Aus Linux-Magazin 06/2010

Openinkpot, ein freies Linux für E-Book-Reader

Wer sich über E-Book-DRM und vernagelte Lesegeräte wie den Kindle ärgert, sollte sich Openinkpot ansehen. Die freie Linux-Distribution für E-Ink-Geräte hat das Zeug zum Bestseller .

Offenes Buch

Ein ganz aus Open-Source-Software bestehendes System für E-Book-Reader entwickelt das Projekt Openinkpot [2]. Die Gründer lernten sich 2007 in einem IRC-Kanal des Debian-Projekts kennen, wo der russische Informatiker Michail Gusarow über die Original-Firmware seines Lesegeräts klagte. Er traf auf den Weißrussen Yauhen Kharuzhy, der Kernel-Know-how einbrachte. Derzeit ist Openinkpot 0.2 aktuell, das die Geräte Hanlin Ereader V3 und V3ext von Jinke (Abbildung 1) sowie die Modelle Wisereader N510 und N516 von Hanvon unterstützt.

Auf der Openinkpot-Website [2] finden sich ausführliche Informationen zu den Lesegeräten, die unter mehreren Handelsnamen im Angebot sind. Ihnen gemeinsam sind E-Ink-Display und bereits bei Auslieferung Linux-basierte Firmware. Hanlin verwendet einen ARM-, Hanvon einen MIPS-Prozessor. Das N516 ist für weniger als 200 Euro zu haben, der Hanlin V3ext kostet rund 280 Euro.

Wer seinen E-Book-Reader mit Openinkpot betreiben möchte, sollte sich im Klaren sein, was er bekommt und worauf er verzichten muss. Openinkpot setzt derzeit keine DRM-Mechanismen um, weshalb es nicht möglich ist, damit geschützte E-Books auf dem Gerät zu betrachten. Damit bleibt ein Teil der kommerziellen E-Book-Welt verschlossen, Public-Domain-Sammlungen wie Feedbooks [3] und Project Gutenberg [4] stehen aber offen, dazu freie Howtos und Handbücher. Ein weiterer Wermutstropfen: Openinkpots MP3-Abspielsoftware funktioniert nur auf den Hanvon-Geräten, den Mpeg-Decoderchip der Hanlin-Reader haben die Entwickler noch nicht zum Laufen gebracht.

Dafür erhält der Linux-Enthusiast mit Openinkpot eine Distribution mit vollständig offenem Quelltext. Die eingesetzte Lesesoftware Fbreader [5] zeigt neben Plaintext und HTML einige relevante E-Book-Formate wie Epub, FB2 und Plucker an, das Mobi-Format jedoch nur ohne Verschlüsselung. Die Präsentation der Buchseiten lässt sich umfassend anpassen. Wer mit den Optionen im Menü nicht zufrieden ist, kann sich zu diesem Zweck eine persönliche CSS-Datei schreiben. Die mitgelieferten Trennungswörterbücher funktionieren teilweise besser als die in kommerzieller Lesesoftware und sorgen für einen schönen Textfluss in vielen Sprachen.

Die Anzeige von PDF und Djvu übernimmt das Programm Loco PDF. In allen Programmen erlaubt es Openinkpot, die Anzeige in 90-Grad-Schritten zu rotieren, um im Querformat zu lesen oder ein Buch vom Kopf auf die Füße zu stellen (Abbildung 1). Ein Extra: Seit Version 0.2 enthält Openinkpot auch Spiele wie Sudoku und Puzzles.

Abbildung 1: Openinkpot erlaubt es, die Anzeige in 90-Grad-Schritten zu rotieren, hier demonstriert auf dem Hanlin Ereader V3ext.

Abbildung 1: Openinkpot erlaubt es, die Anzeige in 90-Grad-Schritten zu rotieren, hier demonstriert auf dem Hanlin Ereader V3ext.

Trau dich, flash mich

Die Installation von Openinkpot [6] auf den Hanlin-Geräten ist unkompliziert, denn der Installer, auf die SD-Karte gepackt, gibt sich als herstellerseitiges Firmware-Update zu erkennen und lässt sich aus dem Bücherregal des GUI starten. Zum vorsichtigen Ausprobieren ist auch eine Variante für den Livebetrieb im Angebot. Auf den Hanlin-Readern lässt sich zudem ohne Weiteres die Original-Firmware wiederherstellen.

Für die Hanvon-Geräte gibt es kein einfaches Zurück zum Originalzustand. Auch der Installationsvorgang ist etwas komplizierter und macht den Einsatz eines Windows-PC nötig. Die ukrainische Firma Azbooka [7] bietet das N516 mit bereits vorinstalliertem Openinkpot an, sie ist auch der maßgebliche Sponsor der Distribution. Die Software ist in 14 Sprachen lokalisiert, neben Deutsch, Französisch und Chinesisch beherrscht sie auch Russisch und Ukrainisch.

Listing 1:
»/etc/network/interfaces«

01 allow-hotplug usb0
02 
03 iface usb0 inet static
04         address 192.168.111.2
05         netmask 255.255.255.0

Buch mit Netzwerk

Ist Openinkpot auf dem Reader gestartet, läuft dort ein SSH-Server und lauscht an einer festen Netzwerkadresse. Um die USB-Verbindung zum Gerät als Netzwerkverbindung zu nutzen, ist auf dem Linux-PC USB-Net zu aktivieren. Das geht beispielsweise unter Debian, indem der Anwender Listing 1 der Datei »/etc/network/interfaces« hinzufügt [8]. Danach kann er sich auf seinem E-Book mit »ssh root@192.168.111.1« und dem Passwort »zxc« einloggen. Das Passwort ist wie bei jedem Linux-System änderbar.

Nun lassen sich auch Dateien per SCP auf das Lesegerät übertragen. Die SD-Karte, falls eingesteckt, findet sich unter »/media/sd«, das Homeverzeichnis »mnt/storage/.home/user« liegt auf dem internen Flashspeicher. Wer Schriftarten nachrüsten möchte, legt Truetype-Dateien in ein Verzeichnis namens ».fonts/« auf SD-Karte oder im Home ab.

Bis zur gebrauchsfertigen Release 0.2 gab es für das Openinkpot-Team vielfältige Arbeit zu verrichten. Der Kernelspezialist Yauhen Kharuzhy demontierte die Hanlin-Geräte und untersuchte die verwendeten Chips, um einen Linux-Kernel mit passender Hardware-Unterstützung zu bauen und zu booten. Blinksignale der Status-LEDs an den Geräten dienten ihm im Anfangsstadium als Rückmeldung. Beim Hanvon N516 hatte das Team aber Zugang zu umfassender Dokumentation.

Daneben galt es, die Grundlagen für System und Toolchain zu schaffen. Zunächst setzten die Entwickler auf Slind, ein für Embedded-Zwecke angepasstes Debian-Derivat. Slind stand allerdings bald ohne Maintainer da, also verlegten sich Gusarow und Kollegen aufs Selbermachen. Das Ergebnis ist die Distribution IP Linux [9], die Debians Paketmanagement verwendet. Aus einem IP-Linux-Subset plus E-Ink-Spezifika entstehen die Images für die einzelnen Lesegeräte.

Zum Entwickeln und Bauen von Paketen für die Distribution stellt das Projekt eine eigene Build-Umgebung bereit, die sich mit einigen wenigen Skripten auf einem Linux-PC einrichten lässt. Die Anleitung findet sich in Openinkpots Entwickler-Dokumentation [10]. Innerhalb dieser Chroot-Umgebung dient GCC zum Cross-Kompilieren der Pakete für die ARM- und MIPS-Zielgeräte.

Abbildung 2: Per SCP kommen Softwarepakete vom Linux-PC auf das Lesegerät, das Debian-Tool Dpkg erledigt die Installation.

Abbildung 2: Per SCP kommen Softwarepakete vom Linux-PC auf das Lesegerät, das Debian-Tool Dpkg erledigt die Installation.

Karge Umgebung

Ein einfaches “Hello-World”-Programm ohne Abhängigkeiten ist schnell mit »dpkg-buildpackage -aarmel« erstellt und auf dem Zielgerät mit Dpkg installiert (Abbildung 2). Die Anwendungsentwicklung ist durch das schmale Angebot installierter Programme und Bibliotheken unter Openinkpot aber recht begrenzt. Der Entwickler findet einen Linux-Kernel vor, einen X-Server und XCB, Glibc, Freetype, Fontconfig, Zlib, Libjpeg und Libpng. Die grafischen Anwendungen sind in C mit den Enlightenment Foundation Libraries (EFL) gebaut, die einiges an Einarbeitung verlangen [11].

In den kommenden Monaten wird das Openinkpot-Projekt Version 0.3 veröffentlichen, bei der es sich um eine Bugfix- und Maintenance-Release handelt. Mittelfristig möchte das Team die Palette der Zielgeräte erweitern und Unterstützung für Touchscreens und nachrüstbare Netzwerkadapter bieten. Zu diesem Zweck sucht es derzeit Interessierte mit Kernel-Erfahrung zur Mitarbeit. Kontaktmöglichkeiten gibt die Projektseite an.

Infos

[1] Freie Software für E-Book-Reader: [https://dev.mobileread.com/trac/hub/]

[2] Openinkpot: [http://openinkpot.org]

[3] Feedbooks: [http://www.feedbooks.com]

[4] Project Gutenberg: [http://www.gutenberg.org]

[5] Fbreader: [http://www.fbreader.org]

[6] Installation: [http://openinkpot.org/wiki/0.2/InstallationGuide]

[7] Azbooka: [http://azbooka.com.ua]

[8] SSH-Zugang: [http://openinkpot.org/wiki/Documentation/ConnectViaSSH]

[9] IP Linux: [http://iplinux.org]

[10] Entwickler-Dokumentation: [http://openinkpot.org/wiki/Documentation]

[11] EFL: [http://web.enlightenment.org/p.php?p=docs&l=en]

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