Aus Linux-Magazin 09/2010

Online-Textverarbeitungen im Vergleich

© view7, Photocase.com

Online-Textverarbeitungen sorgen derzeit für viele glänzende Augen: Außendienstmitarbeiter benötigen nur noch einen Browser, um die Firmendokumente nachzubearbeiten, Administratoren müssen keine großen Officepakete umständlich auf verschiedenen Rechnern aktualisieren und mehrere Angestellte arbeiten gemeinsam an einem Dokument – ganz gleich in welcher Filiale auf der Welt sie sich befinden.

In allen Szenarien spart die Geschäftsleitung eine Menge Geld. Wirklich lohnenswert ist das alles aber nur, wenn die Web-basierten Textverarbeitungen einen ähnlichen Funktionsumfang auffahren wie die alteingesessenen Offline-Pendants – schließlich kommt kaum ein Unternehmen ohne Serienbrieffunktion, Fußnoten und Formatvorlagen aus. Für die Anbieter der Online-Textverarbeitungen ist das ein immenser Kraftakt, gilt es doch, mehrere Jahrzehnte Entwicklung in kurzer Zeit aufzuholen.

Abbildung 1: Ein Firefox unter Linux gaukelt vor, ein Windows-Browser zu sein. Dennoch verlangt Microsoft Office Live danach hartnäckig die Installation einer Erweiterung für den Mac.

Abbildung 1: Ein Firefox unter Linux gaukelt vor, ein Windows-Browser zu sein. Dennoch verlangt Microsoft Office Live danach hartnäckig die Installation einer Erweiterung für den Mac.

Zu den prominentesten Vertretern der Online-Bürosuiten dürfte Google Text & Tabellen [1] gehören. Microsoft hätte die Entwicklung fast verschlafen und öffnete erst vor Kurzem sein Office Live [2] der Allgemeinheit – allerdings nicht für Linuxer (siehe Kasten “Wir müssen draußen bleiben”). Unerwartete Konkurrenz erhalten die beiden großen Anbieter vom Grafikspezialisten Adobe mit Buzzword [3]. Dazu gesellen sich noch die etwas weniger bekannten Dienstleister Thinkfree Online [4] und Zoho [5]. Viele andere Anbieter greifen wiederum auf das vorhandene Know-how zurück. So stecken beispielsweise hinter 1&1 Online Office [6] die Webanwendungen von Zoho.

Wir müssen draußen
bleiben
Offiziell unterstützt Microsoft Office Live das freie Betriebssystem (noch) nicht. Wer unter Linux die Seiten der Online-Textverarbeitung ansteuert, erhält eine Abfuhr. Statt eines Login-Bildschirms erscheint der Hinweis, dass die Webanwendung nur mit bestimmten Windows-Varianten, Mac OS X und Webbrowsern funktioniert. Einen technischen Grund für die Blockade kann es nicht geben, denn Microsoft verwendet für das Online-Office fast ausschließlich plattformunabhängige Webstandards.

Im Test gelang die Registrierung und Anmeldung bei dem Dienst nach der Manipulation der Firefox-Browserkennung (»general.useragent.override«). Beim Versuch, im so genannten Workspace ein neues Word-Dokument zu erstellen, verlangte Office Live jedoch hartnäckig die Installation der “Microsoft Document Connection für Mac” (siehe Abbildung 1). Es half auch nicht, ein fertiges Word-Dokument hochzuladen und danach zu bearbeiten – Microsoft beharrte auf der Erweiterung.

Geschenkter Gaul

Um möglichst viele Nutzer anzulocken und an sich zu binden, verteilen die Anbieter momentan recht großzügig kostenlose Zugänge. Die Dienste finanzieren sich primär über zusätzliche Supportleistungen und spezielle kostenpflichtige Funktionen. Von Werbung bleibt der Nutzer derzeit verschont, doch es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis die ersten Banner blinken.

Für alle vier getesteten Webanwendungen benötigt der Anwender lediglich eine gültige E-Mail-Adresse zum Beantragen des Nutzerkontos. Nach der Freischaltung tippt er im Browser die ersten Texte – vorausgesetzt er ist nicht gerade mit Konqueror unterwegs. Der KDE-Browser versagte im Test mit allen Officetools. Meistens präsentierte er nach ellenlangen Ladezeiten nur eine leere weiße Seite, Google Text & Tabellen blockt ihn sogar grundsätzlich ab.

Nach der Anmeldung präsentieren fast alle Dienste einen mehr oder weniger übersichtlichen Dateimanager, mit dem der Nutzer die online gespeicherten Dokumente verwaltet, sie für andere Bearbeiter freigibt und umgekehrt auf die Texte zugreift, die andere Personen freigeschaltet haben. Von hier aus startet auch die eigentliche Textverarbeitung, deren Look & Feel sich weitgehend an den bekannten Offline-Pendants orientiert. So fällt der Umstieg zwar relativ leicht, die Chance auf eine übersichtlichere und aufgabenorientierte Benutzerführung haben die Anbieter damit jedoch verspielt.

Bauschutt

Die Online-Textverarbeitungen mussten im Test vor allem ihre Unternehmenstauglichkeit beweisen. So sollten sie möglichst komfortabel Serienbriefe generieren, Bilder von der Festplatte einfügen, einfache Tabellen verwalten sowie Open-Office- und Word-Dokumente (».doc«- und ».docx«-Format) fehlerfrei importieren. Auch Makros und Dokumentvorlagen standen auf dem Prüfstand.

Schriftarten sind für alle Testkandidaten ein besonderes Problem. Fonts stellt grundsätzlich der Anbieter bereit, eigene Schriften darf der Nutzer nicht hochladen. Folglich bleibt er durchweg auf die üblichen Verdächtigen festgenagelt: Arial, Times, Courier, Trebuchet und Veranda, jeweils in mehreren Schriftschnitten. Verzichten muss der Nutzer ebenfalls auf Dokumentvorlagen. CD-Hüllen, Einladungen, Briefe oder Rechnungen muss er entweder selbst entwerfen oder sich aus dem Internet angeln. Tabelle 1 fasst die Features der Online-Tools in einer Übersicht zusammen.

Tabelle 1: Features der Online-Textverarbeitungen

Tabelle 1: Features der Online-Textverarbeitungen

Google Text & Tabellen

Die Textverarbeitung des Suchmaschinenbetreibers setzt lediglich aktiviertes Javascript im Browser voraus. Die Oberfläche gibt sich aufgeräumt und übersichtlich, fror aber im Test mit Firefox 3.6.6 gerne mal ein. Glücklicherweise sichert Google das Dokument selbst nach kleinen Änderungen automatisch im Hintergrund.

Schon bei einfachen Texten stößt der Nutzer schnell an die Grenzen der Textverarbeitung. So existieren lediglich acht feste Schriftgrößen, Ligaturen nur bei ausgewählten Schriftarten, eine Serienbrieffunktion fehlt völlig. Es gibt keine Möglichkeit, die Ansicht zu vergrößern, und der Blocksatz besitzt mehr Löcher als ein Schweizer Käse. Die vorhandenen Absatzvorlagen beschränken sich auf sechs Überschriften und »Normaler Text«, eigene Vorlagen darf der Anwender nicht definieren. Zwar erzeugt Text & Tabellen anhand der ausgezeichneten Überschriften ein Inhaltsverzeichnis, dessen Aussehen ist jedoch fest vorgegeben. Auch bei der Absatzeinrückung gibt\’s eine Beschränkung auf 0,25-Zentimeter-Schritte und den Zeilenabstand ändert der Nutzer ebenfalls nur in fest vorgegebenen Weiten.

In Text & Tabellen schreibt man zunächst auf Endlospapier. Erst beim Drucken verteilt die Webanwendung den Text auf die einzelnen Seiten. Um einen korrekten Umbruch durchzuführen, muss der User somit ständig zwischen Druckvorschau und Editor hin- und herwechseln. Konsequenterweise sind Kopf- und Fußzeilen auf allen Seiten identisch, die Seitenzahlen muss man irgendwie per Hand in den Fließtext frickeln. Nummerierungen und Listen sind zwar möglich, bei den Aufzählungszeichen stehen aber nur Kreis, Scheibe und Rechteck zur Wahl. Tabulatoren verteilt der Anwender mit einem Klick auf das Lineal – eine Positionierung ist aber wiederum nur alle 0,25 Zentimeter möglich.

Bilder bindet Google immer an der aktuellen Cursorposition ein. Einmal eingefügt wandern sie brav im Text mit, kleben aber am linken Seitenrand. Erst ein Klick auf das missverständliche »Behoben« unterhalb des Bildes erlaubt eine freie Platzierung, der Text umfließt dann automatisch den Fremdkörper. Als Bildquelle kommen Dateien von der eigenen Festplatte, eine URL oder die Google Bildersuche in Frage. Da sich Google wie alle übrigen Kandidaten nicht um die Urheberrechte schert, ist die letztgenannte Möglichkeit nur mit Vorsicht zu genießen – besonders wenn man seine Dokumente für alle Internetnutzer freigeben will.

Illustrationen und Organigramme lassen sich in einem separaten Fenster (siehe Abbildung 2) zeichnen. Die dort zur Verfügung stehenden Werkzeuge sind im Gegensatz zu den Textfunktionen erstaunlich mächtig. Wenn die extrem gemächliche Arbeitsweise nicht wäre, brächte der Nutzer damit schnell ansehnliche Flussdiagramme zu Papier.

Abbildung 2: Zum Zeichnen von Flussdiagrammen und Ähnlichem bringt Google Text & Tabellen ein mächtiges Werkzeug in einem speziellen Fenster mit. Leider verlangsamt diese Funktion die Arbeit erheblich.

Abbildung 2: Zum Zeichnen von Flussdiagrammen und Ähnlichem bringt Google Text & Tabellen ein mächtiges Werkzeug in einem speziellen Fenster mit. Leider verlangsamt diese Funktion die Arbeit erheblich.

Neue Tabellen zieht der Nutzer mit der Maus über das Menü auf (Abbildung 3). Wer die Größe ändern möchte, muss Spaltenbreite und Zeilenhöhe manuell eintippen. Sämtliche Zellen erhalten immer die gleiche Randbreite und Farbe.

Abbildung 3: Die Tabellenfunktionen von Google Text & Tabellen sind recht mager. Lediglich das Aufziehen mit der Maus ist komfortabel.

Abbildung 3: Die Tabellenfunktionen von Google Text & Tabellen sind recht mager. Lediglich das Aufziehen mit der Maus ist komfortabel.

Freigiebig?

Die integrierte Versionsverwaltung protokolliert jede Änderung am Dokument. Dummerweise darf man die einzelnen Schnappschüsse nicht gegenüberstellen. Wer zu einem alten Stand zurückkehren möchte, muss entweder wissen, welche Änderung er um 16:45 Uhr vorgenommen hat, oder sich nacheinander die ziemlich zahlreichen Stände anschauen. Der Link »Neue Version« am oberen Rand ist übrigens irreführend: Er stellt lediglich die neuen Funktionen von Google Text & Tabellen vor.

Die gleichnamige Schaltfläche gibt Dokumente frei. Der Nutzer entscheidet, ob er sie als E-Mail versendet, im Web veröffentlicht oder einer selbst zusammengestellten Personengruppe zugänglich macht. Deren Mitglieder benötigen allerdings allesamt ein Google-Nutzerkonto.

Trotz des geringen Funktionsumfangs übernahm Google Text & Tabellen im Test erstaunlich viele Textformatierungen hochgeladener Dokumente – wenngleich nach dem Upload eine Nachbearbeitung erforderlich war. Texte gingen nicht verloren, eine Broschüre wollte das Tool allerdings nicht darstellen. Große Dokumente verarbeitet der Onlinedienst quälend langsam, was vernünftiges Arbeiten unmöglich macht.

Text & Tabellen ist somit nicht mehr als ein simpler HTML-Editor für einfache Webseiten, manch ein Rich-Text-Editor ist ihm überlegen. Das ändert auch der eingebaute Formeleditor nicht mehr. Er erscheint als zusätzliche Symbolleiste, aus der der Nutzer sich die mathematische Gleichung komfortabel zusammenklickt. Unternehmen, die pro Nutzer und Jahr 40 Euro berappen, erhalten von Google unter anderem für jedes Nutzerkonto 25 GByte Speicherplatz sowie einen Rund-um-die-Uhr-Support.

Adobe Buzzword

Adobe Buzzword gehört zum Webdienst Acrobat.com, der momentan neben der Textverarbeitung auch ein Präsentationsmodul und eine Tabellenkalkulation umfasst. Auch die Erstellung von PDFs ist möglich. Die gesamte Plattform basiert auf Adobes Liebling Flash – folglich benötigt der Dienst auch ein möglichst aktuelles Plugin.

Die Benutzeroberfläche von Buzzword weicht leicht vom üblichen Standard ab – in positiver, aber auch in negativer Hinsicht. Pfiffig ist beispielsweise die Bildlaufleiste am rechten Rand, die neben dem Balken auch die Seitennummern anzeigt (siehe Abbildung 4). Fährt die Maus über ein Bedienelement, klappt gleich eine ganze Leiste aus, die für alle Schaltflächen der näheren Umgebung eine Erklärung anbietet. Am rechten Seitenrand folgt der Eingabemarke eine kleine, hellgraue Sprechblase. Ein Klick auf diese fügt blitzschnell einen Kommentar ein.

Abbildung 4: Adobe Buzzword wartet mit einigen pfiffigen Bedienkonzepten auf. So zeigt der rechte Scrollbalken beispielsweise die Seitennummern an.

Abbildung 4: Adobe Buzzword wartet mit einigen pfiffigen Bedienkonzepten auf. So zeigt der rechte Scrollbalken beispielsweise die Seitennummern an.

Die Symbolleisten positioniert Buzzword nicht wie üblich untereinander. Sie befinden sich stattdessen in einer Zeile übereinander. Ähnlich wie bei Registern holt der Anwender das gerade benötigte Element mit einem Mausklick nach vorne. Da die Zeichen- und Absatzfunktionen auf eigenen Schiebern platziert sind, klickt man sich allerdings schnell die Finger wund. Außerdem stören die Animationen der ein- und ausfahrenden Elemente. Was zunächst ein Hingucker ist, nervt bei der Arbeit schnell – und verschlingt auch eine Menge Ressourcen. Vom Einsatz auf älterer Hardware ist daher abzuraten.

Buzzword enthält nur sieben, dafür aber hochwertige Schriftarten aus dem Adobe-Fundus, darunter die beliebte Garamond Pro. Eine deutsche Rechtschreibprüfung ist an Bord, Thesaurus und Grammatikprüfung fehlen jedoch. Den Zeilenabstand von Absätzen darf der Anwender nur in drei festen Schritten festlegen. Dafür kann er Listen mit normalem Text unterbrechen und später fortsetzen. Neben den klassischen Aufzählungen und nummerierten Listen kennt Buzzword noch eine spezielle Checkliste, der kleine Kästchen zum Abhaken mit der Maus voranstehen.

Tabulatoren legt der Anwender Pi mal Daumen mit der Maus auf dem Lineal ab, das sich links oben unter der Symbolleiste versteckt. Auch bei Tabellen kommt die Maus zum Einsatz; nach einem Klick auf das Tabellensymbol fügt Buzzword eine zwei mal zwei Zellen große Tabelle an der aktuellen Cursorposition ein. Mit der Maus zupft der Nutzer dann die Zeilen- und Spaltengrößen zurecht, über die Plussymbole ergänzt er weitere Zeilen und Spalten. Damit ist dann allerdings schon Schluss. Es ist weder möglich, die Inhalte auszurichten, noch die Tabelle auf der Seite zu verschieben.

Bildlich gesprochen

Bilder holt Buzzword von der eigenen Festplatte, vom Bilderdienst Flickr, von Google oder einer URL. Einmal im Dokument, darf der Anwender sie skalieren, frei verschieben und den Textumfluss einstellen – mehr ist nicht drin. Für den Photoshop-Hersteller ist dies eigentlich ein Armutszeugnis, zumal Adobe mit Photoshop Express [7] eine Online-Bildbearbeitung betreibt. Eingefügte Bilder verknüpft Buzzword fest mit einer Zeile, sodass die Grafiken auch bei Textänderungen mitwandern. Die Verankerung ist mit einem schlecht sichtbaren Kreis gekennzeichnet, der für markierte Bilder am linken Seitenrand erscheint.

Die eingebaute Versionsverwaltung protokolliert Änderungen und präsentiert sie übersichtlich als Punkte auf einer Zeitleiste. Unterschiede zu älteren Dokumentversionen hebt Buzzword auf Wunsch farbig hervor. Nach dem Aufklappen des dafür zuständigen Registers am unteren Fensterrand blockierte die Funktion im Test jedoch mitunter das gesamte Dokument und verhinderte somit weitere Änderungen.

Gibt der Autor ein Dokument für einen einzigen Benutzer frei, kann er diesen als Koautor, Überprüfer oder Leser klassifizieren. Buzzword verschickt auf Wunsch entsprechende Einladungen per Mail. Hier gibt es allerdings einen kleinen Fallstrick: Wer Zugriff auf die Datei erhält, darf sie selbst wieder für andere Personen freigeben. Unter Umständen landen so vertrauliche Texte in den Händen der Konkurrenz. Selbstverständlich kann man auch gleich die Flucht nach vorn antreten und Buzzword dazu anweisen, die Datei im Internet zu veröffentlichen. Zusätzlich bietet Acrobat.com einen speziellen Meetingraum, in dem Benutzer gemeinsam per Videokonferenz an Dokumenten arbeiten.

Beim Import von Word- und Open-Office-Dateien übernahm Buzzword im Test nur Formate, die es selbst kennt. Insbesondere die hochgeladene Broschüre sah arg gerupft aus (siehe Abbildung 5).

Abbildung 5: Kein Importschlager: Die importierte Broschüre bestand nach dem Upload zu Buzzword nur noch aus Bruchstücken.

Abbildung 5: Kein Importschlager: Die importierte Broschüre bestand nach dem Upload zu Buzzword nur noch aus Bruchstücken.

Die Nutzung des Acrobat.com-Dienstes ist kostenlos. Allerdings steht Benutzern derzeit nur ein einziger Arbeitsbereich zur Verfügung, sie können nicht mehr als fünf PDF-Dateien generieren und mit maximal drei Personen eine Webkonferenz führen. Premium-Pakete, die diese Beschränkungen aufheben und zudem noch Supportleistungen beinhalten, bietet Adobe ausschließlich in Nordamerika an. Wann diese Abonnements auch in Deutschland bereitstehen, konnte Adobe noch nicht sagen.

Thinkfree Online

Das Unternehmen stellt sein gleichnamiges, auf Java basierendes Officepaket auch online zur Verfügung. Dieser Dienst bietet nicht nur den größten Funktionsumfang, er verlangt auch zwingend ein installiertes Java-Plugin. Beim ersten Zugriff lädt Thinkfree zunächst die komplette Bürosuite auf die Festplatte. Das dauert bei einer mittelschnellen Internetverbindung ungefähr eine Viertelstunde. Dafür starten die Anwendungen danach recht flott, wenngleich es bei den Mitbewerbern noch schneller geht. Offlinebetrieb ist nicht möglich, sodass eine stotternde Internetverbindung umgehend den Arbeitsfluss behindert.

Apropos Arbeitsfluss: Die Thinkfree-Anwendung entpuppte sich als langsamster Testkandidat und legte nach jedem Mausklick erst mal eine kurze Denkpause ein. Auf dem Ubuntu-10.4-Testrechner blockierte die Textverarbeitung zudem immer mal wieder die Tastatur. Offenbar verliert das Fenster nach jedem Menü-Aufruf den Fokus, was ihm aber nicht direkt anzusehen ist, da Mausaktionen weiterhin ankommen. Erst nach einem Klick auf die Titelleiste geht\’s weiter. Darüber hinaus verabschiedete sich Thinkfree regelmäßig mit einem kryptischen Java-Fehler, den erst ein Rechnerneustart behob. Somit war produktive Arbeiten nahezu unmöglich.

Jedes Dokument öffnet Thinkfree in einem eigenen, schwebenden Fenster. Die Benutzeroberfläche wirkt dabei wie ein Klon des seligen Microsoft Office 2003. Derzeit spricht sie ausschließlich Englisch oder Koreanisch, die Rechtschreibprüfung erkennt aber auch deutsche Texte. Thesaurus und Grammatikprüfung fehlen. Die Textverarbeitung bietet hauptsächlich Schriftarten für den asiatischen Sprachraum. Westeuropäische Anwender müssen mit freien Fonts vorliebnehmen – Klassiker wie Arial und Times fehlen aber. Gleiches gilt für Ligaturen, dafür kann das Tool Initialen erzeugen. Das Schriftbild auf dem Monitor bleibt jedoch durchgehend kantig und unansehnlich (siehe Abbildung 6).

Abbildung 6: Ganz schön pixelig: Thinkfree hat keine erstklassigen Fonts zu bieten, zumindest nicht für Nutzer aus dem westeuropäischen Sprachraum.

Abbildung 6: Ganz schön pixelig: Thinkfree hat keine erstklassigen Fonts zu bieten, zumindest nicht für Nutzer aus dem westeuropäischen Sprachraum.

Das passende Format

Für Listen stehen vorgefertigte Aufzählungszeichen (Bullets) bereit, welche die Textverarbeitung im Test jedoch alle durch ein leeres Kästchen verstümmelte – offenbar fehlte hier eine bestimmte Schriftart. Das Problem ist schnell behoben, darf man doch das Aussehen der Aufzählungen und Nummerierungen nach eigenem Gusto gestalten.

Die Formatvorlagen sind ähnlich flexibel wie die von Open Office, sogar Folgevorlagen sind möglich. Die Templates listet Thinkfree in einer Leiste am rechten Rand auf, was aber bei zunehmender Anzahl immer unübersichtlicher wird. Seitenränder und sogar die Seitengröße darf der Benutzer für jede Seite einzeln festlegen.

Neben dem üblichen horizontalen Lineal, liegt noch ein vertikales am linken Rand. Einen Tabulator zu setzen geriet im Test jedoch zum Roulettespiel: Mal setzte Thinkfree einen, mal an ganz falschen Stellen und hin und wieder verschwanden bestehende Tabs spurlos. Da nützt es auch nichts, Zahlen am Dezimalzeichen ausrichten und zwischen verschiedenen Füllzeichen wählen zu dürfen.

Importierte Bilder verankert die Textverarbeitung an der aktuellen Cursorposition. Ähnlich wie ein überdimensionales Zeichen wandern sie bei Textänderungen mit. Der Anwender darf Bilder erst frei verschieben, nachdem er den Textumfluss geändert hat. Auch danach kommt es zu unerklärlichen Bildwanderungen, da Thinkfree die Grafiken an ihre ursprüngliche Position bindet. Dafür bringt die Textverarbeitung als einziger Testkandidat eine kleine Clipart-Sammlung mit. Zudem darf der Nutzer die Bilder beschneiden, vergrößern und verkleinern, mit einem Rahmen versehen sowie Helligkeit und Kontrast anpassen. Der Funktionsumfang des Zeichenmoduls reicht fast an den von Open Office heran; nur die Verbinder (spezielle Linien, die an Kreisen, Rechtecken und Symbolen einrasten) fehlen.

Eine Kommentar- und Serienbrief-Funktion fehlt. Dafür erzeugt Thinkfree dynamische Querverweise und beginnt Kapitel automatisch auf einer neuen, ungeraden oder geraden Seite. Jeder Abschnitt darf zudem seine eigenen Kopf- und Fußzeilen erhalten.

Strukturiert

Die Textverarbeitung kann Tabellen in normalen Text und vice versa verwandeln und passt auf Wunsch die Spalten- und Zeilenbreiten den jeweiligen Inhalten an. Mehrere Zellen darf der Anwender verschmelzen und sogar die Position des Textes innerhalb einer Zelle festlegen. Tabellen verankert Thinkfree nicht im Text. Zwar gibt es in den Tabelleneigenschaften eine Option »Move with text«, sie blieb im Test jedoch wirkungslos. Um einer einzelnen Zelle einen individuellen Rahmen nebst Hintergrundfarbe zu verpassen, hangelt sich der Anwender erst umständlich durch die Tabelleneingeschaften und sollte dann tunlichst darauf achten, die Einstellungen nur auf die Zelle anzuwenden.

Für jedes Dokument definiert der Nutzer, wer es bearbeiten und herunterladen beziehungsweise nur betrachten darf. Neu erstellte Dokumente speichert Thinkfree standardmäßig als ».doc«-Datei. Das Open-Office-Format mochte die Textverarbeitung nicht, der Import von Word-Dateien klappte dafür umso besser. Sogar einen zweispaltigen Absatz übernahm Thinkfree korrekt, obwohl das Tool komplette Abschnitte eigentlich nur in mehreren Spalten setzen kann. Die importierte Broschüre hatte zwar eine etwas hellere Hintergrundfarbe, dennoch waren alle Texte und sogar die eingebetteten Bilder an ihren Plätzen (siehe Abbildung 7).

Abbildung 7: Beim Import von Dateien hat Thinkfree eindeutig die Nase vorn – keine andere Online-Textverarbeitung im Test stellte die Broschüre derart gut dar.

Abbildung 7: Beim Import von Dateien hat Thinkfree eindeutig die Nase vorn – keine andere Online-Textverarbeitung im Test stellte die Broschüre derart gut dar.

Positiv überrascht hat auch die Verarbeitung eines 400-seitigen Testdokuments – Thinkfree las es nicht nur in Rekordzeit ein, sondern erlaubte auch schnelles Blättern im Text. Der Versuch, eine Datei zu drucken, endete allerdings mit der merkwürdigen Fehlermeldung »There is not available Print Service. You must install printer first.« Folglich bleibt nur der Export als PDF-Dokument.

Zoho Writer

Das kalifornische Unternehmen Zoho erschlägt den Anwender mit derzeit insgesamt 22 Online-Anwendungen. Im Angebot sind ein Webmailer, eine Projektmanagement-Software und auch die Textverarbeitung Zoho Writer. Die Oberfläche wirkt wie eine geschrumpfte Fassung der Multifunktionsleisten (Ribbons) aus Microsoft Word: Anstelle eines Menüs prangen am oberen Rand mehrere Register, welche die eigentlichen Funktionen in Gruppen zusammenfassen. Die darauf platzierten Symbole verlangen allerdings nach einem möglichst breiten Bildschirm, andernfalls stapeln sie sich übereinander oder verschwinden gar komplett aus dem Fenster. Weiteren Platz verschlingt die Leiste am linken Fensterrand, in der Zoho Writer die wichtigsten Dateimanager-Funktionen versammelt.

Neben der deutschen Rechtschreibprüfung, die erstaunlich viele bekannte Wörter wie etwa “warten” rot unterkringelt, bietet Zoho Writer auch einen Thesaurus an. Dieser findet jedoch keine konjugierten Verben, “kauft” muss man erst per Hand in “kaufen” umschreiben. Dafür ermöglicht Zoho Writer Ligaturen, wenngleich der Nutzer auf andere Open-Type-Funktionen verzichten muss. Unverständlich bleibt, warum man wie bei Google die Ansicht nicht vergrößern darf.

Die Textverarbeitung kennt Aufzählungen und Nummerierungen, gibt deren Formatierung jedoch fest vor. Die mitgelieferten Stilvorlagen beschränken sich im Wesentlichen auf sechs Überschriften und normalen Fließtext. Eigene Stilvorlagen legt der Nutzer nicht etwa in Zoho Writer an, sondern lädt sie in Form von Stylesheets hoch – tatsächlich ist der Writer keine Textverarbeitung im herkömmlichen Sinn, sondern ein Editor für HTML-Seiten. Das Register »Ansichten« bestätigt dies, darf man doch explizit auf eine »HTML-Code-Ansicht« umschalten.

Als Konsequenz dieser technischen Umsetzung unterliegen die Dokumente zahlreichen Einschränkungen, mit denen auch Google Text & Tabellen zu kämpfen hat. Allerdings vereinfacht Zoho Writer so auch die Veröffentlichung im Web. Genau für diesen Zweck bietet das Tool zahlreiche interessante und teilweise sogar einzigartige Möglichkeiten.

So ist es etwa möglich, Einzelpersonen oder Benutzergruppen gezielt Lese- und Schreibrechte zu geben und Dateien mit einem Mausklick im eigenen Blog zu veröffentlichen. Wer kein Webtagebuch hat, kann zur Funktion »Doc Roll« greifen. Zoho Writer generiert dann ein kleines Javascript, das der Anwender in die eigene Homepage einbaut. Dort listet das Skript alle freigegebenen Dokumente ähnlich wie in einem Newsticker auf.

Zoho Writer protokolliert jede Änderung. In einer speziellen Ansicht kann der Nutzer nicht nur zu einer vorherigen Version zurückkehren, sondern auch zwei Varianten miteinander vergleichen. Dafür sind Tabulatoren für Zoho Writer Fremdworte. Ein Druck auf die Tabtaste fügt lediglich einen Stoß Leerzeichen ein, und auf dem horizontalen Lineal darf man lediglich die Breite der Seitenränder zurechtziehen.

Was fürs Auge

Möchte der Anwender Bilder einfügen, legt er schon beim Upload ihre Ausrichtung im Text fest. Anschließend erlaubt Zoho Writer lediglich, die Grafiken mit der Maus zu skalieren. Die Textverarbeitung behandelt Bilder außerdem wie überdimensionale Zeichen. Es erstaunt daher, dass das Tool eine Wasserzeichen-Funktion mitbringt. Die Wasserzeichen dürfen aus einem kurzen Text oder einer Grafik bestehen (Abbildung 8).

Abbildung 8: Zoho Writer kann Dokumente sogar mit einem Wasserzeichen hinterlegen. So bettet der Nutzer Firmenlogos oder Texte in die Dokumente ein.

Abbildung 8: Zoho Writer kann Dokumente sogar mit einem Wasserzeichen hinterlegen. So bettet der Nutzer Firmenlogos oder Texte in die Dokumente ein.

Vom Formeleditor können sich sogar noch die etablierten Officepakete eine Scheibe abschneiden. Gelegenheitsmathematiker klicken sich im Editor bequem ihre Gleichung zusammen, während Profis auf die mächtige Latex-Syntax zurückgreifen (siehe Abbildung 9).

Abbildung 9: Der aufgeräumte Formeleditor in Zoho Writer ist eine Klasse für sich und erfreut sicherlich auch Latex-Fans.

Abbildung 9: Der aufgeräumte Formeleditor in Zoho Writer ist eine Klasse für sich und erfreut sicherlich auch Latex-Fans.

Tabellen zieht der Anwender im Register »Einfügen« bequem mit der Maus auf. Alle weiteren Optionen sind allerdings nur über das Kontextmenü zu erreichen. Dafür bleiben kaum Wünsche offen – einzelne Zellen darf der Nutzer teilen, ihren Hintergrund individuell anstreichen und die Textinhalte sowohl vertikal als auch horizontal ausrichten. Rahmen darf er allerdings nur für die komplette Tabelle festlegen.

Zoho Writer ist der einzige Testkandidat, der halbautomatisch Serienbriefe erstellt. Dazu lädt der Nutzer zunächst eine CSV-Datei als Datenquelle hoch, verteilt Platzhalter im vorbereiteten Brieftext und weist die Textverarbeitung dann an, die fertigen Briefe zu generieren. Die verschickt Zoho Writer auf Wunsch auch per E-Mail.

Ein Klick auf das Druckersymbol öffnet vorbildlich den »Drucken«-Dialog des Browsers. Alternativ speichert Zoho Writer Dokumente als PDF-Datei. Beim Import von Word- und Open-Office-Dokumenten blieben im Test zwar die Texte erhalten, das Layout lag jedoch weitgehend in Trümmern. Große Dateien verdaut die Textverarbeitung problemlos, der Upload ist jedoch auf 10 MByte begrenzt.

Zoho bietet seine Dienste derzeit noch kostenlos an, behält sich aber vor das Geschäftsmodell jederzeit zu ändern. Einige der Zoho-Anwendungen hat dies bereits erwischt; Informationen über die für Unternehmen anfallenden Kosten bietet [8]. So lässt sich der nutzbare Speicherplatz beispielsweise für 3 US-Dollar im Monat auf 5 GByte aufstocken, 15 GByte kosten 9 US-Dollar. Laut FAQ soll es allerdings immer eine gebührenfreie beziehungsweise eine Personal Edition geben.

Fazit

Zu Recht prangt fast durchgehend ein dezentes “Beta” unter den Logos der Online-Textverarbeitungen – keiner der getesteten Dienste hinterließ einen fertigen Eindruck und kommt gegenwärtig an den Funktionsumfang der Offline-Pendants heran. Zudem macht das gemächliche Tempo bei allen Anwendungen fließendes und produktives Arbeiten eigentlich unmöglich.

Googles Funktionsumfang ist so klein, dass Text & Tabellen allenfalls als besserer Texteditor taugt. Thinkfree gefällt da schon eher, disqualifiziert sich aber mit seinen Fehlern und dem extrem behäbigen Arbeitstempo. Das verwundert insbesondere, da Thinkfree Office schon seit einiger Zeit in Version 3 vorliegt und somit bereits gut durchgetestet sein sollte. Zoho Writer punktet mit guten Team- und Veröffentlichungs-Funktionen, im Gegenzug muss man aber mit Einschränkungen bei anderen Features leben. Wer ausschließlich für das Web schreibt, dürfte damit aber kein Problem haben.

Buzzword begeistert mit vielen kleinen, pfiffigen Details, die man sich auch in herkömmlichen Textverarbeitungen wünschen würde. Dem gegenüber stehen der eingeschränkte Funktionsumfang und die zahlreichen Animationen, die spätestens nach einer Stunde an den Nerven zerren.Warum Microsoft Linux-Nutzer aussperrt, bleibt offen. Schließlich könnte man so auf Open Office umgestiegene Unternehmen wieder zurückgewinnen. (hej)

Infos
[1] Google Text & Tabellen: [http://docs.google.com]

[2] Microsoft Office Live: [http://www.officelive.com/de-de]

[3] Adobe Buzzword: [http://www.adobe.com/acom/buzzword]

[4] Thinkfree: [http://www.thinkfree.com]

[5] Zoho: [http://www.zoho.com]

[6] 1&1 Online Office: [http://office.1und1.de]

[7] Photoshop Express: [http://www.photoshop.com/express]

[8] Kosten für die Zoho-Dienste: [http://www.zoho.com/pricing.html]

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