Aus Linux-Magazin 08/2009

Aktueller Überblick über freie Software und ihre Macher

Ein runder Geburtstag lädt zum Feiern ein: Das Zeichenprogramm Krita wird zehn Jahre alt. Der DVD-Ersteller Mistelix dagegen hat erst vor Kurzem das Licht der Welt erblickt. Passend zum Geburtstag gibt es einen Marzipanbitterkuchen .

Die Welt der freien Software ist schnelllebig: Was heute als unumstößliche Tatsache gilt, kann schon in fünf Jahren wie ein historischer Irrtum anmuten. Feiert ein Projekt seinen zehnten Geburtstag, zählt es deshalb schon zum Establishment. In den Kreis der Ü10-Programme darf sich in diesem Jahr Krita [1] (siehe Abbildung 1) einreihen.

Abbildung 1: Das KDE-Zeichenprogramm Krita feiert in diesem Jahr seinen zehnten Geburtstag. Das Mal- und Zeichenprogramm gehört zur KDE-Bürosuite Koffice. (Bild: © Casey West, flickr.com/people/caseywest)

Abbildung 1: Das KDE-Zeichenprogramm Krita feiert in diesem Jahr seinen zehnten Geburtstag. Das Mal- und Zeichenprogramm gehört zur KDE-Bürosuite Koffice. (Bild: © Casey West, flickr.com/people/caseywest)

Geburtstags- und Wunderkind

Krita ist ein pixelbasiertes Grafikprogramm und kann mit einigen Funktionen auftrumpfen, die die meisten anderen freien Applikationen desselben Genres vermissen lassen. Neben der großen Auswahl an Malwerkzeugen gehört zu den Höhepunkten der Anwendung der souveräne Umgang mit Farbräumen. Denn Krita setzt Farben nicht nur über das klassische RGB-Modell zusammen, sondern kennt auch das im professionellen Druck verwendete CMYK (siehe Abbildung 2), YCBCR, das bei der Farbkodierung digitaler Videos zum Einsatz kommt, und LAB.

Abbildung 2: Das freie Bildbearbeitungsprogramm Krita kennt zahlreiche Farbräume, darunter Graustufen, RGB und CMYK.

Abbildung 2: Das freie Bildbearbeitungsprogramm Krita kennt zahlreiche Farbräume, darunter Graustufen, RGB und CMYK.

Anspruchsvolle Hobbyfotografen und professionelle Fotografen freuen sich da-rüber, dass Krita digitale Aufnahmen auch im Raw-Format direkt von der Kamera einliest und die Rohdaten auf Wunsch in die gängigen Bildformate konvertiert. Python- und Ruby-Schnittstellen ermöglichen die Automatisierung häufiger Aufgaben. Das DCOP-Interface sorgt für die Kommunikation mit dem KDE-Desktop der Version 3; ab Krita 2.0 kümmert sich darum das Äquivalent D-Bus. Wer trotz der vielen Werkzeuge immer noch Funktionen vermisst, schreibt mit recht geringem Aufwand neue Plugins für das modular konzipierte Programm.

Ein Blick in die Kindheit von Krita zeigt, dass es sich um einen Spätzünder handelt. Nach einer unsteten Jugend kam erst sechs Jahre nach der Projektgründung eine voll benutzbare Version des Programms heraus, das sich dann aber zum festen Teil der Koffice-Familie [2] gemausert hat.

Das KDE-Büro

Auch den Sprung in die Version 2.0 des Koffice-Pakets hat Krita mitgemacht und gehört damit künftig auch zum Umfang von KDE 4, während andere Koffice-Mitglieder zumindest vorerst hinterherhinken. Die wichtigsten Applikationen von Koffice, dem KDE-Konkurrenten großer Bürosuites wie Open Office und Microsoft Office, haben den Generationswechsel aber mitgemacht. Dazu zählen neben dem Jubilar Krita auch Kword, Kspread und Kpresenter, die sich um die klassischen Aufgaben wie Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationen kümmern. Ebenfalls mit dabei sind Karbon, ein weiteres, aber vektorbasiertes Grafikprogramm, und Kplato als Projektmanager.

Einige Krita-Funktionen stehen dank des verbesserten Zusammenspiels der einzelnen Koffice-Applikationen allen Komponenten zur Verfügung. Diese Programme können künftig ebenfalls die Krita-Farbmodelle und dabei bis zu 32 Bit große Kanäle nutzen. Die verbesserte Integration der einzelnen KDE-Office-Programme hat das Weiterbestehen des Diagrammzeichners Kchart überflüssig gemacht. Als eigenständiges Programm wird es wohl nie das Alter von Veteranen wie Krita erreichen, denn die Kchart-Funktionalität steht nun allen Koffice-Benutzern über ein Plugin zur Verfügung.

Die Entwickler der Datenbanksoftware Kexi arbeiten noch an der Aufrüstung für KDE 4, wollen aber bis zur Veröffentlichung von Koffice 2.1 wieder mit von der Partie sein. Version 2.1 der Bürosuite ist ohnehin als erste stabile Ausgabe mit einer 2 vor dem Punkt angekündigt.

Koffice 2.0 empfehlen die Programmierer noch nicht für den alltäglichen Gebrauch; diese Version soll lediglich eine Vorschau auf die laufende Entwicklung geben. So fehlen einigen Koffice-Programmen zurzeit wieder Funktionen, die Version 1.6 schon besaß. Die Entwickler haben es nicht geschafft, sie rechtzeitig zum Release-Termin für KDE 4 neu zu implementieren. Diese Mängel will das Koffice-Team aber bis zur Veröffentlichung von Koffice 2.1 beheben.

Mit Kivio kennen Koffice-Nutzer eine weitere Diagrammsoftware. Im Gegensatz zu Kchart, das Diagramme auf Grundlage numerischer Daten erstellt, zeichnet der Benutzer dabei aber frei. Doch auch Kivio ist nicht Bestandteil von Koffice 2.0, und angesichts eines fehlenden Maintainers ist ungewiss, ob das Programm den Sprung zur 2er Version überhaupt noch schafft.

Wer der Krita-Entwicklung weiterhelfen möchte, findet im Quellcodepaket eine Todo-Liste mit offenen Aufgaben. Weniger tatkräftige, aber ebenso wichtige Beihilfe zur Verbesserung der Software liefern Spender von Zeichentabletts des Typs Wacom Intuos, die es den Krita-Entwicklern ermöglichen, Unterstützung für die neuen Geräte zu implementieren. Ebenfalls willkommen ist natürlich finanzielle Unterstützung, die den Kauf von Hardware ermöglicht.

Mistelix

Hausgemachte Video-DVDs sind nach wie vor das Medium, mit dem wahre Geeks nicht nur ihre Urlaubsfotos, sondern zugleich auch ihre technische Finesse vorführen. Eine Wanderung durch exotische Länder auf der Couch vor dem Fernseher erntet anerkennendes Staunen und ist viel gemütlicher, als ein dicht gedrängtes Publikum vor einem zu kleinen Laptop-Bildschirm zu versammeln.

Das Gnome-Programm Mistelix [3] erstellt Slideshows aus einer Bildersammlung und produziert auf Knopfdruck Video-DVDs (Abbildung 3). Alternativ greift Mistelix auf den freien Codec Ogg Theora zurück; gängige DVD-Player spielen diese Videos jedoch nicht ab. Zu einer echten DVD gehören natürlich auch ein Menü und optional Begleitmusik; beides fügt der Benutzer über die Mistelix-Oberfläche per Mausklick hinzu. Wer während der Vorführung nicht so viel sprechen möchte, unterlegt die gezeigten Bilder mit Titeln, die dann eingeblendet werden, wenn das fertige Video schließlich abläuft.

Abbildung 3: Mistelix bringt Fotosammlungen in Form und erstellt Video-DVDs aus den Schnappschüssen.

Abbildung 3: Mistelix bringt Fotosammlungen in Form und erstellt Video-DVDs aus den Schnappschüssen.

Mistelix erzeugt aber nicht nur aus Standbildern DVDs, sondern bindet auch bereits vorliegende Videos mit ein. Auch diese kombiniert der Anwender nach Gutdünken und wählt sie anschließend über das selbst gestaltete DVD-Menü direkt an. Die derzeit aktuelle Version 0.2 unterstützt allerdings lediglich das Mpeg-Format für Quellvideos; eine automatische Konvertierung von Fremdformaten beherrscht Mistelix zurzeit nicht, sodass Anwender sich selbst um die Umwandlung der Filme kümmern müssen.

Auf gute Zusammenarbeit

Natürlich haben auch die Mistelix-Programmierer das Rad nicht neu erfunden – die Software benötigt einige bekannte und bewährte externe Helfer im Hintergrund. Mistelix setzt auf Gstreamer, damit stehen alle Multimediaformate zur Verfügung, die dieses Framework kennt. Das unterscheidet sich von System zu System und hängt von den installierten Gstreamer-Komponenten der jeweiligen Distribution ab. MP3 gehört bekanntlich nicht mehr unbedingt dazu, seit über diesem Format das Damoklesschwert der Softwarepatente schwebt. Wer Audiodateien im MP3-Format als Hintergrundsound einbinden möchte, sollte Mistelix das Fluendo-MP3-Plugin für Gstreamer zur Seite stellen. Der Quellcode dieses Plugins steht auf der Fluendo-Homepage zur Verfügung [4].

Unter der Haube verwendet Mistelix das Kommandozeilen-basierte Werkzeugset Dvdauthor [5], das die Ausgabedateien erzeugt. Des Weiteren setzt Mistelix auf Ffmpeg [6], um das passende Videoformat zu erzeugen. Entscheidet der Anwender sich gegen den DVD-Standard und für das Theora-Format, ist die Installation der entsprechenden Theora-Codecs Voraussetzung. Wenn ein unverzichtbarer Helfer fehlt, schlägt Mistelix frühzeitig Alarm (Abbildung 4). Das verhindert unnötige Wartezeiten und vermeidet frustrierende Abbrüche, denn das Erstellen und Konvertieren Mpeg-komprimierter Videos nimmt auch auf schnellen Rechnern oft viel Zeit in Anspruch.

Abbildung 4: Mistelix setzt auf externe Helfer und überprüft, ob alle notwendigen Komponenten installiert sind.

Abbildung 4: Mistelix setzt auf externe Helfer und überprüft, ob alle notwendigen Komponenten installiert sind.

Eine Brennfunktion enthält Mistelix bislang nicht. Stattdessen erzeugt es lediglich ein Unterverzeichnis namens »dvd«, in dem es die präparierten Dateien ablegt (Abbildung 5). Der folgende Kommandozeilenbefehl schreibt daraus eine brennfertige Abbilddatei:

mkisofs -dvd-video -udf -o dvd.iso dvd

Die damit erstellte Datei »dvd.iso« bringt der Benutzer nun mit der Brennsoftware seiner Wahl auf den Datenträger.

Abbildung 5: Mistelix unterstützt PAL und NTSC sowie verschiedene Seitenverhältnisse für die Video-DVDs.

Abbildung 5: Mistelix unterstützt PAL und NTSC sowie verschiedene Seitenverhältnisse für die Video-DVDs.

Zukunftsmusik

Noch im Juli dieses Jahres wollen die Mistelix-Programmierer Version 0.3 veröffentlichen. Welche neuen Features die kommende Version enthält, steht noch nicht fest. Die langfristige Projektplanung sieht aber bereits zahlreiche konkrete Ziele vor. Dazu gehört die Unterstützung weiterer Formate: Künftig soll Mistelix auch ins Flash- und ins Moonlight-Format (der Linux-Implementation von Microsofts Silverlight) exportieren. Die Roadmap enthält außerdem DVD-Kapitel, Untertitel und Bluray-Support.

Interessierte Programmierer finden auf der Projekt-Homepage zu jedem geplanten Feature Ideen zur Implementation und einen Hinweis auf den Schwierigkeitsgrad. So erhalten neue Mitarbeiter Entscheidungshilfe, in welchem Bereich sie einen Beitrag leisten können. Herkömmliches Bugfixing zählt wie bei jedem Softwareprojekt ebenfalls zu den notwendigen Aufgaben, wie gelegentliche Abstürze der aktuellen Mistelix-Version deutlich machen.

Mistelix funktioniert bislang nur auf Unix-artigen Systemen. Das kann sich jedoch leicht ändern: Das Programm ist in Mono und C# geschrieben und daher wohl leicht auf Windows-Systeme übertragbar. Auch wenn die Entwickler das selbst nicht beabsichtigen, gilt wie immer in der Welt der freien Software: Freiwillige vor, Mitmachen lohnt sich.

Marzipanbitterkuchen

Ist das DVD-Projekt mit Hilfe von Mistelix zusammengestellt und der Film gebrannt, liegt es nahe, den überglücklichen Freundes- und Verwandtenkreis zum DVD-Vorführ-Kaffeekränzchen einzuladen. Wer auch hier nicht auf Selbstkreiertes verzichten mag, greife zu Rührtopf und Backblech.

Die Zutaten für einen Marzipanbitterkuchen auf dem Blech: Für den Teig 200 g Fett (Margarine oder Butter), 300 g Zucker, 2 Eier, 450 g Mehl, 0,25 l Milch (ersatzweise Hafermilch) und ein Päckchen Backpulver. Für den Belag 100 g Fett (Margarine oder Butter), 400 g Zucker, eine Packung Vanillezucker (oder eine Prise echte Vanille), 400 g geriebene Mandeln, 50 g Mehl, Milch (wiederum ersatzweise Hafermilch) und 8,5 g Aprikosenkerne, die sind zum Beispiel im Reformhaus erhältlich.

Die Teigzutaten zu einer schwer reißenden, vom Löffel fallenden Masse vermengen; falls nötig, etwas mehr Milch unterrühren. Die Belagzutaten in einem Topf aufkochen und abkühlen lassen und so lange mit Milch verdünnen, bis sie eine zähe, streichfähige Masse bilden.

Das Backblech mit Backpapier auslegen, den Teig aufstreichen und im auf 180 Grad vorgeheizten Backofen zirka 10 Minuten überbacken, bis die Oberfläche ansatzweise fest ist. Dann das Blech halb herausziehen, die Belagmasse auftragen, das Blech zurück in den Ofen schieben und nach weiteren 10 Minuten dunkelgoldbraun gebacken herausziehen. Gleich vom Blech herunter auf ein Abkühlgitter ziehen, abkühlen lassen, aufessen!

Warnhinweis: Aprikosenkerne enthalten Blausäure. Zum Verzehr während der Schwangerschaft liegen keine Untersuchungsergebnisse vor. Außerdem kann der Verzehr eines ganzen Kuchens zu Bauchschmerzen führen. Im Zweifelsfall ersetzt der Koch also die Aprikosenkerne am besten durch Bittermandel-Aroma (Backöl). (hej)

Infos

[1] Krita: [http://www.koffice.org/krita]

[2] Koffice: [http://www.koffice.org]

[3] Mistelix: [http://www.mistelix.org]

[4] MP3-Plugin für Gstreamer: [http://core.fluendo.com/gstreamer/src/gst-fluendo-mp3]

[5] Dvdauthor: [http://dvdauthor.sourceforge.net]

[6] Ffmpeg: [http://www.ffmpeg.org]

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