Arme Open-Source-Welt! Was Outlook, Exchange und Konsorten seit langem können, bleibt den meisten Benutzern reiner Open-Source-Groupware immer noch größtenteils verwehrt: Mails, Termine, Ressourcen und Kontakte im Team planen und verwalten, dazu gemeinsam genutzte Ordner auf dem Mailserver. Unser Groupware-Spezialist Markus Feilner hat sich auf den Weg gemacht, um diese Mangelerscheinung im ansonsten überbordenden Angebot an freier Software zu ergründen.
Trotz offensichtlicher Schwächen und Gefahren im Microsoft-Gespann setzen Hersteller Linux-basierter Groupware ausschließlich auf den Microsoft-Client. Dabei erscheint die Anforderungsliste für eine funktionierende Groupware eigentlich kurz, und zahlreiche Open-Source-Projekte erfüllen diese Ansprüche, solange als Client ein Browser zum Einsatz kommt. Soll jedoch ein Desktop-Programm zum Einsatz kommen, versagen die freien Alternativen. Für Außendienstler, die auch ohne bestehende Internetverbindung Termine planen müssen, bleibt nur der Griff zu proprietärer Software, in der Regel mit dem Outlook-Client. Für alle Bereiche des modernen Arbeitsplatzes finden sich im Open-Source-Lager Alternativen – warum nicht hier?
Die proprietären Vorgaben
Die kommerziellen Hersteller bringen Windows-Clients wie Outlook, Notes oder Groupwise und speichern Groupware-Daten im lokalen Dateisystem. Bei der Anmeldung synchronisieren sie sich mit dem Mailserver und stellen so die Daten auch offline zur Verfügung. Für Benutzer von Microsoft Exchange, IBM Domino oder Novell Groupwise Servern ist das seit mittlerweile mehr als zehn Jahren Normalität. Einen großen Teil der Groupware-Funktionen wickelt dabei der Client ab, und jeder Hersteller bringt dafür einen eigenen mit, passend für Microsofts Betriebssystem. IBM und Novell bieten ihre proprietären Programme mittlerweile auch für Linux-Desktops an, während sich Microsoft aus nachvollziehbaren Gründen vornehm zurück hält.
Neben E-Mail, Kontakten und gemeinsamen Kalendern umfassen die kommerziellen Produkte in der Regel Komponenten, die weit über die Funktionen von Standard-Groupware hinausgehen. Die Spanne reicht von Wissens- und Dokumentenmanagement über die Integration von fast beliebigen Telekommunikationsdiensten wie FAX und CTI bis zu vollständigen CRM-Lösungen. Zahlreiche Software-Hersteller bieten vor allem für Outlook ein reichhaltiges Angebot an Plugins.
Die kurze Open-Source-Antwort
Und was macht die Open-Source-Welt? Die Liste der freien Groupware-Clients ist kurz: es gibt die KDE-Groupware-Suite Kontact und das Gnome-Programm Evolution, beides Linux-Programme. Und sonst? Vereinzelte Projekte hier und da, allesamt im frühen Entwicklungsstatus, meist mit Versionsnummern unter 0.5.x. Das überrascht, angesichts der Vielfalt an E-Mail-Programmen der Unix-Welt, wo sogar steinalte Befehlszeilen-Mailer Adressbücher aus LDAP Servern verwenden können.
Probe am Exempel
An der Integration von Adressbüchern in die Mailprogramme liegt es nicht. Die wirkliche Herausforderung für Groupware-Clients ist die Kalenderkomponente, wie das Beispiel des Mozilla-Projektes zeigt. Nach dem großen Erfolg des Firefox und der zunehmenden Verbreitung des Mailprogrammes Thunderbird warten viele Benutzer vergebens auf eine Kalenderapplikation, die wenigstens die Basisfunktionen eines Groupware-Clients abdeckt.
Der Nachfolger des altehrwürdigen Mozilla Calendar, heute Sunbird genannt, ist verwirrenderweise als Plugin in Thunderbird unter dem Namen Lightning erhältlich. Die Versionsnummer 0.3.1 macht deutlich, dass es sich um eine Entwicklerversion handelt, die allerdings zuverlässig ihren Dienst versieht. Eine Unterstützung für Gruppenkalender fehlt ihr aber immer noch. Damit scheidet das vielleicht spannendste Projekt am Start aus. Schade, nach Firefox und Open Office wäre das sicher die nächste Open-Source-Killerapplikation auf dem Windows Desktop.
Freie Groupware unter Windows
Die Suche nach freien Groupware-Programmen auf dem Windows-Desktop geht also weiter. Shareware, Freeware und Opensource Mailprogramme wie Aethera, Mulberry, Pegasus oder Postme gibt es in Massen, aber die meisten scheiden aus, sobald ein Groupware-Server ins Spiel kommt. Spätestens an der gemeinsame Terminplanung mit Verfügbarkeitsabfragen straucheln die Letzten. Ist es möglich, dass das noch keine Software-Schmiede bemerkt hat?
Die Hersteller von Open-Source-Groupware-Servern tragen der Situation Rechnung und bieten dem Windows-Benutzer mehr oder weniger gelungene Outlook-Plugins an, die das Microsoft-Produkt an freie Server anbindet. In manchen Fällen wird dabei Outlook einfach (wieder) beigebracht, offene Standards zu sprechen. Andere Lösungen wie Zarafa implementieren Microsofts MAPI-Protokoll und bilden dies auf dem Linux-Server in einer SQL-Datenbank ab. Scalix wird gar nachgesagt, Outlook und MAPI besser zu unterstützen als Microsoft selbst. Ein freier Windows-Client ist bei keiner Groupware Lösung zu finden.
Kontact und Evolution
Nicht ganz so düster sieht die Situation auf dem Linux Desktop aus: Die beiden Groupware-Clients Evolution und Kontact laufen auf den ersten Blick stabil und kommen mit einer langen Liste an Features und Erweiterungen.
Kontact ist eigentlich nur ein Container für KDE-Anwendungen wie Kmail , Kabc und Korganizer. Dank des flexiblen Komponentenmodells hinter KDE lassen sich andere KDE-Applikationen wie der VoIP-Client Kcall einbetten und direkt aus den anderen Anwendungen heraus nutzen.
Ein Hauch von Outlook-Feeling kommt auf, wenn im Adressbuch ein Mausklick auf eine Telefonnummer den SIP-Client startet und die Verbindung hergestellt wird. Ähnlich Microsofts “Access Anywhere” greifen mehr und mehr andere KDE-Anwendungen auf die Schnittstellen zu und betten die Groupware-Daten ein.
Der KDE-Groupware-Client unterstützt auf dem Papier eine lange Liste von Groupware-Servern. Die Auswahl klingt vielversprechend, ernüchternd ist jedoch in den meisten Fällen der Test, spätestens aber der Betrieb.
Unter Umständen sorgt ein einfaches Update auf eine neue Version dafür, dass die nach mühsamem Probieren hergestellte Anbindung an den Server verloren geht und auch durch ein Downgrade nicht wieder herstellbar ist. Die Anbindung an Exchange beispielsweise wird seit 2005 nicht weiterentwickelt. Über Egroupware und OpenXchange finden sich zahlreiche Leidensgeschichten im Netz. Auch die offizielle Liste der von Kontact unterstützten Groupware-Server erspart den eigenhändigen Test nicht.
Am saubersten, vielleicht sogar als einzige verlässliche Anbindung, scheint die von Kontact an den freien Groupware Server Kolab zu funktionieren. Der Kolab-Wizard zur Einrichtung des Clients unterstützt den KDE-Benutzer bei der Installation und ist zugleich unter Linux der einzige seiner Art. Allerdings zeigten sich bisher nur wenige Kontact-Versionen als verlässliche Partner für den Kolab Server. Das Kolab-Projekt bietet eine eigene Version des Clients an, der Enterprise-Ansprüchen genügen soll. Upgrades sind dann verboten.
Das ist schade, denn es lohnt sich, die neuesten Versionen von Kontact zu testen. Die Qualität und Zuverlässigkeit der Software wurde in den letzten Jahren erheblich gesteigert. Sowohl unter Ubuntu als auch unter SuSE 10.2 funktioniert Kontact als Einzelanwendung zuverlässig. Werkzeuge wie die „kmobiletools“, die den Abgleich mit fast beliebigen Mobiltelefonen herstellen, machen Lust auf mehr.
Einer der größten Vorteile von Kontact stellt sich in Unternehmen häufig als Nachteil heraus: Kontact kann vom Benutzer fast vollständig über den Einstellungsdialog und das KDE-Kontrollzentrum konfiguriert oder eben auch verkonfiguriert werden. Administratoren von Desktop-Arbeitsplätzen sträuben sich da die Nackenhaare.
Evolution
Das zweite Pferd im Rennen der Linux-Groupware-Clients ist Evolution. Das Gnome-Programm ist klar auf den Umsteiger von Windows ausgelegt. Zwar bietet Evolution nicht den Funktionsumfang, mit dem Kontact daher kommt, es ist aber für Outlook-erfahrene Benutzer intuitiver zu bedienen als das KDE-Pendant.
Außerdem liegt Evolution bei Herstellern von Konnektoren höher im Kurs: Novell und Scalix bieten Plugins, mit denen ihre Server unterstützt werden sollen, auch ein Exchange-Plugin ist vorhanden. Fragt man bei den Herstellern konkret nach, dann rudern diese allerdings nicht selten zurück und beklagen die mangelhafte Stabilität der unterschiedlichen Versionen von Evolution. Die Tendenz ist aber klar: Evolution wird besser, Version 2.8.2 soll auch mit Groupware-Servern stabil laufen.
Ähnlich wie bei Kontact bietet ein Einrichtungsassistent dem Benutzer nach dem ersten Start oder beim Einrichten eines Accounts die Auswahl aus einer langen Liste der unterstützten Server-Typen. Zu dieser Liste gesellt sich noch der Eintrag für den Scalix-Server, wenn das zugehörige Plugin installiert ist.
Leider gilt auch bei Evolution: Die Qualität der Anbindung an die Server ist sehr unterschiedlich und kann durch ein Upgrade des Clients oder der GNOME Version schnell zerstört werden.
Dass Evolution als Favorit der Hersteller gilt, lässt Hoffnung aufkeimen. In der Unterstützung proprietärer Server hat Evolution die Nase vor Kontact – allerdings auf einem Niveau das nicht an proprietäre Lösungen heranricht. Gibt es denn keinen Hersteller, der den Wunsch der User nach einem freien Groupware-Client hört?
Zukunftsmusik
Im Sommer letzten Jahres sorgte eine Meldung für Aufsehen: Novell kündigte an, Evolution auf Windows zu portieren. Das ließ hoffen. Bis heute sind zwar einige Entwicklerversionen der Software veröffentlicht, aber die Nachfrage hält sich in Grenzen: Gerade acht E-Mails stehen im Januar 2007 auf der Developer-Mailingliste des Projektes. Dass dabei manche Benutzer von schlechter Performance berichten, spielt dann schon keine Rolle mehr.
Hartnäckig halten sich auch die Gerüchte, dass Sun einige Entwickler beschäftigt, die Mozilla-Sunbird-Lightning erweitern und in Open Office integrieren. Ein vollständiger Mailclient mit Groupware-Funktionen und Office-Anbindung fehlt dem freien Projekt nämlich noch, was sich in einigen Migrationsszenarien als problematisch erwiesen hat: Woher die Lizenzen für Outlook bekommen, wenn kein Microsoft-Office mehr eingesetzt wird, Windows als Plattform wegen der Branchensoftware aber vorerst bestehen bleibt?
In einem Interview auf der Open-Office-Webseite erzählt einer der führenden Entwickler von Open Office, Stefan Schaefer, über die weitere Roadmap eines derartigen Projektes. Lightning soll um Groupware-Funktionen erweitert werden, freie Standards wie ICAL, Webdav und CalDAV und WCAP unterstützen, aber auch mit Servern wie dem Sun Java System Calendar Server oder Microsoft Exchange kommunizieren. Die Version 1.0 steht für die zweite Jahreshälfte auf der Roadmap.
Eine derartige Mozilla-Open-Office-basierte Groupware stünde auf allen Plattformen zur Verfügung, auf denen Mozilla läuft, inklusive diverser Unix-Systeme. Hoffentlich erleidet dieses Projekt nicht den selben langsamen Tod wie die Vorgänger OOOgw oder Glow.
Die angesprochenen freien Standards wie ICAL und VCAL stellen in Verbindung mit Webdav für die meisten Hersteller eine Zukunftsperspektive dar. Florian von Kurnatowski, Director Product Management bei Scalix erklärte gegenüber dem Linux-Magazin Online: “Wir glauben fest daran, dass E-Mail-, Kalender- und Groupware-Clients, die auf offenen Standards wie IMAP, LDAP und CalDAV basieren, in Zukunft eine entscheidende Rolle auch im kommerziellen Umfeld spielen werden.” Zarafa kündigt an, im zweiten Quartal 2007 ICAL und VCAL zu unterstützen. Allerdings bestätigen beide Hersteller dass die Nachfrage nach einem freien Client sehr gering ist.
Eine Frage der Nachfrage
Unter Linux hat der Benutzer von freien Groupware-Servern die Wahl zwischen Kontact und Evolution, unter Windows muss er Outlook verwenden, wenn er Gruppentermine koordinieren will. Alternativen wie Evolution auf Windows oder die Produkte des Mozilla-Projektes sind nicht so weit, dass sie sich an Outlook messen können. Auch die Anbindung der Groupware-Clients unter Linux verläuft nicht immer so problemlos, wie mancher Hersteller das gerne hätte.
Werden die Hersteller von Open-Source-Lösungen mit diesem Zustand konfrontiert, verweisen sie meist auf die mangelnde Nachfrage und fehlende Business Cases. Hubert Schweinesbein, Director Technical Sales bei OpenXchange sagte gegenüber dem Linux-Magazin Online: “Wenn sich zwei oder drei Kunden mit jeweils 1000 Arbeitsplätzen dafür entscheiden, könnte man das angehen.”
Das Team von OpenXchange hatte 2006 sogar Prämien für die Anbindung eines Open-Source-Clients ausgelobt, aber kaum Feedback erhalten. Auch der einzige Hersteller einer Open-Source-Groupware mit Anbindung für Evolution, Scalix, verzeichnet wenig Nachfrage für Linux Desktop Clients.
Wo Linux auf dem Desktop zum Einsatz kommt, werden in Unternehmen häufig Browser-basierte Groupware-Lösungen eingesetzt, und Linux auf dem Laptop ist in Unternehmen immer noch die Ausnahme.
Die Offline-Anbindung ist ein Feature für wenige Arbeitsplätze in einer Firma, meist in Chefetagen oder dem Aussendienst. Ein funktionierender freier Groupware Client für Windows oder Linux wird in Unternehmen bei der Groupware-Migration nur als ein nice-to-have Feature angesehen. Helmuth Neuberger, Geschäftsführer der Zarafa Deutschland GmbH berichtet: “Die Entwicklung und Maintenance eines Linux Desktop Clients scheidet in der Kosten-Nutzen Rechnung meistens gegen ein modernes Webinterface mit Ajaxfunktionen aus.”
Dabei vermissen auch viele Hersteller wie OpenXchange oder Scalix schon allein deshalb den freien Client, weil sie dann eine komplette Linux-Lösung anbieten könnten: Server und Client auf Linux. Die wenigen Lösungen, die dafür in Frage kommen, Kontact und Evolution, sind jedoch weit von dem Niveau entfernt, das auf dem Unternehmensdesktop notwendig ist, Perspektiven gibt es, aber zu wenig Nachfrage. Bleibt also nur Outlook übrig. Traurig, oder? (uba)










