Open Source im professionellen Einsatz

© Galyna Andrushko, 123RF.com

Cloud Computing für den Desktop

Bewölkte Fenster

Cloud Computing drängt auf den Desktop: Ressourcen aus dem Internet sollen den lokalen Rechner ergänzen oder gar ablösen. Eine Bestandsaufnahme der derzeit angebotenen Umsetzungen.

 

Die Idee des Cloud-Desktops klingt bestechend: Egal auf welchem Computer er sich auf der weiten Welt anmeldet, der Anwender sitzt stets vor seiner individuellen Arbeitsumgebung mit allen vertrauten Programmen und persönlichen Dokumenten. Ein Browser genügt für den Zugriff auf den virtuellen Desktop. Da die Dateien in einer Cloud liegen, geht weder der Speicherplatz aus, noch muss der Benutzer Gedanken an Backups verschwenden. Sogar die Rechenleistung des eigenen Computers ist zweitrangig, denn alle Anwendungen laufen auf potenten Servern irgendwo im Internet.

Vorteil Internet

Ein kleines Netbook mutiert dank Cloud-Desktop zur Workstation. Sollte das mobile Gerät am Flughafen gestohlen werden, hält der Langfinger nur billige Hardware in den Händen. Administratoren freuen sich, dass alle die gleiche Software nutzen, die sie zentral pflegen und verwalten können. Kein Wunder also, dass immer mehr Firmen und Open-Source-Projekte auf diesen Zug aufspringen. Die kommerziellen Dienstleister betreiben selbst eine Cloud.

Bei der Icloud des schwedischen Unternehmens Xcerion [1] erhält der Anwender nach Registrierung einen kostenlosen virtuellen Computer, der über 3 GByte freien Speicherplatz verfügt. Wer die Geldbörse zückt und einen Premium-Account für zirka 40 Dollar pro Jahr bucht, darf bis zu 100 GByte Daten speichern und muss sich zudem nicht mit Werbung rumschlagen.

Icloud setzt sowohl ein installiertes Java- als auch ein Flash-Plugin voraus. Flash ist für die Login-Seite erforderlich, die Java-Umgebung ist das Fenster zum Online-Computer. Der Dienst ist für den Internet Explorer gemacht, daneben funktioniert er auch mit Firefox als Browser. Unter Opera & Co. sitzt der Anwender nach der Anmeldung vor einem leeren weißen Fenster. Aber auch mit Firefox läuft die Oberfläche noch nicht rund: Immer wieder arbeiten Anwendungen nur fehlerhaft, der Desktop reagiert anders als erwartet und die Geschwindigkeit lässt sehr zu wünschen übrig. Sofern schon das Login scheitert, kann der Firefox-Nutzer immerhin die speziell für den Mozilla-Browser eingerichtete Seite [2] verwenden.

Optisch lehnt sich der virtuelle Desktop stark an Windows Vista an (Abbildung 1), er spricht 27 verschiedene Sprachen und bietet derzeit rund 30 Anwendungen. Die Optik darf der Benutzer über eine Handvoll vorgegebener Themes und mit eigenen Desktop-Hintergründen begrenzt dem eigenen Geschmack anpassen. Bestehende Dateien lädt der Anwender entweder über den Browser oder bequemer via Webdav hoch - so exportiert er auch seine Daten.

Mit dem Cloud-Desktop lassen sich die Dokumente mit anderen Icloud-Nutzern austauschen und je nach Dateiformat sogar gemeinsam bearbeiten. Das Ganze würzt Xcerion mit etwas Social Networking: Über jeweils eigene Desktop-Anwendungen führen die User Chats via Google Talk, ICQ, MSN und AIM, gleichen Termine im Kalender ab, twittern oder pflegen ihr Profil auf Facebook.

Abbildung 1: Der Desktop von Icloud ist etwas unübersichtlich geraten. Die Textverarbeitung bietet zwar eine Rechtschreibkorrektur, kennt aber keine Seiten.

Abbildung 1: Der Desktop von Icloud ist etwas unübersichtlich geraten. Die Textverarbeitung bietet zwar eine Rechtschreibkorrektur, kennt aber keine Seiten.

Rudimentär

Die von Icloud bereitgestellten Anwendungen bieten allesamt nur einen rudimentären Leistungsumfang. So kann Mail zwar mit mehreren Konten umgehen, Filter und ähnliche Komfortfunktionen glänzen jedoch durch Abwesenheit. Die Textverarbeitung Write importiert lediglich ältere Word-Dateien im Doc-Format, mit Open Document kann sie nichts anfangen. Mangels Fußnoten, Stilvorlagen und ähnlicher Standardfunktionen bleibt sie zudem ein besserer Texteditor. Der aktuell noch als Alphaversion vorliegende Internetbrowser soll das Surfen sicherer machen und die Anonymität wahren - schließlich surft der User mit der IP-Adresse der Cloud.

Mit den enthaltenen Entwicklungswerkzeugen klicken sich die Benutzer eigene Programme zusammen. Unter der Haube bestehen Icloud-Anwendungen aus simplen XML-Dateien, die ein Xcerion Internet Operating System (XIOS/3) getaufter Layer ausführt. Im Xcerion-Rechenzentrum liegen die Daten schließlich auf Servern mit Ubuntu Linux. Externe Dienste zapfen die Icloud per SOAP-Schnittstelle und Java an. Um die Anbindung von Smartphones und Multimedia-Playern zu fördern, hat die Firma eigens ein Icloud-Ready-Logo ins Leben gerufen. Ähnliches wie Icloud bietet zum Beispiel Glide [5], das auf Multimedia setzt und in der kostenlosen Variante seinen Nutzern 30 GByte Speicherplatz spendiert.

Einem solchen kommerziellen Dienstleister vertraut der Kunde die hochgeladenen Dateien allerdings blind an. Er erfährt in der Regel nicht, auf welchen Servern sie landen, ob sie dort überhaupt verschlüsselt liegen und was der Anbieter mit den Daten alles anstellt. Daher sollte der Kunde lieber zweimal darüber nachdenken, ob er sein Haushaltsbuch wirklich mit der in Icloud eingebauten Anwendung namens Geldverwalter führt.

Abbildung 2: Standardmäßig bringt der Eyeos-Desktop nur ein paar wenige, wenn auch solide und fließend laufende Anwendungen mit.

Abbildung 2: Standardmäßig bringt der Eyeos-Desktop nur ein paar wenige, wenn auch solide und fließend laufende Anwendungen mit.

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