Die Community diskutiert wieder: Endlich gibt es eine freie Alternative für das proprietäre Flash im Web. Doch sie implementiert eine Technologie vom Erzfeind Microsoft – dessen Softwarepatente könnten die freie Lizenz von Moonlight nutzlos machen.
Darth Vader heißt der ultimative Bösewicht aus dem Science-Fiction-Epos “Star Wars”. Sein düsteres Erscheinungsbild dient als Sinnbild für dunkle Mächte, die alles daran setzen, jede Freiheit zu bekämpfen. Mit “Microsoft” beschriftete ein Kommentator des Blogs “Boycott Novell” [1] ein Bild von Darth Vader. Die Firma Novell und ihr Angestellter Miguel de Icaza schlüpfen unversehens in die Rollen eines Soldaten beziehungsweise Beraters der dunklen Seite der Macht.
Der unbekannte Blogger drückt damit das tiefe Misstrauen vieler Mitglieder der Community aus; sie wittern eine perfide Attacke mit dem Ziel, die Festung der Software-Freiheitskämpfer von innen zu schwächen. Der neueste Streich des Darth Vader der Computerwelt: Die Microsoft-Technologie Silverlight [2] soll sich mit der Linux-Implementation Moonlight [3] plattformübergreifend etablieren. Novell, Distributor von Suse Linux, paktiert nach Ansicht der Kritiker leichtfertig mit Microsoft, um sich in der Linux-Welt gegen seine Konkurrenz durchzusetzen.
Silverlight möge, so hoffen die Entwickler von Microsoft, das Flash-Format als weitverbreiteten Standard für komplexe interaktive Webinhalte ablösen (siehe Abbildung 1). Das proprietäre Browser-Plugin von Adobe ist auch vielen Linux-Nutzern ein Dorn im Auge: Durch die Nicht-Verfügbarkeit des Quellcode sind Anwender und Entwickler des freien Betriebssystems darauf angewiesen, dass Adobe sie mit aktuellen Versionen versorgt. Das war in der Vergangenheit oft nur zögerlich und unvollständig der Fall.

Abbildung 1: Microsoft will mit Silverlight die Vorherrschaft von Flash aufbrechen. Da es noch sehr unpopulär ist, möchte Microsoft nun die Open-Source-Community auf seine Seite ziehen.
Stiefkind 64 Bit
Insbesondere Besitzer von 64-Bit-Systemen konnten Flash-Seiten bis vor Kurzem erst nach einigen Konfigurationskniffen betrachten; eine bemerkenswerte Einschränkung angesichts der großen Anzahl populärer Webseiten, die auf Flash-Technik bauen. Auch das Entwickeln von Flash-Applikationen ist ohne kostspielige Adobe-Tools nur sehr eingeschränkt möglich. Die Microsoft-Strategen haben hier mit den Open-Source-Vertretern einen gemeinsamen Feind gefunden: das Quasi-Monopol des Konkurrenten Adobe.
Mit dem Ziel, die Flash-Alternative Silverlight auch unter Linux zu etablieren, haben Microsoft und Novell eine Allianz geschmiedet. Nach über einem Jahr der Kooperation von Entwicklern beider Firmen liegt nun eine Betaversion von Moonlight vor. Die fertige Ausgabe 1.0 soll Ende Januar erscheinen.
Diese Zusammenarbeit hat eine Diskussion ausgelöst, die große Ähnlichkeit mit einer Debatte von vor drei Jahren aufweist. Damals ging es um Mono [4], die freie Variante der patentierten Microsoft-Technologie Dotnet [5]. Parallelen gibt es mehrere, nicht zuletzt basiert Silverlight auf Dotnet, Moonlight auf Mono. Auch personell gibt es mindestens eine wichtige Überschneidung: Miguel de Icaza [6] leitet bei Novell das Moonlight-Projekt, nachdem der ursprüngliche Mitbegründer des Gnome-Desktops auch bei Mono eine tragende Rolle gespielt hat.
Mondschein
Für Anwender bietet Silverlight kaum mehr als Flash. Es interagiert mit dem Web-User, zeichnet Vektorgrafik, greift auf Sound- und Videogeräte zu und ermöglicht Multimedia-Streaming. Das Microsoft-Marketing tut sich aufgrund der großen Ähnlichkeit schwer, Vorteile der eigenen Technologie herauszustellen. Auf der offiziellen Silverlight-Seite muss gar die MTV-Homepage von 1996 zum Vergleich herhalten – ein Sieg in so einem Vergleich wirkt wenig überzeugend.
Bei der Multimedia-Wiedergabe stellt Microsoft erwartungsgemäß die Integration eigener Formate wie WMV ebenso als Vorteil dar wie die Möglichkeit, DRM-geschützte (Digital Rights Management, auf Deutsch: digitale Rechteverwaltung) Medien abzuspielen. Moonlight-Nutzern bleibt dieser fragwürdige Vorteil bislang jedoch erspart.
Immerhin, bei der Installation kann Moonlight durchaus punkten: Anders als bei Adobes Flash stellt die Integration des Browser-Plugins auch Laien nicht vor Probleme. Es lässt sich fertig kompiliert von der Projektseite herunterladen und per Mausklick einbinden (siehe Abbildung 2). Bislang unterstützt Moonlight allerdings ausschließlich Linux-Systeme und auch da nur Firefox, obwohl es künftig auch unter Open Solaris sowie mit den Browsern Konqueror und Opera funktionieren soll.

Abbildung 2: Die freie Silverlight-Implementation Moonlight liegt nicht nur vorkompiliert, sondern auch im Quelltext vor – damit hängen die Anwender nicht allein von der Linux-Politik des Herstellers ab.
Das Binärpaket spart aus lizenzrechtlichen Gründen alle Multimedia-Codecs aus, was seine Funktionalität zunächst deutlich einschränkt. Deren Nachinstallation ist aber vollautomatisch und kostenlos möglich (Abbildung 3). Die für die Wiedergabe der meisten Formate nötigen Dateien lädt das Programm auf Wunsch direkt vom Microsoft-Server herunter. Die Firma erlaubt es jedoch nur Novell-Usern, Moonlight kostenlos zu nutzen. Wer das Browser-Plugin selbst kompiliert, kann dabei alternativ die freien FFMpeg-Codecs [7] einbinden.

Abbildung 3: Im Rahmen der Silverlight-Allianz bietet Microsoft seine Multimedia-Codecs auch Linux-Nutzern an – aber nur, wenn sie Moonlight von Novell verwenden.
Das freie Pendant hinkt dem Original allerdings deutlich hinterher. Während Microsofts Silverlight schon seit Oktober in der zweiten Major-Version vorliegt, steht bei Moonlight jetzt erst Ausgabe 1.0 an. Einige Entwickler arbeiten zwar bereits an Version 2, ihr Werk befindet sich nach eigener Auskunft jedoch noch im Prä-Alphastadium. Microsoft plant derweil schon die dritte Version. Für das Entwickeln von Internet-Applikationen setzt Silverlight auf die Markup-Sprache XAML. Das macht die Programmierung einfach – darin besteht der wichtigste Vorteil gegenüber Flash.
Magere Verbreitung
Die Anzahl der Webseiten, die auf Silverlight setzen, sorgt für keinen besonderen Anreiz zum Moonlight-Einsatz. Im Fall von Flash zwingt die dominierende Position der Technik auch Kritiker zum Einsatz des entsprechenden Plugins, wenn sie populäre Seiten wie Youtube nutzen möchten. Dagegen stößt derzeit kaum ein Websurfer zufällig auf eine Seite, die ihn zur Installation von Silverlight motivieren könnte. Moonlight schränkt die Auswahl weiter ein, denn es unterstützt bislang nicht alle Silverlight-Seiten.
Gefahr und Nutzen
Das Potenzial von Silverlight sorgt für Aufsehen und Diskussionen in der freien Softwareszene – die Flash-Dominanz wurmt. Doch auch die Opposition gegen Microsoft gehört zum kulturellen Erbe der Community, es entsteht ein scheinbar unüberwindbares Dilemma. Traditionelle Vorbehalte ersetzen aber keine Argumente und so führen die Gegner von Moonlight wie schon bei Mono die Gefahr der Softwarepatente an. Die Befürworter von Mono und Moonlight argumentieren, dass diese Technologien zwar von Microsoft stammen, aber unter freier Lizenz stehen – im Gegensatz zu proprietären Pendants wie Flash und bis vor Kurzem Java.
Novell-Entwickler Miguel de Icaza beschreibt Microsoft bei dieser “historischen Zusammenarbeit” [8] als kooperativen Partner. Neben beratenden Silverlight-Entwicklern bietet Microsoft Zugang zu den Spezifikationen sowie zur zugehörigen Testsuite. Die Entwickler der freien Flash-Variante Gnash [9] können von so tatkräftiger Hilfe nur träumen. Ihre Flash-Alternative ist auch nach Jahren Arbeit nicht voll funktionstüchtig, da sie von Adobe keine Hilfe erhalten.
Das Kalkül von Microsoft: Open-Source-Programmierer erhalten mit Silverlight eine neue Technologie, um Webapplikationen zu entwickeln, ohne dafür wie bei Flash auf proprietäre und kostenpflichtige Software angewiesen zu sein. Das gibt künftig vielleicht bei der Entscheidung zwischen Silverlight und Flash den Ausschlag und führt zu einem rasanten Wachstum der Silverlight-Präsenz im Web. Bei den Usern unbeliebte Multimediaformate wie WMV schickt Microsoft gleich mit auf die Überholspur.
An dieser Stelle setzen die Microsoft-Kritiker an. Insbesondere Softwarepatente sehen sie als eine Hintertür, durch die deren Inhaber freie Lizenzen juristisch aushebeln könnten. Wie an Dotnet hält Microsoft auch an Silverlight Patente, über die die Firma eines Tages von Linux-Distributoren für frei geglaubte Software Lizenzgebühren verlangen könnte. Dazu kommt bei Silverlight die Integration proprietärer Multimedia-Codecs, deren kostenlosen Gebrauch Microsoft nicht dauerhaft garantiert.
Misstrauen
Microsoft-Gegner wie Matt Asay [10] und der Autor Chromatic [11] nennen diese Strategie ein Vergiften respektive Verschmutzen des Linux-Desktops. Microsoft spende neue Funktionalität nicht, ohne Komponenten einzubetten, die patent- oder lizenzrechtlich geschützt sind. So etabliert sich neue Technologie, auf die die User dann nicht mehr verzichten wollen oder können. Wenn Microsoft dann juristische Hürden aufbaut, zwingt es beispielsweise Moonlight-Benutzer zurück zu Windows. Damit hätte Microsoft endlich ein Mittel gegen die freie Konkurrenz in der Hand, die sich aufgrund ihrer Lizenzen nicht aufkaufen lässt.
Das besondere Misstrauen gegenüber Microsoft wurzelt in seiner meist aggressiven Anti-Linux-Politik in der Vergangenheit. Wüste Beschimpfungen aus der Chefetage des Konzerns und Linux-Verhinderungsstrategien wie “Embrace, Extend and Extinguish” (Annehmen, Erweitern und Auslöschen) aus den Halloween-Memos [12] klingen noch nach. Noch jüngst versuchte die Firma freie Standards wie das Open-Document-Format zu sabotieren.
Adobe dagegen hat sich bislang zumindest nicht explizit als Gegner freier Software hervorgetan. Auch wenn der Flash-Hersteller ebenfalls sehr aktiv ist beim Patentieren seiner Software, steht er nach Meinung von Roy Schostewitz vom Boycott-Novell-Blog nicht in direkter Konkurrenz zu Linux, wodurch es keinen Anlass dazu gibt, sie gegen Linux einzusetzen. Novell hält der Blogger dagegen nicht mehr für vertrauenswürdig, seit die Firma 2006 ein Kooperationsabkommen mit Microsoft unterzeichnet hat, um gemischte Linux- und Windows-Umgebungen zu unterstützen und ihren Kunden gegenseitig Schutz vor Patentklagen zu gewähren.
Miguel de Icaza hält dagegen, dass das neue Abkommen zwischen Novell und Microsoft alle Moonlight-Nutzer verbindlich schützt. Schon in der Diskussion um Mono argumentierte er, dass freie Software gegenüber proprietärer unabhängig vom Hersteller zu bevorzugen sei. Das Wort des Gnome-Mitbegründers genießt in der Szene großes Gewicht, zumal er als überzeugter Verfechter freier Software gilt. Immerhin gehört er zu jenen Entwicklern, die einst den Gnome-Desktop ins Leben riefen, weil sie KDE aufgrund der damals geltenden Lizenz des GUI-Toolkits QT nicht gänzlich als freie Software anerkannten.
Keine Klagen
Einige Freie-Software-Aktivisten sehen in Microsoft weiterhin einen Erzfeind, mit dem sich jede Zusammenarbeit von selbst verbietet. Dessen Konkurrenten wie Sun betrachten sie folgerichtig als natürliche Verbündete. Dabei übersehen sie jedoch, dass Microsoft, Sun und Novell denselben marktwirtschaftlichen Gesetzen unterliegen: Auch wenn das emotionsgeladene Anti-Linux-Geschrei in der Vergangenheit ideologische Motive vermuten ließ: Die Linux-Politik jeder Firma wird sich stets danach richten, ob sie eine Chance oder eine Gefahr für das eigene Geschäft sieht. Microsoft ist kein Darth Vader, für den Feindseligkeiten gegen Linux Selbstzweck sind.
Lieber freie Software mit Microsoft-Technologie als proprietäre von einer anderen Firma, das klingt unter diesem Gesichtspunkt vernünftig. Doch auch die Gegenfraktion hat Recht mit ihrem Warnen vor der Patentfalle. Das Dilemma resultiert aus dem Umstand, dass noch immer unklar ist, ob Softwarepatente wirklich freie Lizenzen aushebeln. Das ist des Pudels Kern! Die vielerorts geplanten oder bereits existierenden Softwarepatente selbst und die damit verbundene Rechtsunsicherheit sind das eigentliche Problem.
Marinierter Tofu
Weil der Verzehr toter Tiere nach dem Glauben vieler Fleischverächter die Aggressivität steigert, trägt diese Projekteküche mit einem vegetarischen Rezept ihren Teil zur Harmonie in der Welt der freien Software bei. Marinierter Tofu eignet sich als Bereicherung für Salat oder zum Verzehr mit beliebigen Beilagen. Zutaten für drei Personen: 500 Gramm Tofu, fertige Barbecue-Sauce, Olivenöl.
Tofu abtropfen lassen und in Würfel schneiden. In einer flachen Schüssel in der Barbecue-Sauce einlegen und über mindestens drei Stunden im Kühlschrank lagern, gelegentlich schwenken. Anschließend den Ofen auf 175 Grad vorheizen. Dann einen Esslöffel Olivenöl in einer Pfanne mit Antihaftbeschichtung erhitzen. Den Tofu mit wenig Sauce aus der Schüssel in die Pfanne geben und unter Umrühren anbraten, bis er von außen gut gebräunt ist. Danach den Tofu in die Schüssel zurückgeben und zehn Minuten in den Ofen stellen. (jk/dko)
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Infos |
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[1] Boycott Novell: [http://boycottnovell.com] [2] Silverlight: [http://silverlight.net] [3] Moonlight: [http://www.mono-project.com/Moonlight] [4] Mono: [http://mono-project.com] [5] Dotnet: [http://www.microsoft.com/net] [6] Blog von Miguel de Icaza: [http://tirania.org/blog] [7] FFMpeg: [http://ffmpeg.mplayerhq.hu] [8] Microsoft/Novell Collaboration on Silverlight: [http://tirania.org/blog/archive/2007/Sep-05.html] [9] Gnash:[http://www.gnu.org/software/gnash] [10] Blog von Matt Asay: [http://asay.blogspot.com] [11] Blog von Chromatic: [http://news.cnet.com/openroad] [12] Halloween-Memos: [http://de.wikipedia.org/wiki/Halloween-Dokumente] |





