Aus Linux-Magazin 04/2003

Linux im Jahr 2003 - Marktforscher erwarten Wachstum

Die Marktforscher sind sich einig wie selten. Für 2003 erwarten sie ein deutliches Wachstum des Linux-Marktes. Und ab 2009 soll Linux gar das dominierende Serversystem sein. Unterschiedlich bewerten die Analysten die Rolle auf dem Desktop und das Verhältnis zum klassischen Unix.

Kaffeesatzleserei, sich selbst erfüllende Prophezeiung oder verlässliche Marktforschung – was immer man von Marktstudien hält, wer auf dem Budget-Topf hockt, nimmt sie gern als Entscheidungsgrundlage. Ende letzten und Anfang dieses Jahres erschienen einige Studien über die Rolle von Linux in der jüngsten Vergangenheit, verbunden mit einem Blick in die Glaskugel. Dort sehen alle Auguren dasselbe: gute Aussichten für das freie Betriebssystem trotz oder gerade wegen der gedämpften wirtschaftlichen Lage im Allgemeinen.

Mit den Daten der Beratungs- und Marktforschungsunternehmen Techconsult und der Meta Group liegen erstmals detaillierte Studien über den Markt in Deutschland vor. Techconsult betreibt in erster Linie Primär-Research, hat also gewissermaßen das Ohr an der Masse und arbeitet mit einem sehr großen Panel an Befragten und klassischen Hochrechnungsmethoden, wie sie auch in der Wahlforschung Anwendung finden.

Kritische Masse erreicht

Für ihre im Januar veröffentlichte Studie im Auftrag von Fujitsu-Siemens hat Techconsult laut Managing Director Andreas Zilch etwa 3000 Firmen befragt. Die wichtigsten Ergebnisse: Auf dem Server kommt Linux in Deutschland auf einen Marktanteil von 12,5 Prozent und hat damit die kritische Masse erreicht. Zu erwarten ist jetzt ein eher moderates Wachstum auf etwa 13,4 Prozent bis Ende 2003 (Abbildung 1).

Abbildung 1: Servermarkt in Deutschland 2002 und Prognosen für 2003. Linux hat eine kritische Masse erreicht, soll aber nur geringfügig zulegen.

Abbildung 1: Servermarkt in Deutschland 2002 und Prognosen für 2003. Linux hat eine kritische Masse erreicht, soll aber nur geringfügig zulegen.

Die Meta Group hat im Auftrag zahlreicher Sponsoren IT-Entscheider deutscher Unternehmen sehr detailliert zum Einsatz von Linux und freier Software befragt. Bei der Unternehmensgröße liegt der Schwerpunkt auf größeren Mittelständlern, hier vor allem in der indus- triellen Fertigung. Angesprochen wurden etwa 1000 Unternehmen, deren IT-Entscheider wussten immerhin in mehr als 700 Fällen, ob in ihrer Firma Linux im Einsatz ist, 36 Prozent davon bejahten diese Frage, 188 waren zu detaillierten Aussagen bereit.

Meta Group folgert daraus, dass mehr als 36 Prozent aller deutschen Unternehmen Linux einsetzen. Erwartungsgemäß dominiert SuSE mit 75 Prozent, Red Hat liegt mit 15 Prozent auf Platz zwei. Die genaue Verteilung zeigt Abbildung 2.

Abbildung 2: Marktanteile von Linux-Systemen in Deutschland. SuSE führt mit riesigem Abstand, Mandrake und Debian fristen ein Nischendasein.

Abbildung 2: Marktanteile von Linux-Systemen in Deutschland. SuSE führt mit riesigem Abstand, Mandrake und Debian fristen ein Nischendasein.

Linux spart Kosten

IT-Verantwortliche sind überzeugt, dass Linux einen positiven Kosteneffekt hat, das zeigt Abbildung 3. Dass angeblich keiner so richtig unzufrieden ist, dürfte aber eher eine systematische Verzerrung sein, schließlich hat man diejenigen befragt, die die Entscheidung trafen. Einsicht in Fehlentscheidungen ist schließlich keine Managertugend.

Abbildung 3: Zufriedenheit mit Linux bei der Einsparung von Gesamtkosten (Total Cost of Ownership). Befragt wurden IT-Entscheider.

Abbildung 3: Zufriedenheit mit Linux bei der Einsparung von Gesamtkosten (Total Cost of Ownership). Befragt wurden IT-Entscheider.

Eine oberflächliche Betrachtung der Einsatzzwecke gibt klassischen Unix-Anbietern wie Sun recht. Sie halten Linux derzeit für nicht geeignet bei geschäftskritischen Anwendungen und verorten es höchstens am “Rand des Rechenzentrums”: 66 Prozent für Firewalls, 53 für Webserver und 44 Prozent für Intranet-Server scheinen das zu bestätigen. Aber immerhin 19 Prozent setzen Linux als Grundlage ihrer Datenbank-Server ein und 14 Prozent betreiben bereits ERP-Anwendungen wie SAP darauf.

Meta Group erwartet in diesem Bereich einen starken Anstieg. In Rechenzentren konnte Linux bisher tatsächlich kaum Einzug halten: nur drei Prozent Anteil. Hier sind vor allem die psychologischen Hürden bei den Verantwortlichen sehr hoch. Immerhin ist bis 2007 ein Anstieg auf elf Prozent zu erwarten.

Relativ gesehen konnte Linux zwar in der Vergangenheit hinzugewinnen – ein Trend, der sich laut übereinstimmender Meinung der Marktforscher fortsetzen wird. Die absoluten Zahlen aber zeigen, dass die IT-Krise auch hier keine Ausnahme macht: Laut IDC sanken die Umsätze schon von 2000 auf 2001 um fünf Prozent, nur Microsoft konnte in dieser Zeit an Umsatz zulegen.

Die Erhebungen berücksichtigen jedoch nur den Verkauf von Lizenzen, eine im Linux-Bereich kaum aussagekräftige Größe. Bei IDC glaubt man aber, dass die Hersteller immer mehr Anwender dazu zwingen, jedes Linux-Paket nur einmal zu installieren, sodass derartige Aussagen in Zukunft wahrscheinlich ein besseres Bild geben werden.

Sun auf der Verliererseite

Wenn Linux Marktanteile gewinnt, müssen sie woanders verloren gehen. Der traditionelle Glaube der Linux-Gemeinde sieht vor allem eine Rivalität zu Microsoft. Doch die Zahlen sagen etwas anderes. Microsofts Anteile bleiben im Serverbereich etwa konstant oder legen sogar etwas zu, dafür verlieren die alten Unixe wie HP-UX, AIX und Solaris. Wie hoch dieser Verlust ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Techconsult geht kurzfristig von einem sehr moderaten Rückgang aus; von heute etwa 15 auf 13 Prozent Ende 2003, bezogen auf den Gesamtservermarkt.

Die Meta Group bezeichnet Unix mittelfristig als den “großen Verlierer”. In den Rechenzentren, also in einem klar abgegrenzten Marktsegment, soll der Anteil an Unix-Servern bis 2012 von 40 auf 20 Prozent fallen. 26 Prozent der Gesamtkapazität werden dann auf Linux basieren.

Die Gründe liegen vor allem darin, dass die Alternativen zur Intel-Architektur aussterben. 2012 erwartet die Meta Group 82 Prozent Intel-Server in den Rechenzentren. Techconsult ist beim Nennen der wahrscheinlichen Verlierer konkreter und bezeichnet Sun als jenes Unternehmen, dass durch Linux mittelfristig am meisten in Bedrängnis geraten wird.

Die britische Butler Group veröffentlichte Anfang des Jahres einen sehr umfangreichen “Tiefenreport” über Serverbetriebssysteme. Hier fanden im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Studien keine systematisch dokumentierten Anwenderbefragungen statt, die Analysten schufen lediglich aus zahlreichen Quellen ein Gesamtwerk von fast 300 Seiten. Das wichtigste Ergebnis ist eine Hitliste der Serversysteme, ermittelt mit einem komplizierten Punktesystem aus hunderten technischer und wirtschaftlicher Daten.

Aus dem Linux-Lager waren SuSE Linux Enterprise Server, Red Hat Advanced Server und SCO Linux dabei. Linux schnitt dabei nur mittelmäßig ab und liegt noch hinter Microsoft Windows 2000 auf den Plätzen sechs (SuSE Linux Enterprise Server: acht) und sieben (Red Hat Advanced Server 2.1). Auf dem Siegertreppchen landeten Hewlett-Packards HP-UX, AIX von IBM und Solaris 9 von Sun. Schwächen hat Linux laut dieser Studie vor allem beim Systemmanagement, der Stabilität und Recovery-Fähigkeiten sowie in der Produktstrategie.

Fragwürdige Qualitätsanalyse

Hier siegte Microsoft mit zehn von zehn Punkten. In der Gesamtwertung wäre SuSE sonst vor Microsoft gelandet. Bei Stabilität/Recovery führt Solaris, denn dort sind Kernelpatches oder der Austausch von Prozessoren im laufenden Betrieb möglich. Red Hat liegt in dieser Kategorie gleichauf mit Microsoft, SuSE etwas besser. Wohl weil die Autoren der Studie auch SuSE Linux Austauschbarkeit von Prozessoren im laufenden Betrieb und ähnliche High-End-Features zubilligen, die bei Red Hat fehlen. Das dürfte daran liegen, dass diese SuSE-Software auch für zSeries-Mainframes zertifiziert ist, die solche Tricks beherrschen, Red Hat hingegen hat dafür ein separates Produkt.

Verwunderlich ist auch, dass laut Butler Group der Red-Hat-Server kein NFS unterstützt. Es ist zwar möglich, dass sich bei einer Feature-Matrix aus mehreren hundert Bewertungspunkten solche Fehler teilweise herausmitteln, aber bei einem so wenig gespreizten Ergebnis (siehe Abbildung 4) hat die Platzierung eines Serverbetriebssystems damit kaum noch Aussagekraft.

Abbildung 4: Die meisten Anwender setzen Linux für Webanwendungen sein, aber auch der Anteil geschäftskritischer ERP-Systeme ist beachtlich.

Abbildung 4: Die meisten Anwender setzen Linux für Webanwendungen sein, aber auch der Anteil geschäftskritischer ERP-Systeme ist beachtlich.

Mittelfristig sagt Butler eine Dominanz von Microsofts .NET-Architektur und HP-UX voraus, ab 2009 soll aber Linux den Markt dominieren, die klassischen Unixe sowie OS/400 sollen dann unterrepräsentiert sein. Voraussetzung sei aber eine weitere Vereinheitlichung gemäß der Linux Standard Base.

Desktop-Markt schwach

So sicher der Triumphzug von Linux durch die Serverlandschaft auch scheint, so skeptisch beurteilen einige Analysten seine Rolle auf dem Desktop. Techconsult hat in Deutschland einen Marktanteil von etwa drei Prozent ermittelt und erwartet, außer im öffentlichen Bereich, nur ein sehr schwaches Wachstum. Die Gründe lägen vor allem in der “unzureichenden Kompatibilität zu Microsoft-Standards, fehlenden Applikationen und hohen Migrationskosten”.

Auch Luis Leamus, Analyst der Meta Group, erwartet Chancen vor allem im öffentlichen Bereich und in unterentwickelten Ländern, wo eine breite installierte Windows-Basis fehlt. Überall sonst bleibt laut Leamus der Corporate Desktop eine Windows-Domäne, nur speziali- sierte Unix-Work-stations könne Linux ablösen. Die Gründe sind das fehlende Marken-image und Mängel bei Schlüssel-Applikationen. Da jeder Mitarbeiter, ob Sekretärin, ob Vorstand, direkt mit diesen Anwendun-gen zu tun habe, sei niemand zu Experimenten bereit. Techconsult sieht den Workstation-Markt etwas differenzierter und erwartet, dass Linux auch Windows NT/2000 Marktanteile abnimmt.

Allen Studien merkt man an, dass die Autoren sich im Serverraum und auf dem Schreibtisch auskennen, den Markt der eingebetteten Systeme und mobilen Endgeräte aber weitgehend ignorieren. Zwar kennt die Meta Group einen Appliance-Markt und stellt fest, dass Linux ihn bereits jetzt dominiert. Aber die Analysten meinen damit Server-Apliances wie dedizierte Firewall- Router- oder Webserver-Systeme. Hier liegen also einige Anwendungsfälle unterhalb des Radargrenze der Marktforscher.

Abbildung 5: Hitliste der Server-Betriebssysteme nach Ansicht der Butler Group. Bei den geringen Abständen zwischen den Teilnehmern wirken sich Fehler in der Datenerhebung schnell auf die Platzierung aus.

Abbildung 5: Hitliste der Server-Betriebssysteme nach Ansicht der Butler Group. Bei den geringen Abständen zwischen den Teilnehmern wirken sich Fehler in der Datenerhebung schnell auf die Platzierung aus.

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