Aus Linux-Magazin 04/2003

Transmeta Crusoe TM-5800 System Development Kit im Kurztest

Seit wenigen Wochen liefert Transmeta die lange angekündigten System Development Kits für den Crusoe der zweiten Generation aus. Das Hardwarelabor konnte erste Leistungstests durchführen.

Der große Durchbruch ist Transmeta bis heute nicht gelungen, allenfalls in Sub-Notebooks und Tablett-PCs wird der Crusoe derzeit eingesetzt. Am weitesten verbreitet ist das über zwei Jahre alte Modell TM-5600 mit Taktfrequenzen bis 700 MHz, der Nachfolger Crusoe TM-5800 mit 800 MHz wird erst seit Herbst vergangenen Jahres in größeren Stückzahlen produziert.

Die Unterschiede zum Vorgänger TM-5600 sind relativ gering: Transmeta stellt den Kern nun in einem 0,13-Mikrometer-Prozess her und konnte damit sowohl die Taktfrequenz erhöhen als auch die minimale Kernspannung von 1,2 auf 0,8 Volt senken, was wiederum die Leistungsaufnahme auf 0,5 bis 1,5 Watt laut Datenblatt senkt. Beim Vergleich mit Intel-Mobile-Prozessoren ist zu bedenken, dass der Crusoe Prozessor, North-Bridge und Memory-Controller in einem ist, bei anderen Prozessoren sind sie jeweils in einen eigenen Chip ausgelagert.

Die Leistungsregelung des Crusoe ist deutlich flexibler als Intels Speed-Step für Mobil-Prozessoren. Per Long-Run passt die Code-Morphing-Software des Crusoe Prozessortakt und Kernspannung selbstständig in kleinen Schritten an die jeweilige CPU-Auslastung an, während bei Speed-Step nur drei verschiedene Taktfrequenzen verfügbar sind.

Seit Anfang 2003 liefert Transmeta das Crusoe TM-5800 System Development Kit aus – für gut 1000 Euro. Es richtet sich deutlich an System- und Notebook-Entwickler, nicht an die Endkunden. Das Set ist noch nicht im Handel erhältlich, sondern nur über eine Vorregistrierung bei Transmeta direkt.

Crusoe-Mainboard

Das Herzstück ist ein Micro-ATX-Mainboard mit einem fest aufgelöteten und rein passiv gekühlten Crusoe TM-5800 mit 800 MHz (siehe Abbildung 1). Die South-Bridge ist ein ALI 1535+, der die üblichen PC-Schnittstellen bereitstellt, USB 2.0 zählt allerdings nicht dazu. Für Erweiterungskarten gibt es drei 32-Bit PCI-Slots sowie einen Mini-PCI-Slot für die bei Notebooks üblichen Netzwerk- und Modem-Karten.

Abbildung 1: Der Crusoe TM-5800 auf dem Micro-ATX-Board wird rein passiv gekühlt, für Erweiterungen gibt es drei PCI- und einen Mini-PCI-Slot für Notebook-Erweiterungen.

Abbildung 1: Der Crusoe TM-5800 auf dem Micro-ATX-Board wird rein passiv gekühlt, für Erweiterungen gibt es drei PCI- und einen Mini-PCI-Slot für Notebook-Erweiterungen.

Das Board wird mit 128 MByte So-DIMM DDR-RAM geliefert, der nicht ohne weiteres ausgetauscht werden kann: Jede Veränderung muss über ein spezielles Windows-Programm der Crusoe-Firmware mitgeteilt werden. Ansonsten lässt sich der Speicher über einen Standard-SD-RAM-Slot aufstocken.

Notebook-Zubehör

Einen AGP-Slot gibt es nicht, der ATI Radeon Mobility M6 ist fest aufgelötet und hat vier Anschlüsse: analog VGA, DVI, TV sowie LCD für den direkten Anschluss von TFT-Displays. Für die Notebook-Entwicklung enthält das System Development Kit zudem einen Lithium-Ionen-Akku, eine Ladeeinheit mit Inverter für die Display-Beleuchtung, Notebook-Tastatur, Touchpad sowie ein Notebook-Netzteil. Die Stromsparmodi ließen sich per ACPI im Test nicht auf Anhieb nutzen, lediglich das Ausschalten beim Herunterfahren klappte einwandfrei. APM unterstützt das Transmeta- Board nicht mehr.

Die Dokumentation wird nur auf CD geliefert und ist wie bei Development-Kits üblich sehr umfassend. Die CD enthält zusätzlich einige Treiber, allerdings nur für Windows. Hinweise auf Linux gibt es nirgends, nicht mal im geschützten Entwicklerbereich auf Transmetas Homepage. Auch von Midori fehlt jede Spur.

Radeon-Probleme

Die Inbetriebnahme unter SuSE Linux 8.1 verlief ohne besondere Vorkommnisse, alle Hardwarekomponenten wurden korrekt erkannt und automatisch eingerichtet. Einzig die 3D-Beschleunigung des ATI-Radeon-Chips funktionierte noch nicht, die Kernelmodule waren nicht zu laden. Ein Lösung verspricht XFree86 (Version 4.3), das in Kürze erscheinen dürfte. Probleme gab es mit der Abschaltung des Bildschirms beim Bildschirmschoner: Nach längerer Nichtbenutzung wachte die Grafikkarte stets mit schweren Bildfehlern auf. Abhilfe bringt es, vor dem Abschalten des Bildschirms in den Textmodus zu wechseln; eine entsprechende Beschreibung sowie Patches gibt es bei[2].

Transmeta Crusoe TM-5800 System Development Kit

Bezugsquelle: Transmeta [http://www.transmeta.com]

Prozessor: Crusoe TM-5800, 800 MHz

Speicher: 128 MByte So-DIMM DDR-RAM

Lieferumfang: Micro-ATX-Board, umfangreicher Kabelsatz, Notebook- Ergänzungsboard mit Ladeschaltung und Tastatur-/Touchpad-Interface, Notebook- Tastatur, Touchpad, Notebook-Netzteil, Lithium-Ionen-Akku, Developer-CD, umfangreiche Dokumentation auf CD

Preis: ca. 1000 Euro

Leistungswerte

Die Rechenleistung des Crusoe-Mainboards lag erwartungsgemäß hinter der eines gleich schnell getakteten Intel-Prozessors. Als Vergleichssystem diente das Dell Latitude C600 mit Pentium-III (750 MHz) aus[3], wobei für beide Systeme dieselbe SuSE-Installation auf der Notebook-Festplatte Hitachi DK23CA-30 aus[4] zum Einsatz kam. Die Stromaufnahme des gesamten Transmeta-Systems lag zu Spitzenzeiten bei nur 40 Watt inklusive Festplatte.

Das Übersetzen von Kernel 2.4.20 in der Standardkonfiguration dauerte auf dem Crusoe mit 12:31 Minuten nur unwesentlich länger als auf dem Dell-Notebook (11:32 Minuten). Beim MySQL-Bench war der Abstand etwas größer: In der Disziplin Alter-Table brauchte der Transmeta-Prozessor mit 271 Sekunden zwar nur neun Sekunden länger als das Dell-Notebook, beim Insert brachte der Crusoe mit 3667 Sekunden aber nur drei Viertel der Leistung des Dell (2738 Sekunden). Bei dem Festplatten-benchmark Bonnie++ zeigte sich ein anderes Bild, das Entwicklungs-Board erreichte mit 23,2 MByte/s eine etwas höhere Schreibrate als das Notebook.

Für alltägliche Anwendungen wie Textverarbeitung unter KDE reicht die Rechenleistung aus, ein Geschwindigkeitsrausch stellt sich jedoch nicht ein. Spiele-Benchmarks mussten in diesem Test außen vor bleiben, da die 3D-Beschleunigung der ATI Radeon Mobility noch nicht unterstützt wird. Es bleibt abzuwarten, ob mit Compiler-Optimierungen noch bessere Werte zu erzielen sind.

Fazit

Die Leistung des Crusoe entspricht etwa der eines 100 MHz niedriger getakteten Pentium-III-Prozessors. Die Probleme mit ACPI und dem Grafikchip zeigen, dass unter Linux noch erheblicher Entwicklungsbedarf besteht. Unverständlich ist, warum Transmeta (derzeit) keine Informationen oder Treiber für Linux-Entwickler veröffentlicht.

Die Hardware-Ausstattung des System Development Kits ist sehr gut, von einem TFT-Display abgesehen enthält es alle Komponenten für die Entwicklung eines kompletten Notebooks. Der Preis von 1000 Euro ist gerechtfertigt; leider ist das Crusoe-Mainboard aber nicht einzeln erhältlich, was den Software- oder Desktop-PC-Entwicklern unnötige Kosten verursacht.

Infos

[1] Transmeta Crusoe TM-5800 System Development Kit: [http://www.transmeta.com/developers/devkit.html]

[2] DRI Radeon Suspend: [http://cpbotha.net/dri_resume.html]

[3] Mirko Dölle, “Nachgetragen”: Linux-Magazin 04/01

[4] Oliver Kluge, “Hoch gestapelt”: Linux-Magazin 11/01

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