Experten verlassen norwegisches DIN-Komitee wegen OOXML
06.10.2008
Am 29. September sind 13 von 23 Mitarbeitern des technischen Komitees von Standard Norge per offenem Brief von ihrem Posten zurückgetreten. Grund: Das norwegische "Ja" zu OOXML.
Ihren Rücktritt begründen die Unterzeichnenden mit der Unfähigkeit von Standard Norge, Standardisierungsvorschläge verantwortlich zu beurteilen. Das sehen sie seit der Zustimmung zum ISO-Standard für Microsofts OOXML-Dokumentenformat als erwiesen an. Standard Norge, so heißt es, habe einigen Dutzend mutmaßlich von Microsoft beeinflussten Fürsprache-Briefen mehr Beachtung geschenkt als dem eigenen technischen Beratergremium, das sich zu 80 Prozent gegen den Standard ausgesprochen hatte. In dem Schreiben der Austretenden steht weiterhin, Standard Norge habe ihre Glaubwürdigkeit im IT-Bereich verloren und die eigenen kommerziellen Interessen über das gestellt, was für die Gesellschaft gut, was technisch am besten und was aus professioneller Sicht ratsam sei.
Der offene Brief ging offenbar als Pressemitteilung an norwegische Medien. Das IT-Onlineportal Digi.no veröffentlichte ihn am gleichen Tag in Originalsprache, ein Projektmitarbeiter des Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz (ULD) in Schleswig-Holstein bietet eine ungefähre deutsche Übersetzung. Unter den 13 Austretenden befindet sich neben Steve Pepper zum Beispiel Hakon Wium Lie. Pepper ist Gründer der Firma Ontopia aus Oslo und Leiter des norwegischen Komittees für ISO-Standards, die für Dokumentenbeschreibungs- und Verarbeitungssprachen (Document Description ans Processing Languages) zuständig ist und sich auch des OOXML-Standards annimmt. Der Norweger Hakon Wium Lie ist seit 1999 CTO von Opera Software, arbeitete früher beim W3C (World Wide Web Consortium) und stellte hier im Jahr 1994 erstmals das CSS-Konzept vor.
Standards Norge ist der norwegische Vertreter in den internationalen Standardisierungsorganisationen CEN (Comité Européen de Normalisation) und ISO (International Standards Organisation) und eines von drei nationalen Standardisierungsgremien in Norwegen. Dem demonstrativen Austritt ging am 31. März 2008 ein formeller Protestbrief voraus und Anfang April eine wütende Rede auf der Demonstration in Oslo, beides vom Vorsitzenden des zuständigen ISO-Komittees in Norwegen, Steve Pepper (Linux-Magazin Online berichtete).
Der im April vollendete OOXML-Standardisierungsprozess sorgt seit Herbst letztes Jahres für widersprüchliche Haltungen seitens der Abstimmungsbeteiligten und Verdächtigungen sowohl an die Adresse der Abstimmenden als auch Redmonds. Im März bezog auch das deutsche ISO-Gremium DIN Stellung zu Unregelmäßigkeitsvorwürfen. Mitte August lehnte das Standardisierungsgremium die letzten Einsprüche aus den eigenen Reihen ab. Die Vorgänge rund um den Microsoft-Dokumentenstandard hat bei IBM mittlerweile dazu geführt, der ISO-Institution skeptisch gegenüber zu stehen (wir berichteten).
(Anika Kehrer)
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