26c3: Globale Hackerethik zur Geisterstunde

Mit Einzelthemen kommen die technisch Interessierten in der zunehmend technisierten Gesellschaft nicht mehr voran, meint Technikphilosoph Sandro Gaycken .

Die Zeit des Kuschelns neigt sich dem Ende: Da heute viele soziale Bewegungen auf Technik aufbauen, bedarf die Hacker-Ethik globaler Skalierung. So lässt sich der Vortrag zuspitzen, der durch eine kleine Geschichte der Hacker-Utopien führte und einen Blick auf morgen warf.

Hacker-Ideale haben sich parallel zum technischen Fortschritt in mehreren Stationen weiterentwickelt, so Sandro Gaycken: Zunächst herrschten in den 1950er Jahren Utopien vor, die nur um eine enge Personengruppe kreisten und technikzentriert waren. Die Fragen lauteten, wie Computer dereinst die ?elt verbessern und wie der Spezialist als Person mit der Technologie leben solle. Wenn die Welt mit der Hackerethik übereinstimme, würde alles gut, so die eng begrenzte Idee. Bis in die 1980er Jahre – das ist bei Gaycken die zweite Stufe – dehnten sich die Möglichkeiten von Computern und Netzwerken langsam auf größere Teile der Gesellschaft aus. Dass alle Menschen Zugriff auf Computer haben würden, galt dennoch als unrealistisch.

In den letzten beiden Jahrzehnten, meint der promovierte Philosoph, wandelte sich dann der primäre Aspekt technischer Weltsichten zu einem sozialen. Die Nutzung rückte in den Vordergrund. Eigene Bewegungen entstanden, etwa Open Source oder die Überwachungsgegnerschaft. Trotz technischer Wurzeln seien das vor allem soziale Bewegungen: Auf der feststehenden technologischen Basis mit Computern und Netzzugang ändert sich das Soziale. Damit wird Technik zur politischen Agenda. Beispiele sind Informationsfreiheit, worunter manche auch die Freiheit zum Kopieren von Inhalten verstehen, sowie Freiheit von Zensur und von Autoritäten.

Mit den heutigen technischen Möglichkeiten gehe eine Menge Verantwortung einher, stellt Gaycken fest: Derzeit würde jeder Diktator mittels Überwachungstechnologie hervorragende Verhältnisse vorfinden – Technologien, die in der negativen Utopie 1984 noch Zukunftsvision waren. Die Hackerethik reiche nicht, um bei diesen Problemen Orientierung zu vermitteln, weil sie zu technologisch geprägt und auf einen kleinen Personenkreis beschränkt war.

Allerdings, warnt Gaycken, gehen mit generalisierenden Sichtweisen auch “interpretatorische blinde Flecke” einher: Warum sollte Information frei sein, was ist Information im Zeitalter der Digitalisierung? Welchen Autoritäten sollte misstraut werden, und wie kommt man ohne sie aus? Die Antworten fand Gaycken gegen Ende seines Vortrags um Mitternacht nicht mehr, brachte aber die seit Jahren zunehmende Politisierung des Chaos-Kongresses implizit auf den Punkt.

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