Bei AG-Vorständen ist der Kleinaktionär eher unbeliebt: Mit seinen paar Aktien machtmäßig nur ein Zwerg, versucht er bei der Hauptversammlung seine magere Dividende am Buffet mit Naturalien aufzubessern. Schlimmer noch: Mancher nutzt sein Rederecht, um mal so richtig vom Leder ziehen. So ist der Fall “Martin Helfrich” dokumentiert, der bei der Telekom-Hauptversammlung 2005 in der TUI-Arena zu Hannover von der niedersächsisch Polizei vom Rednerpult abgeführt wurde. In seiner Wut über die Verschmelzung von T-Online mit dem Mutterkonzern hatte er die Aufforderung von Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke, seine Rede zu beenden, hartnäckig ignoriert.
Unter einem renitenten Kleinaktionär zu leiden hat es dieser Tage auch Microsoft-Chef Steve Ballmer. Ein Anleger namens David Einhorn fordert: “Es ist Zeit für den Microsoft-Aufsichtsrat, um Steve Ballmer zu sagen: Wir haben jetzt gesehen, was du kannst, gib jemand anderem eine Chance”. Ballmer habe zugelassen, dass Microsoft bei Suchmaschinen, mobiler Kommunikationssoftware, Tablets und sozialen Netzwerken von Konkurrenten wie Google und Apple geschlagen worden sei. Um die Misserfolge auszugleichen verschwende Ballmer enorme Ressourcen.
Armer Steve. Einmal in Rage, attestiert Einhorn Ballmer ein “Charlie-Brown-Management”. Gemeint ist die stets unglückliche Comic-Hauptfigur der Peanuts: In Sachen Haarwuchs Ballmer nicht unähnlich, ist Charlie Brown der Prototyp des ewigen Verlierers. Fast alle Mädchen spielen ihm Streiche, insbesondere Lucy. Die Baseballmannschaft, deren Manager er ist, hat nur ein einziges Spiel gewonnen – und selbst den einen Sieg bekommt sie aberkannt.
Dieser David Einhorn redet ganz schön fies über den MS-Chef. Ja und, wen kümmerts?! Einhorn hält mit seiner Investmentgesellschaft Greenlight Capital ja gerade mal 0,11 Prozent der Microsoft-Aktien (schlappe 9 Millionen Stück). Andererseits gilt Einhorn in der New Yorker Finanzwelt als unfehlbares Orakel, seit er bereits im Mai 2008 eine Pleite der Investmentbank Lehman Brothers vorhersagte, die bekanntlich im September 2008 auch eintrat und für die weltweite Bankenkrise als initial gilt. Dass der im Vergleich zu Ballmer mittellose Einhorn so vom Leder zieht, wird den Microsoft-Chef also schon ärgern. Einhorn von der Polizei wie einst Martin Helfrich arrestieren zu lassen, kommt wohl auch nicht infrage.
Hoffentlich nimmt sich Ballmer, der auch als Stichwortgeber für die Linux-Branche nahezu unverzichtbar ist, das Gerede von Kleinaktionär Einhorn nicht so zu Herzen. Finanziell recht unabhängig könnte er nämlich den Büttel hinwerfen und mit Snoopy, Marcie und Peppermint Patty in die Südsee zieht. Was dann?
Sicher, seine Aufgaben könnte sein Freund Linus übernehmen. Lucys kleiner Bruder und zweitbester Freund von Charlie ist leicht an seiner Schmusedecke zu erkennen. Der religiös recht bewanderte Linus gilt Peanuts-Kennern als die reifste Persönlichkeit aller Figuren. Deshalb und weil er seine Schmusedecke geschickt als Waffe gegen Fliegen einzusetzen versteht, wagt es kaum jemand, sich über ihn lustig zu machen. Zweifellos eine wichtige Eigenschaft für den Chef einer Gesellschaft mit respektlosen Kleinaktionären.

Jan Kleinert, Chefredakteur




