Open Source im professionellen Einsatz
Christian Ude, Oberbürgermeister von München (SPD)

Christian Ude, Oberbürgermeister von München (SPD)

Limuxgate: FUD von Microsoft oder nur ein ungewolltes Leak?

25.01.2013

Ein unreflektierter, wenig hinterfragter Artikel in Focus Money entwickelt sich zum medialen Selbstläufer. Microsoft habe eine Studie erstellt, die "wissenschaftlich nachweise", dass die Open-Source-Migration bei der Landeshauptstadt München weit teuerer komme als bisher bekannt. Der Artikel wurde von zahlreichen, teils renommierten Fachblättern aufgegriffen, ohne dass die Quelle zugänglich war. Das Linux-Magazin hat den Münchner Oberbürgermeister Christian Ude dazu befragt, stellt die Tatsachen zusammen und gibt die Einschätzung von Experten wie OSBA-Chef Peter Ganten wieder.

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Anfang dieser Woche erschien im Focus ein Artikel, der in deutlicher Form Münchens OB Ude Lügen oder zumindest das Verschleiern eines hohen achtstelligen Euro-Betrages unterstellte. Die Linux-Migration käme die Stadt München mit 60 Millionen Euro deutlich teurer als ein vergleichbarer Windows-Weg, der nur 17 Millionen kosten würde. Als Beleg dafür diene eine "interne" Studie, die Hewlett-Packards Microsoft-Experte und Studienverantwortlicher Jan-Jürgen Eden zitiere. Der wirft zwar der Stadt und allen Projektbeteiligten massive Ungereimtheiten vor - bis hin zur Veröffentlichung falscher Zahlen -, bleibt aber Belege schuldig.

Reichlich reißerisch, wenig nachvollziehbarer Inhalt: Der Focus greift Münchens OB frontal an.

Haltlose Behauptungen?

Mit nachvollziehbaren Belegen aufwarten können allerdings bis heute weder HP noch Focus noch Microsoft, auch zu den offensichtlichen handwerklichen Mängeln (Windows XP, Office 2003 als Grundlage) fehlt bis heute jede Erklärung. Das sei nicht möglich, weil die als "wissenschaftlich" titulierte Studie von Microsoft bezahlt und "nur zur internen Nutzung erstellt worden" sei, "auch für unsere vielen verunsicherten Kunden" sagt Microsoft. Wie das Linux-Magazin erhielten alle Anfragen in der deutschen Zentrale in Unterschleißheim diese oder eine ähnliche Antwort, ob von Münchens OB, den IT-Verantwortlichen der Stadt, dem sich verunglimpft fühlenden Dienstleister-Konkurrenten IBM oder dem Vorsitzenden der OSBA (siehe Interviews unten in dieser News).

Angesichts dieser fehlenden Glaubwürdigkeit waren auch die  argumentatorischen Mängel im Focus-Artikel, Edens Äußerungen oder die wenig überzeugenden Rechtfertigungen von Microsofts National Technology Officer Thomas Langkabel nicht geeignet, um die Wogen zu glätten. Derlei angegriffen, reagierten der Dienstleister IBM (nachzulesen etwa im Google+-Stream von Pressesprecher Hans Rehm), aber auch die Stadt München selbst (sowohl die IT-Verantwortlichen wie auch der vom Focus frontal angegriffene OB Ude, etwa in der in der Rathausumschau (PDF) vom Dienstag auf Seite 8) mit der Forderung an Microsoft, die betreffende Studie zur Verfügung zu stellen, oder aber von den Behauptungen Abstand zu nehmen. Microsoft reagiert beschwichtigend.

Das Linux-Magazin hat mit Münchens Oberbürgermeister Ude gesprochen:

Linux-Magazin: Herr Ude, als sie von den Anschuldigungen im Fokus erfuhren, hat sie das sicher wütend gemacht, oder? Ist das FUD, also Taktik, oder steckt in den Ausführungen von Microsoft vielleicht ein Quäntchen Wahrheit? Oder versuchen hier zwei Firmen, denen es wirtschaftlich nicht so gut geht, zusammen mit einer Zeitschrift aktiv in den Wahlkampf einzugreifen, getreu dem Strauß'schen Motto"A bisserl was bleibt schon hängen" ?

Christian Ude: Es ist selbstverständlich das gute Recht von Microsoft, das Münchner LiMux-Projekt untersuchen zu lassen. Wenn diese Untersuchung, die laut Microsoft ausschließlich als Fachstudie für interne Zwecke angefertigt wurde, dann aber unter der reißerischen Überschrift "Hat Ude Millionen verschleudert?" in den Medien politisch instrumentalisiert werden soll - das ist natürlich äußerst durchsichtig, man erkennt sowohl die kommerzielle als auch die politische Absicht.

Linux-Magazin: Die Studie von Microsoft rechnet - soweit sie überhaupt bekannt wurde - absichtlich falsch. Migrationskosten fallen nur bei Linux an, Lizenzkosten werden nicht einbezogen, alte Microsoft-Varianten, die gar nicht mehr lauffähig wären, dagegen schon. Gleichzeitig will Microsoft die exakten Daten nicht veröffentlichen. Ist das nicht unlauter? Sollten sich die beteiligten Unternehmen oder die Landeshauptstadt dagegen nicht (ver)wehren?
Christian Ude: Selbstverständlich haben wir sofort reagiert und die Behauptungen der Studie, soweit wir sie der Presse entnehmen konnten, richtiggestellt. Der Chef des städtischen IT-Dienstleisters hat außerdem Microsoft aufgefordert, uns die Studie umgehend zur Verfügung zu stellen. Bislang haben wir allerdings noch keine Antwort erhalten und werden deshalb noch einmal nachfassen.

Microsoft: Open-Source ist wettbewerbsfähig

Linux-Magazin: Thomas Langkabel, National Technology Officer bei Microsoft schreibt: "Und ja, die Studie belegt: Berücksichtigt man bei den Gesamtkosten alle Variablen (Total Cost of Ownership), bietet der Einsatz von Microsoft Produkten häufig eben doch erhebliche wirtschaftliche Vorteile gegenüber einer undifferenzierten Open Source Strategie." Fünf Einschränkungen, angesichts dieses Satzes eines MS-Spezialisten könnte man doch zu dem Schluss kommen: Ude und die Stadt München haben scheinbar alles richtig gemacht. Sogar Redmond muss einsehen: Es gibt eben doch viele Fälle, in denen Linux - wenn richtig angegangen - die richtige Wahl ist?
Christian Ude: Ich denke, unser LiMux-Projekt belegt eindeutig, dass eine auf Open Source basierende IT-Strategie erfolgreich umgesetzt werden kann - mit all den Vorteilen von erheblichen Einsparungen bis hin zu mehr Offenheit und Unabhängigkeit von einzelnen Softwareherstellern. Deshalb wurde und wird unser Projekt ja auch weltweit mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und wir sind selbstverständlich auch künftig gerne bereit, unser Wissen und unsere Erfahrung anderen Interessenten zur Verfügung zu stellen.

Die OSBA zeigt sich verwundert über die Presse

Peter Ganten, Vorsitzender der Open Source Business Alliance (OSBA) spricht einen weiteren wichtigen Aspekt an, der bei all der Aufregung seiner Meinung nach zu kurz kamen: Die Rolle der Presse. In der Tat stellt sich die Frage: Warum übernehmen renommierte Presseorgane wie der Focus und Heise einfach die Behauptungen eines HP-Mitarbeiters und Microsoft-Dienstleisters, ohne wie üblich, die Fakten zu checken ?

Peter Ganten, Vorsitzender der Open Source Business Alliance.

Linux-Magazin: Was sagt die OSBA zu der Limuxgate-Hype diese Woche?
Peter Ganten: Wir sollten die ganze Geschichte nicht überbewerten. Mich verwundert eher, dass so viele Medien, vom Focus über Heise und zahlreiche internationale Publikationen unreflektiert von einer Quelle zitieren, die nicht nachvollziehbar ist. Die Presse hat sich hier nicht sehr vorbildlich verhalten, scheinbar wollte man eher Erwartungshaltungen bedienen als mit nachprüfbaren Fakten aufwarten. Aber der Umfang der Kreise, die so eine haltlose Behauptung zieht, ist doch erstaunlich.

OSBA: "Die Presse hat sich hier nicht vorbildlich verhalten"

Linux-Magazin: Wie bewerten Sie die Ergebnisse der Studie und die Hintergründe?
Peter Ganten: Dass Microsoft so eine Studie erstellt, ist doch klar. Intern muss so eine Company überprüfen, warum große Kunden zunehmend ohne die Produkte aus Redmond auskommen und damit auch noch erfolgreich sind. Das ist sie nicht nur ihren Aktionären, sondern auch ihren Kunden schuldig. Da gilt es, herauszufinden, was an der Produktstrategie falsch lief, und warum Alternativen offensichtlich wirtschaftlicher sind. Was wir aber nicht wissen, ist, warum dieses Ergebnis an die Öffentlichkeit gelangen konnte. Hat das HP, Microsoft oder wer sonst "geleakt"? War das ein Versehen oder gar Absicht? Wenn ja, welche Interessen wurden damit verfolgt? Auf welcher Ebene war das Leck?

Linux-Magazin: Was glauben Sie - war das Absicht oder eine Kommunikationspanne?
Peter Ganten: Wir haben uns natürlich bei Microsoft erkundigt und gehen nicht davon aus, dass das Strategie von Microsoft war. Sowohl die Qualität der aufgeführten Argumente und der Eindruck, dass man anscheinend selbst von dem Bericht überrascht war, aber auch die unwissenschaftliche Nicht-Nachvollziehbarkeit deuten darauf hin. Zum Sturm im Wasserglas machte das allerdings erst das Verhalten der Medien.

Linux-Magazin: Was macht Microsoft Ihrer Einschätzung nach als nächstes?
Peter Ganten: Nach dem, was uns Microsoft mitgeteilt hat, arbeitet die Firma gerade daran, die interne Studie so aufzuarbeiten, dass sie sich damit der Diskussion stellen kann. Darauf freuen wir uns.

Unter dem Hashtag "#limuxgate" haben mittlerweile viele Linux- und Migrationsexperten bei Google+ die Behauptungen des Fokus-Artikels kommentiert, die Google-Suche danach lohnt sich für weiterführende Informationen.

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