Neues bei Debian
Debianopolis
von Martin Loschwitz
Erschienen im Linux-Magazin
2009/02
Debian ist frei und seine Entwickler sind Kosmopoliten. Das Linux-Magazin berichtet regelmäßig Interna aus der Debian-Entwicklerszene und angrenzenden Projekten.
Während Sysadmins und User händeringend auf Debian 5.0 warten, schlägt man sich beim Projekt lieber die Köpfe ein (Abbildung 1). Zankapfel sind Hardware-nahe Routinen, die als reine Binärversionen daherkommen. Das ist oft so, denn der Quelltext ließe Rückschlüsse auf die Arbeitsweise einer Hardware zu. Findige Hacker könnten sie für andere Zwecke einsetzen, als die Gerätespezifikation vorsieht. Hersteller verhindern das aus rechtlichen Gründen, wie sie sagen.

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Abbildung 1: Um die nur binär vorliegenden so genannten Firmware-Blobs bricht regelmäßig Streit aus im Debian-Projekt. (c) Sergey Rusakov, Fotolia.com
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Böse Überraschung
Firmware-Blobs, wie sie im Entwicklerjargon heißen, sind ein altes Problem. Die Debian Free Software Guidelines [1] sagen: "Debian wird zu 100 Prozent frei bleiben." Das verbannt nach Meinung vieler Entwickler binäre Firmware, mit fatalen Folgen für Admins und Benutzer.Wer etwa mit Hilfe des Debian-Unterprojekts Etch and a Half [2] vom Kernel 2.6.18 auf 2.6.24 aktualisiert, hat nach dem Reboot kein Netzwerk mehr, wenn er eine Netzwerkkarte mit dem Chipsatz »bnx2« besitzt, beispielsweise eine aktuelle Gigabit-Karte von Broadcom. Während in Debian mit dem Kernel 2.6.18 die Firmware für den Chipsatz enthalten war, brauchen spätere Kernel das Zusatzpaket »firmware-bnx2«.
Ein Hinweis darauf findet sich allerdings nur in den Tiefen der Paket-Dokumentation. Es ist unrealistisch, dass jeder Administrator bei einem simplen Kernelupdate innerhalb derselben Kernel-Linie Dokumentationen wälzt. Ein Hinweis schon bei der Installation des neuen Kernelpakets wäre eine Möglichkeit, die das Projekt bis dato aber offensichtlich nicht in Erwägung zieht.
Firmware-Abstimmung
Jetzt gibt es eine Generalabstimmung, für die Mitte November sechs Varianten vorlagen [3]. Zum Beispiel schlägt Robert Millan vor, die Lenny-Release zu verschieben, bis alle Blobs beseitigt sind. Diese Variante ist für Nutzer und Admins aber ein Horrorszenario.
Ein anderer Debian-Entwickler, Peter Palfrader, bedient sich juristischer Spitzfindigkeit. Er definiert Firmware-Dateien kurzerhand als "Code, den nicht die Host-CPU ausführt". Stattdessen lade Hardware wie eine Netzwerkkarte den Code, damit sie korrekt funktioniert und der Benutzer das Debian-Betriebssystem überhaupt installieren kann. Palfrader schlägt also vor, Firmware zuzulassen, um Benutzern das Leben leichter zu machen. Das ist pragmatisch, für die Altvorderen in Debian aber ein Sakrileg.
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