Open Source im professionellen Einsatz

Gegen alle Widerstände: IBM feiert 10 Jahre Linux auf System z

05.05.2010

Vor zehn Jahren startete bei IBM offiziell das Projekt Linux auf dem Mainframe. Heute nutzen 70 Prozent der 100 größten Kunden das freie Betriebssystem auf System z, aber anfänglich hatten die Projektmitarbeiter mit erheblichen Widerständen auf der Führungsebene zu kämpfen.

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„Pinguin trifft auf Dinosaurier“, so umschreibt Big Blue die Anfänge des Projekts in dem Großkonzern. Gestartet von einer kleinen Entwicklergruppe in Böblingen gibt es für Linux auf System z mittlerweile mehr als 3150 Anwendungen und eine stetig wachsende Kundenbasis. Von 2007 bis 2009 wuchs der Umsatz mit den speziellen Linux-Prozessoren auf dem Mainframe, abgekürzt IFL für Integrated Facility for Linux, um 65 Prozent. Tendenz: Weiter steigend. „Ich übersetz mal ins Schwäbische: Des isch a guds Gschäft“, sagte Alexander Stark, Program Director für Linux auf System z bei der Feierstunde am 3. Mai in Böblingen. Dass die Führungsebene das nicht immer so sah, berichtet der IBM-Veteran und Linux-Befürworter der ersten Stunde, Karl-Heinz Strassemeyer in seinem Vortrag.

Programmieren für Kommunisten

„Lasst die Finger von Linux – das ist Programmieren für Kommunisten“, berichtet Strassemeyer über eine Warnung aus der Führungsebene in den frühen Jahren. Unbeirrt davon startete der Ingenieur eine Linux-Studie und arbeitete mit einigen Entwicklern und Studenten an der Linux-Implementierung. Im Januar 99 nutzte er die „normative Kraft des Faktischen“: Mit einer Installation des Linux-Kernels mit 5 I/O-Laufwerken demonstrierte das Team, dass das scheinbar Unmögliche machbar war. Das Team beschloss, sich auf die Plattform /390 zu konzentrieren, das Low-End der Mainframe-Programmlinie.

Linus Torvalds Körpersprache

Die Techniker konnten dennoch nicht alle Mitarbeiter der Führungsebene von ihrer Idee überzeugen. Strassemeyer berichtet von einer E-Mail an „all IBM executives“ von einem nicht genannten Manager. Hier beschreibt eine Führungskraft, dass er mit Linus Torvalds am Rande einer Konferenz über das Thema „Linux auf System /390“ gesprochen habe, und aus seiner Körpersprache hätte er geschlossen, dass der Linux-Gründer die Idee nicht gut fände. Strassemeyer ließ sich nicht entmutigen und sprach Torvalds zwei Wochen später bei einem Treffen in Santa Clara selbst an. Tatsächlich zeigte sich dieser begeistert und erklärte sich bereit, an der Entwicklung mitzuarbeiten. Der IBM-Mann hakte nach, wie denn die Aussage über die ablehnende Körpersprache zu bewerten sei. Torvalds lachte und meinte, dies hätte er mit seiner Abneigung zu tun, in der Disco über Geschäftliches zu reden: „No business talk in a disco“, wäre die korrekte Übersetzung gewesen.
Nun war es beschlossene Sache, im November 1999 sollte der Code dem Linux-Chef vorgelegt werden. Mögliche Schwierigkeiten mit den Hausjuristen bei Big Blue umging Strassemeyer trickreich. Ein Testsystem beispielsweise wurde aus Einzelteilen zusammengestellt und entzog sich damit den konzernüblichen Vorschriften, der Wortlaut einzelner Paragraphen in Schriftstücken wurden mehrfach umformuliert. Mit dem Linux Kernel 1.16.1 im Dezember 1999 war es geschafft: Der erste Patch für IBM Mainframes war aufgenommen.

Linux durch die Hintertür

Die Skeptiker bei IBM brachte die Schaffung von Tatsachen nicht zum Verstummen. Strassemeyer war klar: „Das gibt einen Mordsärger.“ Kurzzeitig sah er sogar seinen Job in Gefahr, bis im Januar 2000 der IBM-Präsident Sam Palmisano auf der Linux World Expo in New York den Startschuss für eine neue Unternehmensstrategie gab: Er verkündete öffentlichkeitswirksam, dass das Unternehmen in den kommenden Jahren eine Milliarde Dollar in das Linux-Ecosystem investieren wolle. Linus Torvalds kommentierte das Engagement trocken: „Eine Milliarde Dollar ist zwar viel, aber so viel auch wieder nicht.“

Linux-Vorreiter bei IBM: Karl-Heinz Strassemeyer und "seine" Plattform System z. Strassemeyers Ausflug in die Linux-Geschichte bei IBM ergänzt Rolf Schmidt, zuständiger Manager für die Evaluierung und den Service auf System z: Setzten in den Anfangsjahren rund 70 Prozent von IBMs Kunden das freie Betriebssystem vorwiegend für die Konsolidierung von Web-, Applikations-, Drucker und File-Servern ein, hat sich laut Kundenbefragung das Bild erheblich gewandelt: 25 Prozent der Kunden migrieren geschäftskritische Anwendungen auf System z mit Linux, weitere 35 Prozent nutzen die Plattform als Applikationsserver. Ein weiterer wesentlicher Einsatzbereich ist die Konsolidierung verteilter Infrastrukturen. Schmidt freut sich über dynamischen Zuwachs und verweist auf Referenzen: „Die großen Finanzzentren der Welt nutzen heute das System, darunter die Börsen in New York, Tokyo oder Frankfurt.“
Das einst gescholtene „Programmieren für Kommunisten“ machen heute mehr als 600 IBM-Mitarbeiter hauptberuflich, so viele Vollzeitentwickler beschäftigt „Big Blue“ aktuell.

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