Die Aussicht auf den Starnberger See ist idyllisch, auch wenn tief hängende Regenwolken die Alpen in graue Schleier hüllen. An der Pforte der Kongregation der Missionsbenediktinerinnen steht eine zierliche Frau in hellgrauer Ordenstracht – Schwester Christiane.
Hellwache Augen strahlen aus ihrem glatten Gesicht, ihr Händedruck ist fest. Einziges Anzeichen für ihr Alter ist ein Stock, die Schwierigkeiten beim Laufen sind der Grund für ihren mehrwöchigen Aufenthalt in Deutschland. Auch zwei Schwestern aus Afrika sind zu Besuch, eine gute Gelegenheit für ein Gespräch über ihre Arbeit in den ostafrikanischen Tropen.
In Afrika seit 1890
Ein gerahmtes Bild im Klosterflur zeigt in Baumform die Geschichte der Kongregation: Im Jahr 1885 in Reichenbach gegründet, folgte das Ordenshaus in Tutzing 1904. Erste Missionsstationen in Ostafrika um 1890 mussten noch der Gewalt weichen, wie Schwester Christiane mit ruhiger Stimme berichtet.
Seit 1920 ist der Orden in Nairobi präsent. Die ausgebildete Medizinerin arbeitet seit 1975 in Afrika, zunächst als Chefärztin in einem Krankenhaus in Tansania, bis sie 1987 in das Mutterhaus nach Nairobi wechselte. Dort war sie lange Zeit Priorin, zog sich jedoch 1992 in eine Einsiedelei auf dem Klostergelände zurück.
Steht das Organisieren von Computern für Hilfsprojekte nicht im Widerspruch zum Leben in Abgeschiedenheit? “Von den Linux-PCs habe ich letztes Jahr aus dem Sonntagsblatt erfahren. Wir bekommen deutsche Tageszeitungen, zwar etwas verspätet, aber da las ich über eine Computerlieferung nach Mosambik.”
Als einzige Deutsche vor Ort sieht sie sich in der Pflicht, den wichtigen Kontakt mit Spendern und Organisationen in Deutschland aufrechtzuerhalten. “Not lehrt Beten”, meint sie, “oder in meinem Fall eben den Umgang mit Computern, Linux und dem Internet.”
Bis dahin hatte sie zwar wenig über Open Source gewusst, aber das schreckte die Ordensfrau nicht. Sie holte sich den Erfahrungsbericht von einem Grundschulprojekt ihres zweiten Hauses in Ruaraka (Nairobi, [1]): “Schwester Emily hatte 40 Computer für die Grundschule bekommen und sie ist damit bis heute sehr zufrieden, sowohl mit dem ganzen Ablauf als auch mit den Rechnern”, berichtet sie (Abbildung 1).
Linux4Afrika gibt es seit 2006, einer der Hauptinitiatoren ist der Forensikexperte Hans-Peter Merkel. Die von der Unesco ausgezeichnete Hilfsorganisation [2] hat mittlerweile ein ausgedehntes Netzwerk auf dem schwarzen Kontinent und reichlich Erfahrung gesammelt, wie Merkel dem Linux-Magazin berichtet: “Wir konnten viele Empfehlungen von IT-Experten einfließen lassen, die sich mit den technischen Verhältnissen vor Ort bestens auskennen. Wegen der unzuverlässigen Internetversorgung sind die Rechner mittlerweile zum Beispiel mit einer kompletten Offline-Wikipedia ausgestattet.”
Lioba und Paula
Inzwischen sind Sr. Lioba und Paula zu dem Gespräch gestoßen (Abbildung 2). Im Gepäck der Linux-Magazin-Redakteure sind auch zwei Laptops vom Linux4Afrika-Projekt ([3], [4]) mit installiertem Edubuntu. Auf ihrem Flug zurück nach Kenia wollen sie die zwei Ubuntu-Laptops mitnehmen. Die Rechner sind für das Health Center in Endo bestimmt, das die ausgebildete Krankenschwester Lioba mit einer weiteren Schwester betreut. Gegründet im Jahr 1987, liegt die Krankenstation mit 40 Betten 200 Kilometer von der nächsten Stadt Eldoret entfernt im Keriotal (Abbildung 3) und versorgt rund 5000 Einwohner. Da die Entfernung bis Eldoret bei kenianischen Straßenverhältnissen eine Tagesreise bedeutet, sich aber erst dort der nächste Techniker findet, ist es umso wichtiger, dass die Rechner auch ohne technische Betreuung einwandfrei laufen (Abbildung 4).
Ideale Voraussetzungen also für Linux. “Deshalb waren für mich auch die guten Erfahrungen von Schwester Emily mit den Linux-Rechnern so wichtig”, erklärt Christiane. Schwester Lioba hat sich bereits einen der Rechner auf den Schoß genommen und probiert alle Funktionen der Gnome-Oberfläche durch.
Mit weiß blitzendem Lächeln im schwarzen Gesicht klopft sie in die Tasten und unterbricht nur kurz, als der Laptop piepst und nach dem Ladegerät verlangt. Die Probleme mit der Elektrizitätsversorgung sind vor Ort ein zentrales Thema: Erst einen Tag vor dem Gespräch wurde das Keriotal an das öffentliche Stromnetz angeschlossen.
Mit ihren neuen Linux-Rechnern wollen die Schwestern nicht nur die Krankenakten führen, sie erhoffen sich eine bessere und schnellere Versorgung der Station im afrikanischen Outback mit Medikamenten, die sie in Nairobi bestellen müssen. Der Internetanschluss klappt meist recht gut über WLAN, berichten sie. Auf die Frage nach ihrem größten Wunsch für die Krankenstation zögert Schwester Lioba keine Sekunde: “Wasser! Eine zuverlässige Wasserversorgung wäre für uns sehr wichtig. Es gibt zwar einen Brunnen, aber die Pumpe funktioniert nicht und die Vorräte in den Tanks halten immer nur zwei Wochen.”
Linux, WLAN, Wasser, Strom
Die Managerin kommt in Schwester Christiane durch, als sie stolz berichtet, dass es nicht bei den zwei Laptops bleiben soll. Und auch Sr. Paula, die ebenfalls im Mutterhaus in Nairobi arbeitet, berichtet: “Unsere Priorin sagte: Und was ist mit den Schwestern in Chesongoch?” Auch in der zweiten Station, im Nordwesten Kenias im Rift Valley nur 280 km von der Grenze zu Uganda, hat der Orden zwei Konventshäuser mit einer Schule und eine Krankenstation.
Also schrieb Schwester Christiane Anfang 2010 den Organisatoren von Linux4Afrika eine E-Mail und bat um Hilfe: “Wir suchen aber nicht zehn, nicht zwölf, sondern gleich 15 Computer.” Die Antwort von Hans-Peter Merkel ließ nicht lange auf sich warten: “Wir können die Rechner gerne stellen, aber das Problem ist der Transport.” Die Frachtkosten für die Rechner addieren sich schnell auf mehrere Hundert Euro und die Helfer sind dafür auf Geldspenden angewiesen. Mindestens genauso wichtig ist die Ausbildung der Anwender und Techniker: “Wir wissen zwar, dass die Computer in Nairobi im Einsatz sind, sie werden derzeit aber noch nicht optimal genutzt”, so Merkel zum Linux-Magazin.
“Um das zu ändern, müsste jemand aus unserem Team vor Ort eine Einweisung durchführen.” Bisher strecken die Helfer von Linux4Afrika die Transportkosten privat vor. Merkel und ein Kollege planen Ende August einen Besuch in Grundschulen Südafrikas, wo der WM-Gastgeber plant, komplett auf Open Source umzusteigen. Auf dem Rückweg wollen die beiden in Kenia vorbeischauen.
Die Linux-Computer sind für ein Frauenprojekt eingeplant. “Leider stehen die Frauen in der kenianischen Gesellschaft unter den Männern”, berichten die Schwestern, “und das, obwohl sie am meisten arbeiten, die Kinder erziehen und die Familie versorgen. Wenn wir sie am Computer unterrichten, kennen sie sich besser aus als ihre Männer und können sich auch ums Geld kümmern.” (Abbildungen 5 und 6)
| Linuxola in Uganda |
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Neben Linux4afrika engagieren sich einige weitere Projekte auf dem schwarzen Kontinent. In einer Kooperation mit der Universität Köln implementiert der Schweizer Verein Linuxola [5] Computertechnologie an afrikanischen Hochschulen. Ziel des Projekts [6] ist es, die Qualität der Ausbildung und Forschung vor Ort durch moderne PCs zu verbessern. Der Verein beschafft Finanzmittel sowie Hard- und Software, wobei Linuxola auf Debian- und Ubuntu-Terminalserver-Systeme setzt und so vor Kurzem wieder sechs Systeme mit jeweils zehn Clients zur Verfügung stellen konnte.
Live: Ubuntu Customization KitEine Live-CD mit dem “Ubuntu Customization Kit” (UCK, [7]) vermittelt den Empfängern vorab einen ersten Eindruck von Linux, KDE sowie zahlreichen Anwendungsprogrammen. Die Begeisterung ist groß: So verkündete eine Initiatorin des Projekts, Dr. Justine Magambo, Anfang 2009 stolz: “Diese E-Mail ist meine erste komplett Windows-freie Nachricht!” Neben der Kenyatta University, der Mbarara University of Science and Technology und der Kyambogo University in Kenia und Uganda ist auch das ugandische Ministerium für Bildung und Sport an Bord. “Fast alle Wissenschaftler vor Ort wünschen sich ausdrücklich die unkomplizierteren und wartungsfreundlicheren Linux-Systeme”, so Christian Rose von Linuxola. Debian Lenny mit LTSP und Software-RaidEin Spendenaufruf Mitte 2009 ermöglichte es Linuxola, zahlreiche gut erhaltene TFT-Bildschirme zu organisieren (Abbildung 7). Die Server stattete das Projekt mit Debian Lenny und LTSP aus. Dazu gibt\’s einen Raid-1-Verbund und DVD-Brenner für die Backups. Eine zusätzliche Spare-Festplatte kann sowohl als Ersatz im Raid als auch als Recovery für den Neuaufbau des Rechners dienen. Als Clients kommen recycelte PCs zum Einsatz. Im Dezember 2009 gingen die ersten vier Systeme auf die Reise per Schiff. Im Gegensatz zu den früher verwendeten, recht sperrigen Röhrenmonitoren, passte dank der geringen Abmessungen der TFTs alles auf eine Europalette. Anfang März 2010 traf die Sendung am Zielort Kampala in Uganda ein und landete, dank Dr. Magambo zollfrei importiert, in Mbarara, wo der erste Workshop mit Christian Rose stattfinden sollte. “Mbarara liegt etwa 300 Kilometer südlich vom Flughafen Entebbe, wo mich die Administratorin Mary Naikumi abholte”, berichtet Rose. “Bis auf ein paar Schrammen war die Technik gut angekommen. Der Schulungsraum hatte eine geradezu vorbildliche Infrastruktur mit Steckerleisten, USV, LAN-Anschluss und – in Afrika sehr wichtig – einer sicher absperrbaren Türe.” (Abbildung 8) Auf dem Schulungsplan standen dann die Basics rund um KDE und Open Office, aber auch Grundlagen der Fehlerbehebung und -erkennung für die angehenden Linux-Administratoren. Christian Rose zieht dementsprechend auch ein sehr positives Fazit: “Zum Abschied gab es ein typisch afrikanisches Abschiedsfest, aber nicht nur deswegen habe ich Mbarara mit dem Gefühl verlassen, dass die Leute dort die Systeme effizient nutzen können. Jetzt geht es ans nächste Projekt: Linuxola baut gerade zwei weitere Systeme für die Kenyatta University auf, die sollen bald rausgehen.” |
Seit drei Jahren herrscht in der Gegend von Chesongoch Frieden, sodass sich die Menschen langsam eine Existenz erarbeiten können. Die meisten Einwohner bauen etwas Gemüse und Früchte an. Ihre einzige Gelegenheit, Geld zu verdienen, ist, wenn Lkws in die Gegend kommen und den Bauern die Mangoernte abkaufen. “Die bekommen natürlich viel zu wenig dafür”, so Schwester Christiane verärgert, “aber es gibt ja auch keinen Wettbewerb.” Das soll sich mit den Linux-Rechnern ändern, so die Hoffnung. “Wenn wir über das Internet verkaufen können, vergrößert sich der Markt”, hofft sie. Auch im Handel mit Ziegen und Schafen sieht sie eine Möglichkeit, die Häute brächten viel Geld. “Und Ziegen und Schafe haben die meisten, das ist eine übliche Mitgift.” (mfe)
| Infos |
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| [1] Missionsschwestern in Kenia: [http://www.osb-tutzing.it/de/html/nairobi.html]
[2] UNESCO-Award: [https://www.linux-magazin.de/NEWS/Linux4afrika-erneut-von-der-UNESCO-ausgezeichnet] [3] Linux4afrika: [http://www.linux4afrika.de] [4] Markus Feilner, “Im Land der GNUs”: Linux-Magazin 12/2007, S. 94 [5] Linuxola: [http://www.linuxola.org] [6] Portal von Education Afrika: [http://www.education-africa.com] [7] Ubuntu Customizing Kit:[http://uck.sourceforge.net] |














