Aus Linux-Magazin 12/2008

Linux-Kongress 2008 in Hamburg

Abbildung 1: Technik rund um den Kernel beim Linux-Kongress: SCSI-Maintainer James Bottomley preist das Linux-Ökosystem, Treiberentwickler Jonathan Corbet stellt den Kernel 2.6.27 vor, Olof Hagsand testet 10-Gigabit-Ethernet, Netzwerkprogrammierer Stephen Hemminger referiert über Kommandozeileninterfaces in schnellen Routern und Heinz Mauelshagen erklärt Designprinzipien bei der asynchronen Replikation mit dem Devicemapper (von links nach rechts).

Nach einem Jahr Pause kehrte der Linux-Kongress nach Deutschland zurück. Die Freie und Hansestadt Hamburg war Treffpunkt für Kernel-affine Entwickler, modebewusste Briten, Administratoren großer Installationen und Speicherpäpste. Für Besucher trotz kurzfristiger Ankündigung ein solides Update.

Der Kreis schließt sich: Eine erkleckliche Anzahl von Besuchern des ersten Linux-Kongresses 1994 waren auch bei der 15. Auflage der Traditionsveranstaltung in Hamburg wieder mit dabei. Dirk Hohndel etwa, damals noch blutjunger X-Server-Visionär, schloss heute als smarter Intel-Manager die Veranstaltung mit der Aufforderung an die gut 150 angereisten Entwickler, doch Software nicht nur für ihresgleichen, sondern auch für andere Anwender zu schreiben.

Übersichten, Aufforderungen und Zusammenfassungen prägten auch die anderen 26 Vorträge der zweitägigen Veranstaltung im Oktober an der hanseatischen Universität. Der Schwerpunkt lag klar auf Entwicklerthemen.

Dass 10-Gigabit-Ethernet – geeignete Hardware und ein Kernel ab 2.6.24 vorausgesetzt – funktioniert, zeigte Olof Hagsand vom Königlichen Technologieinstitut in Stockholm (KTH), den Completely-Fair-Scheduler erläuterte Dhaval Giani von IBM aus Bangalore und Thomas Groß referierte über Xen-Cluster und I-SCSI-SANs – alles nicht wirklich brandneu, aber gut aufbereitet und hilfreich für Entwickler, die ein fundiertes Update brauchen (Abbildung 1).

Nahe und ferne Replikation

Neuigkeiten zeichneten sich im Storage-Umfeld ab: Lars Ellenberg, Entwickler des Quasi-Standards DRDB für eng gekoppelte Netzwerk-Blockgeräte, will neue Wege beschreiten und sein Subsystem im Rahmen eines kompletten Rewrite in die Devicemapper-Infrastruktur einbetten. Praktisch, dass DM-Kernelentwickler Heinz Mauelshagen den nächsten Vortrag hielt: Mit »dm_replicator« entwickelt er ein ähnliches Target, strebt damit aber vorrangig asynchrone Replikationen quer über ganze Kontinente statt in den nächsten Serverraum an.

Eher wieder zu den regelmäßigen Standards zählten Beiträge von Lars Marowsky-Bree, der zeigte, wie sich diverse Linux-Komponenten zu einer HA-Lösung kombinieren lassen, oder von Volker Lendecke, der wie gewohnt ein Update zu Samba gab: Die Version 3.3 erwartet er im Dezember, die Konvergenz zwischen produktiver 3er Version und eher experimentellen Features der 4er Linie geht weiter.

Neuer Kernel 2.6.27

Die beiden Keynotes fassten Grundsätzliches, aber Wichtiges zusammen: Jonathan Corbet, als Herausgeber von [lwn.net] quasi Hofberichterstatter des Kernels und selbst Entwickler von Devicetreibern, stellte Linux 2.6.27 vor: Der Blockdevice-Layer unterstützt nun Prüfsummen, die bis an die Hardware durchgereicht für mehr Verlässlichkeit der Daten sorgen sollen.

Anstehen am Paketschalter

Ftrace vereinfacht das Debugging von Kernelfunktionen. Einige neue Versionen von Systemaufrufen bekommen neue Flags, die steuern, ob sich etwa File-Deskriptoren oder Sockets an Kindprozesse vererben. Multiqueue-Networking adressiert in erster Linie Hochleistungs-NICs, die nun priorisierte Pakete effizienter an unwichtigeren Paketen vorbeiwinken. Mit UBIFS findet ein weiteres Filesystem im Kernel Aufnahme, das mit den Eigenheiten von Flash-Speicher umgeht.

Die andere Keynote hielt James Bottomley, Maintainer des SCSI-Subsystems im Linux-Kernel und ein Vertreter der Linux-Hacker im Technical Advisory Board der Linux Foundation. Er stellte die konkreten Vorzüge von Linux auch gegenüber anderen Unix-Derivaten aus seiner Sicht dar: Die mitunter stark unterschiedlichen Motive der Linux-Entwickler (“Disparate Value Community”) in Verbindung mit einem gemeinsamen Verständnis von technischer Exzellenz (“Technical Merit”) mache das freie Betriebssystem besonders stark, erklärte Bottomley.

Streaming und Folien

Das Linux-Magazin hat die Keynotes aufgezeichnet und bietet sie unter [http://streaming.linux-magazin.de/archiv_lk08.htm] kostenlos zum Ansehen an. Die Vortragsfolien als PDF hält der Veranstalter, die deutsche Unix Anwendervereinigung (GUUG), unter [http://www.linux-kongress.org/2008/program.html] vor.

FCoE statt I-SCSI

Im Gespräch mit dem Linux-Magazin gab der stets korrekt mit Fliege gekleidete Brite, der bei Chicago lebt, zusätzlich Einblick in zukünftige Storage-Trends: So prognostizierte er I-SCSI keine sehr große Zukunft, weil das Protokoll im Detail sehr kompliziert sei. Von Fibrechannel over Ethernet (FCoE) verspreche er sich hingegen langfristig mehr. Er wies auf Ähnlichkeiten und Konvergenzen von Storage und Netzwerkprotokollen hin und forderte, dass Entwickler und Verfasser von Spezifikationen beider Lager künftig enger zusammenarbeiten sollten.

Vom Hafen stromaufwärts?

Der Linux-Kongress präsentierte sich einmal mehr als äußerst kurzfristig angekündigte, oft hemdsärmelig, aber dennoch gut organisierte Markenware im Konferenzkalender (Abbildung 2). Für das Danach bot Hamburg eine gute Kulisse, denn Hafenrundfahrten und Bootsausflüge bildeten den Rahmen.

Abbildung 2: Entwickler und Admins diskutieren zwischen den Vorträgen.

Abbildung 2: Entwickler und Admins diskutieren zwischen den Vorträgen.

Vielleicht ein Grund, wieso das Gerücht kursierte, der Linux-Kongress bleibe an der Elbe und finde im kommenden Jahr nur weiter stromaufwärts in Dresden statt. Bestätigen wollten die Verantwortlichen der veranstaltenden GUUG dies jedoch noch nicht. Bleibt dennoch zu hoffen, dass die Organisatoren 2009 früher als vier Monate vor der Veranstaltung ihre Entscheidung bekanntgeben.

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