als externe Hardware, finden sie auf der mitgelieferten Treiber-CD selten verwertbare Software für ihr Betriebssystem. Nur wenige Hersteller legen Webcam-Treiber für Linux bei. Dennoch ergibt sich insgesamt ein positives Fazit, denn Linux unterstützt mittlerweile zahlreiche Geräte. Vor knapp fünf Jahren zog die Schwesterzeitschrift des Linux-Magazins “EasyLinux” in einem Webcam-Test noch eine düstere Bilanz: Nur drei von sieben Kameras ließen sich zur Kooperation überreden, bei einer davon trübten verschobene Farbräume die Freude über das endlich sichtbare Bild [1]. Eine Quote von unter 30 Prozent unterstützter Geräte machte damals den Webcam-Kauf zum Abenteuer. Dass die Webcam-Unterstützung heute wesentlich besser ausfällt, verdankt die Linux-Community mehreren Umständen: Einerseits gibt es inzwischen ein paar Hersteller, die freie Linux-Treiber für ihre Geräte wenigsten zum Download anbieten. Andererseits ist die 2005 verabschiedete USB-Geräteklasse “Video” (UVC, [2]) bei vielen Webcam-Herstellern als Standard angekommen. Seit Kernelversion 2.6.26 unterstützt Linux diesen über das Modul Uvcvideo [3] nativ, mit ihm funktionieren die meisten Geräte, die dem Standard folgen. Leider bestehen immer noch Schwierigkeiten mit fehlerhafter Firmware. Teilweise bauen die Hersteller die Kameras sogar verkehrt herum ein und bügeln den Lapsus absurderweise über die beigelegte Windows-Software aus. IgnoranzDoch einige Hersteller ignorieren nach wie vor den inzwischen etablierten Standard und verweigern die Entwicklung von Linux-Treibern und sogar die Unterstützung Freiwilliger. Der französische Programmierer Michel Xhaard entwickelt seit 2003 im Rahmen des Projekts GSPCA (Generic Software Package for Camera Adapters, [4]) weitgehend im Alleingang Treiber für die meist billigen Webcams, die sich nicht an den UVC-Standard halten. Als Anlass für den Start des Projekts nennt auch Xhaard den Kauf zweier Webcams, die Linux zunächst nicht unterstützten, als Weihnachtsgeschenke für seine Töchter. Das Werk des Physikers, das inzwischen Treiber für über 250 Geräte bereitstellt, hat mit Version 2.6.27 Einzug in den Linux-Kernel gehalten. Die Unterstützung für sieben verschiedene Chipsätze genügt, um die UVC-inkompatiblen Geräte vieler Hersteller, von Aiptek über Creative, Logitech und Philips bis hin zu zahlreichen Nonames, unter Linux zum Laufen zu bringen. Die nach wie vor vollständig ausbleibende Unterstützung der Hersteller verursacht bei einigen der GSPCA-Geräte jedoch Probleme wie schlechte Bildqualität. Vor der Anschaffung lohnt sich deshalb ein Blick auf die Kompatibilitätslisten auf den Seiten des GSPCA- und des Linux-UVC-Projekts. Einige Hersteller führen ebenfalls Listen über den Status ihrer Geräte unter Linux, diese haben sich bei Stichprobentests jedoch als ziemlich unzuverlässig herausgestellt: Manche als “Unsupported” markierten Webcams laufen mit Kernelmodulen aus dem GSPCA- oder dem Uvcvideo-Projekt problemlos. |
|
Infos |
|---|
|
[1] Elisabeth Bauer, “Webcams im Test”: EasyLinux 07/07, S. 78, [http://www.easylinux.de/Artikel/ausgabe/2004/07/078-webcams] [2] USB Video Device Class: [http://en.wikipedia.org/wiki/USB_video_device_class] [3] Linux UVC: [http://linux-uvc.berlios.de] [4] GSPCA: [http://mxhaard.free.fr] [5] Cheese: [http://projects.gnome.org/cheese] [6] David Siegel: [http://home.cs.tum.edu/~siegel] [7] Markus Franz, “Gesichtserkennung mit OpenCV et al.”: Linux-Magazin 02/08, S. 110 [8] Ustream.tv: [http://www.ustream.tv] [9] Blog TV: [http://www.blogtv.com] [10]Stickam: [http://www.stickam.com] [11] Webcamstudio: [http://webcamstudio.wiki.sourceforge.net] |





