Open Source im professionellen Einsatz

TÜV zertifiziert Münchens LiMUX-Client

16.05.2007

Das Münchner LiMux-Projekt kann einen Erfolg verbuchen: Die Prüfstelle der TÜV Informationstechnik hat dem Linux-Client der Stadt München offiziell seine Anwenderfreundlichkeit bestätigt.

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Im Rahmen einer Informationsveranstaltung im Kreisverwaltungsreferat der Stadt München nahm die Bürgermeisterin Christine Strobl für Münchens IT-Projekt heute das Zertifikat "Gebrauchstauglicher Basisclient" vom TÜV IT entgegen. Für das Projektteam geht damit eine zweijährige Phase zu Ende, während der die hauseigenen Linux-Desktops an die Bedürfnisse der Mitarbeiter angepasst wurden. Seit Herbst 2006 setzen verschiedene Referate der Stadt München den Basisclient bereits ein. Mit der Zertifizierung durch den TÜV ist es der der erste auf Linux basierende Arbeitsplatz, dem durch ein TÜV-Gutachten bestätigt wird, dass er besonders effizient und anwenderfreundlich ist.

Die Bürgermeisterin hält dieses offizielle Siegel auch deshalb für wichtig, weil die Entscheidung des Münchner Stadtrats für Linux seinerzeit nicht unumstritten war. Die TÜV-Plakette sieht sie als weiteren Beleg, dass die Stadt München auf dem richtigen Weg ist: "Wir sind sicher, das dies die beste Lösung für uns ist, und in naher Zukunft auch für andere sein wird." Wilhelm Hoegner, Leiter des Amtes für Informations- und Datenverarbeitung, erklärt das näher: die Stadt München will die Eigenentwicklung LiMux noch in diesem Jahr unter der GPL freigeben. Auf dem Arbeitsplatz von Christine Strobl läuft der neue Client bereits, so dass sie persönlich werten kann:: Die Umstellung sei bei weitem nicht so gravierend für sie gewesen, wie sie befürchtet hatte.

TÜV-Zertifikat für den LiMUX-Client: Werner Achtert von TÜV IT und Bürgermeisterin Christine Strobl.

Das ist eines der Hauptziele, die mit dem Zertifikat nach der ISO 9241 verbunden sind: Die Mitarbeiter sollen möglichst wenig von der Umstellung merken, der Schulungsbedarf soll gering gehalten werden und die Software möglichst weit selbsterklärend sein. Sichtlich stolz berichtet die Leiterin der "Arbeitsgruppe Usability" Margot Markert, wie sie die Mitarbeiter in vierzehn verschiedenen Referaten der Landeshauptstadt nach ihren Wünschen und Anforderungen befragte. Betriebsärzte hatten Mitspracherecht, aber auch Kollegen mit Sehbehinderung nahmen Einfluss. Das Ergebnis: Der LiMux-Client wurde auf die wesentlichen Funktionalitäten der Anwendungsprogramme abgespeckt, flimmerfreie Hintergrundfarben wurden gewählt, Programmbezeichnungen sind auf Deutsch, nur eindeutige Symbole werden verwendet, und vieles mehr. "Am aufwändigsten an dem Projekt war es, die Programmierer von der Notwendigkeit der Änderungen zu überzeugen," erzählt Markert. "Die meinen halt immer, was sie wissen, weiß doch ein jeder." Jetzt entsteht aus ihrer Arbeitsgruppe ein Service Desk, der die Mitarbeiter der Stadtverwaltung während der Migration weiterhin betreut. Ob daraus für sie ein hauptberuflicher Arbeitsbereich werden wird, steht noch nicht fest. Jedoch sollen weitere Entwicklungen am LiMux ebenfalls wieder die Tests hinsichtlich Usability durchlaufen. Markert glaubt, dass die Kosteneinsparungen für die Stadt München enorm wären, denn der Schulungsbedarf ist erheblich geringer als befürchtet. Außerdem bescheinige das TÜV-Zertifikat von dritter Seite, dass der LiMux-Client hohen Qualitätsansprüchen standhalten könne.

Der TÜV-IT-Bereichsleiter für Projektmanagement, Werner Achtert, sieht das ähnlich: "Das beweist doch auch, dass Open Source Software ein hohes professionelles Niveau erreicht hat", meint Achtert. Der Prüfer hat schon zahlreiche Software in der Öffentlichen Verwaltung begutachtet und für das Gutachten ist zunächst unerheblich, dass der LiMux-Client aus Freier Software besteht. Auf die Frage nach der größten Schwierigkeit während der Zertifizierung meint er: "Die Dokumentation war häufig der größte Kritikpunkt." Achtert betont: "Und hier geht es um Anwenderhandbücher, nicht um technische Dokumentation." Insgesamt sei jedoch der Vorteil spürbar gewesen, den die Stadt München durch den Einsatz von Open-Source-Software hatte. Die Prüfer sind der Meinung, dass die nötigen Anpassungen der Software durch die Quelloffenheit wesentlich einfacher und schneller umgesetzt werden konnte.

Kamen zur Übergabe ins Kreisverwaltungsreferat München: Peter Hofmann (LiMux-Projektleiter), Bürgermeisterin Christine Strobl (Stadt München), Werner Achtert (Tüv IT), Margot Markert (Leiterin AG Usability)

Der Client basiert auf der Linux-Distribution Debian GNU/Linux, nutzt die grafische Oberfläche KDE, die Büroprogramme von OpenOffice.org, Mozilla Firefox als Webbrowser und Mozilla Thunderbird als E-Mail-Client. Eine Weiterentwicklung auf Java-Basis ist der so genannte "Eierlegende Wollmux", der zusätzlich eine eigene plattformunabhängige Vorlagenverwaltung liefert. Hierin enthalten sind beispielsweise ein Briefkopfsystem, Formularsystem und Textbausteine. Die Stadt München verfolgt die Umstellung der Desktop-Rechner als "weiche Migration". An zahlreichen Rechnern werden die freien Anwendungen OpenOffice und Mozilla mit Windows als Betriebssystem genutzt. Bereits vollständig umgestellt ist seit Oktober 2006 das Revisionsamt, nun soll das Sozialreferat folgen.

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