Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 09/2010
© view7, Photocase.com

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Online-Textverarbeitungen im Vergleich

Langsame Baustellen

Web-basierte Textverarbeitungen wollen nicht nur Open Office & Co. aufs Altenteil schicken, sondern locken gleichzeitig mit drastischen Einsparungen für Unternehmen. Ob die Officetools fürs Web ihr Versprechen halten, zeigt ein Vergleichstest der vier größten Dienste.

 

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Online-Textverarbeitungen sorgen derzeit für viele glänzende Augen: Außendienstmitarbeiter benötigen nur noch einen Browser, um die Firmendokumente nachzubearbeiten, Administratoren müssen keine großen Officepakete umständlich auf verschiedenen Rechnern aktualisieren und mehrere Angestellte arbeiten gemeinsam an einem Dokument - ganz gleich in welcher Filiale auf der Welt sie sich befinden.

In allen Szenarien spart die Geschäftsleitung eine Menge Geld. Wirklich lohnenswert ist das alles aber nur, wenn die Web-basierten Textverarbeitungen einen ähnlichen Funktionsumfang auffahren wie die alteingesessenen Offline-Pendants - schließlich kommt kaum ein Unternehmen ohne Serienbrieffunktion, Fußnoten und Formatvorlagen aus. Für die Anbieter der Online-Textverarbeitungen ist das ein immenser Kraftakt, gilt es doch, mehrere Jahrzehnte Entwicklung in kurzer Zeit aufzuholen.

Abbildung 1: Ein Firefox unter Linux gaukelt vor, ein Windows-Browser zu sein. Dennoch verlangt Microsoft Office Live danach hartnäckig die Installation einer Erweiterung für den Mac.

Zu den prominentesten Vertretern der Online-Bürosuiten dürfte Google Text & Tabellen [1] gehören. Microsoft hätte die Entwicklung fast verschlafen und öffnete erst vor Kurzem sein Office Live [2] der Allgemeinheit - allerdings nicht für Linuxer (siehe Kasten "Wir müssen draußen bleiben"). Unerwartete Konkurrenz erhalten die beiden großen Anbieter vom Grafikspezialisten Adobe mit Buzzword [3]. Dazu gesellen sich noch die etwas weniger bekannten Dienstleister Thinkfree Online [4] und Zoho [5]. Viele andere Anbieter greifen wiederum auf das vorhandene Know-how zurück. So stecken beispielsweise hinter 1&1 Online Office [6] die Webanwendungen von Zoho.

Wir müssen draußen
bleiben

Offiziell unterstützt Microsoft Office Live das freie Betriebssystem (noch) nicht. Wer unter Linux die Seiten der Online-Textverarbeitung ansteuert, erhält eine Abfuhr. Statt eines Login-Bildschirms erscheint der Hinweis, dass die Webanwendung nur mit bestimmten Windows-Varianten, Mac OS X und Webbrowsern funktioniert. Einen technischen Grund für die Blockade kann es nicht geben, denn Microsoft verwendet für das Online-Office fast ausschließlich plattformunabhängige Webstandards.

Im Test gelang die Registrierung und Anmeldung bei dem Dienst nach der Manipulation der Firefox-Browserkennung (»general.useragent.override«). Beim Versuch, im so genannten Workspace ein neues Word-Dokument zu erstellen, verlangte Office Live jedoch hartnäckig die Installation der "Microsoft Document Connection für Mac" (siehe Abbildung 1). Es half auch nicht, ein fertiges Word-Dokument hochzuladen und danach zu bearbeiten - Microsoft beharrte auf der Erweiterung.

Geschenkter Gaul

Um möglichst viele Nutzer anzulocken und an sich zu binden, verteilen die Anbieter momentan recht großzügig kostenlose Zugänge. Die Dienste finanzieren sich primär über zusätzliche Supportleistungen und spezielle kostenpflichtige Funktionen. Von Werbung bleibt der Nutzer derzeit verschont, doch es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis die ersten Banner blinken.

Für alle vier getesteten Webanwendungen benötigt der Anwender lediglich eine gültige E-Mail-Adresse zum Beantragen des Nutzerkontos. Nach der Freischaltung tippt er im Browser die ersten Texte - vorausgesetzt er ist nicht gerade mit Konqueror unterwegs. Der KDE-Browser versagte im Test mit allen Officetools. Meistens präsentierte er nach ellenlangen Ladezeiten nur eine leere weiße Seite, Google Text & Tabellen blockt ihn sogar grundsätzlich ab.

Nach der Anmeldung präsentieren fast alle Dienste einen mehr oder weniger übersichtlichen Dateimanager, mit dem der Nutzer die online gespeicherten Dokumente verwaltet, sie für andere Bearbeiter freigibt und umgekehrt auf die Texte zugreift, die andere Personen freigeschaltet haben. Von hier aus startet auch die eigentliche Textverarbeitung, deren Look & Feel sich weitgehend an den bekannten Offline-Pendants orientiert. So fällt der Umstieg zwar relativ leicht, die Chance auf eine übersichtlichere und aufgabenorientierte Benutzerführung haben die Anbieter damit jedoch verspielt.

Bauschutt

Die Online-Textverarbeitungen mussten im Test vor allem ihre Unternehmenstauglichkeit beweisen. So sollten sie möglichst komfortabel Serienbriefe generieren, Bilder von der Festplatte einfügen, einfache Tabellen verwalten sowie Open-Office- und Word-Dokumente (».doc«- und ».docx«-Format) fehlerfrei importieren. Auch Makros und Dokumentvorlagen standen auf dem Prüfstand.

Schriftarten sind für alle Testkandidaten ein besonderes Problem. Fonts stellt grundsätzlich der Anbieter bereit, eigene Schriften darf der Nutzer nicht hochladen. Folglich bleibt er durchweg auf die üblichen Verdächtigen festgenagelt: Arial, Times, Courier, Trebuchet und Veranda, jeweils in mehreren Schriftschnitten. Verzichten muss der Nutzer ebenfalls auf Dokumentvorlagen. CD-Hüllen, Einladungen, Briefe oder Rechnungen muss er entweder selbst entwerfen oder sich aus dem Internet angeln. Tabelle 1 fasst die Features der Online-Tools in einer Übersicht zusammen.

Tabelle 1: Features der Online-Textverarbeitungen

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