Open Source im professionellen Einsatz

"Microsoft-Fan": Münchens neuer OB Reiter will in Sachen Limux "neue Lösung finden"

07.07.2014

In einem Interview mit der in Münchener Behörden verteilten "Stadtbild" rückt Münchens neuer OB Dieter Reiter spürbar vom Limux-Projekt ab.

663

Es ist die vorletzte Frage in einem zweiseitigen Interview, die auf das Limux-Projekt abzielt. In dem Gespräch, das dem Linux-Magazin vorab zugespielt wurde, fragt die Redaktion der "Stadtbild", einer Zeitschrift, die in Münchens Behörden und Institutionen verteilt wird, ganz offen, ob der OB als bekannter "Microsoft-Fan" denn jetzt wieder auf das Redmonder Betriebssystem umstellen lassen wolle. Der seit Frühjahr 2014 amtierende Oberbürgermeister widerspricht dem nicht, auch nicht dem Attribut "Fan". Das Interview dreht sich zwar um allgemeine Frage der Neu-Organisation im Münchner Rathaus, doch klingt in Reiters Antwort auf die Linux-Frage sehr deutlich Skepsis gegenüber der in Europa zunehmend zum Behördenstandard erwachsenen freien Software durch.

"Limux hat mich überrascht"

Ihn habe die Entscheidung zu Linux "überrascht", sagt Reiter. Man wisse doch, dass Open-Source-Software "gelegentlich den Microsoft-Anwendungen hinterher" hinke, wovon er "selbst ein Lied singen" könne. Er habe bereits mit den Kollegen aus der Münchner IT diskutiert und sei bereit, "für die Kollegen und Kolleginnen vor Ort die bestmögliche Lösung zu finden". Er sei gespannt auf die Vorschläge.

Dieter Reiter, seit 2014 Oberbürgermeister von München. Quelle: Wikimedia, Konrad Ferterer, SPD München.

Gerüchteküche München

Gewöhnlich gut informierte Insider berichten seit Längerem davon, dass man in der Stadt derzeit Argumente sammele (also Berichte über Fehler und Probleme mit Limux), die sich für eine Rück-Migration instrumentalisieren ließen. Ob es neben dem Koalitionsvertrag zwischen CSU und SPD im Rathaus weitere Absprachen bezüglich der Anschaffung von Microsoft-Software gibt, bleibt unklar - doch auch solche Gerüchte halten sich in Bayerns Hauptstadt hartnäckig. Auch, ob der Umzug des amerikanischen Konzerns in die Münchner Innenstadt mit der Neubewertung zu tun hat, ist fraglich. Microsoft hatte seine Deutschlandzentrale Ende letzten Jahres aus dem Umland (Unterschleißheim) ins Zentrum, nach Schwabing, verlagert.

Update (31.07.): Wie uns Microsoft soeben mitteilte, stimmt der letzte Satz nicht ganz: Richtig ist vielmehr: "Microsoft hat Ende letzten Jahres den Umzug von Unterschleißheim nach München-Schwabing angekündigt, der Umzug selbst ist jedoch erst für 2016 geplant, da das neue Gebäude bis dahin noch gebaut wird. Weitere Informationen dazu finden Sie auch in der Microsoft-Pressemappe."

Teuerer und schwieriger Plan?

Ein Schwenk zurück zu Windows oder Microsoft Office dürfte jedoch schwierig und vor allem teuer werden - und widerspräche der gängigen Praxis anderer europäischer Kommunen, die Open Source, offene Standards und freie Software immer flächendeckender einsetzen, während der amerikanische Konzern den ISO-Standard für Office-Dokumente OOXML nur unzureichend umzusetzen bereit scheint. Außerdem müsste Reiter wohl Stadtrat und IT-Verantwortlichen überzeugen, was derzeit wohl kein Selbstläufer sein dürfte. Das Limux-Projekt hatte Ende 2013 Vollzug gemeldet und dabei, so der Ex-OB Ude, eine Einsparung im zweistelligen Millionenbereich erwirtschaftet. (Das Linux-Magazin berichtete, beispielsweise hier und hier)

Update (08.07.): Das Linux-Magazin hat bei der Stadt, der SPD und dem Büro des Oberbürgermeisters sowie bei der Opposition im Stadtrat um eine Stellungnahme angefragt. Bisher war nur Florian Roth, Vorsitzenden der Fraktion Die Grünen im Stadtrat zu einer Stellungnahme bereit. Er erklärt: "Die Stadt München hat mit dem Umstieg auf Linux im Vergleich zu einem Update proprietärer Betriebssysteme (Microsoft Windows) 11 Mio. € gespart, Unabhängigkeit von (Quasi-)Monopolisten erreicht und sich als Vorreiter für offene Software gezeigt. Wo es Probleme gibt, müssen diese gelöst werden und in Teilbereichen kann es auch Ausnahmen von der Open-Source-Strategie geben. Eine Rückkehr zu Microsoft wäre aber absurd und mit immensen Aufwand und unverantwortliche Kosten verbunden. Dass sich der neue Oberbürgermeister als Microsoft-Fan bezeichnen lässt und sein Unverständnis für den Umstieg auf offene Software artikuliert, halten wir als grüne Fraktion, die wir die Linux-Einführung maßgeblich betrieben haben, für ein bedenkliches Zeichen, das hoffentlich nur seiner Unerfahrenheit geschuldet ist."

Ähnliche Artikel

  • Limux

    Ein Sturm tobt derzeit um das Linux-Vorzeigeprojekt Limux. Von einem Geheimabkommen mit Microsoft, Missmanagement, Intrigen, Ablenkungsversuchen und davon, dass ein funktionierendes Beispielprojekt sturmreif geschossen werden soll, haben Insider dem Linux-Magazin berichtet.

  • Limux: Münchner Opposition will Klarheit vom Oberbürgermeister

    Bündnis 90 / Die Grünen und die Rosa Liste im Münchner Stadtrat haben eine offizielle Anfrage an den Oberbürgermeister gestellt, in der dieser konkret nach seinen Motiven und Plänen befragt wird, was die Re-Migration zu Windows in der bayerischen Landeshauptstadt angeht.

  • Limux: "Megatrend Open-Source" - OSBA bietet München Hilfe an

    Die Open Source Business Alliance hat den Bürgermeistern der Stadt München Hilfe angeboten. Die hatten in den letzten Wochen durch kritische Bemerkungen über die IT-Infrastruktur für Aufsehen gesorgt und die Linux-Migration, das Limux-Projekt, in Frage gestellt. Die Stadt München sei mit IT@M (dem Dienstleister der Landeshauptstadt) ja auch Mitglied in der OSBA. Der Verband würde sich freuen, ins Gespräch zu kommen und zu helfen.

  • München hat fertig: Limux ist durch

    Seit gestern ist es offiziell: Das Limux-Projekt in München ist fertig und geht in den Regelbetrieb über. Die Linux-Umstellung der 15.000 Arbeitsplätze von proprietären Systemen auf das flexiblere, lizenzkostenfreie und strategisch besser geeignete Betriebssystem samt Office-Software ist abgeschlossen. Das präsentierten die Verantwortlichen am Mittwoch im IT-Ausschuss dem Münchner Stadtrat.

  • Münchens OB relativiert Limux-Kritik

    Der Münchner Oberbürgermeister Reiter gibt an, es gehe in seiner Kritik an der Münchner IT nicht in erster Linie um das Betriebssystem.

comments powered by Disqus

Ausgabe 08/2016

Artikelserien und interessante Workshops aus dem Magazin können Sie hier als Bundle erwerben.