Anwenderkritik, Probleme mit mobiler Hardware und sozialen Netzen standen im Mittelpunkt des zehnten Entwicklertreffens der KDE-Community. Dabei hat das Projekt auf seinem Weg – ganz ähnlich wie der Gastgeber Estland – aber auch einige Erfolge vorzuweisen.
Tallinn, Estland. Nach dem finnischen Tampere (2010) und einem Abstecher nach Berlin im vorigen Jahr zog es die KDE-Community Ende Juni ins Baltikum. Das ehemalige Ostblockland ist eins der kleinsten und jüngsten Mitglieder der Euro-Zone und verteilt gerade mal so viel Einwohner wie München (1,3 Millionen) auf etwa der Fläche der Schweiz [1].
Kuriose Mischung
Neben nordischen Buchtenlandschaften, ausgedehnten Kiefernwäldern, endlosen Schotterpisten und schnurgeraden Highways (Abbildung 1) findet der Besucher allerorts zahlreiche Erbschaften aus der langen sowjetisch-russischen Besatzungszeit vor (Abbildung 2), während die mittelalterliche Altstadt Tallinns von der Hanse und der Ostkolonialisierung des Deutschen Ordens geprägt ist. In den Plattenbauten, die das Weltkulturerbe am Bottnischen Meerbusen wie einen Ring umgeben, liegt auch ein Gebäude der Universität: Das IT-College von Tallinn [2], in dem die Organisatoren des KDE e.V. mehrere Räume für eine Woche belegt hatten (Abbildung 3).

Abbildung 1: Estland: Skandinavische Küstenorte, das hanseatisch-deutsch geprägte Tallinn und amerikanisch anmutende Highways.

Abbildung 3: Verkehrsschilder weisen den Weg zu einem der unzähligen freien Wifi-Hotspots Estlands. Die brauchen die Besucher der Akademy im großen Hörsaal des Estonian IT-College nicht, hier gibt es zwei Ethernet-Ports und Stromanschluss an jedem Sitz. Rechts winken die Akademy-Besucher beim traditionellen Gruppenfoto.
Die estnische Republik ist so jung wie Linux
Esten nennen ihr Land gerne E-Estland, analog zur E-Mail, und das nicht ohne Grund. In Tallinn hat Skype seine Firmenzentrale, im ganzen Land gibt es freies und kostenloses WLAN, auf das Straßenschilder und sogar Markierungen in den Wanderkarten der Nationalparks hinweisen.
Der gläserne Bürger ist Realität, mit einem Chip im Pass buchen Esten Nahverkehrstickets und erledigen Arztbesuche oder die Steuererklärung online – der Este vertraut seinem jungen Staat. Den gibt es ja erst seit 1991, dank einer unblutigen “singenden” Revolution [3]. Da kam die erste Keynote bei der Akademy gerade richtig: Der schwedische Anwalt Mathias Klang (Abbildung 4) rief die anwesenden Entwickler auf, der “Tivoisierung” des digitalen Alltags Einhalt zu gebieten, mit der Anspielung auf die bei amerikanischen TV-Nutzern verbreiteten Festplatten-Settop-Boxen (Tivos).

Abbildung 4: “Freiheit ist wertlos ohne den darunter liegenden Code. Hört nicht auf, vor Facebook, Twitter & Co. zu warnen!”, fordert Mathias Klang.
Darunter versteht er aber nicht die Always-on-Mentalität, sondern die Tatsache, dass immer mehr Menschen das Internet nur als ein Konglomerat aus sozialen Webdiensten sähen, das es nur zu bedienen, aber nicht zu verstehen gelte. Wie Schafe ließen die Anwender es zu, sich von Facebook, Twitter & Co. in “eingezäunte Gärten und Datensilos” zwängen zu lassen, aus denen es kein Entrinnen mehr gebe. Das liegt Klang zufolge hauptsächlich an mangelnder Offenheit der Anbieter: Dem User bleibt es in der Regel verborgen, was hinter den Vorhängen geschieht.
Tivoisierung, Melkkühe und Maschinenstürmer
“Sie geben uns Entertainment, aber in Wahrheit sind wir die Melkkühe, an deren Daten sie wollen”, beklagt der schwedische Anwalt. “Aber diese Freiheit ist wertlos ohne den darunter liegenden Code.” Die Digitalisierung habe da nicht nur Vorteile gebracht, fährt er fort: “Vor der Entwicklung des Internets hatten wir kompatible Kommunikationsformen, heute dominiert der Vendor-Lock-in. Zwar sei auch das Internet offen und frei, aber nur bis die sozialen Netzwerke kamen. Zu den Folgen bemüht er auch provozierende Worte: “Früher war ich ein narzisstischer Stalker, aber heute lebe ich das auf Facebook aus.”
Das Problem gehe aber noch viel tiefer. “Je mehr Technologie wir in unseren Alltag lassen, umso weniger Freiheit haben wir. Das soll keine Maschinenstürmerei wie bei den Ludditen [4] des 19. Jahrhunderts sein, ich halte das für die zwingende Konsequenz einer technologischen Entwicklung. Den nachfolgenden Generationen bringen wir nur noch bei, wie sie die Geräte zu bedienen haben, von dem darunter liegenden Code erfahren sie nichts.” 16-Jährige, die das Internet nur noch als Schnittstelle zu Facebook und Twitter wahrnehmen, machen ihm Angst, sagt Klang. Das zu ändern sei schwierig und erfordere den Mut, den einsamen Rufer in der Wüste zu mimen. “Erzählt den Leuten, was der Anbieter mit den Daten will, wie er sie manipuliert und dass das alles in den Eulas steht!”
Meritokratie-Kritik
Mirko Böhm, aktiv bei KDE und FSFE, präsentierte anschließend einen durchaus kritischen Vortrag über den Zustand der Meritokratie im KDE-Projekt (Abbildung 5). Die Umsetzung der “Regierungsform, bei der Amtsträger nach ihrer Leistung ausgewählt werden”[5], hatte in letzter Zeit für Unmut unter den Anwendern gesorgt, was auch die rege Diskussion im Anschluss an Böhms Vortrag belegte. Trotz “enormer Beteiligung” (Böhm) wenden sich enttäuschte User ab, weil ihr Feedback nicht ankomme. Da sei von “den Bonzen” im KDE-Projekt und -Verein die Rede, auch Forks werden offenbar in Mailinglisten diskutiert.

Abbildung 5: Mirko Böhm zum Status der Meritokratie. Das KDE-Projekt hat mit Kritik von Anwendern zu kämpfen und will sich einiges einfallen lassen.
Schuld daran hat auch die unterschiedliche Wahrnehmung der Rolle von Firmen für KDE. Enterprise-User wünschen sich eine stärkeres Engagement von Unternehmen und mehr Offenheit des Projekts für Companys, die dazu bereit sind. Mindestens genauso viele Community-Mitglieder sehen das jedoch skeptisch. Diesen Ängsten wollen Böhm und der KDE e.V. mit mehr Transparenz und Offenheit entgegentreten. Die kommende “User working group” soll das Feedback und die Anliegen der Anwender besser in Ergebnisse münden lassen.
Zwar sei KDE das “größte ausschließlich von Freiwilligen getrieben Open-Source-Projekt, das ohne Unternehmen auskommt” und es zeichne sich durch eine “sehr erfolgreiche Geschichte aus”, aber dennoch gesteht Böhm ein, dass es zuletzt “Reibungsverluste” gegeben habe. Die Lösung sei, die Schlagworte “Open by default, improve by default” zu verwirklichen und den “Code of Conduct” auch auf die User auszudehnen, mit Garantien und Rechten.
Android-Probleme
Ähnlich markante Worte fand Aaron Seigo anschließend in seinem Vortrag über die Bemühungen rund um die Plasma-Active-Tablets namens Vivaldi und das zugehörige Portal Make.Play.Live. Überraschenderweise ist die Software laut dem in Zürich lebenden Kanadier fertig, aber die Hardware macht Probleme, vor allem wegen der Quick-and-Dirty-Mentalität der chinesischen Hersteller. Die hatten eine neue Version inkompatibel zu den vorherigen Treibern gemacht, weshalb Seigo seine nächste Tablet-Generation nicht vorführen konnte: “Was manche Treiberentwickler rund um den Android-Kernel bauen, ist einfach Mist (,a mess’). Und leider ist heutzutage der Userspace eng mit dem Kernelspace verwoben, auch dazu sage ich jetzt lieber nicht, was ich davon halte.”
Das Ganze sei umso ärgerlicher, als laut Seigo bereits zahlreiche Firmen auf Linux-Geräte mit freier Software warten, um ihre eigenen Apps mit sicheren Plattformen zu bauen. Aber das sei kein Problem, meint Seigo. Schwerer gestalte sich, verlässliche und nachhaltig denkende Hardwarehersteller zu finden und Entwickler mit viel Motivation und Leidensfähigkeit zu gewinnen. “Wenn das System läuft, macht das Entwickeln unheimlich Spaß. Den PDF-Viewer Okular haben wir innerhalb eines Tages zu einer Qt-Touch-Anwendung, einem E-Book-Reader umgebaut!”
KDE-Pim und Qt
Technischer ging es auf der Akademy in den Tracks und Workshops um die KDE-Frameworks 5, Plasma, Wayland, die Situation bei Nokia bezüglich Qt, aber auch um die KDE-Pim-Implementierung und den Akonadi-Stack zu. Zahlreichen Problemen rund um Nepomuk, Soprano und Virtuoso ist es zu verdanken, dass es vier Jahre nach KDE 4.0 immer noch kein vollständig funktionierendes Kontact (der Groupware-Client, Abbildung 6) gibt. Das soll sich ändern: Demnächst kommt KDE SC 4.9 und im Herbst der Groupware-Server Kolab 3.0 mit Server-Side Akonadi [6]. Spätestens dann sollen alle Probleme gelöst sein.

Abbildung 6: KDE-Anwender kennen das Problem: Kontact, Akonadi, Soprano, Virtuoso und Nepomuk verstehen sich nicht gut, Fehlermeldungen sind an der Tagesordnung.
Positive Beispiele, Open Science und Egoismus
Dass es aber nicht nur Probleme, sondern auch bemerkenswerte Leistungen gebe, auf die KDE zurückblicken kann, zeigte Augustin Benito Bethencourt aus dem KDE e.V. Board of Directors in seiner Keynote. Sechs Schlagworte stünden für vorbildliche Arbeit, meint der Entwickler von den Kanarischen Inseln:
- Active patience: Unerschütterlicher Glauben und Bereitschaft zu warten.
- Magister: KDE stellt das beste E-Learning-System.
- Leadership: KDE bereitet mehr und mehr den Nährboden für ein eigenes Ökosystem an erfolgreichen, von KDElern gegründeten Firmen.
- Vision: Sowohl KDE auf Tablets als auch die Edu-Plattform ziehen derzeit jede Menge interessierte Firmen aus der klassischen Wirtschaft an.
- Effizienz: “Das KDE-Projekt schafft mittlerweile neue Releases in weniger als einem Tag!”
- Experience Innovation: “Nach großen Veränderungen können wir endlich die coolen, innovativen Dinge angehen. Das ist enorm wichtig, wie der Fall Nokia, aber auch Yahoo oder die Ängste der Apple-Anhänger nach dem Tod von Steve Jobs zeigen. Viele Unternehmen gingen den Bach runter, als sie aufhörten innovativ zu sein.”
Die Sonntags-Keynote von Will Schroeder von Kitware stand ganz im Zeichen der Wissenschaft. Immer mehr Bereiche der Forschung erkennen die Bedeutung und Nützlichkeit freier Software: “Vieles ist ohne Open-Source-Software nicht lösbar, vom High-Performance-Computing über das automatisierte Auswerten von CT- und MRT-Bildern bis zum Publizieren offener Dokumente.”
Als “eine Tragödie” bezeichnete er es, dass man trotzdem bis heute extra das Attribut “Open” zum Wissenschaftsbegriff hinzufügen müsse. Sowohl Wissenschaftler als auch die Universitäten erkennen mehr und mehr, dass die freie Publikation ihrer Ergebnisse im Web schneller, billiger und effektiver sei. Daher gelte: “Seid egoistisch – und teilt eure Ergebnisse!”
Prior Art als Mittel gegen Patent-Trolle
Auf dem Schlachtfeld der Patentkriege zeigt sich ein Silberstreif am Horizont: Raffi Gostanian vom Open Invention Network (OIN, Abbildung 7) rief freie Software-Entwickler auf, ihre Ideen als Onlinedokumente zu veröffentlichen, um so Prior Art zu schaffen und unrechtmäßige Ansprüche von Patent-Trollen abzuwehren. Als Beispiel nannte er das jüngste Patentverfahren rund um die langen Dateinamen im FAT-Dateisystem, in dem Linus Torvalds mit einem Kommentar in einer E-Mail von 1992 als Zeuge auftrat und damit weitreichende Ansprüche von Microsoft verhinderte.

Abbildung 7: Raffi Gostanian vom Open Invention Network hilft Entwicklern, die sich gegen Patentansprüche wappnen wollen.
“Das ist ein perfektes Beispiel dafür, wieso es sich lohnt, Prior Art zu schaffen. Das ist nicht schwer, es bedarf nur einer Idee, einer kurzen technischen Abhandlung und der Hilfe vom OIN.” Die Institution sorge dafür, die Dokumente auf der Website IP.com zu veröffentlichen, da diese von den Sachbearbeitern in den Patentämtern zur Suche von Prior Art benutzt werde. “Jeder von euch sollte das machen, und zwar regelmäßig, und wir helfen euch dabei!”, rief er den anwesenden Entwicklern zu (Abbildung 7).
Awards, Workshops
Nach dem Wochenende mit Keynotes, Vorträgen und der Verleihung der Akademy Awards teilten sich die Besucher am Montag auf die zahlreichen Workshops auf. Neben PR für Open-Source-Projekte gab es Tracks über den estnischen Personalausweis mit integrierter Smartcard, Qt- und Plasma-Programmierung, Robotertechnik, Telepathy, Phonon, die Office-Suite Calligra, Owncloud, aber auch strategische Themen wie das von Augusto Benito Bethencourt vorgestellte KDE Connect, das stabile und dauerhafte Partnerschaften mit Unternehmen fördern will.
Blockaden überwinden
Das KDE-Projekt scheint derzeit in einer spannenden Phase. User, Firmen, Entwickler und Frontmänner müssen sich zusammenraufen, auf die Erfolge blicken und intern wie auch extern neue Formen der Zusammenarbeit ausprobieren. Dazu traf es sich gut in einem Land, das dies seit über zwanzig Jahren im Schnelldurchlauf vorexerziert. Wer mehr Details über die KDE-Akademy 2012 sucht, findet sie auf der Konferenz-Webseite [7] oder in den Blogs der Entwickler [8], jede Menge Fotos gibt’s auf Flickr [9].
Infos
- Estland: http://de.wikipedia.org/wiki/Estland
- IT-College Tallinn: http://www.itcollege.ee/en/it-college/
- Singende Revolution: http://en.wikipedia.org/wiki/Singing_Revolution#Estonia
- Luddismus: http://de.wikipedia.org/wiki/Luddismus
- Meritokratie: http://de.wikipedia.org/wiki/Meritokratie
- Kolab 3 mit Server-Side Akonadi: https://www.linux-magazin.de/NEWS/Serverseitiges-Akonadi-Kolab-3-kommt-im- Herbst
- KDE-Akademy: https://akademy.kde.org
- KDE-Blogs: http://blogs.kde.org
- Akademy-Bilder: http://www.flickr.com/groups/akademy2012/







